Gedächtnisprotokoll eines Gesprächs mit einem jungen Mann in einem Münchner Fitnessclub: Du trägst da ein T-Shirt der Firma Hensoldt, das ist ein Rüstungsunternehmen, nicht wahr? – Ja, auch. Hab da meinen Bachelor gemacht – Würdest Du für Deutschland in den Krieg ziehen? – Ja, klar! – Aber dann müsstest Du in Kauf nehmen, Menschen zu töten oder selbst verletzt oder getötet zu werden... – Hm, keine gute Frage, jetzt ist Wochenende. – Und welcher Bereich in Sachen Wehrtechnik interessiert Dich besonders? – Irgendwas mit Drohnen.
Dieses Gespräch ist wirklich geführt worden. Und die Botschaft der harmlosen Plauderei zwischen Hanteln und Reckstange lautet: Krieg ist wieder etwas Normales geworden, auch in Deutschland, wo man lange Zeit darüber diskutierte, ob man diese oder jene Rüstungsgüter in dieses oder jenes Land exportieren dürfe, wo man die Bundeswehr nur noch zum Brunnen bohren und Schulen bauen einsetzen wollte, wo jeder „Große Zapfenstreich“ von einer Hundertschaft Polizei geschützt werden musste, wo einem Banken davon abrieten, in Rüstung zu investieren, weil man damit gegen die geheiligten Compliance-Regeln verstoße. Evil Investments hieß das einmal.
Doch der Wind hat sich gedreht, und zwar mächtig. Jetzt bietet sogar DEKA-Investments, die grundsolide Fondsgesellschaft der Sparkassen, Rüstungsfonds an, und es gehört schon zum guten Ton, einen Rüstungs-ETF dem eigenen Wertpapierdepot beizumischen. Jedenfalls regt sich niemand mehr darüber auf. Besonders beliebt und ertragreich ist der Defense ETF der US-amerikanischen Fondsgesellschaft VanEck. Grüne Nachhaltigkeitsfonds waren einmal, heute investiert auch der Kleinanleger in Panzer, Raketen und Drohnen.
Rüstungskeynesianismus der klassischen Art
Statt „Irgendwas-mit-Medien“ oder „Irgendwas-mit-Menschenrechten“ begeistern sich deutsche Studenten wieder für Kriegsgerät, auch wenn auf den Werbeplakaten der Bundeswehr solches nicht zu sehen ist. Auch die Zeiten, als Universitäten sogenannte Zivilklauseln verabschiedeten, mit denen man Forschung zu militärischen Zwecken einen Riegel vorschieben wollte, sind vorbei. Auf Druck der Rüstungsindustrie verbot Bayern 2024 sogar explizit den Hochschulen, solche Selbstverpflichtungen einzugehen.
Hieß es einst „Schwerter zu Pflugscharen“, läuft Konversion mittlerweile andersherum. Klassische Militärausrüster wie Rheinmetall (Fahrzeuge, Artillerie und Munition), Hensoldt (Radar und optische Systeme), Diehl (Lenkflugkörper und Lenkmunition), Renk (Panzer und Schiffe), Heckler & Koch (Handfeuerwaffen), KNDS (Kampfpanzer und andere Kampffahrzeuge), MTU Aero Engines (Treibwerke für Kampfflugzeuge) freuen sich über prallvolle Auftragsbücher, während immer mehr zivile deutsche Unternehmen, die in den Sog der Wirtschaftskrise gezogen werden, ihr Heil ebenfalls in Rüstungsprojekten suchen. Der Staat hat dafür bekanntlich ein Multimilliarden schweres „Sondervermögen“ aufgelegt. Rüstungskeynesianismus der klassischen Art – hier eine kleine Auswahl:
Aus dem schwer angeschlagene Autokonzern VW wurde bekannt, dass er seine eigentlich zu Schließung bestimmtes Autofabrik in Osnabrück an den israelischen Staatskonzern Rafael Advanced Defence Systems verkauft werden soll. Statt Autos sollen hier künftig Teile für das israelische Raketenabwehrsystem „Iron Dome“ produziert werden. Volkwagen sehe zwar Chancen in der Verteidigungsindustrie, werde aber keine Waffen produzieren, beteuerte Konzernchef Oliver Blume noch im April mit einem Restbestand an schlechtem Gewissen. „Wir werden unser Know-how dort einbringen, wo wir am besten sind, Fahrzeuge für den militärischen Transport könnten eine Lösung sein. Wir reden nicht von Panzern“.
Im April wurde bekannt, dass der traditionsreiche Druckmaschinenhersteller Heidelberger in das Geschäft mit Drohnenabwehrsystemen einsteigen wolle. In Kooperation mit dem US-amerikanisch-israelischen Technologie-Anbieter Ondas Autonomous Systems solle der Unternehmensstandort Brandenburg an der Havel zum „Kompetenzzentrum für Drohnenabwehr und Sicherheitssysteme“ ausgebaut werden.
