Die deutsche Debatte um die Mitschuldigen am Massenmord von Norwegen hat mir die Augen in einer anderen Sache geöffnet.
Endlich wird mir klar, wer die Hintermänner des Papst-Attentäters Ali Agca waren. Endlich weiß ich, wer die heimlichen Sympathisanten waren, als der Türke seinen Mordanschlag auf Johannes Paul II verübte? Es müssen wohl all jene Leute gewesen sein, die sich kritisch mit dem Christentum auseinandergesetzt haben.
Zum Beispiel die Leute, die den Papst als Pillen-Paule verspotteten. Und die Leute, die der katholischen Kirche Körper- und Sex-Feindlichkeit vorwerfen. Und die Leute, die sich darüber empören, dass der Papst gegen die Homo-Ehe und gegen die Abtreibung ist. All diese Leute sind mitverantwortlich am Gewaltausbruch gegen den Papst,
Wie bitte? Was dieser Quatsch soll? Was dieses lächerliche, abwegige, ja infame „Argument“ bedeuten soll? Genau das: Es ist Quatsch. Es ist lächerlich, abwegig, infam. Es ist genau so lächerlich, abwegig und infam, wie die Behauptung, die Islam-Kritiker hätten in Oslo und auf Utöya quasi mitgeschossen. Damals, nach dem Papst-Attentat hat zum Glück niemand einen solchen Unsinn verzapft. Heute wird solcher vergleichbarer Unsinn nicht nur verzapft, er droht hier und da sogar politische Mode und damit salonfähig zu werden.
Wenn Kritik am Islam zur Mordsache erklärt wird, haben wir ein großes Problem. Dann wird der Kampf um die Meinungshoheit zur Meinungsdiktatur. Dann wird Deutschland ein Land, aus dem man als kritischer Bürger leichten Herzens auswandern kann. Es wird dann allerdings eine Massenauswanderung. Denn die meisten Deutschen nehmen sich gelegentlich oder auch häufiger die Freiheit, Kritik am Islam zu üben. Es dürften etwa genauso viele sein, wie diejenigen, die gelegentlich oder auch häufiger das Christentum kritisieren. Die tun dies allerdings, ohne üble Unterstellungen befürchten zu müssen. Anders als die dänischen Mohammed-Karikaturisten, denen man ja vorwarf, sie hätten die Attacken auf ihren Leib und ihr Leben selbst provoziert.
Zum Glück muss man das alles nicht allzu ernst nehmen, sondern als das, was es ist: als Politik aus dem Hause Billigheimer. Das wird sich wieder legen, das übliche Mindestmaß an Vernunft (es muss ja nicht viel sein) wird wieder eintreten. Man wird – mit etwas Geduld - im Lande bleiben können.
Zur Erinnerung hier aber noch mal zwei, drei Sätze aus dem Lehrbuch der Demokratie für Erstklässler:
Kritik ist erlaubt. Zum Beispiel Kritik an der Regierung, an den christlichen Kirchen, am Islam, ja eigentlich an allem.
Wer unsere freiheitlich demokratische Lebensweise nicht akzeptiert, darf nicht nur, er sollte sogar kritisiert werden. Stichwort: wehrhafte Demokratie.
Zur Ergänzung hier noch zwei Zitate aus prominentem historischem Mund:
Rosa Luxemburg: Die Freiheit ist immer die Freiheit der anders Denkenden.
Und Voltaire: Ich teile Ihre Meinung nicht, aber ich werde bis zum letzten Atemzug dafür kämpfen, dass Sie sie frei äußern dürfen.
Noch nirgends habe ich als Freiheits-Aphorismus den Satz gelesen: „Wer frei und kritisch seine Meinung äußert; begibt sich damit in die Nähe von Massenmördern.“ Ich glaube auch nicht, dass das jemals eine tragfähige Beschreibung unserer Demokratie wird.
Schlussbemerkung: Wie soll man sich nun also politisch nach der Bluttat von Utöya verhalten? Der norwegische Ministerpräsident Stoltenberg hat die richtige Antwort schon gegeben: Norwegen wird auch in Zukunft weltoffen und vielfältig, also demokratisch und multikulturell bleiben. Ein Verbot, sich kritisch mit dem Islam und vor allem mit antidemokratischen Neigungen einiger Islamisten auseinanderzusetzen, ist meines Wissens nicht vorgesehen. Falls es in Deutschland solche Pläne geben sollte, böte sich also eine Auswanderung ins freie, weltoffene Norwegen an.