Eran Yardeni, Gastautor / 17.03.2013 / 10:08 / 0 / Seite ausdrucken

Israel-Kritik und Kausalitätsprinzip

Eran Yardeni

Was die Israel-Kritik in vielen Fällen zu einer tragikomischen Farce macht, ist erstaunlicherweise nicht unbedingt ihr Inhalt. Schließlich sind auch viele Israelis der Meinung, dass der Ausbau der Siedlungen in Judäa und Samaria ein politischer und wirtschaftlicher Fehler sei und dass Israel dieses Territorium schnell loswerden muss, bevor es sowohl demografisch als auch politisch zu spät ist.

Nur am Rand der israelischen Gesellschaft glaubt man heute noch, dass der Konflikt im Nahen-Osten allein mit militärischen Mitteln gelöst werden kann oder dass man die arabischen Israelis dazu überreden kann, ihr Glück und ihre Zukunft im künftigen Palästina zu suchen. Mit anderen Worten: Die Israelis sind politisch vernünftiger und nüchterner, als die Europäer glauben wollen.

Aber wenn eine breite Schicht der israelischen Gesellschaft tatsächlich der Meinung des durchschnittlichen, den SPIEGEL und die taz lesenden Israel-Kritikers ist, warum tun sich Israel-Sympathisanten mit der Israel-Kritik so schwer?

Die Antwort hat nicht mit dem Inhalt der Kritik zu tun, sondern mit einer physikalisch-philosophischen Grundeinstellung zum Leben, die man in dem bekannten Axiom findet: „Jedes Ereignis hat eine Ursache“. 

Stimmt, jedes Ereignis hat tatsächlich eine Ursache, was aber nicht bedeutet, dass man immer eindeutig sagen kann, welche Ursachen zu welchen Ereignissen führen. Lassen Sie uns der Ausbau der Siedlungen als Beispiel nehmen.

Wenn Israel-Kritiker die israelische Siedlungspolitik angreifen und kritisieren, dann glauben sie wirklich, dass es zwischen dieser Politik und der Weigerung der Palästinenser zu verhandeln, eine Kausalbeziehung gibt. Mit anderen Worten: Die israelische Politik ist die Ursache für die palästinensische Hartnäckigkeit. Die Möglichkeit, dass es zwischen diesen beiden Phänomenen gar keine Kausalbeziehung gibt, dass die Palästinenser vor allem vor sich selbst Angst haben, ist für sie undenkbar.

Ein anders Beispiel ist die sogenannte israelische Belagerung des Gazastreifens. Nach Ansicht der Israel-Kritikern ist diese Belagerung die Ursache für die mörderische Politik der Hamas. Der Gedanke, dass die Hamas eine Terrororganisation ist, die sich das Ziel gesetzt hat, Israel zu vernichten, und dass sie nicht re-agiert sondern vor allem initiiert, kommt ihnen absurd vor.

Der Versuch, den heutigen Konflikt auf den 6-Tage Krieg zurückzuführen, als ob vorher die Beziehungen zwischen Arabern und Juden friedlich und rosig gewesen wären, ist ebenfalls ein weiteres Symptom dieser selektiven Wahrnehmung und epistemologischen Krankheit.

Die Frage, warum aus denselben Tatsachen entgegen gesetzte Schlussfolgerungen gezogen werden, kann ich im Rahmen dieses kurzen Texts nicht beantworten. Das menschliche Bedürfnis, die Welt als eine nachvollziehbare Abfolge von Ursachen und Wirkungen zu analysieren, kommt höchstwahrscheinlich aus dem Urbedürfnis nach plausiblen Erklärungen für die leidvolle und sinnlose Existenz des Menschen.

In diesem Zusammenhang bietet die Idee der Kausalität die Chance einer optimistischen Einstellung zum Leben. Denn wann man alles erklären kann, kann man auch verbessern und reparieren, was verbessert und repariert werden muss. Das Problem ist, dass die Kausalität als epistemologischer und moralischer Kompass auch das Gegenteil bietet: Eine Flucht vor der Realität mittels der Vernunft. 

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