NZZ:
“Die islamkritische Schriftstellerin Taslima Nasrin musste in ihrem Exilland Indien vor aufgebrachten Islamisten weichen – und löste damit eine Debatte um das nationale Selbstverständnis aus.
Die Ausschreitungen der vergangenen Woche sind ein Lehrstück politischer Agitation. Ursprünglich hatten die Demonstranten ein ganz anderes Anliegen verfolgt: Sie wollten ihre Solidarität mit den Bürgern von Nandigram bekunden, einer Stadt rund 150 Kilometer südwestlich von Kolkata, wo die Regierung von Westbengalen eine von zahlreichen Sonderwirtschaftszonen einrichten will. Weil durch das Vorhaben auch viele Zwangsenteignungen drohen, begehrten die Bürger der überwiegend von Muslimen bewohnten Stadt wiederholt gegen das Vorhaben auf. Im März dieses Jahres kamen bei gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Staatsmacht rund 15 Zivilisten ums Leben.
Die ursprünglich als Solidaritätskundgebung geplante Demonstration in Kolkata konnte deshalb zu einer Hasskampagne gegen Nasrin werden, weil deren Organisatoren – so jedenfalls der Vorwurf der Behörden – die enthemmte Gewalt des Staates als nicht allgemein gegen die Demonstranten, sondern spezifisch gegen Muslime gerichtet darstellten. Das für die Demonstration verantwortlich und muslimisch orientierte All India Minority Forum wies den Vorwurf zwar zurück, räumte aber ein, die Kontrolle über die Demonstration verloren zu haben.”
