Henryk M. Broder / 17.01.2007 / 06:28 / 0 / Seite ausdrucken

Inside The Beltway 19

Immer, wenn ich schon mittags arbeite, muss ich mich nachmittags kurz hinlegen und nappen. Nach der Lunch Lecture im AICGS mache ich mich auf den Weg nach Chevy Chase,  halte kurz bei CVS an, um meinen Arizona-Ginger-Ice-Tea-Vorrat aufzustocken, beantworte ein paar mails und doese weg wie ein Schichtarbeiter im Morgengrauen. Als ich aufwache, ist es halb acht, 7.3o pm. Eigentlich wollte ich schon um 7 bei “Politics and Prose” in der Connecticut Avenue sein, dem feinen Washingtoner Buchladen, wo Joerg Friedrich die amerikanische Ausgabe seines Buches “Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940-1945” vorstellen soll. Macht nix, denke ich, es geht nichts ueber einen guten Nap am Nachmittag, der Bombenkrieg kann warten.
Also mache ich mir zuerst einen Tee und mich dann auf den Weg zu “Politics and Prose”. Ich komme mitten in der Diskussion an. Friedrich erklaert seinen Zuhoerern den Unterschied zwischen “pinpoint bombing” und “carpet bombing”, zwischen dem “British approach to bombing” und dem “American approach to bombing”, macht dann einen Abstecher nach Beirut zur Hisbollah, streift kurz die Al Kaida, Nordkorea und Sir Arthur Travers Harris,  Marshal of the Royal Air Force, und kommt schliesslich beim Aufstand im Warschauer Ghetto an. Drei Dinge seien es gewesen, um die die Aufstaendischen gebeten haetten: Waffen, Publicity und Rache an deutschen Staedten. Den letzten Wunsch mochten die Briten ihnen nicht erfuellen, obwohl Churchill zu dieser Zeit “very sympathetic to the Zionists” war. Dann zitiert der Friedrich den Schiller (“Die Weltgeschichte ist das Weltgericht”) und beschliesst seine Praesentation mit dem Satz: “Truth comes to surface. And this takes time.” Die Gastgeberin dankt ihm fuer die “extraordinary experience”.
Ich bin froh, dass ich nur das Ende der experience mitbekommen habe. Zwei Reihen hinter mir sitzt A. und sieht aus, als kaeme er gerade aus einem Konzert mit James Last. Wir beschliessen, uns etwas Gutes anzutun und zum Yenching Palace zu fahren, einem China-Diner aus den 5oer Jahren, der demnaechst geschlossen werden soll, weil Wallgreens das Haus gekauft hat. Wir bestellen “Shanghai Beef and Scallops” und “Crispy Walnut Chicken”. Danach sind wir bereit, jede Resolution gegen die Ausbreitung von Wallgreens zu unterschreiben. Ich wuerde sogar Arthur Travers Harris wieder los schicken, aber das, findet A., gehe doch zu weit. Okay, dann eben kein pinpoint bombing.
Ich fahre zurueck nach Chevy Chase, mache das Fernsehen an und was sehe ich: Zwei Folgen von “Sex And The City”, die ich noch nicht kenne. Das ist wirklich eine “extraordinary experience”. Lieber Gott, ich danke Dir!

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