Der Schweizer Philosoph Rene Scheu über seinen Kollegen Peter Sloterdijk
Ich mag die Provokationen des deutschen Publizisten Henryk M. Broder. Seine Kolumnen sind zumeist ein intellektuelles Lesevergnügen, seine Auftritte erfrischend, seine Pointen sitzen. Längst hat er seine Rolle gefunden. Broder hat den Ich-Stil als angemessene Form der Darstellung kultiviert.
Dass die Selbstvermarktung auch Absturzgefahren birgt, zeigte sich in seiner letzten Weltwoche-Kolumne. Broder griff darin den deutschen Philosophen Peter Sloterdijk frontal an, dem am 16. Juni in der Frankfurter Paulskirche der Ludwig-Börne-Preis verliehen wird. Den Hintergrund seiner Polemik hatte Broder zum ersten Mal in einem Spiegel-Essay im Jahr 2002 vorgetragen, aber nun in der Welt publikumswirksam reaktiviert: Er, der Börne-Preisträger von 2007, wolle keinem «Zirkel» angehören, der einen «Terrorversteher» und «Massenmordverkleinerer» aufnehme.
Broder führt zur Untermauerung seiner These zwei aus dem Zusammenhang gerissene Zitate an. Beide Male geht es um die Frage nach den Folgen von 9/11. Wer die Originale konsultiert, merkt schnell: Sloterdijk gibt sich keineswegs als Verharmloser der Terroranschläge, sondern als besonnener Geist, der dazu rät, sich nicht blinder Wut zu überlassen. Broder hantiert hart an der Grenze zu jener intellektuellen Unredlichkeit, gegen die der unerschrockene Ludwig Börne einst anschrieb.
Im ersten Text, am 24. September 2001 im Focus erschienen und online abrufbar, nennt Sloterdijk «nach den beklagenswerten Toten in den Gebäuden und den Flugzeugen» die «Distanz-Vernunft» das «langfristig grösste Opfer». Die Warnung vor «rauschhaftem Kriegsholismus» mutet im Rückblick luzide an – auch wenn sie, darin dem broderschen Stil verwandt, in zugespitztem Ton vorgetragen wird. Als Agent provocateur tritt Sloterdijk auch im Interview mit der Welt auf, am 20. Februar 2002 erschienen und ebenfalls online zugänglich. Er nennt darin 9/11 im Kontext der gros sen Katastrophen des 20. Jahrhunderts einen «Kleinzwischenfall». Sloterdijk hat sich in seinem Werk mit philosophischer Unerbittlichkeit mit diesen Katastrophen beschäftigt: den Weltkriegen, dem stalinistischen Terror, Maos «grossem Sprung nach vorn». Es ist zweifellos problematisch, Opferzahlen gegeneinander zu verrechnen, doch geht es Sloterdijk in seinen beiden Interventionen um eine nachvollziehbare Reaktion: Er tritt als intellektueller Mahner auf, der verhindern will, dass aus dem terroristischen Angriff auf ein «symbolisches Nervenzentrum» des Westens ein permanenter Kriegs zustand entsteht, gegen innen mit einem neuen «sekuritären Imperativ» und gegen aussen mit einem fortwährenden Krieg im Namen des Kampfes gegen den Terrorismus.
Diese Ansicht mag man teilen oder nicht. Sie ist aber sicher diskussionswürdig. Und: Sie ist intellektuell redlich. Auch beim besten Willen kann ich hier nichts von jenem Antiamerikanismus erkennen, auf den Broder (meist zu Recht) allergisch zu reagieren pflegt.
Peter Sloterdijk steht seit Februar 2013 als Börne-Preisträger fest. Broder hat ausgerechnet die Tage vor der Preisverleihung genutzt, um seine alte Kritik wieder aufzuwärmen. Ein Schelm, wer hier an Selbstvermarktung auf Kosten eines anderen denkt.
Wäre es dem Provokateur ernst, so müsste er die 20 000 Euro Preissumme zurückgeben. Das wäre ein vertretbarer Preis für die Publizität. Aber ab sofort geht es um Peter Sloterdijk. Er erhält am 16. Juni den Börne-Preis. Und hat ihn sowie die damit verbundene Aufmerksamkeit redlich verdient.
Erschienen in der Weltwoche vom 13.6.13
Siehe auch:
Alles, was ihn, den Kaufmann, interessiert, ist, ob ich das Preisgeld zurückzahlen werde. Nein, das werde ich nicht, denn die Stiftung schwimmt in Geld. Aber ich werde das Geld an eine caritative Organisation in Israel überweisen, die sich um die Opfer von Terroranschlägen und deren Angehörige kümmert. Unter einer Bedingung. Wenn Sloterdijk sein Preisgeld an den “September 11th Victim Compensation Fund” überweist. Mach mal hinne, Sloti!
http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/der_bluthund_unter_den_philosophen