Im Iranbild der deutschen Linken gibt es zwei Kulturkonstanten. Prügelperser zu Mozarts Zauberflöte in Berlin und der CIA-Putsch gegen Mossadegh im Jahr 1953. Die Kurzfassung der Legende: Der Iran war auf einem guten demokratischen Weg, dann brachten die USA den Despoten Pahlavi an die Macht, gegen den sich die Bevölkerung nur zur Wehr setzen konnte, indem sie die noch despotischeren Ayatollahs zu Hilfe holten. Von der ZDF-Anstalt bis zu Precht wird die „amerikanische Erbsünde“ wiedergekäut, man habe 1953 einen „demokratisch gewählten“ Ministerpräsidenten weggeputscht. Mossadegh war also sowas wie ein Heiliger, den sich das iranische Volk als Retter erwählt hatte, er musste beseitigt werden und dann kam der Schah.
Doch erstens war der Schah nie weg und hatte die ganze Zeit die Macht im Land und zweitens bestand die „Wahl“ Mossadeghs darin, dass der Schah ihn dem Parlament für das Amt in der Hoffnung vorschlug (komplizierte Vorrangregeln alten persischen Adels), er werde aus Altersgründen ablehnen. Doch Mossadegh nahm die Ernennung an und wurde vom Parlament bestätigt. Die aufgeblasene Darstellung der Rolle der CIA in Mossadeghs Absetzung stammt aus der Feder des involvierten Kermit Roosevelt, Teddy Roosevelts Enkel, von dem 1979 das Buch „Countercoup: The Struggle for the Control of Iran“ erschien. Man bedenke die Ironie: Man traut der CIA alles zu, besonders Lüge und Betrug aller Art. Den Darstellungen eines ihrer Agenten in Teheran in seinem Buch glaubt man aber blind.
Gewiss hatte die damals noch junge CIA ihre Finger im Spiel, allerdings wird ihre Rolle stark übertrieben. Die Opposition gegen die radikalen Ideen Mossadeghs (die Enteignung britischer Ölunternehmen war nur eine davon) war im Land selbst extrem stark und dieser auch nicht das demokratische Lamm, als welches er gern dargestellt wird. Wer es riskieren will, sich zur fest im Hirn verdrateten Darstellung des Konflikts zwischen dem Schah und Mossadegh eine etwas andere Darstellung anzuhören, dem sei Peter Theroux Tablemag-Artikel vom 6. März 2023 empfohlen: „Erinnerung an einen CIA-Putsch im Iran, der nie stattfand“. Darin heißt es:
„Während Roosevelt strategisch und narzisstisch Geschichten über CIA-Intrigen in Washington und London und geheime Treffen mit dem Schah verbreitete, prüfte die iranische Militärführung bereits ihre Optionen gegen Mossadegh und hatte sich sogar an die britische Botschaft in Teheran gewandt, um Unterstützung zu erhalten. Großayatollah Borujerdi in Qom, Ayatollah Behbehani in Teheran und Ayatollah Kashani, der von Mossadegh als Parlamentspräsident abgesetzt worden war, hatten sich bereits gegen ihn positioniert.“
Das wohl am schlechtesten gehütete Geheimnis aller Zeiten
Die Treffen und die bevorstehende Absetzung des Ministerpräsidenten waren im Iran das wohl am schlechtesten gehütete Geheimnis aller Zeiten, der Schah kam durch Mossadeghs Absetzung nicht „an die Macht“ – die hatte er nämlich schon, auch wenn er sich aus Angst vor Attentaten in Rom aufhielt. Er musste also nicht von den USA „installiert“ werden. Die „demokratische Wahl“ Mossadeghs entpuppt sich bei genauem Hinsehen als so schnöde wie folgenreiche Ernennung eben jenes absolutistischen Herrschers Schah Reza Pahlavi, der für die Ernennung von Ministern seiner Regierung zuständig und verantwortlich war. Als Mossadegh versuchte, bei der Ernennung des Kriegsministers den Monarchen zu übergehen, um die Kontrolle über die Armee zu erlangen, waren seine Stunden gezählt.
