Stefan Frank / 03.08.2020 / 14:00 / Foto: Brian Snelson / 14 / Seite ausdrucken

Israelische Augen für deutsche Autos

Selbstfahrende Autos („autonomes Fahren“) mit Technik aus Israel werden ab sofort ihren Testbetrieb auf öffentlichen deutschen Straßen beginnen.

Wie der amerikanische Konzern Intel, zu dem die israelische Firma Mobileye – deren Technologie dabei zum Einsatz kommt – gehört, am 16. Juli mitgeteilt hat, hat der TÜV Süd, eine der für die Verkehrssicherheit von Fahrzeugen zuständigen Stellen in Deutschland, die Erlaubnis erteilt, dass selbstfahrende Fahrzeuge von Mobileye in Städten, auf Bundesstraßen und auf Autobahnen mit einer Geschwindigkeit von bis zu 130 km/h fahren dürfen.

Intel hatte die Firma mit Sitz in der israelischen Hauptstadt Jerusalem im Jahr 2015 für 15 Milliarden US-Dollar (13,5 Milliarden Euro) erworben. Computergesteuerte Autos werden damit demnächst in Deutschland – wie derzeit schon in Israel – am Straßenverkehr teilnehmen. Ein menschlicher Fahrer wird aber während des Probebetriebs zur Sicherheit immer am Steuer sitzen und könnte zur Not eingreifen.

Testbetrieb mit Kamerasystem

Der Testbetrieb soll in München beginnen und dann auf andere Teile Deutschlands ausgeweitet werden. Die Technik sei sicher, betont der Konzern: Um die Genehmigung zu erhalten, seien die Testfahrzeuge mit Mobileye „einer Reihe strenger Sicherheitstests unterzogen und mit einer umfassenden technischen Dokumentation versehen“ worden.

Bei seinem Antrag beim TÜV Süd habe Mobileye eine „detaillierte Gefahrenanalyse, Konzepte für Fahrzeugsicherheit und funktionale Sicherheit“ sowie den Nachweis eingereicht, „dass die Autos sicher in den öffentlichen Straßenverkehr integriert werden können“.

Anders als andere Systeme arbeitet Mobileye nicht mit Radar, LIDAR (light detection and ranging – dabei werden Laserstrahlen zur Abstands- und Geschwindigkeitsmessung eingesetzt) oder Ultraschall, sondern allein mit zwölf Kameras, deren zweidimensionale Bilder im Rechner zu einem vollständigen dreidimensionalen Bild der Umgebung zusammengefügt werden.

Ein selbstfahrendes Elektrotaxi

Auf Youtube hat Mobileye bereits vor einigen Monaten ein 22-minütiges Video eingestellt, das eine Testfahrt in Jerusalem zeigt. Man sieht dort gleichzeitig Aufnahmen durch die Windschutzscheibe des Fahrzeugs und von einer Drohne aus sowie das Computerdisplay, das jeden Verkehrsteilnehmer – ob Auto, Fahrradfahrer oder Fußgänger – darstellt.

Im dichten Verkehr von Jerusalem muss sich das Fahrzeug in die richtigen Spuren einordnen, Spuren wechseln, in einen Kreisverkehr einfahren, an Zebrastreifen anhalten und sogar aus einer Parklücke heraus durch behutsames Vor- und Zurückfahren mit anderen Fahrern „verhandeln“ – ihnen anzeigen, dass es sich in den Verkehr einfädeln will.

Die Firma Mobileye hat gegenüber Konkurrenten den Vorteil, dass sie bereits große Automobilhersteller wie Volkswagen und BMW mit Fahrassistenzsystemen ausrüstet, wie etwa Spurhalteassistenten, Rückfahrkameras und Totwinkelwarnern – sie stecken in über 30 Millionen Fahrzeugen weltweit.

Zusammen mit VW und dem großen asiatischen Personenbeförderungsunternehmen Willer entwickelt Mobileye ein selbstfahrendes Elektrotaxi („Robotaxi“), das schon ab nächstem Jahr in Japan und Taiwan getestet werden soll.

