Vera Lengsfeld / 05.11.2007 / 19:38 / 0 / Seite ausdrucken

Israel und das Palästinensische Autonomiegebiet

Auf dem Weg nach Jerusalem kommen wir an einer weiteren spektakulären Ausgrabung vorbei. Das antike Bet She`an wurde unter einem Olivenhain entdeckt. Auch hier reichen die Anfänge der Stadt bis ins 5. Jahrtausend vor Christus zurück. Im zweiten Jahrhundert vor Christus wurde die Stadt jüdisch, kam aber nach dem Jüdischen Krieg im Jahre 63 in die Hände der Römer. Siebenhundert Jahre später wurde die Stadt durch ein Erdbeben zerstört, geriet in Vergessenheit und wurde von arabischen Siedlungen überbaut. Der nicht verschüttete Teil des riesigen Amphietheaters wurde dafür als Steinbruch genutzt.
Bei den umfangreichen Ausgrabungen werden neben Studenten vor allem Einwanderer eingesetzt. Ein kluges Konzept, denn so wird den Neuankömmlingen die Geschichte ihrer Wahlheimat intensiv nahe gebracht.
Aber die Israelis geben ihrem Land nicht nur seine Geschichte zurück. Sie machen es wieder fruchtbar. Nehmen wir die Geschichte von Bet Alpha. In den dreißiger Jahren kauften jüdische Siedler Weideland von den Beduinen. Sie mussten es sofort unter den Pflug nehmen, denn unbearbeitetes Land fiel nach einem Jahr an die Vorbesitzer zurück. Es gab noch mehr Schwierigkeiten. Der Aufstand der Araber gegen die Britische Mandatsmacht in den Dreißiger Jahren richtete sich auch gegen die jüdischen Siedler. Um ihr erworbenes Land zu verteidigen, entwickelten sie kleine, mit einem Holzzaun umfriedete Barackensiedlungen, in deren Mitte ein Turm stand, von dessen Plattform aus die Umgebung ständig beobachtet wurde. Über Leuchtsignale, die vom Turm ausgesandt wurden, standen die einzelnen Siedlungen miteinander in Verbindung. Um vor Gewehrkugeln geschützt zu sein, war der Holzzaun doppelt ausgeführt. In die Mitte füllte man kleine Steine, die als Kugelfang dienten. Die Araber waren von dieser Entschlossenheit, sich zu verteidigen, so überrascht, dass sie ihre Angriffe irgendwann einstellten. Wenn man sich heute den Nachbau einer solchen Wehrsiedlung anschaut,  staunt man über die äußerst einfache Lebensweise, die diese Pioniere auf sich genommen haben. Man schlief zu dritt oder zu viert in einem Raum, der nicht mal über einen Kleiderschrank verfügte. Unter dem Bett war Platz für einen Koffer mit persönlichen Habseligkeiten, mehr Individualität erlaubten sich die Siedler nicht. Die Leute von Alpha bet wurden auf besondere Weise für ihre Mühen belohnt. Beim Pflügen fanden sie das Bodenmosaik einer Synagoge, die ihre Vor-, Vorfahren errichtet hatten. Ein wunderbares Zeugnis jüdischen Lebens, denn außer den Mosaiken, die von ländlichen Künstlern in der naiven Art von Kinderzeichnungen ausgeführt wurden, fand sich eine Inschrift, dass die Bewohner des versunkenen Dorfes 100 Maß Getreide gespendet hatten, damit ihre Synagoge ein Bodenmosaik bekommt, wie sie es von den Synagogen der großen Städte gehört hatten.
