Volker Seitz / 15.08.2018 / 15:00 / Foto: Omaranabulsi / 8 / Seite ausdrucken

Internet für Demokratie und Menschenrechte in Afrika

Selbst als extrem arm geltende Menschen können sich mittlerweile in fast jedem Land Afrikas ein Handy leisten. Es gibt auch schon billige chinesische Smartphones. Jedoch ist der Zugang zu verlässlichen Netzverbindungen das drängendste Problem. Während die Afrikaner 14 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen, stellen sie nur zwei Prozent der Internetnutzer. 32 Prozent der Afrikaner haben einen Internetzugang (Asien 47,4 Prozent, Europa 84 Prozent und Nordamerika 95 Prozent). Die Marktdurchdringungsquote ist aber sehr unterschiedlich. Sie reicht von 89,45 in Kenia, 47,7 in Nigeria bis 1,3 Prozent in Eritrea. Fortschritte gab es 2017 in Benin, Sierra Leone, Niger und Mosambik. In diesen Ländern haben sich die Internetzugänge verdoppelt.

Es gibt durchaus Netzverbindungen auf dem Kontinent, aber der Zugang ist oft zu langsam und zu teuer. In ländlichen Gebieten gibt es viele Menschen, für die es keine oder nur instabile Internet- und Handyverbindungen gibt. Über 500 Millionen Menschen verfügen über keinen Stromanschluss, das ist mehr als die Hälfte der afrikanischen Bevölkerung. Nur Radioempfang ist (mit Batterien) überall möglich.

Dennoch kommen durch neue Glasfaserkabel jedes Jahr Millionen Menschen neu ans Netz. Terrestrische Kabel tragen die Bandbreite ins Hinterland. Aber „der Anteil der Breitband-Nutzer steigt erst, wenn die Leute mehr als 10.000 Dollar pro Jahr verdienen“ (Hans Rosling, der verstorbene Gründer der Gapminder-Stiftung in Stockholm). Nur zwei Staaten, Tschad und die Zentralafrikanische Republik, kommen weiterhin ausschließlich teuer über Satelliten ins Internet. In Kenia gibt es mehrere Kabel, und die Preise sind um mehr als 90 Prozent gefallen.

Die Anzahl der Mobilfunkteilnehmer in Afrika, die auf das mobile Internet zugreifen, hat sich in den letzten fünf Jahren verdreifacht. Mehr als eine halbe Milliarde Menschen in Afrika sind nun bei Mobilfunkdiensten angemeldet, während der Kontinent weiterhin zügig zu mobilen Breitbandnetzen übergeht, wie eine Studie der GSMA (Global System for Mobile Communications) vom Juli 2016 zeigt.

M für „mobil“ und Pesa für „Geld“

Die Unterschiede zwischen den Staaten sind allerdings groß. In Kenia sowie in Senegal gehen fast 50 Prozent der städtischen Bewohner täglich online. In Uganda suchen die Bauern in Echtzeit Wetteranzeige und die Preise auf den nahen Märkten. In Kenia hat M-Pesa inzwischen 17 Millionen Nutzer, das ist ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung. Monatlich werden mit M-Pesa 880 Millionen Euro verschickt. Die Erfindung revolutionierte die Art und Weise, wie Menschen für ihre Einkäufe bezahlen und ihre Rechnungen begleichen können – und könnte nach Auffassung von Experten zur Entwicklung des Kontinents mehr beitragen als über Jahrzehnte bezahlte Entwicklungshilfe in Billionenhöhe.

