Ingo Langner, Gastautor / 11.10.2008 / 23:08 / 0 / Seite ausdrucken

Ingo Langner: Die Sache mit Gott und Kant

Henryk M. Broder ist ein zoon politicon. Im antiken Athen wäre sein Lieblingsplatz zweifellos die Agora gewesen, im alten Rom hätte er sich auf dem Forum getummelt, und in der Gegenwart ist der „Spiegel“-Autor und Publizist in den Print-, Hör- und Bildmedien ebenso zuhause, wie im Worldwideweb. Broder ist ein Meister des Worts, und ein Polemiker aus Prinzip. Über seinem Schreibtisch hängt vermutlich der Satz „Angriff ist die beste Verteidigung“. Wer nach dieser Parole lebt, hat nicht nur Freunde, und wer wie Broder, fast alles was er denkt, aufschreibt und veröffentlicht, der bietet viele Angriffsflächen. Vor allem dann, wenn man kein Parteigänger und Ideologe ist, auf stählerne Netzwerke pfeift und sein Koordinatensystem nicht aus Schubkästen oder Schützengräben bezieht, sondern aus der Realität.

Auch wenn es manchmal so scheint, als würde sich Broder in gerichtsnotorischen Kleinkriegen verzetteln, wer seine Bücher der letzten Jahre noch einmal genauer anschaut, merkt bald: hier ist ein Mann, der sein Ohr am Puls der Zeit hat und gleichzeitig weit über den Tag hinaus denkt. Broder erkennt Antisemitismus auch in der finstersten Nacht schon am leisesten Knacken. Er kritisiert libertäre New Yorker, die über Nacht zu jüdischen Neusiedlern und Hardlinern an der palästinensischen Front mutiert sind, ebenso schonungslos, wie er die Lebenslügen deutscher Fundamentalpazifisten entlarvt, die zwar kein Blut für Öl wollen, aber mit dem eigenen Automobil zur antiamerikanischen Demo fahren und winters auf ihre gut geheizte Wohngemeinschaft nicht verzichten wollen. Im vorigen Jahr prangerte Broder die gesamteuropäische Lust am Einknicken vor dem islamistischen Terror an, und heuer hat er uns eine „Kritik der reinen Toleranz“ auf den Tisch gelegt.

Die Gebildeten unter seinen Verächtern werden zugeben müssen, daß Broders Anspielung auf Immanuel Kant Witz hat. Aber die Sache mit Kant hat auch ihre Tücken. Bekanntlich ist dessen „Kritik der reinen Vernunft“ 1827 von der Katholischen Kirche auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt worden. Da ist also Vorsicht geboten, und ganz gewiß werden nicht wenige, die Henryk M. Broder in seiner neuen scharfzüngigen Polemik heftig aufs Korn nimmt, der Versuchung kaum widerstehen können, seine jüngste Kampfschrift in irgendeinen der hierzulande bekanntlich reichlich aufgestellten scheinaufgeklärten Giftschränke möglichst spurlos zu entsorgen. Denn „die Toleranz an sich“ ist die letzte heilige Kuh jenseits von Eden. Der gewöhnliche Westeuropäer möchte vor allem eins: tolerant sein. Deshalb bringt er inzwischen für alles Verständnis auf. „Werte“ sind zu frei flottierenden Teilchen geworden, die je nach Bedarf neu sortiert werden. Die Wahrheit ist relativ. Das Böse existiert nicht. 

Broder schätzt die freie Rede. Ja, man kann sagen: er braucht sie wie andere die Luft zum Atmen. Er schätzt jedoch gar nicht, wenn im Namen der Toleranz unsere Demokratie zerstört werden soll. Deshalb prangert er eine pervertierte Idee von Toleranz „gegenüber Menschen und Kulturen (an), die ihrerseits nichts von Toleranz halten und die von der Idee der eigenen Überlegenheit dermaßen durchdrungen sind, daß sie es für das Beste halten, wenn die Welt ihrem Beispiel folgt.“

Selbstredend sind damit vor allem „Menschen mit Migrationshintergrund“ und „Islamisten“ gemeint, für die sogenannte Ehrenmorde und Terror inzwischen offenbar zum definitiven „way of life“ gehören, an den wir uns gefälligst zu gewöhnen haben. Wenn nötig, mit der tätigen Mithilfe deutscher Richter. Broder hat erkannt, daß eine Gesellschaft auf der Kippe steht, „in der ein Regierender Bürgermeister die Teilnehmer einer Sado-Maso-Fete persönlich in der Stadt (Berlin) willkommen heißt; in (der) ein rechtskräftig verurteilter Kindesmörder Prozeßkostenhilfe bekommt, um einen Prozeß gegen die Bundesrepublik führen zu können, weil er noch nach Jahren darunter leidet, daß ihm bei einer Vernehmung Ohrfeigen angedroht wurden; in (der) jeder frei darüber entscheiden kann, ob er seine Ferien im Club Med oder in einem Ausbildungscamp für Terroristen verbringen möchte. Dermaßen praktiziert, ist Toleranz die Anleitung zum Selbstmord. Und Intoleranz eine Tugend, die mit Nachdruck vertreten werden muß.“

Wie immer ist Broder konkret und hat auch diesmal eine Fülle von Beispielen zusammengetragen, die seine Ausgangsthese untermauern. Ob es eine „Aktionswoche gegen Rassismus“ ist, eine Palästinenser-Demo in Berlin, oder der alltägliche rechtsstaatliche Wahnsinn, Broder ist darüber ebengut informiert, wie über die Lage im Irak, in Libyen und im Iran. Ja, er hat sich sogar in die sehr speziellen Gedanken feministischer Kulturwissenschaftlerinnen vertieft, die über die Frau, den Islam und den Westen geforscht haben und dabei auf ein ungeahntes weibliche Freiheitspotential gestoßen sind, daß in einer verschleierten Wirklichkeit verborgen liegt.

