Ist Homosexualität mit der "Ehe für alle" zu der Normalität geworden, die sich die Schwulenbewegung gewünscht hatte? Die Achgut.com-Autoren Georg Etscheid und Julian M. Plutz diskutieren mit INDUBIO-Moderator Burkhard Müller-Ullrich über die Lust an der Besonderheit und die Sehnsucht nach Spießigkeit.

Herzlichen Dank für das sehr interessante Gespräch, und ich wiederhole hier ausdrücklich meine Hochachtung für die Meinung von Herrn Etscheit. Mit der können heterosexuelle Ehe-Menschen sehr gut leben, denn wir sind verschieden, Herr Etscheit hat das begründet. Ich fühle nicht, wie Herr Plutz kolportierte, daß den heterosexuellen Ehepaaren mit der Ehe für alle etwas WEGGENOMMEN worden sei, weil ich Ehe für mich genau so definiere, wie es Herr Etscheit tut: Und da sind die Homosexuellen nun mal im Hintertreffen, da beißt die Maus keinen Faden ab. Selbst wenn sämtliche“Hilfskrücken“ in Anspruch genommen werden, um Nachwuchs zu erzeugen. Es ist nicht das Gleiche. Auch durch den Satz des Standesbeamten „ich erkläre Sie hier zu Mann/Mann oder Frau/Frau“ wird es nicht wie bei den Hetero-Ehepaaren. Ich persönlich finde es geradezu lächerlich. Auch wenn Herr Plutz Homosexuell-Sein für normal hält (für ihn ist es das, na klar), beantwortet sich diese Frage allein schon durch die Quantität (3 zu 97 Prozent!). Das Gespräch der beiden Herren war aber insofern sehr aufschlußreich, als ich - wie bei den meisten Themen heutzutage - einen kulturellen Graben in der Bewertung dieses speziellen Themas durch zwei Betroffene ausmache. Das sind die 25 Lebensjahre, die zwischen Etscheit und Plutz liegen, denke ich. Und Georg Etscheit ist außerdem ein ausgesprochen kultivierter, tief nachdenkender Feingeist, der sich nicht nur über Homosexuelle und deren Befindlichkeit Gedanken macht. Danke an alle drei Herren.
Hach! Wieder Freigang aus der Irrenanstalt! Vierzig Minuten auf der Insel des Niveaus, wo man die Leute respektvoll ausreden lässt, wo auch bei unterschiedlichen Meinungen noch argumentiert statt diffamiert und niedergebrüllt wird. Danke! Ich finde, es geht immer in die Hose, wenn Dinge, für die man nichts kann, vor politische Karren gespannt werden. Das ist mit Hautfarbe ebenso, wie mit sexueller Orientierung. Ein Schwarzer oder Schwuler, der sich nicht als Opfer sieht, ist politisch nicht nutzbar. In kaum einem Kulturkreis geht es Minderheiten so gut, wie bei uns im Westen. In keinem Kulturkreis wird jedoch stärker eine Benachteiligung behauptet, weil sich Linke auf diesem Weg als Retter zur Wahl anbieten können. Es gab auch im Westen Diskriminierung (auch von Frauen), die ist jedoch beseitigt. Fertig! "Fertig" können Linke aber aus Gründen der Selbstlegitimation nicht akzeptieren. Glaube, dass aus diesem Grund über das Ziel hinaus geschossen wird. Gleiche Rechte reicht nun nicht mehr. Sie wollen Gleichheit befehlen und ihre Wächter fordern Gehorsam ein! Auf diesem Wege wird auch die Gleichberechtigung wieder beschnitten, indem zum Beispiel Quoten beschlossen werden oder bestimmten Migranten bei der Strafverfolgung "anderskulturelle" Pluspunkte zugestanden werden. "Black Pride" ist gut, "White Pride" ist bös. Beides ist jedoch bescheuert. Ebenso wie "Gay Pride" bescheuert ist. Bin auch nicht "stolz, Deutscher zu sein", weil ich da nichts für kann. Trotzdem liebe ich mein Land, identifiziere mich mit seiner guten Geschichte und schäme mich auch nicht, Deutscher zu sein, weil ich auch für die zwölf Jahre Hitler nichts kann. Ich bin Hete, stehe auf Frauen, fühle mich aber recht wohl in der Umgebung von Schwulen, weil dort dieses ganze aggressive Balzgehabe keine Rolle spielt. Doch auch unter Schwulen gibt solche und solche. Wir sollten uns einfach nicht länger in Raster sortieren lassen! Das nutzt meistens den Falschen. So, jetzt muß ich leider wieder in die Zelle.
"Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" - ein Film von Rosa von Praunheim aus dem Jahr 1971. [RvP habe ich aber sofort abgeschworen, trotz meiner großen Liebe zum Experimental- und Avantgardefilm, als er meinte, andere, z.B. Biolek, öffentlich machen zu müssen. Das fand ich einfach nur billig. Soweit.] Aber zum Thema. Das Schwulsein wird, wenn überhaupt, erst dann in unserer Gesellschaft "angekommen" und "angenommen" sein, und den Status wohlfeiler Lippenbekenntnisse hinter sich gelassen haben, wenn dies nicht mehr als besonders erwähnenswert angesehen wird. Aber in jedem Artikel, in jeder Rezension u.ä., in dem es um einen Menschen dieser Ausrichtung, dieser Veranlagung geht, Schriftsteller, Forscher, Politiker und sonst, meint der Autor, wie aus einem "Zwang" heraus, dies erwähnen zu müssen. Klingt dann locker, verständnisvoll, tolerant, verrät aber nach meinem Verständnis eher eine gewisse "Befangenheit". Jedenfalls habe ich noch nie wahrgenommen, er/sie sei hetero. (wenn sich der Moderator dieser Sendung auch mutig und selbstbewußt dahingehehend "outet"...kicher, kicher). Also, mich interessiert es nicht die Bohne, auf welche Weise Menschen Schiffchen versenken spielen. So, jetzt aber noch schnell zu meinem Coming-out: Ich gehöre wohl eher zur Spezies der Überinterpretierer.
wichtiges Thema und auch teilweise sehr unterhaltsamer und auf hohem sprachlichen Niveau gehaltener Podcast, aber zum Kern des Themas, der Moral, kam man nicht. Die Ehe ist ein wichtige moralische Institution, die Kinder schuetzt und das Fundament der Gesellschaft ist. Mit der 'Ehe fuer alle' ist die Ehe als Institution zerstoert worden, und ich wuerde sagen, die evangelische Kirche ebenfalls. Ich sass mal in einen evangelischen Taufe und hatte zwei unkirchliche Gefuehle in meiner Brust: Entruestung und Amuesiertheit. Der Pfarrerdarsteller mit Klampfe sang vor einer mit Regenbogenfahne umwickelten Taufkerze. Das war eine schwule Jugendweihe. Und zum Thema Pride: Stolz, wie es Herr Etscheid ja erkannt hat, auf etwas Angeborenes ist eine Untugend. Wenn man, wie die Schwulenbewegung, eine Untugend zu einer Tugend erklaert, indem man die Untugend feiert, ist man unmoralisch, ist boese. Und ich habe nicht den Eindruck, dass die beiden Herren boese sind.
Lieber Herr Entschheid und Lieber Herr Plutz und natürlich lieber Herr Ulrich Müller-Burkhardt, vielen Dank für dieses wunderbare Stück Radiosendung. Solche Gespräche sind im Öffentlichen undenkbar, was schade ist, spiegeln Sie doch eine für mich ferne Welt wider. Gerade die Ausführung der Befürchtung des Herrn Plutzes, was die Migration anging von Merkel, empfand ich als authentisch Herrn Entscheidts Veto gegenüber der Homoehe fand ich auch spannend und sympathisch, weil ich seine Haltung hier nachvollziehen kann.
Nichts ist peinlicher oder langweiliger, als wenn vermeintlich tiefsinnig über bloße sexuelle Vorlieben "diskutiert" und versucht wird, diese auch noch zum Lebensprinzip zu erheben. Herrn Plutz - der noch an seiner Redegewandheit und Sprachdisziplin arbeiten sollte - ist zuzugestehen, dass er die urliberale Position gut vertreten hat, wonach es einem egal sein kann, was andere tun, solange man selbst dadurch nicht beeinträchtigt wird. Das war seinem Gegenüber offenbar nicht zu vermitteln, der wiederholt Anstoß an der Banalität öffentlich ausgelebten "Schwulseins" nahm, obwohl es schlicht zu den Grunderfahrungen des Daseins gehört, dass man mit den Macken der Mitmenschen leben muss. Hetero-Hochzeiten sind nun einmal i.d.R. geschmacklich grenzwertige Veranstaltungen, warum sollten sie bei Schwulen anders sein, die im Schnitt genauso dem Kitsch zuneigen (wenn nicht noch mehr)?
Die Lust sowohl einzigartig zu sein als auch in einer Gruppe aufgehen zu wollen, ist doch nicht "schwul". Das gilt für alle Menschen. Jeder möchte individuell sein aber eben auch nicht einsam. Selbst Corona-Schafe träumen von kleinen Fluchten und setzen ihre Sklaven-Masken als Büromaterial von der Steuer ab.