Ein Wunder, made in Israel

Später ist ein vollständiger „Mobilitätsservice“ geplant; dafür hat Intel im Mai 2020 die ebenfalls israelische Firma Moovit übernommen, die eine Smartphone-App vertreibt, mit der man Informationen über den öffentlichen Nahverkehr bekommt (das funktioniert jetzt schon) und dann später – ab 2023 – auch ein Robotaxi bestellen können soll.

Moovit wurde 2011 von den Israelis Nir Erez, Roy Bick und Yaron Evron gegründet und hilft dabei, in Großstädten den richtigen Weg zu finden und dabei alle verfügbaren Fortbewegungsmittel zu nutzen. Nach Angaben der Firma wird die App von mehr als 800 Millionen Menschen in 3.100 Städten benutzt und bietet Dienste für 102 Länder der Welt.

Die Jerusalem Post zitierte Anfang Mai Amnon Shashua, den CEO und Mitgründer von Mobileye, mit den Worten, das „Selbstvertrauen“ des Unternehmens sei in den letzten sechs Monaten gewachsen, „wir sind jetzt ziemlich zuversichtlich, dass wir den Zeitplan für das selbstfahrende System einhalten werden“.

In einem Beitrag über selbstfahrende Autos aus Israel schrieb ein Autor der israelischen Wirtschafts- und Technologie-Website Globes einmal von einem „Wunder“:

„Jedes Mal, wenn ich über israelische Autotechnologie schreibe, beeindruckt mich die Größe dieses Wunders. Israel mit seinen überlasteten Autobahnen, mangelnden Fahrkultur, geplagt von Überregulierung und hohen Steuern, dessen öffentlicher Personenverkehr Jahrzehnte hinter den Industrieländern zurück ist, führt dennoch die globale Verkehrsrevolution an.“

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Mena-Watch.

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Leserpost

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Jürgen Albrink / 03.08.2020

Da kaufen VW und BMW die neueste Technik in Israel von einem dort gegründeten Hightec-Unternehmen, dass jetzt zu Intel gehört. Nichts dagegen zu sagen. Aber warum wird sowas nicht hier im Land entwickelt? Sind die schlauen Köpfe schon ins Ausland geflüchtet, weil hier im Land nichts voran geht? Das war früher aber mal ganz anders. Wir kriegen nicht mal eine gescheite Corona-App auf die Reihe. Das kommt davon, wenn unsere Regierung mal was mit Computer und Internet macht dann, ist sie überfordert.

Peter Ackermann / 03.08.2020

Was für eine Symbolik, wenn israelische (An-) Sichten deutsche Augen öffnen…

Petra Wilhelmi / 03.08.2020

Na, ich hoffe, dass in meiner Heimatstadt kein Menschenexperiment mit selbstfahrenden Autos gemacht werden wird. Ansonsten wüsste ich gern, wo die langfahren und die Gegend würde ich strikt meiden. Bei aller Liebe. Soweit ist die Entwicklung einer KI nicht fortgeschritten, als dass sich Autos autonom mitten im dicksten Verkehrsgewühl zurechtfinden könnten, wo man das Verhalten von Fahrradfahrern und Fußgängern oft nur schwer einschätzen kann, wo man auch ebenso schwer einschätzen kann, ob der im vor einem fahrenden Auto immer rational handelt. Um das zu ermöglichen, müsste es auch eine fehlerfreie Software geben, die aber auch auf alle Unwägbarkeiten reagieren müsste . Mit persönlich ist so eine normale fehlerfreie Software mit begrenzter KI, noch nie untergekommen. Die hakt immer irgendwo und mein PC stürzt auch immer mal wieder aus unerfindlichen Gründen ab. Und wenn der Fahrer dann noch wie ein Heftelmacher aufpassen muss, damit er bei Gefahr eingreifen kann, dann denke ich, dass das keinem Fahrer zuzumuten wäre, weil ein Mensch, der bloß hingucken muss, ermüdet und wenn es brenzlig wird, erst sein Reaktionsvermögen hochfahren muss. Assistenzsysteme im Vergleich mit einem Robotfahrzeug - da liegen Welten dazwischen.

Heino Ranztau / 03.08.2020

Israel hat Moovit, Deutschland hat Wirecar. Pardon, Wirecard.

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