Der Kampf ist nicht zu Ende lautet der programmatische Titel der äußerst lesenswerten Monografie zum hiesigen Linksextremismus. Ihr Erscheinen im Jahr 2019 läutete gleichzeitig das Ende der universitären wissenschaftlichen Beschäftigung mit diesem Thema in Deutschland ein. Für den Erstautor, Prof. Dr. Klaus Schroeder, Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der FU Berlin, gab es nach seinem altersbedingten Ausscheiden und dem Ende des Forschungsverbundes keinen Nachfolger. Auch an den anderen deutschen Universitäten ist der hiesige Linksextremismus weiterhin kein Forschungsthema.
Lediglich an der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung, wo der Nachwuchs für den gehobenen Dienst in der Bundesverwaltung ausgebildet wird, spielt dieses Thema, wohl notgedrungen, noch eine gewisse Rolle. So kann es auch nicht verwundern, dass kürzlich der NDR mangels Alternativen einen Politikwissenschaftler dieser Hochschule zum Stand linksextremistischer Gewalt in Deutschland befragte. Dieses Interview mit Hendrik Hansen, Professor für politischen Extremismus und politische Ideengeschichte, ist eigentlich nicht besonders aufregend. Es enthält aber einige Informationen zu der Frage, warum der Linksextremismus in Deutschland vergleichsweise „weniger“ erforscht wird: „Es gibt kaum Finanzierung für Linksextremismusforschung“, antwortet Prof. Hansen, „zudem ist es in der Politikwissenschaft nicht karriereförderlich, sich intensiv mit diesem Thema zu befassen. Dahinter steht oft eine romantisierende Vorstellung: Linksextremisten wollten eigentlich das Gute, nutzten aber falsche Mittel.“
Wird Google mit der Frage konfrontiert, an welchen deutschen Universitäten der Rechtsextremismus beforscht wird, erhält man die folgende Auflistung: Institut für Rechtsextremismusforschung der Uni Tübingen, Zentrum für Rechtsextremismusforschung der Uni Jena, Kompetenzzentrum für Rechtsextremismus Uni Leipzig. Also: 3:0 für den Rechtsextremismus, aber vielleicht auch eher 5:0. Gibt es doch noch zwei weitere Projekte, die sich aber noch etwas anstrengen müssen, bevor aus ihnen vielleicht auch einmal richtige Institute werden – aber auch Zwerge haben schließlich mal klein angefangen. Um welche Projekte handelt es sich? Zunächst um die Uni Potsdam, an der 2023 die Arbeitsgruppe gegen Rechtsextremismus gegründet wurde: „Als Reaktion auf rassistische, queerfeindliche und rechtspropagandistische Vorfälle. (…) Denn Demokratie muss gestaltet werden und braucht Engagement – auch das der Universität Potsdam, ihrer Mitarbeiter*innen und Student*innen.“ Alles klar!
Dann gibt es noch das Verbundprojekt der Uni Marburg und der Europa-Universität Flensburg. Hier beschäftigt man sich aktuell mit „extrem rechte(n) Tendenzen an Hochschulen in Deutschland“ und hat dazu im Auftrag der IG Metall-nahen Otto-Brenner-Stiftung jüngst eine neue Studie, vorgelegt, um die es im Folgenden gehen soll. Autoren sind im Übrigen die beiden Mitarbeiter der Uni Flensburg, Dr. C. Haker und PD Dr. L. Otterspeer.
An deutschen Universitäten herrscht eine rechte Bedrohungslage
Diese Studie zeige, „wie sehr Rechtspopulismus und Rechtsextremismus die Hochschulen ins Visier nimmt, sogar die Hochschulen bedroht“, lamentiert auch ver.di einleitend zu einem Gespräch mit einem der beiden Autoren. Schauen wir uns also dieses hochaktuelle Elaborat über die vermeintliche Bedrohungslage an deutschen Universitäten einmal etwas genauer an. Leider gilt auch hier, dass nicht überall Wissenschaft drin ist, wo Wissenschaft drauf steht. Aber vielleicht hänge ich auch einfach einem überkommenen Verständnis von Wissenschaft an, wenn ich meine, dass weltanschaulich geprägten Behauptungen und Annahmen nicht einfach nur ein Wissenschaftskostüm übergestülpt werden sollte. Zudem muss anerkannt werden, dass die beiden Flensburger Autoren ja eigentlich auf einer Mission impossible unterwegs waren, nämlich eine Bedrohungslage an deutschen Universitäten durch rechtspopulistische und rechtsextreme Kräfte zu belegen. Da braucht es schon den bekannten Knick in der Optik, um wenigstens ein bisschen was davon zu entdecken.
