Rainer Bonhorst / 22.12.2016 / 08:00 / 5 / Seite ausdrucken

Israelische Opfer in Berlin: Das Schicksal kann ein Schwein sein

Hier noch eine kurze Bemerkung zum Terrroranschlag in Berlin. Mich hat besonders berührt, dass es auch einen 60jähriger Mann aus Israel erwischt hat, der jetzt schwer verletzt im Krankenhaus liegt. Seine Frau wird vermisst, was nichts Gutes verheißt. Was mich so berührt ist der Irrsinn des Schicksals.

Wenn man sich die Chronik der laufenden Ereignisse in Israel, dem Heimatland der beiden anschaut, liest sich das ungefähr so: Messerattacke vereitelt; Terroranschlag vereitelt; Messerattacke – zwei Polizisten verletzt; Mörsergranate explodiert; 18jähriger Jude von Araber niedergeschossen; Terroranschlag in Straßenbahn verhindert; Autofahrer bei Schussattacke verletzt und so weiter und so fort. Die kleine Auswahl schildert die israelische Normalität des letzten halben Jahres.

Israel ist ein schönes Land, aber eines, in dem die Eltern nicht wissen, ob ihre Kinder im Teenager-Alter wieder heil nach Hause kommen, wenn sie abends ausgehen. Von diesem schwierigen Normalzustand sind wir meilenweit entfernt. Wir leb(t)en in Frieden und Sicherheit.

Ja, und dann kommt ein Paar aus dem Land, in dem der Terror hinter vielen Ecken lauert, nach Berlin, wo man arm aber sexy ist und wo das Leben auf eine ziemlich entspannte Art spannend ist. Und der eine findet sich als Terror-Opfer im Krankenhaus wieder und die andere ist (bisher) unauffindbar.

Ich weiß nicht genau, was ich damit sagen will. Vielleicht nur, dass das Schicksal ein Schwein sein kann. Aber auf jeden Fall dies: Wir sollten uns vielleicht öfter mal daran erinnern, wie man sich als Israeli unter Dauerbedrohung fühlen muss. Und dann: Sollten Anschläge wie der in Berlin auch unser Alltag werden, dann werden wir etwas Kostbares verloren haben, was wir ein halbes Jahrhundert wie selbstverständlich genossen haben und was die Israelis nie hatten.

Nachtrag: Inzwischen wurde bestätigt, dass die Frau des schwer verletzten Israelis beim Berliner Attentat umgekommen ist.

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Leserpost

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Werner Lange / 22.12.2016

Herr Fasse, in Israel stehen freundliche, lächelnde Polizisten und Soldaten, jederzeit bereit Fragen zu beantworten usw… Waren Sie schon mal am Brandenburger Tor wenn irgendein US-Untersekretär etc. die Botschaft besucht? Dort stehen dann martialische Gestalten herum, nebst allen möglichen gepanzerten Fahrzeugen, die tatsächlich Angst einflößend sind. Diese Angst hatte ich noch niemals bei einem Besuch in Israel, dort habe ich mich immer sicher gefühlt - selbst dann wenn in der Nachbarschaft gerade ein Krieg ausbricht…

Andreas Rochow / 22.12.2016

Das sind Worte eines zwar ratlosen, vielleicht auch traurigen aber echten Mitgefühls. Das zum hohlen Forderwort degradierte Wort Solidarität kann man ja guten Gewissens leider nicht mehr denken. Wir unterdrücken kultiviert unsere Wut und fangen an zu glauben, dass wir alle eine Welt mit offenen Grenzen wollen, in der es kein Recht auf Sicherheit (mehr) gibt. - Dem Autor und allen Lesern ein gesegnetes und friedliches Weihnachtsfest A.R.

Eric Rubinstein sen. / 22.12.2016

Rainer Bonhorst, also die Frau ist vermisst. Sie haben Recht, das lässt nichts Gutes verheißen. In Luft wird sie sich nicht aufgelöst haben und vom LKW pulverisiert wohl auch nicht. Könnte es sein, dass die Frau gleich einem Kairos, die Gelegenheit ergriff, um sich von ihrem Mann aus dem Staube zu machen? Tja, manchmal kann das Schicksal ein Schwein sein, oder die Frau könnte Schwein gehabt haben. Wie auch immer, als israelischer Staatbürger mit Wurzeln eines Berliners, empfinde ich die Instrumentalisierung des Terroranschlags geschmacklos, sehr geehrter Herr Bonhorst.

Paul Siemons / 22.12.2016

Immerhin haben die Israelis stets Regierungen, die für eine größtmögliche Sicherheit unter den gegebenen Umständen sorgen. Das haben die Deutschen nicht mehr. Man versucht uns mit Plattitüden abzuspeisen: es könne keine hundertprozentige Sicherheit geben. Richtig. Dafür gibt es aber jetzt eine hundertprozentige Unsicherheit.

Michael Fasse / 22.12.2016

Sehr guter Hinweis, Herr Bonhorst! Und vielleicht als zusätzliche Bemerkung: Wir werden es in Deutschland, wenn hier nicht eine 180-Grad-Kursänderung eintritt, noch viel schlimmer erleiden müssen. In Israel werden viele Anschläge dadurch verhindert, dass dort an jeder zweiten Ecke ein bewaffneter Soldat steht und die Bewaffnung in der Bevölkerung Wehrhaftigkeit zulässt. Bei uns müssen Terroristen vielleicht Teddybären, Lichterketten oder Empörung fürchten.  Gute Nacht, Deutschland. Schlaf weiter!

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