Wer ein realistisches Bild von Israel haben möchte, dem seien zwei Bücher empfohlen: Arnold Zweig: „De Vriendt kehrt heim“ und Chaim Noll: „Die Stille am Morgen nach dem Krieg“.
Arnold Zweig, ein zu Unrecht fast vergessener Schriftsteller, lebte während des Zweiten Weltkrieges in Israel. Von dort kehrte er in die DDR zurück – wohl nicht ganz freiwillig, sondern auf Druck der Sowjets, die berühmte Aushängeschilder für die DDR brauchten. Zweig war im Arbeiter-und-Bauern-Staat hochgeehrt, aber unglücklich.
Sein Roman „De Vriendt kehrt heim“ ist der früheste Roman über den Nahostkonflikt. Er liest sich wie eine Zeitmaschine. Die Handlung basiert auf einem politischen Mord, der im Jahr 1929 in Jerusalem von einem kürzlich eingereisten kommunistischen Juden an einem Führer der Ultraorthodoxen begangen wurde.
An einem Spätsommerabend wird der Schriftsteller und Jurist Jizchak Josef de Vriendt in Jerusalem erschossen. Sofort wird vermutet, dass ein Araber der Täter gewesen ist, denn de Vriendt war seinem arabischen Schüler Saud näher gekommen, als es sein durfte. Aber bald kommt der Verdacht auf, dass der Mörder aus den zionistischen Kreisen stammen könnte, die in dem klugen, auf Ausgleich mit der arabischen Seite bedachten Politiker einen Verräter an der nationalen Sache sehen. Mr. Irmin, Chef des Geheimdienstes bei der britischen Verwaltung von Palästina, ein Freund de Vriendts und eingeweiht in dessen Freigeisterei, will den Täter stellen. Seine Fahndungen konfrontieren ihn mit der explosiven Situation im Land, den rivalisierenden Bevölkerungsgruppen der Araber, Juden und Christen.
Die unter britischer Mandantschaft eingewanderten Juden kauften den arabischen Landbesitzern ihre Weiden ab und verwandelten den erstaunlich fruchtbaren Wüstenboden in Felder, die reiche Ernte brachten. Sie bauten Straßen und Fabriken und lebten in Kibbuzen nach kommunistischen Regeln. Sie brachten die Moderne nach Palästina, dessen arabische Bevölkerung in ihrer traditionellen Lebensweise verharrte. Die Briten hatten in Palästina knapp 50 Mann stationiert, während die Franzosen in Syrien 10.000 Soldaten brauchten.
Zweigs Schilderungen der überwältigenden Landschaft, der unterschiedlichen Bewohner und des Klimas sind so meisterhaft, dass man Palästina im Jahr 1929 vor Augen hat. Gleichzeitig erfährt der Leser viel über eine historische Tradition von mehr als dreitausend Jahren. Zweig war nicht nur ein Schriftsteller von Weltrang, sondern auch von einer Bildung, die heute kaum noch vorstellbar ist.
Es genügte ein kleiner Anlass, um die Situation eskalieren zu lassen. Palästina erlebte einen unnützen, aber heftigen Bürgerkrieg. Alles, was Zweig da beschreibt, liest sich wie ein Menetekel. Der Aufbau-Verlag hat sich hoch verdient gemacht, als er den Roman neu auflegte, denn er erhellt den Blick auf die heutige Situation.
Mit seiner großen Familie in den Krieg geworfen
Diese wird von Chaim Noll in seiner Novelle „Die Stille am Morgen nach dem Krieg“ beschrieben. Die Handlung spielt zwar im Gaza-Krieg 2009, beschreibt aber die heutige Situation genauso.
Ein ehemaliger Hochschullehrer, der in der Wüste Negev im Einschussbereich der in den deutschen Medien verharmlosten „selbstgebastelten“ Raketen lebt, wird mit seiner großen Familie in den Krieg geworfen. Intensiv wird mit Hilfe tagebuchartiger Eintragungen geschildert, wie das ehemals beschauliche Leben mit dem Krieg überzogen wird.
