Im Herbst 2017 trafen sich hochrangige Politiker zentralasiatischer und kaukasischer Staaten in Bischkek, der Hauptstadt Kirgisistans, um über den „Islam im modernen säkularen Staat“ zu diskutieren. Ebenfalls anwesend waren der indische Außenminister und der ägyptische Kulturminister.
Ich war als Experte an dieses Treffen geladen und musste feststellen, dass die muslimischen Politiker besser als ihre westlichen Kollegen verstehen, wie der Islamismus die sakulären Staaten und die Weltordnung herausfordert. So reduzieren sie den Islamismus nicht auf den Terror, sondern begreifen, dass Islamisten eine Weltanschauung vertreten, die einen Scharia-Staat als Ersatz des säkularen Staates fordert.
Zum Schluss ihrer Beratung hielten die Politiker fest: „Wir, die Teilnehmer der internationalen Konferenz, geleitet vom gemeinsamen Wunsch, dauerhaften Frieden zu erreichen (...), anerkennen die Vorteile des säkularen Staates." Es ist demgegenüber sehr kurzsichtig, den Islamismus nur als Terrorismus zu deuten und seine Substanz zu übersehen, die darin besteht, den islamischen Scharia-Staat als Alternative zum säkularen Staat kämpferisch durchzusetzen.
Der Westen hat bisher – in militärischer Kooperation mit Russland – die Bewegung „Islamischer Staat" wegbombardiert, konnte aber nicht die weltanschauliche Ordnungsvorstellung eines Scharia-Staates beseitigen. Diese religiöse Ideologie kann nicht militärisch bezwungen werden. In persönlichen Gesprächen haben alle islamischen Politiker, mit denen ich geredet habe, den Kopf geschüttelt, wie der Westen – parallel zur Bombardierung – Islamisten im Namen der Menschenrechte gegen islamische Herrscher schützt, ja ihnen sogar Asyl bietet.
Westliche Politiker scheinen diese Bedrohung nicht zu verstehen
Westliche Politiker bezichtigen muslimische Staaten, die Menschenrechte zu verletzen, weil sie den Islamismus bekämpfen. In ihrer Deklaration haben sich islamische Politiker für eine „Balance zwischen Beobachtung der Menschenrechte und Freiheiten sowie Gewährleistung der Sicherheit" ausgesprochen. Dieses Gleichgewicht fehlt im westlichen Umgang mit dem islamistischen Jihad, der sich gegen den säkularen Staat richtet. Westliche Politiker scheinen diese Bedrohung nicht zu verstehen.
In Bischkek gab es also eine grosse Debatte über diese Themen, in Gegenwart des damaligen Staatspräsidenten Almasbek Atambajew und unter Mitwirkung vieler Minister islamischer Länder. Anders als im Westen haben sie unzensiert die Vereinbarkeit von Islam und säkularem Staat diskutiert, und das in einer Situation, in der islamistische Bewegungen die Alternative eines Scharia-Staates sogar unter Gewaltanwendung fordern.
Die zentrale Frage lautet, ob der Islam eine Staatsordnung oder nur ein religiöser Glaube sei. Sie ist wichtig für alle 57 islamischen Staaten, selbst für die, die eine islamische Legitimation haben wie Saudiarabien und Marokko, die aber von Islamisten nicht als Scharia-Staat anerkannt werden.
Die Situation in Zentralasien und im Kaukasus ist allerdings speziell, denn die dortigen Staaten standen über viele Jahrzehnte unter sowjetischer Herrschaft, mit dem Säkularismus als offizieller Ideologie. Heute wirkt dies wie eine Belastung, weil Islamisten von Authentizität reden und den islamischen Scharia-Staat gegen den säkularen Staat kontrastieren, den sie mit der belastenden sowjetischen Vergangenheit in Verbindung bringen.
„Geo-civil war of Islam“
Das internationale System besteht jedoch unabhängig vom sowjetischen Säkularismus aus säkularen Nationalstaaten, so dass die Einordnung der heutigen politischen Gebilde in Zentralasien und Kaukasus in eine säkulare Weltordnung eigentlich nichts mit der angeführten sowjetischen Belastung zu tun hat.
