Gastautor / 30.06.2019 / 09:03 / Foto: Manfred Brückels / 9 / Seite ausdrucken

Ist mir egal, wer über mir Direktor ist

Von Jacques Schuster.

Viel ist über das Jüdische Museum in Berlin geschrieben worden, seit sein Direktor Peter Schäfer vor zwei Wochen aufgab. Kein Tag verging, an dem nicht irgendeine Größe aus dem Kultur- und Wissenschaftsbetrieb den Rücktritt zum Anlass nahm, an der Debatte teilzuhaben, von den zahlreichen Beiträgen in den Feuilletons zu schweigen. Meist ging es schnell um die großen Fragen. Sie sind berechtigt. Das Jüdische Museum in Berlin ist von nationaler Bedeutung.

Zuweilen allerdings hätte man sich gewünscht, der eine oder andere Autor wäre wenigstens für einen Augenblick in die Ebene hinabgestiegen. Dort unten hätte er festgestellt: Das Jüdische Museum ist ein Hort und Herd von List und Tücke, von Ränkespielen und Kabalen, in welchem der langjährige Direktor, der 93-jährige Amerikaner Michael Blumenthal, offenbar beschlossen hat, die ihm verbleibenden Jahre nicht im Saft seiner Erinnerung zu schmoren, sondern hinter den Kulissen seine Interessen zu verfolgen.

Blumenthal hatte seinem Nachbarn in Princeton, Peter Schäfer, 2014 das Amt angetragen. Einige, die ihn kennen, sagen frei heraus: Er hoffte, der Talmudexperte Schäfer sei ein Stubengelehrter, sodass er, Blumenthal, der gewiefte Taktiker, auch in seinem Ruhestand schalten und walten kann. Bis heute sucht Blumenthal weiter nach Berliner Strippen, an denen er dann zieht. 

Lust am Remmidemmi

Was die inhaltliche Arbeit angeht, sieht es im Museum ähnlich düster aus. Dort treibt die längst pensionierte Programmdirektorin Cilly Kugelmann ihr Spiel. Nach dem Motto „Mir ist egal, wer über mir Direktor ist“, hat die so energische wie ehrgeizige Frankfurterin mit der Lust am Remmidemmi alle wesentlichen Ausstellungen der vergangenen Jahre zu verantworten, einschließlich der umstrittenen Jerusalem-Ausstellung.

Als diese in die Kritik geriet, duckte sich Kugelmann weg. Schweigend ließ sie Schäfer eine Suppe auslöffeln, die sie gekocht hatte. Kugelmann, der Mitarbeiter im Museum nachsagen, sie stehe einigen Ideen der antiisraelischen Boykottbewegung BDS nahe, hat auch einen Teil der vergangenen Konferenzen und Diskussionsforen inhaltlich vorbereitet. Gab es öffentliche Kritik, versteckte sie sich in den schrägen Gängen des Libeskind-Baus. Nun setzt sie auch noch die kommende Dauerausstellung um. Diese dürfte mindestens für die nächsten zehn Jahre maßgeblich bleiben – gleichgültig, wer Direktor wird.

Neben Blumenthal und Kugelmann gibt es noch die kleineren Nattern in der Schlangengrube. Sie setzen immer dann anstößige Tweets ab, wenn es ihnen nötig erscheint, den eigenen Chef zu schwächen. Wer auch immer künftig die Arbeit im Jüdischen Museum verantworten wird, der muss neben seinen Gaben über die Fähigkeit zum großen Frühjahrsputz verfügen. Peter Schäfer besaß sie nicht.

Es muss kein Jude sein, oder?

Als bedeutender Gelehrter und Hochschullehrer kleiner judaistischer Institute blieb er im wichtigsten und größten jüdischen Museum Europas, in dem es jederzeit auch um Politik geht, ein gutgläubiger Narr. Hochsensibel gleicht er einem zu scharf angespitzten Bleistift, der abbricht, kaum dass man aufdrückt. Seine Welt war immer die Wissenschaft, nie die mitunter machiavellistische Museumsarbeit.

Nun ist halb Deutschland auf der Suche nach einem neuen Direktor, einer neuen Direktorin. Immer wieder heißt es, es müsse natürlich kein Jude sein. Schließlich sei das Museum kein jüdisches Museum, sondern ein Museum über Juden. Und das ist auch nicht falsch. Freilich mutet die Argumentation merkwürdig an. Schlimmer noch: Sie ist verräterisch. Wer immer vorschlagen würde, das Amt der Frauenbeauftragten künftig von einem Mann führen zu lassen, der würde in Deutschland für verrückt erklärt werden. Nicht so, wenn es um Juden und das Jüdische Museum geht.