Bei Kriegsausbruch war Gaza schon seit vier Jahren von den Israelis komplett geräumt. Die internationalen Hilfsmilliarden wurden aber nicht genutzt, um Gaza aufzubauen und auf wirtschaftlich eigene Füße zu stellen, sondern die Hamas grub eifrig Tunnel und produzierte Kriegsgerät. Eine holländische Initiative, die Geld für Gaza sammelte und dafür Straßenbeleuchtung installierte, musste nach einem Jahr feststellen, dass die Laternen verschwunden waren. Die Hamas hatte festgestellt, dass die Pfähle gut zu Raketenrohren umzufunktionieren waren. Die Hilfsmittel, die von der UNO und ihren Mitgliedstaaten nach Gaza geschickt wurden, landeten bei der Hamas, die sie für Munition verhökerte. Bewohner, die sich ohne Erlaubnis der Hamas Lebensmittel aus den Hilfstransporten beschaffen wollen, wurden niedergeknüppelt. Schon 2009 gab es eine Bodenoffensive der israelischen Armee mit dem Ziel, die Hamas auszuschalten. Damals wurde das Unternehmen auf internationalen Druck hin abgebrochen – ein schwerer Fehler, wie sich spätestens am 7. Oktober 2023 herausstellte.
Wie lebt es sich im Krieg? Nolls Figur hat den Luftschutzbunker im eigenen Haus. Das Internet funktioniert trotz des Beschusses, so kann man E-Mails beantworten, lesen oder zeichnen – was man auch sonst tun würde, zum Beispiel darüber nachdenken, was man in einer zunehmend fragmentierten Gesellschaft tun muss, um die Freiheit zu bewahren. Prekärer ist es, wenn man vom Luftalarm erwischt wird, während man im Auto unterwegs ist und sich in den Straßengraben schmeißen muss. Die Bewohner der betroffenen Gebiete müssen sich an den ständigen Lärm der Flugzeuge und der Raketen gewöhnen. Sie nehmen ihn nur noch als Hintergrundgeräusch wahr, während das Leben weitergeht.
Zum Beispiel die Arbeit am Garten, der auf dem erstaunlich fruchtbaren Wüstenboden zur subtropischen Üppigkeit heranwächst und ständig gestutzt werden muss, damit sich die Pflanzen nicht gegenseitig das Licht wegnehmen. Übrigens erkennt man bis heute israelische Dörfer daran, dass sie von dichtem Grün umgeben sind, während arabische Dörfer weitgehend kahl sind.
Jeder Krieg endet irgendwann – durch Kapitulation oder durch Waffenstillstand, wie dieser. Der Konflikt wird eingefroren, bis er eines Tages wieder ausbricht. Krieg kann nur durch Verhandlungen überwunden werden, aber wenn eine Seite nicht an Verhandlungen interessiert ist, fällt diese Option aus.
Nolls Protagonist ist klar, dass seine Enkel, die noch zur Schule gehen, eines Tages werden kämpfen müssen – in Gazas verminten Gassen und tödlichen Tunneln. Sie werden auf Terroristen schießen müssen, den Geruch von Leichen einatmen und ihr eigenes Leben riskieren. Aber erst einmal ist der Krieg zu Ende. Er geht so schnell vorüber wie alles in diesem Leben – das Gute und das Böse. Schon am nächsten Tag fängt man an, den Krieg zu vergessen. Aber unvergessen bleibt die Stille am Morgen nach dem Krieg.
Arnold Zweig: „De Vriendt kehrt heim“ und Chaim Noll: „Die Stille am Morgen nach dem Krieg“.
Vera Lengsfeld, geboren 1952 in Thüringen ist eine Politikerin und Publizistin. Sie war Bürgerrechtlerin und Mitglied der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR. Von 1990 bis 2005 war sie Mitglied des Deutschen Bundestages zunächst bis 1996 für Bündnis 90/Die Grünen, ab 1996 für die CDU. Seitdem betätigt sie sich als freischaffende Autorin. 2008 wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande geehrt. Dieser Beitrag erschien zuerst auf ihrem Blog vera-lengsfeld.de. Vera Lengsfelds Buch „Ist mir egal – Wie Angela Merkel die CDU und Deutschland ruiniert hat“, Achgut Edition, ist hier im Achgut-Shop bestellbar.