Schon im Vorwort dieser Studie wird ganz schweres Geschütz aufgefahren, indem an den Fall Franco A. erinnert wird, den Bundeswehrsoldaten, der sich 2021 an der Frankfurter Uni im Fach Jura immatrikuliert hatte, obwohl gegen ihn seit 2017 Ermittlungen wegen rechtsterroristischer Anschlägspläne und ein – seinerzeit noch nicht beendeter – Strafprozess liefen. Wären damals linke „Studierende“ sowie der AStA nicht so wachsam gewesen, wer weiß, was an der Frankfurter Uni alles hätte passieren können, raunt der Vorwort-Autor.
Rechtspopulismus gleich Rechtsextremismus
Die beiden Flensburger Wissenschaftler bedienen sich in ihrer Studie eines kleinen, aber wirkungsvollen Kunstgriffes, um ihren Forschungsauftrag etwas boostern zu können: „Methodologisch“ – dieser Terminus kommt immer gut – „hat sich die Begriffskombination Rechtspopulismus/-extremismus für uns als hilfreich erwiesen“, nämlich deshalb, weil den Rechtsextremen ein „verhältnismäßig geschlossenes Weltbild“ eigen sei, welches aber im Einzelfall nur schwer nachzuweisen sei. Mit Hilfe dieser ebenso unpräzisen wie schrägen Begründung verzichten die Autoren fortan ganz überwiegend auf eine Differenzierung zwischen rechtsextrem und rechtspopulistisch – gerade als Wissenschaftler soll man die Dinge ja nicht unnötig komplizieren – und werfen auf sage und schreibe 122 Seiten diese beiden Kategorien ganz überwiegend in einen Topf.
Das hier interessierende Thema hat aus Sicht der Flensburger Autoren eine einschlägige Vorgeschichte. Und so wird der Leser zunächst mit einer „historischen Perspektive“ traktiert, einem ausufernden Exkurs v.a. zur Weimarer Zeit, den wir uns hier komplett schenken. Aber irgendwann müssen die Autoren sich auch der Gegenwart zuwenden, was ihnen nicht ganz leicht fällt, denn: „Die Datenlage zum (aktuellen) Rechtspopulismus/-extremismus in Hochschulen ist insgesamt dürftig. (…) Es gibt kein bundesweites Monitoring. (…) 2013 ordneten sich zwei Prozent der Studierenden als klar rechts und zehn Prozent der Studierenden als eher rechts ein.“ Im Vergleich zu den zuvor dargelegten Befunden aus der Weimarer Zeit ist das natürlich Pillepalle.
Wenn 1,1 Prozent „relativ gering“ ist
Aber es wird für die Autoren noch trostloser. In einer vergleichsweise deutlich aktuelleren Studie, die 2020 publiziert wurde, geht es um eine Befragung von Studenten in Deutschland. Die Stichprobenauswahl sei nach Meinung der verantwortlichen Autoren zwar nicht im strengen Sinne repräsentativ, aber begründe dennoch „belastbare“ Ergebnisse. Es wäre nun die natürliche Aufgabe unserer beiden Flensburger Forscher gewesen, diese Behauptungen zu überprüfen und zudem die Ergebnisse nicht nur in absoluter Kurzform darzustellen. Zumal, wie sie selbst feststellen, es ansonsten nichts Einschlägiges oder Aktuelleres gibt.