„Unseren nötiger Beitrag zu einer wehrhaften Demokratie“
Schon vor gut einem Jahr hatte der französische Eisenbahnhersteller Alstom angekündigt, er wolle am Produktionsstandort Görlitz in Zusammenarbeit mit dem deutsch-französischen Rüstungskonzern KNDS statt Straßenbahnen und Doppelstockwagen künftig Kampfpanzer vom Typ Leopard 2 und Schützenpanzer des Typs Puma herstellen. „Hier kommt zusammen, was wirklich zusammengehört“, sagte Tim Dawidowsky, Mittel- und Nordeuropa-Chef von Alstom. Die Belegschaft stehe für Qualität und hohe Expertise in der Metallverarbeitung. Und der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz sprach von einer „sehr guten Nachricht, dass Industriearbeitsplätze erhalten bleiben, obwohl Alstom aus Görlitz weggeht.“
Der renommierte baden-württembergische Laserspezialist Trumpf will zusammen mit dem Radar-Sensorik-Hersteller Rhode und Schwarz aus München Hochleistungslaser unter anderem zur Drohnenabwehr entwickeln und herstellen. Der Einstieg ins Rüstungsgeschäft kommt zu einem Zeitpunkt, in dem das klassische Geschäft infolge Stornierung von Aufträgen aus der Batterie- und Autoindustrie regelrecht eingebrochen ist. Bislang sah ein Gesellschaftervertrag vor, dass sich das „christlich geprägte Familienunternehmen“ nicht an der Waffenproduktion beteiligen dürfe. Doch diese friedlichen Zeiten sind offenkundig auch bei der Familie Leibinger vorbei. „Auch wir in der Wirtschaft müssen unseren nötigen Beitrag zu einer wehrhaften Demokratie neu bewerten und damit den Wert der Verteidigungsfähigkeit und der notwendigen Güter innerlich bejahen“, sagte Trumpf-Miteigentümer Peter Leibinger. So klingt „Zeitenwende“.
Dass auch Politiker jedweder Couleur diesseits der Brandmauer die aufblühenden Landschaften der Rüstungsindustrie innerlich bejahen und alle früheren entspannungspolitischen Bedenken über Bord geworfen haben, ist kein Zufall. Schließlich haben sie die deutsche Wirtschaft und den Staat mit überzogenen Coronamaßnahmen, einer absurden „Klimapolitik“ und einer zunehmend undemokratischen Blockadehaltung im Sinne bloßen Machterhalts in die Krise gestürzt und einen beispiellosen Niedergang der industriellen Produktion bewirkt.
Als „Wiederaufbau“ der Bundeswehr getarnte Mega-Aufrüstung
Im Grunde genommen kam der russische Einmarsch in die Ukraine gerade recht, um das eigene Versagen nicht eingestehen zu müssen. Die als „Wiederaufbau“ der Bundeswehr getarnte Mega-Aufrüstung geht nicht ohne Feindbild, besser gesagt deren zwei: der äußere Feind ist Russland, der innere die AfD, die ihrerseits als fünfte Kolonne der Russen diskreditiert wird.
Kein Geringerer als der im März verstorbene deutsche „Nationalphilosoph“ Jürgen Habermas übrigens zeigte sich 2024 in einem taz-Interview irritiert darüber, will schnell nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine „bellizistische Reflexe“ wiederauflebten. „Ich war nie Pazifist. Aber ich habe den Überfall auf die Ukraine als die schicksalhafte Übertretung einer in Europa inzwischen selbstverständlich gewordenen Hemmschwelle gegenüber der archaischen Gewalt des Krieges erlebt. Aber dann löste dieser Ausbruch des Krieges mit einer Atommacht bei uns kein erschrockenes Nachdenken aus, sondern unvermittelt eine hoch emotionalisierte Kriegsstimmung wie gegen einen vor der eigenen Tür stehenden Feind.“
Es gleicht einem politischen Naturgesetz, dass sich Politiker, die an der Heimatfront versagen, gerne in außenpolitische Abenteuer stürzen. Und je schneller die Rüstungsspirale in Gang kommt, je mehr Geld für unproduktives Kriegsgerät versenkt wird, je mehr Unternehmen von der zivilen Produktion auf Rüstungsgüter umsteigen, je stärker die jeweiligen Lobbys agieren, umso weniger Interesse dürfte an einer diplomatischen Lösung des Ukrainekonflikts bestehen, umso „alternativloser“ erscheint die bedingungslose Unterstützung der Ukraine, umso hässlicher muss die Fratze des Feindes gezeichnet werden.
