Integrations-Barometer 2018: Die Schrott-Studie des Jahres

Vergangene Woche stellte der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) sein Integrationsbarometer 2018 vor. Damit stieß er auf großes Interesse bei den Medien, deren Resonanz von eher neutral über positiv überrascht bis hin zu freudig erregt reichte. Trotz der teils ausgesprochen unerwarteten Ergebnisse hielt es aber niemand für erforderlich, sich kritisch mit der Studie auseinanderzusetzen. Das hätte allerdings auch einen erhöhten Arbeits- und Rechercheaufwand mit sich gebracht – und ein Mindestmaß an fachlicher Expertise vorausgesetzt. 

Überraschend fällt in der SVR-Studie zum Beispiel der Vergleich des von 0 (sehr negativ) bis 100 (sehr positiv) reichenden Integrationsklima-Index zwischen der im Frühjahr/Sommer 2015 – der Hochzeit der Willkommenskultur – und der überwiegend im zweiten Halbjahr 2017 erfolgten aktuellen Befragung aus: Die Teilstichprobe der Deutschen ohne Migrationshintergrund – auf die ich mich bei den folgenden Ergebnissen beschränke – schätzt das Integrationsklima mittlerweile zwar etwas schlechter ein, aber der Index ist lediglich von 65,4 auf 63,8 abgesunken. Angesichts dessen, was in der Zwischenzeit so alles passiert ist, eine doch erstaunliche Stabilität. 

Das gilt auch für die Antwort auf die Frage, ob die aufgenommenen Flüchtlinge die Kriminalität in Deutschland erhöhen. Nur eine Minderheit, knapp 47%, stimmt dem voll und ganz oder eher zu. Dafür fällt die Zustimmung zu der Frage, ob die aufgenommenen Flüchtlinge Deutschland kulturell langfristig bereichern werden, umso eindeutiger aus. Dem stimmen nämlich 72 Prozent voll und ganz oder eher zu. Mit 71 Prozent ganz ähnlich fällt das Ergebnis auf die Frage aus, ob die aufgenommenen Flüchtlinge positiv zur wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands beitragen werden. 

Es stimmt zwar eine leichte Mehrheit (57 Prozent) voll und ganz oder eher für eine Obergrenze für Asylzuwanderung. Aber in einer anderen, methodisch höherwertigeren Untersuchung (ALLBUS) aus 2016 sprechen sich deutlich mehr Befragte dafür aus, den Zuzug von Asylsuchenden und Wirtschaftsflüchtlingen zu unterbinden oder zu begrenzen, nämlich 83 Prozent beziehungsweise 94 Prozent in Ostdeutschland und 75 Prozent beziehungsweise 92 Prozent in Westdeutschland. Allerdings dürfte hier auch zum Tragen kommen, dass der Begriff Wirtschaftsflüchtling zu eher negativeren Beurteilungen führen dürfte, als der unpräzise und euphemistische SVR-Terminus Flüchtling.  

Methodenkritik ist nicht jedermanns Sache

Wenn man als Wissenschaftler überraschende, unerwartete oder eher nicht plausible Ergebnisse zutage fördert, ist es erste Forscherpflicht, als Erklärung dafür zunächst nach methodischen Schwächen der eigenen Untersuchung zu fahnden. Diese Regel gilt aber ganz offensichtlich nicht für den SVR. Der verkauft der Öffentlichkeit seine Ergebnisse nämlich vollmundig und ohne jede kritische Anmerkung als wahrheitsgetreues Abbild der Wirklichkeit. Augenscheinlich glaubt man mit dem Argument, dass die Ergebnisse auf einer repräsentativen Stichprobe für die in Deutschland lebende Bevölkerung ab 15 Jahren beruhen, alle Kritik bereits im Keim ersticken zu können.  

