Israel: Gay-Pride oder “Pinkwashing”?

Ein ungewöhnliches Buch zum Thema „Queerness“ legt der Hentrich & Hentrich-Verlag mit seiner Veröffentlichung „Queer in Israel“ vor. Denn im Mainstream weniger bekannt ist die Tatsache, dass der jüdische Staat zu einem Refugium der LGBT-Community geworden ist und sich ganz bewusst auch als solches präsentiert. Weltweit gehört Israel zu den fortschrittlichsten Staaten, wenn es um Homo-, Bi- oder Transsexualität geht. Auch wenn die „Ehe für alle“ bislang in Israel nicht durchgesetzt wurde, so gibt es die Option der eingetragenen Lebensgemeinschaft für Homosexuelle, ferner ist es auch für gleichgeschlechtliche Paare möglich, Kinder zu adoptieren. Im Ausland geschlossene Homo-Ehen erkennt Israel zudem an. Vor allem die Party-Stadt Tel Aviv gilt mittlerweile als besonders schwulen- und lesbenfreundlicher Ort. Nicht zuletzt die seit 1998 jährlich in Tel Aviv stattfindende „Tel Aviv Pride“, die größte LGBT-Parade Asiens, machte in den letzten Jahren immer wieder von sich reden. Ein Jerusalemer Gegenstück gibt es seit 2002.

Einerseits Bildband, andererseits essayistische Textsammlung, wagt der von Nora Pester herausgegebene Band vor diesem Hintergrund eine Annäherung an weniger beachtete Positionen im LGBT-Spektrum – und wirft als erstes deutschsprachiges Buch (mit englischer Übersetzung) einen vielschichtigen, kritischen und zugleich unverkrampften Blick auf die queere Szene in Israel. Fünf Autorinnen und Autoren nähern sich von verschiedenen Seiten dem Komplex. Ergänzt werden die Texte von bunten, mitunter zu Herzen gehenden Bildern von Ilan Nachum, die die israelischen Gay Pride Paraden von 2017 dokumentieren. Der bekannte Fotograf hielt die Ausgelassenheit und Lebensfreude der „Tel Aviv Pride“ und des „Jerusalem March for Pride and Tolerance“ für den vorliegenden Band fest. Ausdrücklich will das Buch ein Impulsgeber und keineswegs eine vollständige Sammlung zum Thema sein.

Bereits das Vorwort der Herausgeberin Nora Pester bringt das Spannungsfeld, in dem sich queere Israelis heute bewegen, auf den Punkt: Einerseits gibt es einen enormen Einsatz für die Gleichstellung der Homosexuellen seitens der Zivilbevölkerung, die zahlreich auf die Straße geht, wenn sie das queere Leben in ihrem Land für nicht zur Genüge unterstützt hält. Andererseits gründet der Staat Israel sein Selbstverständnis auf sein nicht-säkulares Bekenntnis zum Judentum. Somit besteht die eigentliche Schranke zwischen orthodoxen und liberalen Israelis, und gerade die progressive Zivilbevölkerung kämpft nicht nur für mehr Toleranz gegenüber der LGBT-Community, sondern für Liberalität auf allen Ebenen. Queere Israelis bilden hier keine Ausnahme und sehen sich vor allem im Einsatz für das Gesamtwohl des Staates und die Gleichstellung aller israelischen Bürger, anstatt explizit nach dem Ausbau der queeren Rechte zu streben (wobei diese grundlegend ja auch schon erfüllt sind).

Leihmütter, Ultraorthodoxie und "Pinkwashing"

Sarah Pohl gibt einen Überblick über das umstrittene Thema der Leihmutterschaft in schwulen Kreisen. Während Israel diese Praxis der Kinderaustragung 1996 für heterosexuelle Ehepaare legalisiert hat, werden schwule Paare bislang von dieser Option ausgeschlossen. Vergangenen Juli gingen 100.000 Menschen in Tel Aviv auf die Straße, um hier eine Lockerung zu erreichen. In Anbetracht der Tatsache, dass Kinder, und vor allem leibliche, in Israel eine große Rolle spielen, wird die Dringlichkeit hinter den Gesuchen deutlich.

Aber wie lebt es sich eigentlich – bei aller israelischen Toleranz – wenn man homosexuell ist, jedoch in eine ultraorthodoxe Familie hinein geboren wurde? Dieses Lager stellt schließlich den Großteil der LGBT-Kritiker in Israel. Der Fotokünstler und ehemalige Talmud-Schüler Benyamin Reich erzählt, wie es ihm und seiner Familie gelungen ist, auf Schwarz-Weiß-Denken zu verzichten und Religion und Anderssein zu verbinden.