Friedrich Merz beliebte jüngst den französischen Reiseschriftsteller Astolphe de Custine zu zitieren, der im 19. Jahrhundert nach einer Reise durch Russland gesagt hatte: „Russland ist in unseren Tagen für den Beobachter das merkwürdigste Land, weil man in ihm die tiefste Barbarei neben der höchsten Civilisation findet.“ Das Zitat, so Merz, gelte leider auch heute noch. „Wir erleben im Augenblick dieses Land in einem Zustand tiefster Barbarei. Das wird sich in absehbarer Zeit auch nicht ändern, und damit müssen wir uns abfinden.“
In Deutschland ist Bayern und vor allem der Großraum München ein Zentrum der Rüstungsindustrie
Müssen wir das wirklich? Dass Feindbilder, die sich verfestigen, Militärgüter, die produziert, Truppen, die ausgehoben werden, irgendwann mit einiger Wahrscheinlichkeit in einen Krieg münden, ist ebenfalls ein Naturgesetz. Die sendungsbewussten Amerikaner machen es vor mit ihren unablässigen kriegerischen Interventionen rund um den Erdball, mit denen nicht zuletzt die eigene Rüstungsindustrie in Schwung gehalten wird. Doch die amerikanischen Militärschläge ereignen sich (bislang) immer fernab der Heimat. Sollte Europa mit Blick auf Russland ähnlich zu handeln gedenken, läge das Schlachtfeld buchstäblich vor der Haustür.
Der weltweite Anlauf zu einem neuen Wettrüsten, vor allem im dereinst so friedliebenden Europa, muss bedenklich stimmen. Ganz vorne mit dabei: Deutschland. In der Rangliste der größten Rüstungsinvestoren liegt die Bundesrepublik mittlerweile auf Platz vier, nach den Supermächten USA, China und Russland. 2,47 Billionen Euro wurden vergangenes Jahr weltweit für Rüstungsgüter ausgegeben, eine kaum vorstellbare Summe. Rund die Hälfte davon entfiel auf die genannten Großmächte, doch nirgendwo sei der Anstieg so extrem gewesen wie in den 29 europäischen NATO-Staaten, heißt es in einer Analyse des Stockholmer Friedensforschungsinstitutes SIPRI. Insgesamt waren das 2025 559 Milliarden US-Dollar, einen so rasanten Anstieg habe es seit 1953 (damals tobte der Koreakrieg, einer der blutigsten des 20. Jahrhunderts) nicht mehr gegeben.
In Deutschland ist Bayern und vor allem der Großraum München ein Zentrum der Rüstungsindustrie – rund ein Drittel aller deutschen Verteidigungsunternehmen haben ihren Sitz im Freistaat (darunter die TAURUS Systems GmbH im oberbayerischen Schrobenhausen), und man kann mit Sicherheit davon ausgehen, dass man in Russland über genaue Zieldaten verfügt oder vielleicht schon die eine oder andere Hyperschallrakete entsprechend programmiert hat.
Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU), bei Wahlen nur mäßig erfolgreich, stattet mit Vorliebe Rüstungs-Startups landesväterlichen Besuch ab, wie dem Drohnenhersteller Tytan, der jüngst zusammen mit Hensoldt eine neue Drohnenfabrik im Münchner Westen eröffnet hat. Zum Festakt erklang Musik. „Wenn nicht jetzt, wann dann?“, tönte es aus Lautsprechern und Söder sprach über einen „guten Tag für die Sicherheit und den Wirtschaftsstandort Bayern“.
Dass der Rüstungskeynesianismus die Beschäftigungsverluste in bisherigen Schlüsselbranchen wie der Auto-, Stahl- und Chemieindustrie auffangen kann, darf bezweifelt werden, denn Investitionen in zivile Infrastruktur sind wesentlich arbeitsplatzintensiver und in Bezug auf Wachstumseffekte auch nachhaltiger. Es sei denn, man setzt darauf, dass die immer schneller vom Band laufenden Rüstungsgüter irgendwann einmal zum Einsatz kommen. Wenn insbesondere der Krieg in Osteuropa weiter eskaliert, dürfte der Irgendwas-mit-Drohnen-Traum des jungen Mannes aus dem Münchner Fitnessclub noch schneller Realität werden als gedacht. Nur dass es sich bei per Joystick gesteuerten modernen Kampfdrohnen nicht um harmlose Videospiele handelt, sondern um Kriegsgerät, das Tod und Zerstörung bringt.
Foto: 17. Juni 2025, Odessa, Ukraine: Opfer von Drohnenangriffen auf Wohngebäude halten ihre Haustiere in den Armen.

Wurde bewusst ein Foto vom 17. Juni gewählt?