Rechtfertigt das alles die Entscheidungen des Schahs besonders in seiner späten Phase? Etwa den Einsatz des Geheimpolizei SAVAK? Sicher nicht! Ich bin nicht gerade Fan von absoluten Monarchien, und wenn sie in schwache oder schlechte Hände geraten, kommt selten etwas Gutes dabei heraus. Die Verhältnisse sind aber schon etwas verzwickter, als sie uns über Jahrzehnte dargestellt und als Blaupause für die Zwangsläufigkeiten des amerikanischen Interventionismus verkauft wurden: Greife nie ein, wo es schlimm ist, denn es kann nur noch schlimmer werden!
Die perfekte Ausrede, am Ende gar nichts zu tun und sich mit der Illusion zu trösten, dass Worte doch auch irgendwie Taten sind oder zu solchen werden können. Ein Militäreinsatz der USA zur Befreiung Europas vom Faschismus wäre heute undenkbar – das Völkerrecht stünde dagegen. Und wurde der „Führer“ nicht auch irgendwie „demokratisch gewählt“?
Um es mit den Worten des iranischen Rappers aus Peter Theroux Artikel zu sagen: „Und die Mossadegh-Geschichte, von der du dein Leben lang gelebt hast, kannst du dir sonstwohin stecken.“ Und sonstwo steckt sie nun: in Precht, Anstalt und dem implantierten kollektiven Gedächtnis der Deutschen.

@Rudolf D.: Selbst bei der Reichstagswahl nach dem Reichstagsbrand im März 1933 bekamen die Nazis „nur“ 44%. Obwohl das keine freie Wahl mehr war, die Kommunisten waren bereits ausgeschlossen worden, Reichskanzler Hitler tobte und zur Ehrenrettung der Berliner etwa kann man sagen, dort hat der Kerl lediglich ca. 30% gekriegt. Das meiste kam ohnehin von den Landpomeranzen im Reich, nicht aus den Städten. Das Ermächtigungsgesetz in der letzten Sitzung des Reichstags in der Kroll-Oper war dann eh klar. Nur die SPD hat mit Nein gestimmt, alle anderen waren dafür. Viele SPD-Reichstagsabgeordnete haben das mit ihrem Leben bezahlt, das deutsche Volk dankt. Ihre Namen findet man auf Granitschiefertafeln rechts am Aufgang zum Reichstagsgebäude. Kommunisten natürlich auch.
Der Absolutismus war im Iran nach der Revolution 1911 beendet worden und der Iran bekam zum Schah ein Parlament hinzu. So wie das in den Monarchien in Europa heute auch der Fall ist. Der Schah war in Persien also nicht Alleinherrscher. Mossadegh gehörte dabei zur Nationalen Front, der auch die Kommunisten angehörten, die aber neben den Klerikern im Verdacht standen, 1949 das Attentat auf den Schah durchgeführt zu haben und deshalb zunächst verboten waren. Die Ölförderung im Iran war in den Händen der Anglo-Iranian Oil Company, also teils in Händen der Briten, wohin dann 75% des Gewinns abflossen. Das wollten die Nationale Front ändern und darum kam es zur Verstaatlichung der iranischen Ölindustrie. Der Schah stand dabei unter Protektion der Amerikaner, die ihm klar machten, dass diese fallen würde, würde er Mossadegh nicht absägen. Da kamen dann CIA und MI6 (Eisenhower/Churchill) ins Spiel, die mit „Operation Ajax“ für Unterstützung des Schahs in Volk/Militär sorgten, damit Pahlavi Mossadegh wieder loswurde. Die CIA hat das längst zugegeben und die Unterlagen sind seit 2013 frei. Nachdem Mossadegh dann abgesetzt worden war, ging die iranische Ölindustrie an ein internationales Konsortium, an dem neben den Briten u.A. nun auch die Amerikaner beteiligt waren. Im Endeffekt ging es im Iran um das selbe wie überall in der Welt: Großkonzerne im Westen sahen ihre Gewinne im Ausland durch die Kommunisten gefährdet und intervenierten. Jetzt ist die Frage, wem eigentlich das Öl einer Nation gehört und ob ein Führer dieses Öl einfach an ausländische Unternehmen verkaufen kann/sollte, ohne dass der Gewinn auch im Volk ankommt. Und da fällt der Blick auf Saudi Arabien und Norwegen, die ihre Ölindustrie staatlich halten und den Gewinn auch ins Volk abfließen lassen, ohne dass das Ausland da jemals interveniert hat. Da fragt man sich doch, was das damalige Gefummel im Iran sollte und strategisch nicht unglaublich dumm war, nur um die Gewinnmarge der Briten hoch zu halten.
