Von Daniel Pipes.
Die Befreiung der letzten noch lebenden Geiseln im Gazastreifen steht Israels Ziel im Wege, die Hamas entscheidend zu schlagen.
Zu diesem Dilemma gab der Publizist Daniel Pipes vom MEF dem italienischen Internet-Portal L’Informale, das sich auf Themen rund um Israel fokussiert hat, kürzlich ein Interview, das hier dokumentiert sei.
L'Informale: In einer Analyse für das Middle East Forum schreibt Zvi Hauser: „Jede Beendigung des Krieges, die nicht die Eliminierung oder den Rückzug der militärischen Kräfte der Hamas aus dem Gazastreifen beinhaltet, wird als Sieg der Hamas interpretiert werden, egal wie groß der Schaden ist, den sie erleidet.“ Stimmen Sie dem zu?
Daniel Pipes: Ich stimme voll und ganz zu, nicht nur, weil die Logik die Beendigung der Macht der Hamas in Gaza erfordert, sondern auch, weil dies das oft wiederholte erklärte Ziel der israelischen Regierung ist. Ich führe zwei Blogs, einen über die Äußerungen von Premierminister Benjamin Netanjahu, der zum Sieg aufruft, einen anderen über andere, die dies tun. Wenn ich mich auf den ersten konzentriere, zähle ich, dass Netanjahu dies seit dem 7. Oktober 163-mal in 56 Erklärungen getan hat.
I: Das sich abzeichnende Abkommen zwischen der Hamas und Israel sieht nach einer Kapitulation Israels gegenüber der Hamas aus. In unserem Interview im November sagten Sie, dass ein „halbes Scheitern“ für Israel „sehr wahrscheinlich“ sei, aber das hier sieht viel schlimmer aus. Stimmt das?
DP: Ja, viel schlimmer. Israels Außenminister Israel Katz erklärte am 27. April: „Die Freilassung der Geiseln hat für uns oberste Priorität“ und fügte hinzu: „Wenn es eine Einigung gibt, werden wir die Operation in Rafah, der letzten Hochburg der Hamas in Gaza, aussetzen.“ Daraus ziehe ich drei Schlüsse: Die Hamas wird weiterleben und Israel erneut bekämpfen; Israels Geisel-Lobby hat ihre Sieges-Lobby besiegt; und all das große Gerede von Netanjahu über einen „absoluten Sieg“ war nur Geschwätz.
I: Die Beendigung des Krieges, nicht der Sieg über die Hamas, scheint die Priorität der Regierung Biden zu sein. Ist das richtig? Wenn ja, warum?
DP: Ja, richtig. Biden will, dass Israel sicher ist, aber er will nicht, dass es gewinnt. Gleichzeitig schickt er 17 Milliarden Dollar Militärhilfe nach Israel und droht damit, Sanktionen gegen das Netzah Yehuda-Bataillon der IDF zu verhängen. Diese paradoxe Politik resultiert aus Bidens Wunsch, sowohl Israel zu schützen als auch die Stimmen der israelfeindlichen Linken zu gewinnen, die er braucht, um im November als Präsident wiedergewählt zu werden.
I: Was sind die geopolitischen Folgen einer israelischen Niederlage in Gaza?
DP: Die Hamas behält die Möglichkeit, Israel vom Gazastreifen aus anzugreifen und gewinnt in ihrem Bestreben, das Westjordanland zu kontrollieren. Die Mullahs in Teheran fühlen sich ermutigt, ihren Stellvertreterkrieg mit Israel fortzusetzen. Die Führer der arabischen Staaten sehen Israel als weniger verlässlichen Partner gegenüber dem Iran. In Jerusalem wird ein Premierminister der härteren Rechten eingesetzt.
I: Israel hat nur minimal auf den iranischen Angriff reagiert. Ist das eher eine amerikanische oder israelische Entscheidung?
DP: Die Meinungen gehen auseinander: Einige meinen, dass Israel den Iran angreifen wollte, aber von den Amerikanern zurückgehalten wurde, andere meinen, dass dies im Wesentlichen eine israelische Entscheidung war. Ich weiß nicht genug, um das beurteilen zu können.
I: Sie haben Benjamin Netanjahu 1983 zum ersten Mal getroffen. Bitte beurteilen Sie seinen Umgang mit den aktuellen Krisen.
DP: Seine lange und gemischte Erfolgsbilanz wurde am 7. Oktober beiseitegeschoben, und nun versucht er aus einer schwachen Position heraus, die israelische Abschreckung und seinen eigenen Ruf wiederaufleben zu lassen. Ich fürchte, er ist die falsche Person für diese Aufgabe. Wie Neville Chamberlain hätte er zurücktreten sollen, als die Katastrophe eintrat.
I: Bitte bewerten Sie als Nächstes die Bilanz der Regierung Biden.
DP: Was ich vorhin als eine paradoxe Politik bezeichnet habe, gefällt niemandem und erreicht keine Ziele. Es macht mich traurig zu sehen, dass sowohl Netanjahu als auch Biden ihre persönlichen Interessen über ihre jeweiligen nationalen Interessen stellen.
I: An einigen der amerikanischen Eliteuniversitäten ist eine noch nie dagewesene Hetze gegen Israel und die Einschüchterung und Belästigung jüdischer Studenten zu beobachten. Bitte erklären Sie, wie es dazu gekommen ist.
DP: Es ist der Höhepunkt von jahrzehntelangem Antizionismus, der an Antisemitismus grenzt. Schließlich waren alle Voraussetzungen gegeben. Die Universitätsverwaltungen sind auf diesen Ausbruch ebenso wenig vorbereitet wie Israel am 7. Oktober.
I: Was müssen die Universitäten tun, um das Problem zu lösen?
DP: Sie müssen die vorherrschende Monokultur der Linken durchbrechen. Um ein Beispiel zu nennen: die Universität von Pennsylvania (in deren Nähe ich wohne und wo ich das Anti-Israel-Lager dokumentiert habe): 99,7 Prozent der politischen Spenden ihrer Fakultät im Jahr 2021/22 gingen an die Demokraten.
I: Ist Donald Trump oder Joe Biden als nächster US-Präsident besser für Israel?
DP: Trump verfolgte als Präsident eine weitaus israelfreundlichere Politik als Biden, der sich seinem linken Flügel beugt. Aber Trump ist eine wankelmütige Figur und seit seiner Niederlage im Jahr 2020 verbittert, daher wage ich keine Vorhersage, wie seine Politik gegenüber Israel in der zweiten Amtszeit aussehen könnte. Das gilt vor allem, wenn Netanjahu Premierminister wird, denn Trump nimmt es Netanjahu zutiefst übel, dass er Biden zur Präsidentschaft gratuliert hat (als ob Netanjahu eine Wahl gehabt hätte) und ihn dafür sogar verflucht hat.
Dieser Beitrag erschien zuerst im Middle East Forum.
Daniel Pipes ist Präsident des Middle East Forum und Autor des Buches „Islamism vs. The West: 35 Years of Geopolitical Struggle“ (Wicked Son, 2023).