Alarm! Alarm! Hophophop, Antreten! Tornister! Wo ist IHRE WAFFE Sie Traumtänzer. Loslosloslos! Ihr Penner! Bewegt euch!
Wer, wie meine Generation, in den Militärwahnsinn des Kalten Krieges hineingeboren wurde, MUSSTE diesen Umgangsstil für normal halten, um nicht durchzudrehen. Mich hat der Pflichtwehrdienst komplett verändert. Und es hat Jahre gedauert, bis ich wieder normal schlafen konnte, ohne beim leisesten Geräusch hoch zu schrecken. Obwohl ich den Kasernendrill-Ton gehasst habe, für die Unbildung, die Intoleranz, den Machtanspruch, der darin steckt, habe ich zeitweise selbst etwas davon angenommen. Und es ging allen Männern so, denn damals musste man pflichtgemäß Wehrdienst leisten und keiner konnte einen Hinderungsgrund, wie eine bestimmte Religion glaubhaft machen. Jene, die „Bausoldaten“ wurden, weil sie sich weigerten an Waffen ausgebildet zu werden, hatten es rauher, viele wurden schwere Alkoholiker und bekamen die Füße nicht wieder auf den Boden. Die Schule der Nation war eine Schule in Machtstrukturen und sinnloser Gewalt. Aber nur etwa die Hälfte der Jugend wurde davon getroffen, die andere Hälfte blieb davon unberührt, es sei denn sie wollten unbedingt Kontakt zum Militär. Deshalb reagiere ich ganz böse, wenn heute Frauen Kriegshetze betreiben, oder die Jüngelchen der Generationen, wo dann schon der Wehrdienst für Muttersöhnchen und Schwangere geeignet gemacht wurde. Leute, habt Ihr das überhaupt begriffen? Die Uschi hat als Kriegsministerin vor dem Landesherrn die PANZER FÜR SCHWANGERE UMBAUEN LASSEN, und war seitdem nicht einen einzigen Tag in der geschlossenen Anstalt! BEGREIFT IHR DAS, wer Euch regiert? Wer zu meiner Zeit auch nur einen Millimeter mehr gab, als er unter Androhung des Freiheitsentzugs unbedingt musste, war verbrannt. Mit dem wollten wir nichts mehr zu tun haben. Trotzdem haben wir jahrelang unter dem Trauma gelitten, und weil man meistens mit Gleichaltrigen zu tun hatte, war das Klima nach dem Militärdienst teilweise rauh.
@A. Ostrovsky: „Und mit wem soll ich denn Mitleid haben? Mit denen, die mich in Lebensgefahr bringen, ohne dazu eine Legitimation zu haben? Mit denen, die mich verleumdet, geschnitten, unterdrückt haben, damit ich ihnen nicht sage, welcher Hochmut in ihnen wohnt? “Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen„ (Matthäus 5/44).
Rüstungs-ETFs: „Grüne Nachhaltigkeitsfonds waren einmal, heute investiert auch der Kleinanleger in Panzer, Raketen und Drohnen.“ GRÜN ist heute Military-GRÜN. Hardcore-GRÜNE haben sich bestimmt reihenweise diesen speziellen ETF-Dreck gekauft und geilen sich bei jedem Blick in ihr Wertpapierdepot daran auf.
Rüstungsgüter sind kein Wert, sondern totes Kapital. Die harmloseste Art der Rüstungsgüter werden vor dem Einsatz verschrottet, bzw. einfach nach längerer Lagerung niemals bestimmungsgemäß eingesetzt, wie die Impfstoffe gegen die „Covid19-Pandemie“ oder die FFP2-Arbeitsschutzmasken für ein Land im Lockdown, das die Arbeit nur noch simuliert. Die Statistiker und Ökonomen müssen aufhören Erzeugnisse, die keinen Wert darstellen zur Wertschöpfung zu zählen. Dann würden wir endlich begreifen, dass in diesem Land die Wertschöpfung abgeschmiert ist und in den freien Fall übergeht. Oder gibt es hier wieder auf der Achse solche Geistesgrößen, die mir erklären wollen, Granaten, Drohnen, Marschflugkörper dienen dem Wohlstand? Lutz? Münchhausen auf der Kanonenkugel?
@Bernd Lauert: „Problematisch an der Aufrüstung ist doch nur, dass der Staat es tut. Man sollte lieber dem Vorbild der Schweiz folgen, und alle Zivilisten bewaffnen.“ Die Ukrainer sind den Schweizern noch einen Schritt voraus: „Man“ bewaffnet sie nicht, sondern sie bewaffnen den Staat. Viele Menschen (ein paar kenne ich persönlich) kaufen große 3D-Drucker und drucken Drohnenkörper zu Hause.
„ russische Reaktion auf einen provozierten Krieg“. Glückwunsch zum Sender Gleiwitz Award!