Henryk M. Broder ist ein kluger Zeitgenosse - und neugierig ist er auch. Er weiß, daß das Böse eine Kategorie für sich ist, die man weder aufs Freunds Couch noch mit sozialtherapeutischen Mitteln exorzieren kann. Aber weil er nach eigenen Aussagen ein Jude ist, der säkular lebt, hat er so seine Schwierigkeiten mit dem Gott seiner Väter. Die Thora ist für Broder nicht ein Text, der das Handeln Gottes in der Geschichte erzählt, sondern etwas nur Menschengemachtes; also bloß so eine Idee, die man – wie etwa den Marxismus – auch wieder zum Übrigen legen kann.
„Herr, mach bitte das nächste Mal beispielsweise die Holländer zu Deinem auserwählten Volk!“, ist ein Kalauer, den Broder auf öffentlichen Veranstaltungen gerne anbringt und damit Beifall und Lacher einheimst. Doch aus Kalau führt bekanntlich nur selten ein Weg zurück.

Broder ist ein aufgeklärter Aufklärer der Aufklärung. Aber wenn er den aktuellen Zustand unserer – westlichen – Gesellschaften bis hin zum Mobiltelefon für „das Ergebnis eines langen Kampfes für die Freiheit“ hält, dann ist er, der unbestechliche Relativismuskritiker, selbst in eine relativistische Falle getappt. Denn sein Freiheitsbegriff stammt aus dem Ideenpool der Säkularen.
Broder schätzt „das Recht, Fragen zu stellen und Grenzen überschreiten zu dürfen“ über alles. Was er als Nichtreligiöser jedoch dabei übersieht, ist die Tatsache, daß der Mensch ein Geschöpf Gottes und sein Ebenbild ist. Was er wie viele religiös Unmusikalische offenbar ignoriert, ist daß Gott den Menschen von Anfang an frei gemacht hat. Die von Gott gegebene Freiheit des Menschen ist grenzenlos – per se. Denn diese Freiheit schließt sogar den vom Schöpfergott zugelassenen Unglauben an ihn ein. Eine solche Freiheit kann nicht überboten werden. Auch nicht von der Erklärung der Menschenrechte und schon gar nicht von den fragwürdigen Segnungen der Französischen Revolution, die aus dem katholischen Frankreich bekanntlich eine Republik der Freimauer gemacht hat.

Broders Lust, immer und überall wider den Stachel zu löcken, kommt nicht, wie er in seiner überzogenen Bewunderung für die Aufklärung annimmt, „von Johannes Gutenberg bis Bill Gates, von Voltaire bis Freud, von Jules Verne bis Erasmus von Rotterdam, von Cervantes bis Melville, von Marie Curie bis Kopernikus, von Isaak Newton bis Thomas Edison, von Theodor Hendrik van der Velde bis Alfred Kinsey, von Henry Thoreau bis Theodor Herzl“. Denn auch Broders Freiheit, als Jude säkular zu leben, ist ihm von Gott geschenkt.

Im Übrigen fällt auf, daß in Broders Hitliste der Freiheitsheroen Augustinus von Hippo, Benedikt von Nursia, Thomas von Aquin, Franz von Assisi, Ignatius von Loyola, Therese von Lisieux oder Edith Stein fehlen. Sie und viele andere von der Katholischen Kirche heiliggesprochene Männer und Frauen kommen nicht vor, weil Broder in dieser Causa einen säkularen blinden Fleck hat und deswegen nicht erkennen kann, welchen immensen Anteil gerade die Heiligen daran haben, die Freiheit des Menschen in ihrer wahren Dimension darzustellen.

Doch trotz dieses grundsätzlichen Einwandes sind Broders Gedanken gleichwohl keineswegs leer, sind seine Anschauungen nicht blind. Er denkt scharf, sieht klar und zieht klare und scharfe Schlüsse aus dem Erkannten. Mit großer Zustimmung zitiert er sogar ganz zuletzt Joseph Kardinal Ratzinger mit den Worten: „Es scheint hier ein merkwürdiger Selbsthaß des Westens auf, der fast nur als etwas Pathologisches begriffen werden kann. Der Westen versucht sich in lobenswerter Weise ganz und gar dem Verständnis fremder Werte zu öffnen, aber er liebt sich selbst nicht mehr“.

Weil Broder in einer säkularen Befangenheit stecken bleibt, weil er Vernunft und Glauben nicht konsequent zusammendenkt und als unauflösbare Einheit begreift, stößt seine „reine Vernunft“ an ihre selbstverschuldeten Grenzen. Das ist schade. Macht aber dennoch seine neuerliche Analyse der westlichen Defizite unter dem Tarnmantel der Toleranz zu einem der wichtigsten Sachbücher in diesem Herbst.

C:  Die Tagespost, Würzburg

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