Die Türken lieben Kölnisch Wasser, bekannt unter dem Namen Kolonya. Dass dieses National-Desinfektionsmittel seinen Ursprung in Köln hat, wissen allerdings die wenigsten. Dabei findet man im heutigen Deutschland kaum etwas anderes derart Beständiges.
Es gibt kaum einen türkischen Haushalt ohne Kolonya. Kaum ein Restaurant, kaum ein WC ohne die obligatorische Plastikflasche mit dem streng riechenden Kölnisch Wasser. 70 bis 85 Prozent Alkohol – offiziell Desinfektionsmittel, inoffiziell Kult. Die Türken lieben es so sehr, dass man manchmal meint: Trinken würden sie es noch lieber, als es sich auf die Hände und ins Gesicht zu sprühen.
Dabei wissen die wenigsten, was sie da eigentlich in der Hand halten. Für die meisten ist Kolonya eben Kolonya – Punkt. Dass der Name auf „Colonia“ zurückgeht, den alten römischen Namen von Köln, und dass Kolonya schlicht „Kölnisch Wasser“ heißt, dürfte vielleicht 0,01 Prozent der Bevölkerung bewusst sein. Und das sind dann die Deutschland-Rückkehrer, die in Köln gelebt haben.
Selbst die kölschen Türken, die in Köln aufwuchsen, machten mit dem Zusammenhang oft erst zufällig Bekanntschaft – und zwar im türkischen Konsulat. Wer dort für die Passverlängerung oder eine Ausstellung anstand, bekam irgendwann einen Stempel in die Papiere gedrückt: „T.C. KOLONYA BAŞKONSOLOSLUĞU“ (Türkisches Generalkonsulat der Republik Türkei in Köln). Und plötzlich fiel es ihnen wie Schuppen von den Augen: Die Stadt, in der sie lebten, trug denselben Namen, den sie von den Flaschen daheim im Badezimmer oder Wohnzimmer kannten. Köln und Kolonya – eine Verbindung, die einem das Konsulat erst buchstäblich in den Pass stempelte.
Ramsch in Reih und Glied
Ironie der Geschichte: Während die Türkei Kolonya zum Nationalgut erhob, ist in Deutschland selbst das Wissen um die Herkunft ein fast museales Kapitel. Erfinder war der italienische Parfümeur Johann Maria Farina, der 1709 in Köln ein Duftwasser aus Zitrusölen und Kräutern kreierte und es zu Ehren seiner Wahlheimat „Eau de Cologne“ nannte. Der Zusatz „gegenüber dem Jülichs Platz“ im Firmennamen war ein Herkunftssiegel – und genau so heißt die Firma noch heute: Johann Maria Farina gegenüber dem Jülichs-Platz GmbH. Ein Stück Kontinuität, das man in Deutschland kaum noch findet.
Ich selbst habe drei Viertel meines Lebens in Köln verbracht, dort studiert und die Stadt meine „ewige Heimat“ genannt. Köln – das war für mich mehr als nur ein Wohnort. Doch in den letzten Jahren kippte die Stadt, genauso wie Deutschland. Das Stadtbild hat sich stark verändert und ist „zu bunt“ geworden – zum Nachteil von Köln.
Die Hohe Straße, einst Aushängeschild mit klaren Regeln – kein Imbiss, kein Ramsch, keine Kioske –, ist heute gesäumt von genau diesen Läden. Ramsch in Reih und Glied. Eine Schande für das, was einmal Kölns Herzstück war. Und wenn bald noch eine Grüne Bürgermeisterin dazu kommt, dann wird es noch „bunter“. Nein, Köln war nicht meine ewige, sondern nur meine zeitlich begrenzte Heimat. Wer hätte ahnen können, dass eines Tages eine Frau um die Ecke kommt und „Wir schaffen das!“ sagt – und damit den letzten Rest an Vertrautheit hinwegspült.
Ich persönlich liebe Köln noch immer – aber den penetranten Geruch von Kolonya überhaupt nicht. Wo in Deutschland Hände gewaschen werden, gibt es in der Türkei zwei, drei Spritzer aus der Plastikflasche. Nicht mein Ding. Zumal ich vermute, dass manche Bazillen dort mittlerweile immun gegen Kolonya sind. Und doch: Kolonya ist mehr als ein Desinfektionsmittel. Es ist ein Stück türkischer Kultur, eine unsichtbare Brücke zu Köln – auch wenn das kaum jemand weiß.