Aller bestehenden Probleme zum Trotz erscheinen die hier geschilderten Zustände nahezu paradiesisch, wenn man bedenkt, dass Israel ein Land des Nahen Ostens ist. Frederik Schindler beschäftigt sich mit den von Homophobie geprägten Nachbarländern Israels. In den meisten Staaten der Arabischen Halbinsel steht Homosexualität unter Strafe, und wo sie per Gesetz erlaubt ist, macht die Zivilbevölkerung bekennend homosexuellen Menschen meist das Leben zur Hölle. „Israel: Eine Oase der Freiheit im Nahen Osten“ betitelt der Autor daher auch seinen Beitrag.

„Queere Ressentiments“

Paradoxerweise sieht sich Israel aufgrund dieser Liberalität Anfeindungen mancher (linker) Aktivisten ausgesetzt. Das staatlich stark geförderte Bild des LGBT-freundlichen Israels wird mitunter als sogenanntes „Pinkwashing“ verunglimpft: Als einen Versuch, mit homofreundlichen, „pinken“ Gesetzen und Aktionen vom umstrittenen Umgang mit den Palästinensergebieten abzulenken. Diese Vorwürfe erscheinen jedoch sehr bedenklich, zieht man in Betracht, dass in ebendiesen Palästinensergebieten Homosexuelle bislang geächtet und nicht selten mit dem Tode bedroht werden. 

Berichte über die prekäre Situation queerer Menschen in arabischen Staaten werden jedoch von denselben Kreisen, die sich selbst zu „Pinkwatchern“ erkoren haben, größtenteils nicht als flächendeckendes Problem beschrieben, sondern mitunter als rassistische Verunglimpfung durch die westliche Welt abgestempelt. Somit kann auch Frederik Schindler angesichts der Vorwürfe gegen Israel nur von „queeren Ressentiments“ sprechen, die er „lächerlich“ findet und nicht als respektable Kritik ernst nehmen kann.

Besonders bemerkenswert ist der Beitrag von Noa Golani, die sich als Zionistin und lesbische Frau versteht. Und tatsächlich erweist sie sich als glühende Patriotin, die ihr Land von ganzem Herzen liebt. Das hindert sie dennoch nicht daran, schonungslose Kritik an ihrer Heimat zu üben. Sie spricht von der „Tatsache, dass wir (Queere) keine gleichberechtigten Bürger in unserem eigenen Land sind.“ Und im Gegensatz zu Frederik Schindler attestiert sie Israel bei aller Liebe durchaus „Pinkwashing“. Sie beruft sich dabei auf das enorme Budget, das für die alljährlichen, prestigeträchtigen Pride-Feierlichkeiten vom Staat eingeplant und wiederum queeren Organisationen nicht zuerkannt wird. 2016 sollte sogar ein regenbogenfarbenes LGBT-Flugzeug homosexuelle Touristen nach Israel bringen und an Bord Vermählungen durchführen. Im Auftrag des israelischen Ministeriums für Tourismus. Ein äußerst „ironisches“ Vorhaben, befindet Golani. Denn schließlich wird in Israel die Homo-Ehe nach wie vor nicht durchgeführt. Mit dieser Haltung war sie in queeren Kreisen nicht alleine, es gab enormen Protest und schließlich wurde von dem Plan Abstand genommen.

Womöglich liegt Israels größte Herausforderung – der Grund für die oft zitierte komplizierte queere Situation – im Spagat des Landes zwischen Liberalität und Orthodoxie, so wie es Nora Pester in ihrem Vorwort beschreibt. Künftige queere Konflikte im LGBT-Bereich werden sich voraussichtlich weiterhin entlang dieser zwei Fronten entspinnen. Nichtsdestotrotz ist Israel bereits heute ein Land vieler Möglichkeiten. Dazu gehört auch die Möglichkeit der breiten und ausführlichen Kritik an den eigenen Verhältnissen. „Queer in Israel“ ist ein schönes und konstruktives Beispiel für diese Kritikfähigkeit.