Beitragsbild: Government Press Office (Israel) CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Ja, im lyrischen Ich der Novelle steckt sehr viel Chaim Noll.
Nur hat der Autor eben nichts Juristisches studiert hat – aber spätestens an der Stelle merkt man auf: Kein autobiografischer Text, geschmuggelt über welche (Zeit-)Grenze auch immer, sondern: Literatur.
Gerade gelesen, parallel zu „Smartphone und Scharia“…
Empfehlung!
Wer -und das nicht zum ersten Mal- Verhandlerdelegationen während eines Verhandlungsprozesses militärisch angreift, egal um wen es sich handelt, um diese zu eliminieren, handelt gegen seit Menschengedenken geachtetes Sozialverhalten zwischen den Völkern der Welt. Ich schätze, das wird auch hinsichtlich der Zukunft und des damit zerstörten Vertrauens weltweit beobachtet und berücksichtigt werden, zum Nachteil der Unterstützer oder auch „schweigend Duldenden“.
Für Israel gibt es kein davor und danach in Sachen Krieg. Eines tages wird es untergehen und selbst dafür gesorgt haben. Nur ein Fakt ist schon bekannt, am meisten betroffen wird Deutschland sein.
Der große Neid der stammesgebundenen Araber und der kollektivistischen Palästinaverherrlicher in der westlichen Welt auf die freiheitliche eigentums- und rechtsbasierte Erfolgsgeschichte Israels ist die Triebkraft dieses Jahrhundertkonfliktes im Nahen Osten, oder?
„Arnold Zweig, ein zu Unrecht fast vergessener Schriftsteller, lebte während des Zweiten Weltkrieges in Israel.“ – Entweder lebte Arnold Zweig in einem Paralleluniversum oder die Geschichte Israels muss neu geschrieben werden. Richtig ist, dass A.Zweig nach dem Zweiten Weltkrieg von Israel in die DDR umsiedelte.
Diesmal ist die Situation vergleichbar mit 1948. Israel wird die Palästinenser vertreiben aus Gaza und aus Westjordanland. Ein Wiederaufbau des Gazastreifens ist ausgeschlossen, im Wesentlichen weil das eine Stärkung der Hamas bedeutet. sowie eine Stärkung der UNRWA, die im Vollzugriff der Hamas ist. Ob es einen Unterschied zwischen palästinensischen Volk und Hamas gibt, ist bei über 90% Zustimmung für die Geiselnehmer ohnehin bedeutungslos. Dazu kommen die Faktoren Trump und Netanjahu. Trump hat klargemacht, dass er sich Gaza ohne Palästinenser vorstellen kann, und redet offen über deren Umsiedlung. Netanjahu will in die Geschichtsbücher eingehen, indem er das Palästinenserproblem löst, und weiss, dass sein Zeitfenster sehr klein ist. Ist Trump weg, ist es geschlossen. Was die Palästinenser selbst betrifft, ist klar, dass sie jede Friedenslösung ablehnen, wie schon seit 77 Jahren. Ich hoffe nur, dass die deutsche Regierung nicht auf den Gedanken kommt, die Goldstücke nach D zu holen und hier einzubürgern. Wir haben schon zuviele davon. Sollen die islamischen Staaten endlich mal ihre eigenen Flüchtlinge aufnehmen, anstatt sie in unserem Sozialsystem abzuladen.
Tja, Frau Lengsfeld, auch die Bildung eines Herrn Zweig ist begrenzt. Die Zionisten waren vor gut 100 Jahren nicht ganz so smart, wie heute. Wäre der Kaiser von Zion unterstützt worden, hätte man schon 1922 Israel haben können & nicht erst mit der Britischen Verarsche 1948. Wir hätten uns alle dann auch den ganzen Kack-Zinnober mit der Weimarer Zeit & dem III. Reich ersparen können.