Und hier ist man beim Kern: Seit 1933 wird alles Jüdische von Deutschen okkupiert. Waren die Juden lange Sündenböcke, sind sie für die Deutschen heute meist Alibi-Lämmer. Stets aber sind sie eine Projektionsfläche, in die eine noch immer moralisch befleckte Nation das hineindeutet, was sie sehen und hören will, einschließlich ihrer Psychosen aus der braunen Vergangenheit.

Lauter Projektionen in das Jüdische

Leidet der Westen an islamistischem Terrorismus, müsse gerade das Jüdische Museum in seiner Akademie darauf reagieren, sollte es Seminare und Ausstellungen über den muslimisch-jüdischen Dialog anbieten, heißt es. Warum eigentlich? Und was Israel angeht, so sei doch die Regierung Netanjahu unerträglich! Darauf müsse doch besonders ein jüdisches Museum Antworten finden!

Alles, was Deutsche mit Juden verbinden, mit Israel, den Palästinensern und der Last der Geschichte, wird seit jeher auf deutsche Art in alles Jüdische projiziert. Das Jüdische Museum ist Sinnbild und Opfer dieses Missstandes. Michael Wolffsohn hat recht: Zu Beginn der Debatte klagte der Historiker darüber, dass dieses Museum auch an der Bürde leide, ein Universalmuseum zu sein. Man muss hinzufügen, ein Museum über Juden und Judentum und ein Universalmuseum, so wie es sich die Mehrheitsgesellschaft denkt. 

Mit der neuen Direktion sollte erneut über den Grundansatz dieser Institution nachgedacht werden. In Gemeinschaft mit seinem Beirat muss sie wenigstens in diesem Haus das Jüdische von der deutschen Beschlagnahme befreien, was nicht heißt, aus dem Jüdischen Museum ein Werkzeug des Zentralrats der Juden zu machen.

Unter dem Gras liegen die Toten

Doch wer soll an der Spitze des Museums stehen? Eine Findungskommission macht sich derzeit auf die Suche. Sie muss nicht lange fahnden. Es gibt eine Persönlichkeit, die wie geschaffen ist für diese Neuausrichtung: Rachel Salamander.

Die Literaturwissenschaftlerin, Publizistin, Leiterin der Literaturhandlung und ehemalige Herausgeberin der LITERARISCHEN WELT kennt sich nicht nur aus in allem Deutsch-Jüdischen, sie lebt darin – im guten wie im belastenden. Darüber hinaus besitzt Rachel Salamander ein untrügliches Gespür für Wertarbeit. Seit jeher ist sie ein Born der Einfälle, mit der Gabe, sie in Bild, Form und Farbe umzusetzen.

Schonungslos zersetzt sie alles Aufgeblasene in der Säure ihres mitunter sarkastischen Humors. Salamander verfügt über die Energie, Entschlossenheit und den missionarischen Willen, die jüdischen Lebenswelten in ihrer Breite darzustellen, ohne einen Grundsatz zu vergessen, der auch in der gewöhnlichen Tagesarbeit eines jüdischen Museums eine wichtige Rolle spielt.

Hans Mayer hat ihn treffend beschrieben: „Es gibt eine wundersame Heilkraft der Natur, doch es gibt keine Heilkräfte der Geschichte. Es heißt zwar, darüber muss Gras wachsen, allein unter dem Gras liegen nach wie vor die Toten."

Zuerst erschienen in der WELT. Mit freundlicher Genehmigung des Autors

Siehe auch: 240 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen und 45 Talmud-Gelehrte können sich nicht irren. Hier

Foto: Manfred Brückels via Wikimedia Commons

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sybille eden / 30.06.2019

Genauso sehe ich es auch Herr Murmelstein !  Wir brauchen kein Museum über jüdische Kultur die die Deutschen beseitigt haben. Was wir brauchen wäre ein KULTURHAUS der LEBENDIGEN jüdisch- israelischen Kultur der GEGENWART ! Mit einer POSITIVEN AGENDA zu ISRAEL ! Es gab im alten West-Berlin, in der nähe des Bhf-Zoo, einmal ein AMERIKAHAUS, daß ich oft besuchte um dort amerikanische Zeitschriften zu lesen. (kostenlos übrigens) So etwas würde im Bezug zu Israel eine hervorragende Stätte der Versöhnung und der Bildung sein meine ich. Insbesondere da der “Durchnittsdeutsche” über die Geschichte und GEGENWART Israels fast nichts weiss und anti-israelischer Propaganda folgt ! Das man nur in Museen jüdisches Leben,Kultur und Geschichte zelebriert, zeigt doch nur die ganzer Verlogenheit und Unbeholfenheit wie die deutschen Meinungspriester diese Sache handhaben. Einfach nur zum kotzen.