Infos zum Buch: „Queer in Israel“, herausgegeben von Nora Pester mit Fotografien von Ilan Nachum, Deutsch/Englisch, 168 Seiten, 84 Farb-Abb., Hardcover, 24,5 x 22 cm. € 24,90, ISBN 978-3-95565-282-1, Hentrich & Hentrich Verlag Berlin 2018, hier bestellbar. Die Achgut.com wird in den nächsten Tagen einen Auszug daraus veröffentlichen.

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Leserpost (9)
Karl Eduard / 10.01.2019

Nehmen wir spasseshalber mal an, Israel wäre ein Staat, der lange bestehen möchte. Dann ist diese Toleranz das beste Mittel, die Existenz des Staates zu unterminieren.  Aus gleichgeschlechtlichen Partnerschaften entstehen nun mal keine Kinder und nur die sind im Stande, einen Staat als Staat zu erhalten. Das ist einfache Logik.

Walter Knoch / 10.01.2019

Toleranz kommt von tolerare: zu deutsch: erleiden, erdulden. Was heute gefordert wird, hier in unseren Landen, allerdings nur von den schon länger hier Lebenden und nicht von den neulich Hinzugekommenen, ist Akzeptanz. Und dieses ist etwas ganz anderes. Zur Erreichung dieser Akzeptanz setzt man Hierzulande schon einmal die grundgesetzlich geforderte Neutralität des Staates in der schulischen Erziehung außer kraft. Ich nehme für mich in Anspruch, die gleichgeschlechtliche Sexualität als restringiert, härter ausgedrückt, als kastriert zu betrachten. Mit Fug und Recht, weil dieser Sexualität eine grundlegende Komponente fehlt: Die Potenz zur Weitergabe des Lebens. Die Fähigkeit ein Kind ins Leben zu rufen. Es fehlt ihr die, der gleichgeschlechtlichen Sexualität die Nachhaltigkeit. Lasst Sie nur machen. In spätestens 3 Generationen hat es aufgehört mit der menschlichen Spezie, weil auch das letzte Exemplar ihrer Art der Rasen deckt. Warum sollte ich begeistert sein, wenn sich meine Tochter als lesbisch outete? Weil ihr dann nie das Glück zuteil werden würde - es sei denn, sie bediente sich eines Mannes als Samenspender - , ihr eigenes Kind in den Armen halten zu dürfen. Nie das Glück und die Sorgen, die mit dem Heranwachsen eigenen Nachwuchses einhergehen. Nein, ich halte es mit dem Alten Fritz: Es solle ein jeder nach seiner eigenen Facon selig werden. Doch, wie bei uns mittlerweile üblich, die Homosexualität als das Non-Plus-Ultra herauszuputzen: Noch einmal: Nein, danke. Die alten Griechen wussten schon: Gleiches gleich. Ungleiches ungleich. Und Hetero- und Homosexualität sind qualitativ ungleich! Das Bild oben rief mir den alten Spoerl, Autor der Feuerzangenbowle, in Erinnerung, der in einer Kurzgeschichte das aufdringliche Auge der Kamera, die den Kuss, etwa ureigentlich Intimes, als Großaufnahme zeigt, auf Korn und ins Visier nahm. Die Verabschiedung der Intimität bestimmter Augenblick ist auch ein Faktum, das unserer Gegenwart nicht zur Ehre gereicht.

Anders Dairie / 10.01.2019

Wenn man davon ausgeht, dass zirka 10% der Bevölkerung—es mag regional abweichen—überall zur Kategorie LGBT zu rechnen ist,  ist die politisch-moralische Situation in Israel ein Mittel der Untergrabung hauptsächlich der sunnitischen Staaten in der Levante.  Die Zugehörigen werden überzeugte, ernsthafte Feinde Israels nicht mehr werden können.  Wenn sie ihre Lage in der eigenen Community einmal erkannt haben.  Im Gegenteil.  Netanyahu, der Israel mehr repräsentiert als das hier erkannt zu werden scheint,  ist wohl ein cleverer Bursche.  Und sogar die extremen Schwarzkittel , die nicht arbeiten und kaum zur Armee gehen sind eine Sorge los.  Nämlich, dass ihre eigenen queer Geborenen vom Staat—und damit auch von ihnen selbst—geächtet werde . Man kann über die sex. Präferenz zwanglos hinweggehen. Die Diffamierung dürfte sogar strafrechtlich relevant sein. In diesem Teil der (verlogenen) Welt scheint das utopisch.

Wilfried Cremer / 10.01.2019

Die Mutter der Toleranz ist die (Religion der) Nächstenliebe. Nicht jedes Kind liebt seine Eltern.

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