Wolfram Weimer / 11.01.2018 / 17:57 / Foto: Eike Klapper / 7 / Seite ausdrucken

Ist dieser Mann Licht am Ende des SPD-Tunnels?

Die SPD leidet an alten Gesichtern der Erfolglosigkeit. Mit Lars Klingbeil taucht nun eine neue Figur auf, mit der die SPD wieder jünger, smarter und weniger weinerlich wirkt. Er könnte zum politischen Aufsteiger des Jahres und neuer Digitalminister werden.

Generalsekretäre von Parteien haben normalerweise ein Problem: Werden sie Sekretäre ihrer Vorsitzenden oder Generäle ihrer Partei? Die meisten entscheiden sich für ersteres oder – ehrlicher – sie werden dazu verdammt. Lars Klingbeil ist vom Start weg das Zweite, ein General – schon weil sein Vorsitzender Martin Schulz angeschlagen wie ein geduckter Unteroffizier des Politischen umhertaumelt.

Der neue SPD-Generalsekretär tritt dagegen mit seinen 1,96 Meter auf wie ein zuversichtlicher Feldherr. Als er vor wenigen Wochen gewählt wurde, verkündete er im Tonfall eines drahtigen Sanierungsfall-Managers: “Die SPD hat einen riesigen Erneuerungsbedarf.”

Nun hat er bei den Sondierungsgesprächen zur Großen Koalition erstmals die große Bühne der Republik betreten. Und auch hier klingen seine Kommentare geradezu generalig selbstbewusst: “Wir befinden uns in einer neuen Zeit. Und diese neue Zeit braucht eine neue Politik.” Deutschland bekomme jetzt “einen neuen politischen Stil”.

Die Aussagen verraten zweierlei: Zum einen hat sich die SPD-Führung innerlich klar für den Gang in die Große Koalition entschieden. Ihr Generalsekretär übt schon man die narrative Verpackung. Zum zweiten – mit Lars Klingbeil bekommt die Partei plötzlich ein neues Gesicht. Er könnte der SPD gut tun wie eine habituelle Frischzellenkur. Denn die SPD hat jenseits von programmatischen Schwierigkeiten (soziale Gerechtigkeit ist den Deutschen derzeit kein Hauptthema), von Orientierungsschwächen (die Partei will nach links, das Wahlvolk rückt nach rechts) und einem Modernisierungsdefizit (in einer digital-liberalen Startup-Gesellschaft wirkt die SPD wie das gefühlte Kohlezeitalter mit Bergbaukumpeln, Gewerkschaften und Telefonzellen) vor allem ein Personalproblem. Die Führungsriege von Martin Schulz über Sigmar Gabriel bis Olaf Scholz kann einen Aufbruch nicht glaubhaft verkörpern. Klingbeil schon.

Ihm fehlt das weinerlich-aggressive

Der neue Generalsekretär wirkt in der SPD-Spitze wie der erste Digitale unter lauter Analogen. Nicht nur weil Digitalpolitik sein Steckenpferd ist. Sein Auftreten, sein Denken und seine Sprache sind vernetzter, freier und freundlicher. Ihm fehlt das weinerlich-aggressive seiner herkömmlichen Genossen. Er ist freundlich, konziliant und wie die “Bild”-Zeitung staunt “für einen SPD-Politiker außergewöhnlich gut gelaunt”.

Er selbst beschreibt seinen smart-positiven Stil so: “Attacke ist für mich kein Selbstzweck. Ich werde nicht so breitbeinig auftreten, wie andere Generalsekretäre in Deutschland. Die Zeit der Testosteron-Männer ist hoffentlich vorbei.” Seine SPD wünscht er sich weniger griesgrämig. “Ich stehe für einen Weg, der durch Optimismus gezeichnet ist”, sagt er im Wissen, dass das in der SPD bislang eine Rarität ist.

In Berlin rufen ihn manche schon den “Peter Tauber der SPD”, weil er ähnlich wie sein CDU-Generalsekretärskollege ein positiv denkender Digitalexperte ist, der eher versöhnen als spalten will und sich als unideologischer Modernisierer positioniert. Wie Tauber in seinem hessischen Heimatort Gelnhausen (gut 20.000 Einwohner) so ist auch Klingbeil sehr in seinem niedersächsischen Munster (knapp 20.000 Einwohner) tief verwurzelt. Das Kleinstädtische als ein stabiler Bezugsraum für einen bürgerlichen Wertekanon zeichnet beide aus. Klingbeil zahlt noch Kirchensteuern, ist Sohn eines Berufssoldaten, ein Unterstützer der Bundeswehr und ein Verfechter des Heimatbegriffs.

