Tamara Wernli (Archiv) / 13.01.2017 / 10:00 / Foto: EinKonstanzer / 8 / Seite ausdrucken

Invasion der Memmen

Im Handarbeitsunterricht flog mir als etwa Vierzehnjährige einmal ein Wollknäuel um die Ohren. Präzise geworfen von der Lehrerin, der mein ständiges Getuschel mit der Tischnachbarin auf den Geist ging. Ich war kurz perplex, widmete mich dann aber artig meinem Kreuzstich.

Wäre ich heute Schülerin, wäre ich wahrscheinlich traumatisiert von dem Ereignis, würde flugs den Schulpsychologen aufsuchen und zur seelischen Genesung zwei Wochen zu Hause bleiben. Eine Übertreibung? Nicht wirklich. Für die Generation Schneeflocke ist tatsächlich alles ganz unerträglich. Generation Schneeflocke ist die Bezeichnung für junge Menschen, die emotional sehr verletzlich sind, wenig belastbar und abweichende Meinungen als persönliche Herabwürdigung empfinden. Sie sehen es als ihr Grundrecht, von allen potentiell unangenehmen Dingen im Leben geschützt zu werden.

Hochschulen sind Förderer dieser "Ich bin das Zentrum des Universums"-Haltung. Wie "The Telegraph" vergangene Woche berichtete, führen immer mehr Universitäten in den USA und England zum Schutze der jungen Seelen Trigger Warnings ein, Warnhinweise bei Bildern oder Texten angesichts möglicher psychischer Belastungen. Der Begriff Trigger Warning stammt aus der Psychologie; mittels Vorwarnungen lassen sich bei Kriegsveteranen mit posttraumatischen Belastungsstörungen oder Opfern von Sexualverbrechen erneute Traumata vermeiden.

Die psychische Verfassung von Schneeflocken

Heute besitzt das Wort Trauma eine ganze neue Bedeutung: Weil sie "möglicherweise ein negatives Gefühl auslösen können", warnt die Glasgow Universität laut der britischen Zeitung ihre Theologiestudenten vor "Bildern von Jesus' Kreuzigung". Die Oxford Universität warnt ihre Jurastudenten vor "verstörendem Inhalt" bei Lektionen, die sexuelle Gewalt betreffen. Veterinärstudenten werden vor toten Tieren gewarnt. Archäologiestudenten vor Skeletten. Die schottische Stirling Universität warnt bei Gender Studien: "Wir können nicht ausschliessen, dass Sie Material antreffen, das negative Reaktionen auslösen kann und bitten Sie, die nötigen Vorkehrungen zu treffen." Aufgewühlte Studenten dürfen die Lesung verlassen. (Sie können sich dann direkt in Safe Spaces zurückziehen, speziell eingerichtete Komforträume, die ihnen ein Gefühl der Geborgenheit geben sollen – noch so ein fragwürdiger Trend. Nach dem Trump-Schock schossen diese zeitgenössischen Kuschelzonen an US-Hochschulen laut "The Washington Post" wie Pilze aus dem Boden).

Die psychische Verfassung von Schneeflocken gerät auch ins Wanken, wenn jemand eine Ansicht vertritt, die seiner eigenen Weltanschauung widerspricht. Dann formieren sich Protestbewegungen, wie vor einigen Wochen gegen Professor Jordan Peterson von der Universität Toronto, der es wagte, auf die Gefahren der Political Correctness hinzuweisen. Oder sie stellen unliebsame Kontrahenten an den Pranger, bis diese ihren Posten von selbst räumen – wie im Fall des Yale Professoren-Ehepaars, das die Verbannung von "potentiell verletzenden" Halloweenkostümen in Frage stellte und dafür als rassistisch und kulturell unsensibel gebrandmarkt wurde.

Die totale Abschottung vor negativen Gefühlen, vor Konfrontationen, vor Reizen – immerhin gestattet sie den gebeutelten Seelen, sich ungestört ihren Instagram-Posts und dem Zelebrieren des persönlichen Opferstatus hinzugeben. Wer schützt uns eigentlich vor dieser Generation?

Tamara Wernli arbeitet als freischaffende News-Moderatorin und Kolumnistin bei der Basler Zeitung. Dort erschien dieser Beitrag auch zuerst. In ihrer Rubrik „Tamaras Welt“ schreibt sie wöchentlich über Gender- und Gesellschaftsthemen

Foto: EinKonstanzer CC BY-SA 3.0 via Wikimedia

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Wolfgang R. Weichselgärtner / 13.01.2017

Die Margokratie herrscht überall, vom Kindergarten bis zur Universität, vom Kreistag bis zum Bundestag, vom Bürgermeisteramt bis ins Kanzleramt!!! Mich wundert nichts mehr.

Georg Siegert / 13.01.2017

Und wenn man fragt, wie die Schneeflocken ihre Freizeit verbringen, erfährt man, dass sie brutale und blutrünstige Serien wie Game of Thrones oder The Walking Dead anschauen. Passt alles nicht zusammen.

Steffen Kallinowsky / 13.01.2017

Ihre Beobachtung ist das Ergebnis einer gepflegten Befindlichkeitskultur. Man kennt das ja von Menschen die sich unwohl oder karnk fühlen, medizinisch aber ohne Befund sind. Meist verschwinden die Beschwerden von selbst aber sicherheitshalber wird der Arzt aufgesucht. Wenn nun jeder seine Befindlichkeiten der Umwelt mitteilen kann (bzw. zwanghaft muss), ist eine “Invasion der Memmen” nicht vermeidbar. In einer Generation, die eine Dienstpflicht (Wehr - oder Ersatzdienst) mit einem gewissen Mass an physischer und psychischer Bealstung nicht kennt, ist dies auch nicht verwunderlich.

Karla Kuhn / 13.01.2017

Ich frage mich immer wieder, wie es meine berufstätige Mutter geschafft hat uns drei Kinder, auch mal mit paar saftigen Ohrfeigen, ohne viel Zeit zu haben, zu passablen, selbstständigen, bodenständigen, autarken, sozialen Menschen zu erziehen.  Dabei hat sie uns noch ein harmonisches Familienleben geboten, wo allerdings jeder von uns seine Pflichten ohne wenn und aber zu erledigen hatte. Dabei waren wir, nicht nur wir, auch meine Schulfreunde und Freunde, sehr aktive, fröhliche, unternehmungslustige Kinder, bzw. Jugendliche. Wenn ich mir heute so manche Kinder anschaue, die kaum noch lachen können, dafür aber schon mit drei Jahren chinesisch sprechen (symbolisch), kommt mir das kalte Grausen. Der 17 Jahre alte Enkel meiner Freundin geht seit ca. 6 Monaten in Amerika auf eine Privatschule, dort wird er auch sein Abi machen. Im Gegensatz zu Deutschland herrscht dort buchstäblich Zucht und Ordnung. Keiner der Schüler stört sich daran und die Eltern geben genau aus diesem Grund ihre Kinder in diese Schule. Bei uns werden Memmen herangezogen, die beim kleinsten Zwischenfall nach der Mama rufen. Vielleicht wird die Bundeswehrpflicht wieder eingeführt, damit die armen Hascherl doch noch das harte Leben kennenlernen. Aber vielleicht werde solche Typen auch gerne von den GRÜNEN aufgefangen, dann wäre ihre Zukunft ja gesichert. Armes Deutschland.

Oliver Bender / 13.01.2017

Warum sollte uns jemand schützen? Wir haben sie doch selbst geschaffen. Die eigentliche Frage lautet: Ist da noch was zu retten? Wenn nicht, wird die Evolution sehr unsensibel das bereinigen.

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