Zugegeben, die Autoren machen es kritischen Lesern – und denkfaulen Journalisten –  nicht ganz leicht, ihnen auf die Schliche zu kommen, aber eigentlich auch nicht besonders schwer. So findet sich im Ergebnisteil der Studie zwar kein einziger methodenkritischer Hinweis und überhaupt so gut wie gar nichts zur Methodik, außer dass man es hier mit einer Untersuchung einer großen repräsentativen Stichprobe zu tun habe. Aber immerhin sind genaue Informationen über die verwendeten Methoden in einem separaten, auf der Homepage leicht zugänglichen pdf-Dokument enthalten. Die Studienautoren kennen natürlich ihre journalistischen Pappenheimer und deren Allergie gegenüber so trockenen Themen wie Forschungsmethodik, Statistik und Stichprobengewinnung. Da brauchen sie nicht zu fürchten, dass allzu viele dieses Methoden-pdf-Dokument anklicken, es auch noch genau lesen und verstehen.  

Zwischenzeitlich ist die frohe Botschaft über das stabile Integrationsklima und die mehrheitlich erwartete kulturelle und wirtschaftliche Bereicherung durch unsere Flüchtlinge längst in Umlauf gebracht. Da wird doch kein Medium einige Tage später die eigenen Aussagen wieder relativieren. Schon gar nicht, wenn man die so wunderbar zur Bestätigung der eigenen Ansichten geeigneten Ergebnisse bereits markig kommentiert hat, wie der Rheinländer und Zeithistoriker Peter Maxwill für Spon: „Eine laute Minderheit, die sich für das Volk hält, will dem Land eine Asylkatastrophe einreden. Eine Studie zeigt, dass dies bei der Mehrheit der Menschen nicht verfängt – also zurück in die Wirklichkeit, bitte.“

Desaströs hohe Zahl von nicht auswertbaren Interviews

Nun ja, vielleicht hat Herr Maxwill sogar recht, besonders wahrscheinlich ist das aber nicht. Denn die SVR-Studie krankt an einer extrem niedrigen Ausschöpfungsquote von lediglich 6,4 Prozent und ist damit besonders anfällig für systematische Verzerrungen. Diese 6,4 Prozent beziehen sich – das sei für die einschlägig Vorgebildeten erwähnt – auf die bereits um die neutralen Ausfälle bereinigte Stichprobe. Von 136.356 Interviews konnten lediglich 9.298 beziehungsweise 6,4 Prozent auswertbar durchgeführt werden. Aufgrund dieses sehr ungünstigen Verhältnisses von realisierten zu versuchten Interviews bedurfte es eines Riesenaufwands, um die avisierte Stichprobengröße und damit die angepeilte (formale) Repräsentativität zu erreichen. 

Noch vor etwa 25 Jahren hielt man in der Meinungsforschung Ausschöpfungsquoten von unter 70 Prozent für nicht akzeptabel. Unter dem Druck der Realität, vor allem der sinkenden Teilnahmebereitschaft, ist man da mittlerweile deutlich flexibler geworden und akzeptiert zum Beispiel bei telefonischen Wahlumfragen Quoten von 20 bis 30 Prozent. Die seit gut drei Jahrzehnten in regelmäßigen Abständen und offenbar aus guten Gründen in Form einer persönlich-mündlichen Befragung durchgeführte, renommierte sozialwissenschaftliche Erhebung ALLBUS, die noch deutlich zeitaufwendiger ist als die hier diskutierte SVR-Studie, kämpft mit abnehmender Ausschöpfung und erreichte 2016 eine solche von 34,6 Prozent.

Auch wenn man in Rechnung stellt, dass die Teilnahmebereitschaft bei telefonischen Befragungen in den letzten Jahren vergleichsweise wohl etwas stärker nachgelassen hat, sollten die 34,6 Prozent ein geeigneter Wert sein, an dem die SVR-Studie zu messen ist – und den sie grandios verfehlt. Wie ist das zu erklären, außer durch einen eher als gering zu veranschlagenden nachteiligen Effekt durch die (telefonische) Befragungsart?