Die Erfindung wird M-Pesa genannt, wobei M für „mobil“ und Pesa für „Geld“ in Suaheli steht. Es handelt sich um Geldüberweisungen – ohne Internet – per Telefon: Da diese über SMS getätigt werden, ist alles, was man für M-Pesa braucht, ein altmodisches Handy und ein wenig Guthaben, das man damit versenden kann. Innerhalb weniger Jahre hat sich die Innovation in Kenia zu der mit weitem Abstand populärsten Zahlungsweise durchgesetzt – in dem ostafrikanischen Staat, in dem nur ein Viertel der Bevölkerung über ein Bankkonto verfügt, benutzt sie heute so gut wie jeder Erwachsene. M-Pesa ist auch außerhalb Afrikas erfolgreich. Es wird in Rumänien, Indien, Afghanistan und Fidschi genutzt.

Mastercard mit Unterstützung der Gates-Stiftung hat in Kenia 2017 mit „Kionect“ ein Pilot-Projekt mit zunächst 1.000 Teilnehmern und einem digitalen Bestell- und Bezahlsystem gestartet. Der Besteller (meist Kleinstunternehmer) erhält erstmals für den Zeitraum von sechs Monaten eine einfache Dokumentation seiner Bestellungen und kann damit seinen Umsatz belegen. Mit dieser Dokumentation der Umsätze können Kenias Mikrounternehmer Handelskredite bei Banken bekommen. Mastercard, KBC, eine der größten Banken Kenias, und Unilever testen in Kenia ein weiteres Projekt, bei dem hundert Kleinhändler für sieben Tage einen kostenlosen Kredit auf Waren bekommen können. 2018 will Unilever 50.000 Händler erreichen.

Regime in Afrika fürchten ihr Volk

Was autokratische Regime in Afrika am meisten fürchten, ist ihr Volk. Sie wissen, dass die größte Gefahr für ihre Herrschaft auch durch das Internet im eigenen Land entsteht. Seit 2016 haben die Regierungen von 13 afrikanischen Staaten den Internetzugang teilweise oder komplett gesperrt. Deshalb ist es wenig überraschend, dass die World Wide Web Foundation 2018 beklagt, dass 408 Millionen US-Dollar, die 37 afrikanischen Staaten zum Ausbau und Verbesserung des Internets zur Verfügung stehen, nicht abgerufen werden. 

Der Journalist und Schriftsteller Modibo Sounkalo Keita aus Mali schrieb schon 1991 in seinem empfehlenswerten Kriminalroman „Bogenschütze", Kyrill & Method Verlag: 

"Ein Journalist, der seinen Beruf ernst nehmen wollte, ist fast schon ein Oppositioneller; denn wenn er das Volk informiert, wie es sich gehört, liefert er Waffen, um die Mächtigen, die uns regieren, zu stürzen. Die Zahl der afrikanischen Journalisten, die ins Gefängnis geworfen oder aber aus dem Arbeitsleben verdrängt wurden, weil sie ihrem Berufsethos gefolgt sind, ist unvorstellbar. Solange unsere Führung aus Leuten besteht, die sich einzig von persönlichem Ehrgeiz, Geldgier und Renommiersucht leiten lassen, werden die Interessen des Volkes hintenan gestellt ". (S.104/05)

Das Internet könnte mehr Demokratie bringen. Die Technologie verändert die Gesellschaft, weil Informationen aus den abgelegenen Regionen in die Zentren gelangen. Nie zuvor haben Menschen südlich der Sahara die Möglichkeit gehabt, Rechte einzufordern und Widerstand gegen Autokraten zu organisieren. Durch moderne Kommunikationsmittel können Menschen Zensur durch Regierungen umgehen und schaffen neue Räume für Berichterstattung abseits von staatlich kontrollierten Medien. Allerdings schafft das Internet noch keine demokratischen Verhältnisse. Es ist ein Werkzeug auf dem Weg dahin.

Volker Seitz war von 1965 bis 2008 in verschiedenen Funktionen für das deutsche Auswärtige Amt tätig, zuletzt als Botschafter in Kamerun, der Zentralafrikanischen Republik und Äquatorialguinea mit Sitz in Jaunde. Er gehört zum Initiativ-Kreis des Bonner Aufrufs zur Reform der Entwicklungshilfe und ist Autor des Buches „Afrika wird armregiert“. Das Buch ist beim Verlag vergriffen. Die aktualisierte und erweiterte Taschenbuchausgabe wird im September 2018 bei dtv erscheinen. Volker Seitz publiziert regelmäßig zum Thema Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika und hält Vorträge.