Karla Kuhn / 30.06.2019

Ich kenne Sie zwar nicht Herr Murmelstein aber Ihre Briefe haben es in sich. Wahrscheinlich wären Sie wirklich der richtige Mann !!  Wieso Boshaftigkeit Herr Jankowski ? Ihr Vorschlag ist durchdacht, finde ich richtig gut. Vielleicht hätte sie dann auch weniger Zeit zum twittern !

Marc Blenk / 30.06.2019

Lieber Herr Schuster,  die das Judentum in Deutschland vertretenden Kräfte sind gut im protestantischen linksliberalen Juste Milieu des Landes eingebettet. Dort lässt es sich prima dösen. Ich hätte gerne mehr jüdische Opposition gegenüber diesem Milieu und gegenüber dem zunehmenden Antisemitismus des sich gerade im Entstehen befindlichen Linksislam. Kulturelle Selbstverleugnung führt nicht zum gesellschaftlichen Frieden, sondern zu Unterwerfung.

Hans-Peter Dollhopf / 30.06.2019

Der Dominaeinfluss von Monika Grütters, aka Verantwortlichkeit, für den praktizierten Antisemitismus am JMB bleibt im Artikel des Springer-Schreibers Jacques Schuster wundersam außen vor. Ein Schelm, wer ... Springer-Presse und gegenseitige Gunst.

Donald Adolf Murmelstein / 30.06.2019

Für diesen Job braucht man ein Mann fürs grobe - soetwas wie ein Josef Murmelstein 2.0. Nehmen Sie mich doch! Entschuldigung aber irgendwie mußte ich das jetzt vorschlagen.

Wolfgang Kaufmann / 30.06.2019

Man sollte die Expertise der Ausstellungsmacher nutzen, um in den Räumlichkeiten ein „Museum einer untergegangenen Rasse“ aufbauen, beschriftet in Arabisch, Türkisch und Persisch. Ausstellungsgegenstände wären Lederhosen, Bierseidel, Bollenhüte und als Glanzstück ein authentischer Karnevalswagen. Vielleicht könnte man antiquarisch noch ein Exemplar des Grundgesetzes auftreiben; die Älteren werden sich erinnern.

Johannes Schuster / 30.06.2019

Die Deutschen können ihre Juden bei aller Vorgeblichkeit nicht leiden und alles andere ist ein Tanz um das Objekt, was man nicht liebt, aber lieben muss um nicht die schlimmste Kontinuität zu beweisen. Das Jüdische Museum (immerhin ein Präteritum und kein Leben) ist nur die Bühne auf der sich der Kampf des deutschen Unterbewußten zuträgt. Und solange man den Juden ein Museum widmet, ein intellektuelles Theresienstadt muß man sich schon nicht fragen, welchen lebendigen Stellenwert das Judentum in Deutschland einnimmt. Die ganze Sache ist durchweg widerlich.

Robert Jankowski / 30.06.2019

Das Jüdische Museum befindet sich in einem islamisierten Berlin. Also sollte man sich auf die Suche nach einer Frau machen, die sich im Kampf gegen Antisemitimus und Rassismus in Deutschland täglich neu bewährt und da fällt mir nur Sawsan Chebli ein. Nebenbei: es ist heiß, bin grade aufgestanden und habe Migräne. Sehen Sie mir bitte die Boshaftigkeit eines alten weißen Mannes nach.

Donald Adolf Murmelstein / 30.06.2019

Wozu ein Jüdisches Museum in Berlin? Ich würde das Jüdische Museum Berlin auflösen und die Räume für Fachkräfte der einzig wahren Religion, zur Verfügung stellen. Alles andere ist völlig uninteressant.  Natürlich darf die Moschee und die Gebetsräume nicht fehlen. Alles muß raus! Die Deutschen haben es nicht anders verdient. Schluß mit der Heuchelei!

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