Rainer Bonhorst / 01.08.2011 / 12:49 / 0 / Seite ausdrucken

Infamer Unfug

Die deutsche Debatte um die Mitschuldigen am Massenmord von Norwegen hat mir die Augen in einer anderen Sache geöffnet.

Endlich wird mir klar, wer die Hintermänner des Papst-Attentäters Ali Agca waren. Endlich weiß ich, wer die heimlichen Sympathisanten waren, als der Türke seinen Mordanschlag auf Johannes Paul II verübte? Es müssen wohl all jene Leute gewesen sein, die sich kritisch mit dem Christentum auseinandergesetzt haben.

Zum Beispiel die Leute, die den Papst als Pillen-Paule verspotteten. Und die Leute, die der katholischen Kirche Körper- und Sex-Feindlichkeit vorwerfen. Und die Leute, die sich darüber empören, dass der Papst gegen die Homo-Ehe und gegen die Abtreibung ist. All diese Leute sind mitverantwortlich am Gewaltausbruch gegen den Papst,

Wie bitte? Was dieser Quatsch soll? Was dieses lächerliche, abwegige, ja infame „Argument“ bedeuten soll? Genau das: Es ist Quatsch. Es ist lächerlich, abwegig, infam. Es ist genau so lächerlich, abwegig und infam, wie die Behauptung, die Islam-Kritiker hätten in Oslo und auf Utöya quasi mitgeschossen. Damals, nach dem Papst-Attentat hat zum Glück niemand einen solchen Unsinn verzapft. Heute wird solcher vergleichbarer Unsinn nicht nur verzapft, er droht hier und da sogar politische Mode und damit salonfähig zu werden.

Wenn Kritik am Islam zur Mordsache erklärt wird, haben wir ein großes Problem. Dann wird der Kampf um die Meinungshoheit zur Meinungsdiktatur.  Dann wird Deutschland ein Land, aus dem man als kritischer Bürger leichten Herzens auswandern kann. Es wird dann allerdings eine Massenauswanderung. Denn die meisten Deutschen nehmen sich gelegentlich oder auch häufiger die Freiheit, Kritik am Islam zu üben. Es dürften etwa genauso viele sein, wie diejenigen, die gelegentlich oder auch häufiger das Christentum kritisieren. Die tun dies allerdings, ohne üble Unterstellungen befürchten zu müssen. Anders als die dänischen Mohammed-Karikaturisten, denen man ja vorwarf, sie hätten die Attacken auf ihren Leib und ihr Leben selbst provoziert.

Zum Glück muss man das alles nicht allzu ernst nehmen, sondern als das, was es ist:  als Politik aus dem Hause Billigheimer. Das wird sich wieder legen, das übliche Mindestmaß an Vernunft (es muss ja nicht viel sein) wird wieder eintreten. Man wird – mit etwas Geduld - im Lande bleiben können.

Zur Erinnerung hier aber noch mal zwei, drei Sätze aus dem Lehrbuch der Demokratie für Erstklässler:

Kritik ist erlaubt. Zum Beispiel Kritik an der Regierung, an den christlichen Kirchen, am Islam, ja eigentlich an allem.     

Wer unsere freiheitlich demokratische Lebensweise nicht akzeptiert, darf nicht nur, er sollte sogar kritisiert werden. Stichwort: wehrhafte Demokratie.

Zur Ergänzung hier noch zwei Zitate aus prominentem historischem Mund:

Rosa Luxemburg: Die Freiheit ist immer die Freiheit der anders Denkenden.

Und Voltaire: Ich teile Ihre Meinung nicht, aber ich werde bis zum letzten Atemzug dafür kämpfen, dass Sie sie frei äußern dürfen.

Noch nirgends habe ich als Freiheits-Aphorismus den Satz gelesen: „Wer frei und kritisch seine Meinung äußert; begibt sich damit in die Nähe von Massenmördern.“ Ich glaube auch nicht, dass das jemals eine tragfähige Beschreibung unserer Demokratie wird.

Schlussbemerkung: Wie soll man sich nun also politisch nach der Bluttat von Utöya verhalten? Der norwegische Ministerpräsident Stoltenberg hat die richtige Antwort schon gegeben: Norwegen wird auch in Zukunft weltoffen und vielfältig, also demokratisch und multikulturell bleiben. Ein Verbot, sich kritisch mit dem Islam und vor allem mit antidemokratischen Neigungen einiger Islamisten auseinanderzusetzen, ist meines Wissens nicht vorgesehen. Falls es in Deutschland solche Pläne geben sollte, böte sich also eine Auswanderung ins freie, weltoffene Norwegen an. 

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Paypal via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Rainer Bonhorst / 25.04.2024 / 14:00 / 6

Scholz und Sunak – ein spätes Traumpaar

Sie passen gerade gut zueinander: Ihre Länder stecken im Krisen-Modus und sie sind letztlich nur noch Regierungschefs auf Abruf. Er kam spät nach Berlin, aber…/ mehr

Rainer Bonhorst / 17.04.2024 / 10:00 / 31

​​​​​​​Die Bayer(n)-Revolution

Rekordmeister Bayern muss den Meistertitel an Bayer abgeben. Ein Menetekel für die Politik? Wie wird es weitergehen? San mir net mehr mir? Ist rheinisch das…/ mehr

Rainer Bonhorst / 12.03.2024 / 17:00 / 9

Die Kate-Krise oder viel Lärm um nichts?

Ein Familienfoto der Royals ist schon kurz nach Erscheinen als ungelenke Bildmanipulation entlarvt worden. Medialer Wirbel dank Photoshop! Ist Englands königliche Familie eine Fälscherbande? Wenn ja, dann keine…/ mehr

Rainer Bonhorst / 08.03.2024 / 12:00 / 19

Bye bye Nikki, hello Oldies

In den USA duellieren sich Biden und Trump um den Einzug ins Weiße Haus. In diesem Alter würde man in Deutschland weniger auf Karriere als…/ mehr

Rainer Bonhorst / 22.02.2024 / 14:00 / 26

Kamala gegen Nikki – ein Traum

Statt der beiden betagten Kontrahenten Joe Biden und Donald Trump wünsche ich mir eine ganz andere Konstellation im Kampf um das Amt des US-Präsidenten. Man…/ mehr

Rainer Bonhorst / 13.02.2024 / 12:00 / 39

Gendern im Fußball? Fans zeigen rote Karte!

Wie woke soll der Fußball sein? Oder genauer: Wie viele Geschlechter soll der Fußball kennen? Es wird Zeit, mal wieder auf den Fußballplatz zu gehen.…/ mehr

Rainer Bonhorst / 12.02.2024 / 12:00 / 35

Giorgia Meloni als Mamma Europa?

Georgia Meloni beginnt in Europa eine wichtige Rolle zu spielen. Die Politik hält sich mal wieder nicht an die ideologischen Vorgaben deutscher Medien.    Ja, darf…/ mehr

Rainer Bonhorst / 04.02.2024 / 14:00 / 33

Gedanken beim Demo-Gucken

Im Grunde haben wir ja Glück, dass in Deutschland die Verhältnisse so klar sind. Wir haben keine dunkelhäutigen Politiker in Berlin, die die Frechheit besitzen…/ mehr

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com