Hier ihre knappe Würdigung der Ergebnisse: „Im Sinne der Sonntagsfrage wurden auch Parteipräferenzen abgefragt (N = 4.216). Die AfD erhielt vier Prozent der Zustimmung. Die Studie untersuchte auch explizit rechtsextreme Einstellungen (N = 4.311). 1,1 Prozent der Befragten weisen über alle Items hinweg rechtsextreme Einstellungen auf.“ Donnerwetter – nur einer von hundert Studenten wurde als rechtsextrem eingestuft! Der Leser spürt geradezu, welch seelische Pein diese Zahlen bei den beiden aus dem hohen Norden auslösen. Da wirkt es fast schon verzweifelt, wenn sie diese Prozentangaben verniedlichend als „relativ gering“ charakterisieren. Eigentlich ist das hier interessierende Thema damit doch wohl bereits durch. Es sei denn, den Autoren wäre der Nachweis gelungen, dass diese Ergebnisse auf einem methodisch unangemessenen oder gar fehlerhaften Fundament beruhen oder bereits hoffnungslos veraltet sind. Immerhin kommen sie nicht umhin festzustellen: „Mit Blick auf die Gruppe der Studierenden zeigt sich, dass der Anteil mit extrem rechten Einstellungen in der jüngeren Vergangenheit stabil und auf einem verhältnismäßig geringen Niveau zu liegen scheint.“
Relevant sind auch Diskriminierungserfahrungen
Aber aufzugeben oder einfach mal kleine Brötchen zu backen, ist für unsere beiden Protagonisten natürlich keine Option. Schließlich haben sie noch andere Pfeile im Köcher. Relevant, so schreiben sie, seien im hier interessierenden Kontext auch die „Ergebnisse zu Diskriminierungserfahrungen von Studierenden“, die sich in 27 Prozent der Fälle v.a. „entlang des Merkmals Migrationshintergrund“ ereignen. Wenngleich, so wird dann etwas kleinlaut zugegeben, „diese Befunde nicht implizieren, dass diese Diskriminierungen von extrem rechten Personen ausgehen.“ Mit dieser Art von Ergebnissen geht es weiter, bis Wissenschaft dann endgültig zu bloßem Geraune verkommt: 30 Prozent der Studierenden geben an, „um extrem rechte und/ oder rechtspopulistische Akteur*innen und Personen an ihrer Hochschule zu wissen.“
In ihrer Auflistung, wo überall an deutschen Universitäten der rechte Ungeist zu Hause ist, dürfen natürlich auch die Verbindungen nicht fehlen: „Korporationen sind ein weiterer Schwerpunkt der Auseinandersetzung mit extrem rechten Studierenden“. Und, woran erkennt man „rechte Wissenschaftler“? Natürlich auch an ihren Publikationen und – man lese und staune – Zitierungen (!) in einschlägigen Organen, wie „zum Beispiel Junge Freiheit und Sezession“. Und: „Gerade die eigene Veröffentlichung in diesen Medien kann als aktive Entscheidung verstanden werden, sich in extrem rechten Milieus und Diskursen zu verorten.“
So einfach kann Wissenschaft sein
In diesem totalitären Stil geht es munter weiter. Demnach machen sich Wissenschaftler bereits des Rechtsextremismus’ verdächtig, „wenn Political Correctness, Cancel Culture oder eine bedrohte Meinungs- und/oder Wissenschaftsfreiheit in Hochschulen diagnostiziert wird.“ In diesem Kontext weisen die beiden Autoren dann ausdrücklich auch auf das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit und seine – nach eigenen Angaben – 747 Mitglieder hin. Denn dort sei man doch tatsächlich der Meinung, „dass die verfassungsrechtlich verbürgte Freiheit von Forschung und Lehre zunehmend unter moralischen und politischen Vorbehalt gestellt werden soll.“ Unerhört – so könnte der Flensburger Subtext lauten –, da wird es aber wirklich langsam Zeit, dass die Hochschulen beginnen, sich von diesen demokratiefeindlichen rechten Subjekten zu trennen! Wie schön für solch totalitär strukturierte Geistes- und Sozialwissenschaftler, so wäre aus psychohygienischer Sicht zu resümieren, dass sie in Zeiten leben, in denen sie ihre (wissenschaftlichen) Neigungen nahezu ungehemmt ausleben können und dafür jede Menge Applaus und Anerkennung ernten. Aber, das lehrt uns die Geschichte: Nichts währet ewiglich!