Die Problematik niedriger Ausschöpfungsquoten ist umso größer, je stärker die Themen der Untersuchung mit den Ursachen der verweigerten Teilnahme zusammenhängen. Will man etwa das Lieblingsgericht der Deutschen ermitteln, muss man unter anderem sicherstellen, dass sich unter den Befragungs-Verweigerern nicht überproportional viele Fleischesser befinden. In Bezug auf die SVR-Studie heißt das: Die niedrige Ausschöpfungsquote wäre nur dann weitgehend unproblematisch, wenn sich Teilnehmer und Verweigerer nicht in ihren Einstellungen und Meinungen in Bezug auf Flüchtlings- und Migrationsthemen unterscheiden. In welchem Maße sich das so oder eben anders verhält, kann man nicht genau sagen. Denn die Nicht-Teilnehmer konnten ja nicht untersucht werden und die Studienleiter haben auch nicht versucht, diesem Problem mit speziellen Methoden zu begegnen. 

Eine Schrottstudie für die Tonne

Nimmt man die Ausschöpfung von 34,6 Prozent als Maßstab, kann die mehr als fünfmal niedrigere Quote der SVR-Studie im Wesentlichen nur durch den Forschungsgegenstand selbst bedingt sein. Angesichts des unerwartet positiven Meinungsbildes drängt sich als einzig plausible Erklärung auf, dass unter den Teilnahmeverweigerern diejenigen mit kritischer Einstellung zu Flüchtlings- und Migrationsthemen stark überrepräsentiert und entsprechend unter den Teilnehmern die anders gepolten überproportional stark vertreten waren. Das wiederum kann den aufgeklärten Zeitgenossen nicht wirklich überraschen. Denn das politische und gesellschaftliche Klima während der letzten Jahre war insgesamt doch wenig unterstützend und hilfreich dabei, auch Kritiker der offiziellen Linie in der Flüchtlingspolitik zu ermuntern, ihre Meinung frank und frei zu äußern. 

Von Migrationsforschern, die sich auch noch mit dem Titel Sachverständigenrat schmücken, sollte man doch eigentlich erwarten, dass sie solche methodisch-inhaltlichen Probleme antizipieren und in ihrem Forschungsplan entsprechend berücksichtigen, bevor Millionen an Stiftungsgeldern versenkt werden. Deshalb kann man auch nicht ganz ausschließen, dass die ja absehbare Verzerrung durch eine niedrige Ausschöpfung bewusst angestrebt wurde. Angesichts des desaströsen zentralen Qualitätsmaßstabs ihrer Studie, der Ausschöpfungsquote, muss man darüber hinaus unterstellen, dass auch dem SVR klar ist, hier eine Schrottstudie vorgelegt zu haben, die man eigentlich nur in die Tonne treten kann. 

Wenn man trotzdem diese Studie ungerührt und ohne jede Relativierung der Öffentlichkeit präsentiert, verlässt man wissenschaftlichen Boden und übertritt die Grenze zur Propaganda. Offensichtlich wird vom SVR das damit einhergehende Risiko einer Schädigung des wissenschaftlichen Rufes als gering erachtet. Denn wer wird in diesen Zeiten die Überbringer „guter“ Botschaften kritisieren, bloß stellen oder gar zur Rechenschaft ziehen? Und Kritik aus der rechten Ecke steckt der deutsche Migrationsforscher doch wohl locker weg. 

Foto: Sebastian Müller CC BY 2.5 via Wikimedia Commons

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Leserpost (44)
Andreas Rochow / 22.09.2018