Klingbeil ist kein Leisetreter

Er ist Mitglied des bürgerlichen Seeheimer Kreises innerhalb der SPD. Als Zögling und früherer Mitarbeiter von Gerhard Schröder verteidigte er die Agenda 2010 und holte sich Schröder, obwohl viele in der SPD ihn verachten, auch 2017 im Wahlkampf auf die Bühne seines Wahlkreises. Mancher sieht in Klingbeil gar einen “Schröder 2.0” – schon wegen seines Siegertemperaments. Und auch, weil er offene Gegnerschaft pflegen kann, etwa gegen Sigmar Gabriel.

Klingbeil ist jedenfalls kein Leisetreter, nicht einmal musikalisch oder sportlich. Er spielt Squash, nicht Volleyball; und er hört keine leisen Schmuseballaden, sondern lieber lauten Rap-Rock. Einst selbst als Mitglied der Jugendband “Sleeping Silence” aktiv, greift er noch heute manchmal zur Rockgitarre. Und auf seiner Liederplaylist des Jahres steht der Berliner Rap-Rocker Casper ganz oben. Dessen neuestes Album “Lang lebe der Tod” empfehlen böse Zungen Klingbeil freilich süffisant als Leitmotiv für seine Wiederbelebungsarbeit bei der SPD.

Wenn man sich aber in der SPD umhört, was aus dem General 2018 werden könnte, dann bekommt man immer häufiger zur Antwort: “Digitalminister”. Tatsächlich ist er der führende SPD-Netzexperte und Verfasser des digitalen Grundsatzprogramms seiner Partei. Und er fordert offen die Schaffung eines Digitalministeriums. “Wir haben in den letzten vier Jahren versucht, die Digitalisierung als Querschnittsthema anzugehen, dabei ist es immer wieder hinten runter gefallen”, sagt er in FDP-Tonlage: “Es braucht jetzt jemanden, der das Thema vorantreibt und immer wieder den Finger in die Wunde legt, wenn es nicht vorangeht.” Die Chancen für ihn stehen nicht schlecht – es sei denn, Peter Tauber schnappt ihm den Job noch weg.

Dieser Beitrag erschien zuerst in The European

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Leserpost (7)
Peter Zentner / 11.01.2018

“Und er (Lars Klingbeil) fordert die Schaffung eines Digitalministeriums.” Wie aufregend, wie zukunftsträchitig — aber auch: wie gestrig und opportunistisch! Die Digitalisierung erfolgt durch die großen Software-Konzerne und deren Kunden, nicht durch General- oder sonstige Parteisekretäre, denen man den kleinen Unterschied zwischen “0” und “o” im Umgang mit Excel-Tabellen stundenlang erklären muss. Ich bin diesbezüglich ein gebranntes Kind. Gerade die Digital-Trompeter der etablierten Parteien haben nie eigenhändig begriffen, was ein Computer kann und was nicht. Und das fängt schon beim kleinen ABC der IT an. Aber sie quatschen sich darüber endlos den Mund wund, um den Bürgern Kompetenz vorzugaukeln — was auch leicht geht, da der oder die Bürger ebenfalls glauben, Videospiele seien die Erlösung der Menschheit.

Mark Schild / 11.01.2018

Sorry, aber Klingbeil ist eine Nebelkerze und Blendgranate, aber nicht gerade die hellste Kerze auf der Torte und auch ganz sicher kein Licht am Ende des ewigen Sozi-Tunnels.

Manfred Löffert / 11.01.2018

Verteidigte die Agenda 2010. Ein Zögling Schröders. Und , jetzt ? Ach ja, er liebt Rockmusik. Mein lieber Herr Weimer, wenn das alles ist, was zu diesem kommenden Hoffungsträger und SPD-Mann zu sagen ist, sehe ich keinen Fortschritt bzw. keine neuen Perspektiven für die abgewirtschafteten Sozis.  Zugegeben, der ist hübscher als der EU-Jogibär , aber Äußerlichkeiten ersetzen keine Inhalte. Na ja, vielleicht begibt er sich in seinem Heimatkreis mal so richtig an die Basis , um dann festzustellen, was die Genossen dort wirklich bewegt und ängstigt. Vor allem sollte er die Probleme der illegalen Zuwanderung und des Familiennachzugs nicht negieren , so wie das die Herren (und Damen), die bei der SPD das Sagen haben, derzeit tun.

Quintus Khuen / 11.01.2018

Noch so einer, der meiner Meinung nach ausser Politik (“politische Wissenschaft”, Soziologie und Geschichte, dann Partei, s. Wikipedia)  nix gemacht und nix gelernt hat.

Kai Arentz / 11.01.2018

Bitte - was ist denn die Aufgabe eines Digitalministers? Typisches Hype-Wording, Schaffung einer neuen Geldversenkung im modischen Mäntelchen. Beide - Tauber als auch Klingbeil haben doch - vermutlich - keine Ahnung was Digitalisierung wirklich bedeutet für die Industrie, mangels Erfahrung in derselbigen.

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