Während die Israelis ihr Land stetig verbessern, trifft man die gegnteilige Haltung in den Palästinensischen Autonomiegebieten. Die erreichen wir am Abend, denn unsere nächste Unterkunft befand sich in Bethlehem. Unseren Guide Chajim hatten wir in einem Hotel in Jerusalem zurück lassen müssen., denn, wie auch ein großes gelbes Schild vor dem Checkpoint verkündigte, israelischen Staatsbürgern war der Zutritt nicht gestattet. Nicht mal im israelischen Bus durften wir bleiben, für die kurze Fahrt zwischen Checkpoint und Hotel benötigten wir einen palästinensisches Fahrzeug. Am ersten Tag war das noch der Bus einer Partnerfirma des Reiseunternehmens, mit dem wir unterwegs waren. Aber schon am nächsten Morgen war ohne jede Vorwarnung ein anderer Fahrer da, mit einem Bus, der von außen demonstrierte, wie viele Zusammenstöße er überstanden hatte und dessen Inneres so verdreckt war, dass man kaum wusste, wohin man sich setzen sollte. Außerdem spießten gebrochene Federn aus der Polsterung, so dass es ein Wunder war, dass sich nur eine Mitreisende die Hose zerriss. Der Fahrer ließ durch Mine und Körperhaltung erkennen, wie unangenehm es ihm war, uns kutschieren zu müssen. Warum tat er es dann, warum wurde er überhaupt eingewechselt? Diese Fragen blieben unbeantwortet, denn er sprach weder mit uns, noch mit unserem Guide.
Unser Hotel, kurioserweise „Paradise“ genannt, soll bis Mitte der Neunziger ganz gut gewesen sein. Jetzt trug es die unübersehbaren Zeichen von Vernachlässigung. Sobald wir den Speisesaal und das Abendessen gesehen hatten, sehnten wir uns in den Kibbutz zurück. Nach dem Essen blieb nur die Aussicht einen trüben Abend in der Hotellobby verbringen zu müssen. Also überredete ich zwei Mitreisende zu einem Abstecher in die Stadt. Ich hatte im Reiseführer gelesen, dass es einen schönen Platz, den Manger Square, mit romantischen Gassen in der Nachbarschaft geben sollte Also machten wir uns auf in die Richtung,, die uns anfangs von einem Polizisten gewiesen wurde. Als wir nach zwanzig Minuten den Platz immer noch nicht erreicht hatten, fragten wir Leute auf der Straße. Niemand schien davon gehört zu haben. Nach weiteren fünf Minuten fiel mir auf, dass die Straßenlaternen plötzlich antik waren. Ich vermutete, dass wir nun nicht mehr weit vom Ziel entfernt seien. Richtig. Kurz darauf lag der Manger Square vor uns. Allerdings war von den vielen Restaurants, die ihn prägen sollen, nichts zu sehen. Er war menschenleer, bis auf ein paar Jugendliche in der Ecke, deren Anführer auf Händen vor ihnen paradierte. Als sie uns sahen, schnellte der Anführer zurück auf seine Füße und sein Trupp bewegte sich auf uns zu. Ob wir wüssten, was das für ein Platz sei, fragte er, nachdem sie uns erreicht hatten. Sein Ton legte die Vermutung nahe, dass mindestens palästinensische Märtyrer hier umgekommen sein müssten. Ich erklärte, wir seien erst vor zwei Stunden angekommen und wüssten noch nichts über diesen Platz. Woher wir seien? Aus Berlin. Danach wurde seine Stimme etwas freundlicher. All we want, is peace and respekt. Diesen Satz hörte ich von Jugendlichen in den drei Tagen, die wir in Bethlehem waren, immer wieder. Als hätte ihn jemand als Parole herausgegeben.
Die angeblich lebhaften Seitenstraßen des Platzes waren ebenfalls leer. Bis auf eines waren alle Geschäfte geschlossen. Naja, es war schon Abend. Aber als wir am nächsten Tag wiederkamen, waren die meisten Läden immer noch zu. Dafür gab es jede Menge politische Propaganda, wie zu DDR-Zeiten. Damals war alles Inter-, Interflug, Intershop, Internationale Solidarität. Hier war alles Peace: Peace-Cafe, Peace- Place, Bethlehem war eine einzige City of Peace. Warum fühlte man sich dann wie mitten im Krieg? Die Stadt vibrierte vor unterdrückter Aggressivität. An der Mauer hingen riesige Fotos von zu Fratzen verzogenen Gesichtern. Sollte das witzig sein? Was taten all die Jugendlichen , die an jeder Ecke zu sehen waren? Ihre Freundlichkeit den Touristen gegenüber war zu bemüht, um echt zu sein.