Redaktioneller Hinweis:
In einer früheren Version des Artikels haben wir behauptet, die Studie „Rechtspopulismus und Rechtsextremismus in Hochschulen“ habe keine eigenen Daten erhoben. Tatsächlich wurden „insgesamt [...] neun Leitfadeninterviews und ein Gruppeninterview im Zeitraum zwischen 2022 und 2024 durchgeführt“ (Studie, S. 69). Wir haben den Artikel entsprechend angepasst.
Beitragsbild: AlexanderRahm - Eigenes Werk, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons

„…und – man lese und staune – Zitierungen (!) in einschlägigen Organen…“
Tja, Herr Meins. Jetzt haben Sie diese Wissenschaftler in einem vermeintlich rechten Organ zitiert. Jetzt sind die beiden nach der eigenen Definition mindestens rechts, wenn nicht rechtsextrem. ;-)
Linksextremismus ist die Fortsetzung der Altparteien Politik mit anderen Mitteln, und dient gleichzeitig der Vorbereitung im politischen Vorfeld das Wählerverhaltens in die gewünschte Richtung zu fördern. Linksextremistisch ist das neue Normal!
Herr Prof. Dr. Meins, Linke bilden eine säkulare Sekte, vertreten eine Religion, mit klarer Herkunft aus dem Christentum & dem Islam, beides Hebräische Erfindungen. Gerade Deutschland hat das gesamte Recht (zB Beamtenrecht oder Religionsfreiheit) nicht der Moderne, dem Wechsel des Souveräns angepaßt. Während der feudale Souverän noch selbst agierte, kann das der heutige Souverän nicht, weil er nur pro forma vertreten wird. Die Vertreter haben den feudalen Souverän beerbt, nicht das Volk. Dadurch werden Religionen, wie die Linke, übermächtig, das zentrale Ziel von Religionen.
Universitäten und Psychiatrien ähneln sich ein wenig. Es gibt keine empirische Forschung über Linksterrorismus, weil es ihn definitionsgemäß nicht gibt. Psychiater, die Intifada für ein Präparat halten, gibt es mit Sicherheit. Van Aken hat deutlich gemacht, wie er und andere freundliche Eckkneipenexistenzen Überzeugungsarbeit leisten, sollte man auf die Idee kommen, diesem Themengebiet Räume zur Verfügung zu stellen. Das sind die, welche Jörg Baberowski anschwärzen, welcher den Terror von Links in seinen Büchern beschreibt, oder die eine Professur des Militärhistorikers van Crefelds verhinderten, da diese Tatsachen aussprechen, die den Wagenknechten nicht passen, die Dezennien studiert und zwei Wochen gearbeitet haben. Kohls Methode, alle Ostprofessoren zu canceln war das andere Extrem- man verließ sich auf Pfarrer Hinzes „Rote-Socken-Kampagne“, während man sich in London weitehin Marxisten wie Eric Hobsbawm leistete. Dieses Recht sollte man konzedieren, wenn man einen derartigen Lehrstuhl fordert, auch den Anarchismus sollte man als Akteur und Teil der Ideengeschichte behandeln. Es scheint aber, das Universität und Bibliotheken durch das Internet stark an Relevanz eingebüßt haben- die einzigen, die das Thema von staatlicher Seite untersucht ist der Verfassungsschutz, dessen neue Leitung vermutlich das Gebiet genauso beargwöhnt und streichen will, wie der Berliner Senat das renommierte Winkelmann-Institut. Bücherhallen, die Heine rausschmeißen, da er nicht genügend ausgeliehen wird runden dieses analphabetische Potpourri ab.
Kein Wunder, wenn Linksextremisten die Linksextremismusforschung nicht finanzieren wollen.
Das ist wohl wie in der Juristerei: „Wo ein Gesetz ist, findet sich auch ein Verbrechen.“, Wo ein Rechtsextremismusforscher ist, findet sich auch Rechtsextremismus. Der Putin in den Mund gelegte Satz, über die durch die US Army nicht gefundenen Chemiewaffen im Irak, untermauert diese Lebensweisheit: „Also wenn wir da (Irak) reingegangen wären, wir hätten Chemiewaffen gefunden.“
Mal kurz gesagt: Wer keine eigene Meinung hat, der geht halt zu den „Linken“ oder „Rechten“. Die denken für den Dummen und geben ihm (m/w/d) das Feindbild vor…