Wenn ich an die Autos meiner Kindheit denke, höre ich zuerst ein Grollen. Es ist der V8-Sound des 1965er Buick Sport Wagon meines Onkels – eine Langversion des Skylark mit diesen unvergleichlichen Dachfenstern über der Rückbank. Mein Onkel hatte das Wagen-Hobby aus den USA mitgebracht, wohin es ihn zum Studium verschlagen hatte. Dass er auf Drängen meiner Tante zurückkehrte, hielt ich damals für „schön dumm“ – wer verlässt das Land der Straßenkreuzer freiwillig? Doch für uns Kinder war es ein Segen. Wenn er am Wochenende zur Galopprennbahn fuhr, saßen wir zu viert im Laderaum. Platzangst? Fehlanzeige.
Ich bin in den 60er Jahren im Istanbuler Stadtteil Bostancı aufgewachsen. Heute weiß ich: Es war ein Privileg. Abgesehen von Kuba war die Türkei wohl das einzige Land, in dem man dieses mechanische Spektakel im Alltag erleben konnte. Die Autos waren Erbstücke der US-Stationierung – nach dem Abzug der Soldaten günstig verkauft, blieben sie als das Rückgrat des Istanbuler Nahverkehrs zurück: als Dolmuş, dem Namen für die typischen Sammeltaxis.
Die Magie des Chroms
Wir Kinder hatten unser eigenes Klassifizierungssystem. Marken oder Modellreihen kannten wir nicht, wir kategorisierten nach dem Charakter, den uns die Frontmasken entgegenstreckten:
- „Koca Burun“ (Große Nase): Die Ungetüme mit den gewölbten, endlos langen Motorhauben.
- „Şirin“ (Die Schönen): Meine Favoriten. Die Chevys von 1955–57. Ihre runden, eleganten Formen und die zweifarbigen Lackierungen in sanften Tönen waren zeitlose Kunstwerke.
- „Kutu“ (Die Box): Die kantigen, späteren Modelle, denen schon etwas von der alten Magie fehlte.
An sonnigen Tagen funkelten diese Autos wie kleine Kunstwerke auf Rädern. Ein Detail habe ich nie vergessen: Der Tankstutzen, versteckt unter der linken Rückleuchte. Für ein spielverliebtes Kind wie mich war das pure Magie. Meine Theorie, warum diese Modelle in Istanbul nicht alterten, war simpel: Bei dem Wahnsinnsverkehr gab es schlicht zu wenig Sauerstoff in der Luft. Das CO2 konservierte das Blech.
Doch das eigentliche Erlebnis begann im Innenraum. Keine schwarzen Plastiklandschaften wie heute. Stattdessen Farbe, Metall, Chrom – ein Cockpit voller Leben. Knöpfe, die man zog oder drückte, Hebel, Anzeigen – alles wirkte geheimnisvoll.
Am faszinierendsten war für mich die Lenkradschaltung. Die Eleganz, mit der die Fahrer während des Lenkens die Gänge wechselten – das hatte Stil. Und diese Lenkräder selbst: groß, dünn, oft in Wagenfarbe, mit einem zweiten Chromring in der Mitte. Für mich bis heute die schönsten Lenkräder, die je gebaut wurden.
Wie die Bosporus-Fähren: Gleiten statt Rollen
Eine Fahrt in diesen Autos hatte immer etwas Besonderes. Sie bewegten sich nicht einfach im Verkehr – sie bestimmten ihn. In den „Koca Burun“-Modellen hatte ich oft das Gefühl, auf einem Schiff zu sitzen. Wer die Istanbuler Fähren kennt, weiß, wie sie beim Anlegen langsam drehen – genau dieses Gefühl hatte man auch, wenn diese Autos durch enge Straßen glitten. In Deutschland nannte man sie ja auch Straßenkreuzer. Die Welt draußen zog nicht vorbei – sie glitt. Dass viele der ursprünglichen Motoren aus Kostengründen längst durch Dieselmotoren ersetzt worden waren, tat der Würde keinen Abbruch. Nur der Buick meines Onkels durfte bis zuletzt original bleiben.
Wenn ich heute Bilder aus Kuba sehe, werde ich ehrlich gesagt ein wenig neidisch. Diese Autos leben dort weiter – gepflegt, erhalten, geschätzt. In Istanbul dagegen endete ihre Geschichte im Jahr 2000. Eigentlich begann das Sterben schon 1994, als man anordnete, alle Sammeltaxis einheitlich gelb zu lackieren. Man nahm ihnen die Seele.
Die Schiffe wurden in der Mitte abgesägt, mit Stahl verlängert und bekamen so Platz für bis zu neun Fahrgäste. Das war Effizienz, ja. Aber als man ihre Farben unter einer einheitlichen Lackschicht begrub, hat man sie endgültig getötet. Heute sieht jedes Auto austauschbar aus. Was fehlt, ist die Seele, der Mut zum Design und die Individualität. Vielleicht erleben wir irgendwann wieder Fahrzeuge, die diesen Geist atmen – nicht nur für Sammler, sondern für uns alle.
Beitragsbild: Krasznai Gyula, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Während Herr Dener vom 55er Chevy träumt, wünscht sich der Kubaner wohl eher einen aktuellen Ford Mustang oder Turbo Porsche und Ali Öztürk driftet mit dem M5 um seinen Dönerstand. Der fragt dann, hey Ahmed, was geht? Willst weiter Mutter Chevy schaukeln?
Danke für diesen Artikel. Es ist schon länger her als ich in Istanbul war, so 2000er Jahre, aber damals gab es schon eine grösser werdende Oldtimerszene. Ein Freund von einem Bekannten hatte sich einen 57er Chevy zugelegt, restauriert und mich sogar fahren lassen. Ein sehr stabiler Wagen, mit V8 und dem Stufenlosen Turboglide Getriebe. ABER DAS BESTE AN DEN ALTEN AMIS WAR: Die Hupe! So ein Klang und so laut und intensiv. Da hauts jeden Radfahrer vom Sattel. Bei der Gelegenheit sah ich auch andere schöne Exemplare in Privat/Sammlerhand, die nur bei schönem Wetter gefahren wurden. Die anderen, zersägten und verlängerten, sind wohl unwiederbringlich untergegangen.
Herr Dener, kann ich gut verstehen. Ihre Liebe zu den amerikanischen „Schiffen“, die leise durch die Straße glitten, eine ästhetische Augenweide an Schönheit aus Karosserie mit Chrom, Lack und anderen Besonderheiten. Wie dem Tankstutzen unterm linken Rücklicht. Toll, einfach toll. Mit Liebe gebaut. Heute ist alles Einheitsbrei, schlimmstenfalls fern gesteuert mit langweiligen Karossen aus Plastik und innen statt Leder, Chrom und Perlmutt Radioknöpfen auch Plastik.
Wir haben uns selbst ein Eigentor geschossen. Quantität vor Qualität. Ob nun Türkei oder sonst wo, wo die moderne Zeit frenetisch begrüßt wurde. Geld, Geld, Geld. Angeblicher Fortschritt, der sich oft als Rückschritt erweist, Die Menschen sind leer. Schade. Eines haben die Macher der Moderne vergessen. Den Menschen…… Denn Freude trägt Motivation mit sich, egal was kommt.
Wie ist das Verhältnis von Nostalgie und reiner Notwendigkeit einen Oldtimer zu fahren? Schon in der DDR waren die Autos oftmals älter als ihre Fahrer. Von Nostalgie kaum eine Spur.