Wie schaffte man es, von einer einfachen inoffiziellen Mitarbeiterin zur hoch dekorierten geheimen hauptamtlichen Mitarbeiterin der Staatssicherheit zu werden? Ein Theaterstück über Monika Haeger gibt Auskunft über diese Frage.
Während der 35. Jahrestag des Mauerfalls in der Bundespolitik nur am Rande und in der FAZ gar keine Erwähnung fand, wurde in Berlin seiner an verschiedenen Orten gedacht. Einer davon war die ehemalige Hauptzentrale der Staatssicherheit in der Magdalenenstraße, heute nach der charmanten Idee des ehemaligen Stasiunterlagenbeauftragten Roland Jahn ein „Campus der Demokratie“. Der Autorin und Regisseurin Nicole Heinrich gelang es, ihr bemerkenswertes Theaterstück über Monika Haeger, die es in der DDR von einer einfachen inoffiziellen Mitarbeiterin durch eifriges Berichterstatten über die DDR-Opposition der 80er Jahre zur hoch dekorierten geheimen hauptamtlichen Mitarbeiterin der Staatssicherheit gebracht hat, hier auf die Bühne zu bringen.
An zwei Tagen wurde das Stück vor Schulklassen gezeigt, an zwei weiteren dem allgemeinen Publikum. Zu sehen war ganz großes Theater. Ein gutes, sorgsam gebautes Stück wurde durch die exzellente Darstellerin Anja Kimmelmann zum Ereignis. Das sprach sich rum. Während am ersten Tag nur 60 Zuschauer im erbärmlich kalten Saal froren, strömten zur nächsten Aufführung mehr als zweihundert Menschen herbei. Bei 220 setzte die Feuerwehr ein Stoppzeichen. Was bringt ein ehemaliges Heimkind dazu, ausgerechnet jene zu denunzieren, die ihm den langersehnten Familienersatz boten? Warum erwies sich entgegengebrachte Freundschaft als zu schwach gegen den Verrat? Wie tief verändert eine Ideologie die Persönlichkeit? Dieser Frage geht Heinrich mit viel Gespür für die Komplexität des Themas nach. Als Kimmelmann auf die Bühne kam, dachte ich spontan: die ist zu hübsch und zu groß für die kleine Monika, die ich leider nur zu gut kannte.
Es ist nicht immer von Vorteil, wenn man die dargestellte Person live erlebt hat. Sofort als Kimmelmann mit dem Spiel begann, war das vergessen. Der Geist von Monika Haeger beherrschte die Bühne. Haegers Berichte und die daraufhin von der Staatsicherheit ergriffenen Maßnahmen hatten zum Teil verheerende Folgen. Am effektivsten wurde eine Person geschädigt, wenn man Haeger das Gerücht streuen ließ, sie wäre ein Stasi-Spitzel. Das kann ich aus eigener, bitterer Erfahrung bestätigen, denn Haeger hat das auch über mich in Umlauf gebracht. Haegers Denunziationen hatten aber auch Berufsverbot oder Haft zur Folge. Sie sah sich als effektivste Denunziantin und hatte damit nicht ganz unrecht, obwohl es harte Konkurrenz bei den Männern gab. Ibrahim Böhme, der es in der Revolutionszeit zum Vorsitzenden der neu gegründeten Sozialdemokratischen Partei brachte, schrieb seine Spitzelberichte, als wären es literarische Miniaturen. IM Notar, der nach der Vereinigung mit dutzenden Prozessen erkämpfte, dass von seiner Stasitätigkeit nicht mehr die Rede sein darf, hinterließ hunderte Berichte in den Akten. Die Liste könnte fortgesetzt werden.
Ein Stück Gegenwart wird sichtbar
Nach drei Jahren Recherche hat Heinrich nicht nur ein absolut stimmiges Charakterbild einer Überzeugungstäterin entworfen, sondern en passant auch ein Bild der DDR in den verschiedenen Jahrzehnten. Für die 50er Jahre gab es ein Schlaglicht auf Sachsenhausen 2, das von den Sowjets auf dem Boden des ehemaligen Nazi-Konzentrationslagers betriebene „Speziallager“.
In den 60er Jahren war es der Jugendwerkhof Torgau, in den 70ern das Frauengefängnis Hoheneck. Ab Anfang der 80er geht es dann um die sich entwickelnde Opposition, die von Haeger so effektiv ausgespäht wurde, dass sie mit dem höchsten Orden der Staatssicherheit dekoriert wurde, übrigens in dem Saal, in dem das Theaterstück gespielt wurde.