Danke! Aber diese Legenden haben die Deutschen, mit samt ihren Nachbarn, schon mit der Muttermilch aufgesogen. Sind nicht mehr raus zu bekommen. Der Endsieg, über was auch immer, ist nicht verhandelbar.
Lt. Aljazeera : Trump says attack may be ‚short-term‘ as oil fears rise ? Ich schätze das wird Nix ….
das dauert bestimmt länger !
II „“‚Im Herbst 1941 marschierten Russen und Engländer im Iran ein, wurde Resa Schah Pachlevi verschleppt und schließlich auf ST Helena interniert, wurden alle selbstbewussten Perser ermordet oder Vertrieben und 1942 Ahmed Aaala al Sultanah zum Ministerpräsidenten gemacht, der letzte Regierungschef der 1925 abgesetzten Kadscharendynastie. Denn alles sollte wieder so werden wie zu Zeit Lord Curzon und Percy Sykes.„ Es gab also schon lange Eingriffe in die persische Innenpolitik. “Am 31.Aug. 1942 mußte der Ausnahmezustand über das ganze Land verhängt werden, weil es überall zu Revolten kam.„ Das Wissen über ihre Geschichte und die jahrzentelangen Sanktionen haben die Perser für den Westen völlig entfremdet. Selbst , wenn man sie in Steinzeit zurückbombt, es ist ein stolzes Volk. Ich hoffe die Rache wird nicht furchtbar.
Ich möchte Herrn Letsch zu bedenken geben, dass es durchaus jede Menge hieb- und stichfesten Beweise für CIA-Machenschaften gibt. Und diese sind weltumspannend auch mit dem Phänomen des Regime-Change verbunden. Sollte er Literatur zur CIA und ihren Methoden suchen, auch zum Thema Mind-Control, sei ihm das folgende Buch wärmstens empfohlen: „Die TranceFormation Amerikas: Die wahre Lebensgeschichte einer CIA-Sklavin unter Mind-Control“ von Thomas Kirschner (Herausgeber, Übersetzer), Cathy O’Brien (Autor), Mark Phillips (Autor). Und wer sich gegen Ölmultis stellte, war schon immer begehrtes Ziel des Dienstes, nicht wahr? Und außerdem ist doch durchaus ernst zu nehmen, was ein Whistleblower eines Dienstes veröffentlicht, schließlich kennt er das Ganze aus dem internen Gebrauch! Und zum Herrn Hitler: Dieser ist mitnichten durch eine demokratische Wahl zum Reichskanzler gemacht worden, sondern durch das Versagen der bürgerlichen Kräfte ernannt worden, ohne vorher eine entsprechende Mehrheit in einer Wahl errungen zu haben. Mithin, auch wegen des mit ihm in Verbindung stehenden Weltkrieges, taugt der Vergleich mit Mossadegh nichts. Merke: Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich. Und zu guter Letzt: Geschichte wird durch die Sieger (um)geschrieben, auch das war schon immer so…
I
Ein Vorgänger Peter Scholl-Latour’s war Anton Zischka aus Österreich der auf ein Werk von ca 40 populärwissenschaftlichen Büchern zurückblicken konnte. Unter anderen veröffentlichte er 1939 den „Ölkrieg Wandlung der Weltmacht ÖL“ beim Goldmann Verlag. Nur am Rande, er war ein Hitlerist und stellte am 20.Juli 1944 die Aufnahme in die NSDAP. Mir liegt ein Exemplar von 1943 vor, in dem auch Entwicklungen des Krieges hineingeschrieben wurde. Dennoch beschreibt er die Rolle des Großkapitals auf der ganzen Welt. Höchst interessant! Viel ist zu lesen.