Burkhard Müller-Ullrich / 14.06.2010 / 17:27 / 0 / Seite ausdrucken

Innere LTI

Die Sprache ist eine alte Verräterin. Sie teilt immer mehr mit, als man eigentlich sagen will, denn sie wird nur zum Teil vom Bewußtsein gesteuert. Daher kommt ja die magische Kraft der Dichtkunst, daß Worte plötzlich einen Weg zum Unbewußten weisen. Und wer hätte noch nicht die peinliche Erfahrung gemacht, welche Sprengkraft ein gedankenlos gebrauchter Ausdruck entfalten kann? Diese Sprengkraft hängt zum einen mit der Gedankenlosigkeit direkt zusammen: so ein Dummheitsbeweis vermag im Handumdrehen Ruf und Karriere zu beschädigen. Zum anderen entsteht die Sprengkraft aus der Sache selbst: es gibt unterschiedlich schlimme Tabu-Wörter, die verschieden schwere Verletzungen bewirken können, aber sie sind alle mit irgendeinem Unheil verbunden, das nicht zu kennen oder das ignorieren zu wollen in jedem Fall anstößig ist.

Was von alledem trifft nun auf eine 45-jährige Moderatorin von Sportsendungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu? Zunächst einmal dies: sie muß entweder in engem Kontakt mit ihren Großeltern aufgewachsen sein oder ihre Eltern verstanden sich mit ihren Eltern so sehr, daß sie deren Redeweisen übernahmen. So ging und geht es in vielen deutschen Familien zu: da werden inhaltsleere Sprachbrocken von Generation zu Generation weitergereicht, und die Enkel wissen nicht einmal, um was für brisante Blindgänger es sich dabei handelt.

Kann das Nichtwissen als Entschuldigung dienen, so wie es der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, zu meinen scheint, indem er darauf hinweist, daß ja keine böse Absicht vorlag? Man möchte ihm zustimmen – wenn es sich denn um eine Metzgerin, Friseurin, Straßenbahnfahrerin oder was auch immer handeln würde, bloß nicht um eine Medienfrau, die professionell das Wort führt und dafür bezahlt wird.

Die interessantere Frage ist aber, warum sie in einer solchen Situation (die Deutschen haben guten Fußball gespielt, Miroslav Klose hat eine Scharte ausgewetzt) ausgerechnet „innerer Reichsparteitag“ sagt. Denn es gibt immer einen Grund, warum unser Gehirn so tickt, wie es tickt, und es gibt eine verborgene Rationalität der Sprache, die man philologisch erforschen kann, so wie es Victor Klemperer mit der Sprache des Dritten Reiches, der Lingua Tertii Imperii, getan hat.

Warum schrieb vor etlichen Jahren ein unseliger Autor der Berliner taz, in einer bestimmten Diskothek sei es „gaskammervoll“ gewesen? Man kann das nicht nur anders ausdrücken, das andere läge sogar viel näher. Es sind eben verbale Transgressionsversuche von Leuten, die ganz tief im Inneren sehr wohl spüren, daß sie mit verschütteten, aber durchaus noch scharfen Fliegerbomben der Sprache hantieren. Sie wollen ultra-locker wirken, und das „ultra“, das ihr eigenes Sprachvermögen nicht hergibt, beziehen sie aus Geschichtsabgründen, die sie nur vage kennen.

Die Transgressionsversuche werden auch volksweit verstanden. Das zeigt die immediate Reaktion in der Brandung des Internets: Nur Minuten nach dem fatalen Satz formierte sich im Gegen-Medium der Massen-Protest. Doch der seither in den Internetforen hochkochende Meinungsbrei zeigt auch, daß wir an einer Schwelle stehen: die meisten wollen endlich frei sein von der Vergangenheit. Keine Denk- und Redeverbote mehr, Reichsparteitag für alle! Das Dumpfe bricht sich Bahn, und das Dumpfe hat ein hübsches Fernsehgesicht. Das ist das deutsche Dilemma.

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