Immer wieder wird auch ein Stück Gegenwart sichtbar: Etwa in einer Diskussion um die aktuellen Denunziationsplattformen. Dienen die wirklich dem Schutz der Demokratie oder bewirken sie das Gegenteil? Das muss der Zuschauer entscheiden. Das Stück sollten möglichst viele Menschen sehen.
Nächste Aufführungen:
Lübeck:
19. November 2024
19–21 Uhr, Einlass: 18:45
Theaterschiff Lübeck
Willy-Brandt-Allee 10k, 23552 Lübeck
Karten: Theateraufführung in Lübeck: Monika Haeger – inside stasi (freiheit.org)
Gefördert von der Friedrich-Naumann-Stiftung Hamburg/Schleswig-Holstein.
Friedberg (Hessen):
6. Dezember 2024
Geschlossene Aufführung
Gefördert von der Landeszentrale für politische Bildung Hessen.
Kontakt/Infos zu Aufführungen: Telefon: 01517-0092344 oder nicnh@web.de
E-Book vom Stück inklusive Gegenwartsszenen gibt es hier: Monika Haeger – inside stasi E-Book/
Erschienen im März 2024 im Drei Masken Verlag München, Bestellbar hier:
Monika Haeger – Inside Stasi (Drei Masken-Verlag)
Monika Haeger – Inside Stasi (Amazon)
Vera Lengsfeld, geboren 1952 in Thüringen ist eine Politikerin und Publizistin. Sie war Bürgerrechtlerin und Mitglied der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR. Von 1990 bis 2005 war sie Mitglied des Deutschen Bundestages zunächst bis 1996 für Bündnis 90/Die Grünen, ab 1996 für die CDU. Seitdem betätigt sie sich als freischaffende Autorin. 2008 wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande geehrt.
Beitragsbild: Bundesarchiv CC BY-SA 3.0 de via Wikimedia Commons

Ich empfehle das immer noch lieferbare und bereits Anfang der 90-er Jahre entstandene Buch ‚Geschützte Quelle‘ des Basis-Druck Verlages. Irene Kukutz und Katja Havemann führen (selber) Gespräche mit Monika Haeger. So geht Aufarbeitung! Es ist auch sehr bedauerlich, daß die große und großartige Film-Dokumentation von Peter Wensierski zu Monika Haeger und ihrem ‚Fall‘ nur rudimentär auf youtube abgerufen werden kann und man diese, nach meinem Wissenstand, auch nirgends käuflich erwerben kann. Uns, Zeitzeugen wie Nachgeborenen, sollte eines zu denken geben: Manfred Ibrahim Böhme, Wolfgang Schnur, Monika Haeger – alle waren ‚Heimkinder’. Die gezielte Rekrutierung verwaister Kinder und Jugendlicher, die sich doch sehnen nach Nähe, Vertrauen und Geborgenheit, scheint eine spezielle Art des Mißbrauch von Kindern und Jugendlichen im ‘ersten sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat‚ bzw. der ‘zweiten deutschen Diktatur‚ gewesen zu sein! Schon die Nazis sammelten mit Vorliebe diejenigen ein und auf, deren Väter im Ersten Weltkrieg gefallen waren. (vgl. hierzu auch Orwell: Farm der Tiere)! Wir dürfen niemals vergessen, nach politischen UND STRAFRECHTLICHEN Verantwortung derer zu fragen, die solche Zustände geschaffen und mit ihnen Politik gemacht haben!!! Über Haeger gibt es nun ein Theaterstück. Warum aber stehen die MfS-Offiziere, die sie ‘geführt’, benutzt und gebraucht haben nicht vor einem deutschen Gericht? Was ist/war mit den Verantwortlichen ‚Sicherheit‘ in Zentralkommitee und Politbüro? Der Genosse Markus Wolf, war ein gern gesehener Talkshow-Gast im bunten Fernsehen! Es ist offenbar eine Spezialität der bunten Republik die WIRKLICH Verantwortlichen, sowohl vor strafrechtrechtlichen Konsequenzen als auch allgemein vor der Öffentlichkeit zu schützen. – Warum muß ich jetzt an die gerade verurteilte Lagersekretärin von Stutthof denken, deren Vorgesetzte und Befehlshaber friedlich im Bett gestorben sind?