Es gibt einen zeithistorischen Kontext der angesprochenen Situation. Global befindet sich die islamische Zivilisation in einer Krise, aus der – wie der amerikanische Politiktheoretiker John Brenkman sagt – ein „geo-civil war of Islam" hervorgeht. In diesem Rahmen findet international eine Diskussion über „war of ideas" statt, die entgegengesetzte politische Ordnungen (religiöser Staat gegen säkularen Staat) beinhaltet. Man könnte sie „weltanschaulichen Krieg" nennen. Auf diesem globalen Niveau tritt der Islamismus auf, vertreten durch totalitäre politische Bewegungen, und fordert den säkularen Staat mit allen Mitteln heraus. Islamisten sprechen vom Islam als din wa daula, das heisst eine Entsprechung des Religiösen und Staatlichen im Islam. Diese Herausforderung ist eine Gefahr für die politische Stabilität der betroffenen Staaten beziehungsweise für das ethnisch-religiöse Gleichgewicht der Gesellschaften in Zentralasien und im Kaukasus.
Dies macht deutlich, dass die Herausforderung des säkularen Staates durch den Islamismus sicherheitspolitisch eine Bedrohung darstellt. Bisher war der Sicherheitsbegriff der internationalen Politik auf das Militärische eingeengt. Seit Beginn der postbipolaren Zeit ist dieser Begriff jedoch so erweitert worden, dass weltanschauliche Herausforderungen wie der Islamismus auch eine sicherheitspolitische Gefahr darstellen. Der Fokus auf Staaten wird zugunsten der Beachtung irregulärer nicht staatlicher Akteure gelockert oder gar aufgegeben.
In diesem Kontext wird zudem die Frage gestellt: Wer bestimmt in der Zukunft die Weltordnung? Wird dies die noch existierende säkulare Weltgemeinschaft tun, oder werden die oppositionellen nicht staatlichen islamistischen Bewegungen hierzu in der Lage sein? Wird der Scharia-Staat den säkularen Staat in einer neuen islamischen Weltordnung ablösen?
Das ist keine Panikmache. Früher konzentrierte sich die Sicherheitspolitik auf die Bedrohung von Staaten durch andere. Heute sind globale politische nichtstaatliche Bewegungen als Akteure mit alternativen Ordnungsvorstellungen eine sicherheitspolitische Gefahr.
In Ägypten zog man die Notbremse
Man kann nicht genug wiederholen, dass westliche Politiker nicht verstehen, dass der „Islamische Staat" nicht nur der Name einer Terrororganisation ist. Der „Islamische Staat“ ist auch der Inbegriff einer totalitären Weltanschauung von einer neuen politischen Ordnung für Staaten und für die Welt. Diese Ordnung beansprucht, den säkularen Staat abzulösen. Es ist nicht nur die Weltanschauung, es sind auch politische Bewegungen, die diese Weltanschauung als Orientierung für ihre Handlungen haben.
Ich möchte nochmals den Unterschied betonen zwischen den ehemaligen sowjetischen Republiken Kirgisistan und Usbekistan als säkulare Staaten, die durch die kommunistische Vergangenheit vorbelastet sind, und den arabischen Ländern, die diese Last nicht haben. Hier hat der säkulare Staat andere Belastungen, unter anderem eine unterstellte Verbindung von Säkularität und Antireligion.
Der ägyptische Minister für Kultur, der in Bischkek von einem hohen Fetwa-Scheich der Al-Azar-Universität begleitet wurde, verteidigte mit Recht die Ablösung der Herrschaft der Muslimbruderschaft in Ägypten unter dem ehemaligen, mittlerweile gestürzten, ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi, weil die säkulare Ordnung besser inneren und äußeren Frieden garantiert.