Wirtschaftsgeschichte mit Duftnote
In den 90er Jahren ging einer der bekanntesten Kolonya-Hersteller der Türkei pleite. Ich nahm mir vor, die Marke zu retten. Mit einem multinationalen Unternehmen im Gepäck begannen wir Verhandlungen in Istanbul. Monate vergingen, wir schienen nah am Ziel – doch irgendetwas war immer. Am Ende sprangen die Interessenten ab.
Der Grund war so banal wie typisch: Nach dem Konkurs hatten Banker die Vorstandsposten des Unternehmens übernommen. Offiziell, um die ausstehenden Kredite zu sichern. Inoffiziell, um sich selbst mit Managergehältern zu versorgen, die höher lagen als ihre alten Bankbezüge. Alles, was das Unternehmen besaß, wurde versilbert, um die „Abwickler“ zu bezahlen. Für einen Neuanfang blieb nichts übrig.
Die führende Marke starb, Kolonya blieb. Und mit ihm die absurde Geschichte, dass 85 Millionen Türken – na gut, knapp 10 Millionen Syrer und Afghanen inklusive – eine enge Beziehung zu Köln haben, ohne es zu wissen. Und manchmal erst dann, wenn der Stempel „T.C. Kolonya“ im Pass steht – und auch das nur bei den kölschen Türken. Die Rückkehrer sind es dann, die dieses „sensationelle Wissen“ mit nach Hause bringen und stolz an die Daheimgebliebenen weitergeben.
In der Türkei immer noch Kult, in Köln längst nur noch Geschichte. Vielleicht ist das der eigentliche Witz: Während Deutschland die Nase voll hat von Kölnisch Wasser, kann die Türkei bis heute nicht genug davon bekommen. Nur, dass es dort stärker riecht, als uns lieb ist.
Ahmet Refii Dener ist Türkei-Kenner, Unternehmensberater, Jugend-Coach aus Unterfranken, der gegen betreutes Denken ist und deshalb bei Achgut.com schreibt. Mehr von ihm finden Sie auf seiner Facebookseite und bei Instagram.

@sybille eden, Korrekt ist, dass Eau de Cologne (EdC, Kölnisch Wasser) eine eigene Duftwasser-Klasse ist. Das Original Kölnisch Wasser ist nicht 4711 von Mäurer & Wirtz aus Stolberg (haben die Marke und Firma in Köln aufgekauft), sondern die Produkte von der Firma „Johann Maria Farina gegenüber dem Jülichs-Platz GmbH seit 1709“ in Köln. 4711 (nach 1790 erfunden)ist lediglich das bekannteste Kölnisch Wasser in Deutschland, weil billiger als das Original.
Daß die Türken nicht wissen sollen woher Kölnisch Wasser kommt, in der Türkei richtigerweise als Pestizid angewendet, ist sicher entschuldbar. Dafür wissen die Türken was mit Wiener Melange anzufangen. In Deutschland ist es umgekehrt.
Immer wieder interessant und zum Teil auch kurzweilig, was Sie zu berichten haben, Herr Dener. Bin ein treuer Leser ihrer Beiträge.
Komischer Geruch. Feine Omis hatten sich früher, in den 70ern mit den Zeug eingenebelt. Mir wurde richtig schlecht von dem Geruch (Assoziationen von Kaffee-Kuchen und Trauerhalle mit Sarg und Blumen). Besser war aus Köln Klosterfrau Melissengeist, verscheuchte Übelkeit und hob die Laune.
Nein Fr@u Eden, das ist nicht das Unternehmen der Erfinder, von dem Herr Dener schreibt. Türkis-Gold (die mit der Hausnummer) waren Nachmacher. F. Gegenüber war zuerst.
Och, auf der langen Fahrt im stickigen Bus von Kas nach Istanbul fand ich das Herumreichen der Kölnisch Wasser Flasche eigentlich sogar ganz angenehm…..
Meine Mutter, Gott hab sie seelig, hatte immer ein Fläschchen „ Otto Kolonnje“ wie sie es aussprach, in ihrer Handtasche. Damit „puderte“ sie ihre Näschen.
Der Zusatz unter „ Eau de Cologne“, die Zahl 4711, ist übrigens die alte Hausnummer der Firma. Vergeben von Napolionischen Beamten. Davor gab es so etwas nicht.