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Christian Hidde / 15.08.2018

Um welche 13 afrikanischen Länder mit Internetsperre handelt es sich?

Marcel Seiler / 15.08.2018

Kommentar B. Kröger: “Warum erfährt man so gut wie nichts über die kritischen afrikanischen Journalisten? Was ist mit Amnesty International und all den NGOs? Kein Interesse an der Realität?” Ich fürchte, die Antwort ist die: Die heutige staatstragende Presse, die so weltoffen tut, ist in Wirklichkeit nicht an anderen Ländern, Kulturen und Menschen in offener Weise interessiert. Eine echte Neugier ist nicht vorhanden. Sie sind nur dann interessiert, wenn es die eigenen Vorurteile bestätigt. Für Afrika gilt: nur wenn es als Opfer des Westens dargestellt werden kann, bekommt es die Aufmerksamkeit der offiziellen Leitmedien. Traurig!

Gudrun Meyer / 15.08.2018

Auch die halb-autokratische Kanzlerin in D und ihre gesinnungsdiktatorischen Mitarbeiter in den Medien, also dem echten zweiten Teil der GroKo, fürchten das Volk. Ebendeshalb erklären sie es permanent für “rechts”. Auch die herrschende Minderheit in D hat ein klares Interesse daran, das Internet zu zensieren. Abweichende Meinungen werden immer häufiger zu “Hassreden” erklärt und gelöscht. Rechtsstaatliche Standards werden eingeschränkt. Vorkurzem wurde der (zugegeben provozierende) Akif Pirincci wg. “Volksverhetzung” verurteilt, weil er “Flüchtlinge” als “Invasoren” bezeichnet hatte. Im Volksverhetzungsparagrafen steht ja inzwischen auch ein Gummisatz über “gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit”. Die liegt natürlich nicht vor, wenn ein türkischstämmiger grüner Politiker in Hamburg die Dt. als “Köterrasse” beschimpft und bedroht. Sie liegt aber vor, wenn ein Dt. (Pirinccis MiHiGru hat keinen Wert mehr, seit er sich mit den Dt. solidarisiert und, schlimmer noch, sein Recht darauf, selbst Dt. zu sein, in Anspruch nimmt) Menschen, die den “Respekt” der Einheimischen mit dem Messer einfordern, auf der Kölner Domplatte “Party machen”  oder gar als Scharia-Polizei durch die Straßen ziehen, “Invasoren” nennt. Sicher, hier ist es viel besser als in Afrika. Aber wenn Afrika aufsteigt (in Sachen Freiheit, Menschenrechte, Integrität, Demokratie, Wirtschaft . . .) und D in den selben Angelegenheiten absteigt, trifft man sich vielleicht noch mal auf dem selben Niveau. Leider wird es danach für D weiter abwärts gehen.

Christoph Kaiser / 15.08.2018

Welche Gefahren das bargeldlose Treiben in sich birgt ist von Norbert Häring und Paul Schreyer umfassend dargelegt. Die armen Afrikaner!!!

Arne Busch / 15.08.2018

Nicht nur die autokratischen Regime in Afrika fürchten am meisten ihr Volk. In Merkeldeutschland sieht es keinen Deut besser aus. Massive Zensur durch Heiko Maas und seine linken Schergen initiiert. Zensur und weitreichende Löschwellen bei Facebook, YouTube und anderen sozialen Netzwerken. In ganz Merkeldeutschland wurden ganz einfach innerhalb weniger Wochen alle abweichenden Meinungen zu “Hasskommentaren” erklärt. Jeden frühen morgen bedanke ich mich zuerst beim großen galaktischen Geist, dass ich endlich raus bin aus dem Land.

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