indubio / 17.01.2021 / 12:00 / 18 / Seite ausdrucken

Indubio Folge 93 – Keinen Schimmer von Geschichte

Unser Mittagsprogramm für Kopf-Hörer enthält heute:  Die Schriftsteller und Publizisten Gunnar Kaiser, Karl Peter Schwarz und Cora Stephan diskutieren mit Burkhard Müller-Ullrich über das vor 150 Jahren gegründete Deutsche Reich, warnen vor Wikipedia und sagen nichts zur CDU. 

 

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Silas Loy / 17.01.2021

Wer sich den Flickenteppich von souveränen Territorien des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation anschaut -und das in der geographischen Mitte Europas!- während sich darum herum längst Nationalstaaten gebildet hatten, Grossmächte (GB, F, RU) und kleinere Nationalstaaten (NL, CH, DK) und wer sich klar macht, dass viele fremdbeherrschte Völker unverdrossen nach nationaler Selbstbestimmung strebten (HU, PL, IRL), der wird die Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 wohl als überfällig ansehen. Erst recht nach den verheerenden Erfahrungen mit der französischen Kriegs- und Annexionspolitik zwei Generationen vorher, dem Befreiungskrieg und den daraus folgenden bürgerlichen Einheitsbestrebungen. Dabei meinte Otto von Bismarck selber gar nicht Deutschland, sondern Preussen, welches er durch die Vereinigung so stärken wollte, dass es sich in Zukunft gegen die umliegenden Grossmächte würde behaupten können. Sein Bündnissystem war die Überlebensgarantie, die seine Nachfolger (“Der Lotse geht von Bord”) leichtfertig aufgaben, um sich für einen “Platz an der Sonne” in konfrontative Abenteuer zu stürzen. Das war zwar ihr gutes Recht, aber keine gute Idee. Ja, es ist durchaus möglich, dass mit Kaiser Friedrich III. und seiner britischen Prinzessin das nicht so gelaufen wäre, schon ein gewisses Einvernehmen mit Grossbritannien unter Bismarck war hilfreich gewesen, aber hätten sie mal ihren Sohn besser erzogen. Der hat statt die unvermeidlichen Wogen zu glätten und Vertrauen zu schaffen noch ständig in wechselnden Uniformen die Trompete geblasen oder peinliche Interviews gegeben. Und Frankreichs Rachedurst unterschätzt hat er auch, im Gegensatz zu Bismarck. Damals Wilhelm II., heute Merkel I., wir Deutschen haben fast immer Pech mit unseren geliebten Führern und müssen auch immer hart dafür bezahlen.

Christel Beltermann / 17.01.2021

Indubio bereichert oft mein Sonntagsspätfrühstück. Vielen Dank für die interessanten Beiträge!

Jochen Brühl / 17.01.2021

Der Marsch durch die Instanzen der Linken führte eben dazu, dass die Antifa die offizielle Nachrichtenquelle der Bundesregierung ist (siehe Chemnitz) und ahistorische Stümper die Redenschreiber des Bundespräsidenten wurden. Das Lustige ist nur, dass diese Politiker das alles glauben, genauso wie sie glauben, dass die Kritiker der Coronamaßnahmen fast alle rechte Reichsbürger wären und sie diese daher meinen, auch so behandeln zu können. Daran werden sich diese Politgestalten aber politisch vergiften. Wir müssen dazu nur geduldig abwarten und zuschauen. Boris Palmer hat das erkannt, aber eine Schwalbe allein macht eben noch keinen Sommer.

Friedrich Richter / 17.01.2021

Kriegerische Auseinandersetzungen in Europa halte ich leider nicht mehr für ausgeschlossen. Das hängt sehr von der Zukunft der Europäischen Union und der wirtschaftlichen Verbindungen ab. Die Deutschen sind zwar “alt”, Aggressivität und Vormachtstreben in Europa auf diplomatischem Wege, wenn auch meist mit dem besänftigenden Scheckbuch in der Hand, zeigt sich trotzdem, vor allem seit 2015. Wenn dann noch diplomatischer Dilletantismus, wie ihn seinerzeit beispielsweise Steinmeier im Umgang mit der Ukraine an den Tag legte oder wie er sich heute im Umgang mit Ungarn oder Polen zeigt, hinzukommt, ist das Unheil schnell angerichtet.