Dem Sachverständigenrat (SVR) steht übrigens Herr Professor Thomas Bauer vor, der sich als “Migrationswissenschaftler” vehement für den demnächst zu ratifizierenden UN-Migrationspakt einsetzt, mit dem ein weitere Riesenportion deutscher Souveränität unumkehrbar verschleudert werden soll. Dazu gehört auch der Rechtswissenschaftler Professor Daniel Thym, der mit eigenwilligen Abhandlungen über das Zurückstehen deutschen Verfassungsrechts hinter übernationalem/EU-Recht bei Grenzschutz und Migration in Erscheinung getreten ist. Wenn beide “Wissenschaftler” nicht in der Lage sind, ihre zerstörerischen Interessen ohne Missbrauch der Wissenschaft zur Meinungsmanipulation durchzusetzen, müssen auch ihre Projekte “Integrationsbarometer 2018” und “UNO-Migrationspakt” im Licht des großangelegten propagandistischen Betrugs gesehen werden. Die “Wissenschaft” ist nur die Maskerade der demokratiefeindlichen Aktivisten. Es geht um nicht weniger als einen epochalen Betrug mit zu befüchtenden sozialen, ökonomischen und staatsrechtlichen Folgen vom Ausmaß eines Weltkriegs 3.0, der von ihnen mit illegalen Mitteln eingefädelt wird. Ein Skandal, dass die Systemmedien taktisch den Ball so flach zu halten, dass diese Projekte nicht einmal als “umstritten” gelten! Betrüger dieses Kalibers sollten vom Verfassungsschutz gestoppt und unverzüglich vor Gericht gestellt werden, oder ist die Zersetzung und Zerstörung des deutschen Nationalstaates durch NGOs schon demokratisch entschieden?

Robert Orosz / 22.09.2018

Eine Gesellschaft, in welcher die Anwendung logischen Denkens oder der Vernunft gemeinhin als Herrschaftsinstrument des alten weißen Mannes begriffen wird, hat eben nichts anderes verdient als solche “wissenschaftlichen Studien”.

u.witteck / 22.09.2018

Die monatlich erscheinenden Zahlen der Arbeitslosen Statistik glaubt seit vielen Jahren keiner mehr. Wir alle oder zumindest die meiste nkennen die Gründe. Warum soll die Veröffentlichung einer Kriminalitätsststistik plötzlich die Wahrheit sein? Ähnliches gilt auch für Studien/Umfragen: Die erscheinen mittlerweile zufällig genau im Moment, wenn sie gebraucht werden: Ob es die Zahl der beruflichen Qualifikation und/oder Beschäftigten von Geflohnen oder das kriminelle Verhalten derer geht. Für mich sind das alles nur noch Unwahrheiten(!), um der Bevölkerung die Bereicherung von (hauptsächlich) feindlich gesinnten Kulturen zu signalisieren- wobei ich weder die polnische-, französische-, russische-, italienische- spanische, südostasiatische- und andere Kulturen meine! (Man möge mir verzeihen, das ich die vielen anderen Nationen nicht genannt habe) Man muss dabei immer nur den Auftraggeber wissen, schon weiß man das Ergebnis!

Frank Volkmar / 22.09.2018

Vermutlich zählt diese Studie zu den “medialen Interventionen” die Frau Foroutan auf der homepage des von ihr geleiteten BIM an der HU ankündigt. Dort heißt es in “Über uns” : “Das BIM konzentriert sich dabei auf theoriegeleitete empirische Forschung, die sie immer wieder an die Grundlagenforschung zurückbindet. Zugleich wird ein systematischer Forschungstransfer in den öffentlichen Raum angestrebt, der von der kritischen Begleitung politischer Debatten über öffentlichkeitsorientierte Veranstaltungen bis hin zu medialen Interventionen reicht.  Insofern versteht sich das BIM als aktiver Beobachter gesellschaftlicher Entwicklungen.” Gefördert eben auch von der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration. Das war einmal Frau Özoguz. Offensichtlich strebt man nur einen Forschungstransfer des eigenen erforschten Wissens an. Man könnte es auch als Selbstverständnis eines Instituts verstehen, das darauf abzielt mit sich selbsterfüllenden Prophezeiungen Wahrheiten zu schaffen. Das ist dann nichts anderes als “Propaganda” !

Frank Stricker / 22.09.2018

Mich erinnert die gesamte Situation sehr an meine Schulzeit. Meine Staatsbürgerkundelehrerin sagte immer: “in der DDR kann jeder seine Meinung frei äußern”. Ja, manche nur einmal. Naja und so ist das heute wieder. Aber wen wundert es mit ner FDJ-Sekretärin als Bundeskanzlerin. Merkt ihr was?

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