Im Westen wird der Sturz des islamischen Staates von Mursi als Abbruch der Demokratie angeprangert. Der ägyptische Minister schlug vor, den Begriff „säkular" (arabisch „Ilmani“) mit dem Begriff „zivil" („madani") zu übersetzen, um dann vom zivilen Staat zu reden, natürlich in der Bedeutung säkular. Damit könne man die Belastung des säkularen Staates, die die Muslimbrüder propagieren, als areligiös bewältigen. Die Säkularität soll als Trennung zwischen Religion und Politik – also nicht Abschaffung der Religion – belassen werden.
Vor zentralasiatischen und kaukasischen Politikern trug ich sieben Ideen zur Thematik „Islam und der säkulare Staat" vor. Ich ging dabei von folgenden Erkenntnissen aus:
- Die Problematik des Islamismus und seine Herausforderung an den säkularen Staat müssen bei der Politikberatung aus einer progressiven islamischen Perspektive gewisse Voraussetzungen erfüllen. Man sollte etwa die westlichen Islam-Studien überwinden zugunsten einer sozialwissenschaftlich-historisch orientierten Islamologie.
- Die Übernahme eines erweiterten Ansatzes der Security Studies hilft, über das Militärische hinauszugehen.
- Die Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus soll in den Mittelpunkt gestellt werden.
Die sieben Ideen für eine „Policy“ sind folgende:
- Es gibt ein internationales Staatensystem, das seit dem Westfälischen Frieden 1648 existiert. Der säkulare Staat ist ein Bestandteil dieses Systems. Muslime sollten diese Tatsache aufarbeiten.
- Im Prozess der Globalisierung ist die Welt des Islam in das säkulare System souveräner Staaten integriert worden. Eine Welt des Islam für sich existiert also nicht mehr.
- In diesem Kontext ist eine Krise der islamischen Zivilisation zu konstatieren, von der der säkulare Staat in der Welt des Islam unter Beschuss steht.
- Diese Krise wird durch Übertragungseffekte über die Grenzen der islamischen Welt hinausgetragen, sie betrifft die ganze Welt. Weil Muslime im Westen als Migranten leben (etwa 35 Millionen), betrifft diese Krise auch Europa und die USA.
- Die Welt des Islam befindet sich zur Zeit in einem „Geo-Civil War".
- Es gibt einen Kalten Krieg zwischen religiösen und säkularen Ordnungen, einem „War of Ideas".
Der Westen redet die Bedrohung des säkularen Staates klein
Die islamistische Herausforderung an den säkularen Staat ist eine weltanschauliche Auseinandersetzung, die nicht mit militärischen Mitteln gewonnen werden kann. Die Delegitimation des Islamismus kann nur auf dem Boden einer säkularen Interpretation des Islam erfolgen, die einen Reform-Islam voraussetzt.
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass der Islamismus ein Konzept des Scharia-Staats vertritt, der den säkularen Staat ersetzen soll. Dies findet statt im Rahmen einer Schariatisierung des Islam. Das ist eine neue Erscheinung, eine Art „Erfindung von Tradition", die es bisher in der islamischen Geschichte nicht gegeben hat. Westliche Politiker und Journalisten sowie Wissenschaftler, die diese Herausforderung nicht verstehen, reden die Bedrohung des säkularen Staates klein. In Bischkek habe ich jedoch die Erfahrung gemacht, dass zentralasiatische und kaukasische Politiker die Herausforderung an den säkularen Staat besser verstehen als Westler.
Bassam Tibi ist emeritierter Professor für Internationale Beziehungen in Göttingen.