Am nächsten Tag wurde uns vor Augen geführt, was Palästinenser unter Gastfreundschaft verstehen. Unsere Gruppenleiterin wurde von einer palästinensischen Christin angerufen, angeblich im Auftrag unserer Reiseagentur. Sie lud uns zu einem Vortrag mit Kaffee und Kuchen ein- für 10€ pro Person. Da sie behauptete, beauftragt worden zu sein, wollten wir das Angebot nicht ganz ablehnen. Wir würden auf eine Tasse Kaffee vorbei kommen, wollten aber keinen Vortrag. Und über den Preis müssten wir auch noch reden. Als wir uns dann im Haus befanden, wo uns die Dame in einem schön bestickten traditionellen palästinensischen Kleid empfing, hieß es, jetzt seien wir Gäste, es wäre eine Beleidigung, wenn wir wieder gehen würden, weil uns der Preis zu hoch sei. Was passiert, wenn eine Reisegruppe im Autonomiegebiet einen palästinensischen Gastgeber beleidigt, wollte ich lieber nicht wissen. Also plädierte ich dafür, dass wir uns ins Unvermeidliche fügen. Überraschend ging die Dame dann doch mit dem Preis herunter, aber dafür wollte sie uns unbedingt beim Kaffeetrinken etwas erzählen dürfen. Sie begann ihren Vortrag mit einem Klagelied darüber, wie angeblich israelische Reiseführer zu verhindern suchen, dass Touristen im Autonomiegebiet etwas kaufen. Das konnte Waltraud, die unsere Reise initiiert hatte, nicht auf ihrem Freund Chajim und seinen Kollegen sitzen lassen. Sie widersprach heftig. Tatsächlich war es so, dass Chajim bis an die Grenze der Unhöflichkeit versucht hatte, uns von Einkäufen abzuhalten , mit dem Hinweis, es gäbe in Bethlehem alles, was wir uns wünschten. Die Dame war einen Augenblick aus dem Konzept gebracht, stellte sich dann aber schnell um .Sie erzählte ein paar Anekdoten ,denen wir entnehmen sollten, dass nicht alle Israelis schlecht seien und träufelte ihr Gift vorsichtiger. Warum hatte sie ihren Söhnen verboten, sich an der Intifada zu beteiligen? Indem sie ihnen klar machte, dass sich die israelischen Soldaten mit ihren Panzerwagen nur vor die Schulen stellten, um die Kinder zum Steine werfen zu provozieren, um anschließend die Schule schließen zu können und palästinensische Kinder am Lernen zu hindern. Beim anschließenden Stadtrundgang wies sie auf die Wasserbehälter auf den Dächern, in denen Wasser mit Sonnenenergie gewärmt wurde, mit der Behauptung, diese Behälter seien nötig, um Regenwasser aufzufangen, weil die Israelis nur zwei mal am Tag Wasser zu den Palästinensern lassen würden. Für wie blöd hielt sie uns? Warum lag so viel Müll auf den Straßen? Weil den Palästinensern keine Abfallbehälter zur Verfügung gestellt würden. Was machen sie denn mit dem vielen Geld von der EU? Wer hindert die Autonomiebehörden, für Sauberkeit auf den Straßen zu sorgen? Israelische Schüler und Studenten sammeln freiwillig Müll in den Erholungsgebieten und in der freien Natur. Warum können palästinensische Jugendliche nicht etwas Ähnliches zu tun?
Bethlehem wurde für das Jahr 2000 nach Christi Geburt mit viel Geld auf Hochglanz gebracht. Davon ist nicht mehr viel übrig. Aber Schuld sind immer nur die anderen.
Die Touristen sollen kommen und ihr Geld im Autonomiegebiet lassen. Aber man tut wenig, damit sie sich wohl fühlen. Im Gegenteil. Als wir an der Geburtskirche ankommen, ist es kurz vor Sonnenuntergang. Die gläubigen Moslems wurden zum Gebet gerufen. Ich kann mich noch genau erinnern, wie es war, als ich den Gebetsruf eines Muezzin in Ankara das erste mal hörte. Ein eindringlicher, aber zarter Ton schwebte über der Stadt. In Bethlehem ist der Gebetsruf so laut und aggressiv,  dass die Gläubigen vor der Geburtskirche ihre eigenen Worte kaum noch verstanden. Mit Respekt vor anderen Religionen hat das nichts zu tun. Friedlich ist das auch nicht. Die Palästinenser reden vom Frieden, aber so, wie sie sich verhalten, wird er mit ihnen nicht kommen.

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