Dieser Beitrag erschien auch in der Basler Zeitung
" Die zentrale Frage lautet, ob der Islam eine Staatsordnung oder nur ein religiöser Glaube sei". Das ist wahrlich eine zentrale Frage, die aber Bassam Tibi m. E. nicht beantwortet. Man könnte sie so beantworten: Wer behauptet, der Islam sei nur ein religiöser Glaube oder der Islam sei nur einen Staatsform, der liegt falsch und hat sich nie mit dem Islam beschäftigt. Der Islam ist seit seinem Entstehen immer politisch gewesen, d. h. er trennt a priori Staat und Religion nicht. (Auch in der westl. Welt war dies ein langer und komplizierter Prozess !) Und da die Islamische Religion prinzipiell von der Scharia nicht zu trennen ist, führt auch die Differenzierung von Islam und Islamismus in die Irre. Nicht nur der "Islamische Staat" ist in seinen Zielen totalitär, wenn er auch besonders radikal auftritt. Schon der Alleinvertretungsanspruch des Islam ist totalitär, genau wie es der Kommunismus war. Auch von einer Schariatisierung des Islam kann also keine Rede sein. Der Islam als Ideologie besinnt sich lediglich auf seine Ansprüche. ( Auf die unterschiedlichen Spielarten des Islam kann hier nicht eingegangen werden.) Mit Befremden habe ich lesen müssen, dass Bassam Tibi immer noch von einem Reform - Islam zu träumen scheint und gar einer säkularen Interpretation des Islam das Wort redet. Leider werden wir und unsere Kindeskinder - wenn überhaupt - das nicht erleben. Trotzdem: Die Warnungen Bassam Tibis an unsere Zivilisation sollten wir bitter ernst nehmen.
Ein ermutigender und bedeutsamer Text von Herrn Tibi. Allerdings scheint vom Euro-Islam keine Rede mehr zu sein resp. das Problem bedarf einer weltweiten Lösung. Was mich nur nachdenklich macht oder wo ich nachfragen bzw. widersprechen muß ist die von ihm vorgeschlagene Trennung von Islam und Islamismus. Ich habe hier gelernt (mich überzeugen lassen), daß das nicht geht.
Wir brauchen eine Kombination aus Strafrecht (striktes Verbot der Scharia und aller Personen und Organisationen, die nur daran denken, die Scharia oder die entsprechenden Passagen aus Koran oder Hadithen zu lehren) und aggressiver Propagierung der Werte des säkularen westlichen aufgeklärten Staates. Das ist z.Zt. schwierig, da (a) weite Kreise der Intelligentia, die staatliche Ordnung ablehnen, in der sie fett leben, und (b) jede Aktion gegen den Islam als "rassistisch" denunziert wird, selbst dann, wenn die rassistischen Inhalte weitgehend im Islam zu finden sind. Mehr Leute müssen mehr schlechte Erfahrungen machen, bis sich das ändert.
Auch wenn es jetzt banal klingt, aber ein Staat, der seine Grenzen öffnet und jeden unbesehen einläßt ohne Pässe und Namen zu prüfen, der kann keine Regeln aufstellen. Weder religiöse, noch säkuläre, noch sonstige. Das dieser Staat Gefahren sehen kann für das soziale Zusammenleben, können wir gnädigerweise weglassen.
Der "Scharia-Staat" ist nichts anderes als eine totalitäre Diktatur, die sich auf ein altes Buch beruft. Diesem "Staat" haftet nichts Verklärtes an. Es ist wünschenswert, dass unsere politischen Traumtänzer diese Tatsache zur Kenntnis nehmen.
Verehrter Herr Professor Tibi, wie traurig und wie zutreffend ist Ihre Analyse der Wirklichkeit. Es bleibt zu hoffen, daß in unserem Land die Blinden sehend werden und die Mächtigen weise. Ein frommer Wunsch? Dann zumindest sollten die Einsichtigen sich ein Herz fassen und die Möglichkeiten des Rechtsstaats ausloten, den gegenwärtigen Irrweg unserer Staatslenker zu korrigieren. Ich habe heute versucht, in der "Welt" in einem Kommentar auf Ihren Beitrag hinzuweisen. Bis jetzt wurde dieser Kommentar nicht freigegeben. Vielleicht kommt das ja noch.... Mit besten Grüßen Hildburg Heider, Kulturjournalistin
Herr Tibi, Sie behaupten: "Westliche Politiker und Journalisten sowie Wissenschaftler, die diese Herausforderung nicht verstehen, reden die Bedrohung des säkularen Staates klein." Warum tun die westlichen Politiker das? Nur, weil sie es nicht verstehen? Oder gibt es noch andere Gründe?