A. Iehsenhain / 17.01.2021

Die Aussage Steinmeiers hievt ihn endgültig auf eine Stufe mit den Kreationisten. Gemein hat er mit denen zumindest das zutiefst gestörte Verhältnis zum Thema Zeit. Was die Impfwerbung vor dem eigentlichen Podcast angeht, finde ich das gar nicht so schlimm - man kann zu den pharmazeutischen Nadelbäumen stehen wie man will, allein, dass man sich hier nicht auf das Niveau derer herablässt, welche die Achse und deren Meinungsumfeld konsequent ignorieren oder gar löschen, ist eine schallende Ohrfeige für den Mainstream.

Gottfried Solwig / 17.01.2021

Es herrscht leider ein gewaltiger Geschichtsanalphabetismus in der Bundesrepublik und das stelle ich mit großem erschrecken selbst bei Menschen über 70 fest. Ein Großteil der deutschen Geschichte wurde im bundesrepublikanischen Deutschland in den Schulen gar nicht gelehrt. Jeder zweite Bayer (da Wohne ich seit 13 Jahren) hält sogar die Österreicher für ein eigenes Volk. Geschweige den vom Begriff Aussiedler. Wenn man ein wenig darüber erklärt ist es als ob die zum ersten Mal davon hören, dass die Welt rund ist. Da ist es dann egal, ob Bayer, Saarländer, Sachse, jeder hält sich in der Reihenfolge im Verhältnis zu Österreicher oder Aussiedler für irgendwie Heterogener, für “richtig” Deutsch, wissen nicht mal woher die Bayer, Saarländer eigentlich herkommen. Wirklich Stolz auf deutsche Geschichte (ohne Verehelichung der Nationalsozialisten) gibt es nur bei den deutschen Minderheiten im heutigen Rumänien im Banat und Siebenbürgen. Deren Geschichte nach dem Ersten Weltkrieg steht wie kein anderes für einzigartiges Beispiel von Erhalt deutscher Identität, wie es nur noch bei Magyaren in Siebenbürgen zu finden ist. Sie sind die einzigen Deutschen die mit Deportation für die 12 Jahre Nationalsozialismus bezahlt haben, mit Jahrzehnte Erniedrigung und Nachteile selbst bei der Aussiedlung im Bundesgebiet zu kämpfen hatten. Gehören alle noch zur Erlebnisgeneration. Und ihr Schicksal bleibt selbst unter Historiker unbekannt. An die sogenannte” Vertreibung” der Sudetendeutschen, Schlesier 1945 wird oft erinnert. Eigentlich ein Glücksfall, der den Menschen 40 Jahre Kommunismus erspart hat und den beginn eines neues Lebens in der Stunde 0 als Teil des ganzen ermöglicht hat. Diejenigen unter ihnen die später als Aussiedler aus den Nachfolgestaaten herkamen, kamen als Polen, Russen oder Tschechen in die Bundesrepublik.Und diejenigen die bis heute als deutsche im Banat leben, für die gibt es nur noch die herablassende Bezeichnung, “Rumäniendeutscher”.

Jan-Hendrik Schmidt / 17.01.2021

Warum tut man sich in der Bundesrepublik so schwer mit dem Kaiserreich? Die alte Bundesrepublik und die DDR waren im Prinzip zwei staatliche Konstrukte, welche nach den Interessen der Siegermächte konstruiert wurden. Hier ging es weniger darum Staaten zu entwickeln, die den Interessen der Deutschen entsprachen, sondern vor allem denen der USA und der Sowjetunion. Die Gründung des Kaiserreichs hingegen war ein Akt der deutschen Selbstermächtigung vor allem gegen den Willen Frankreichs, aber auch gegen die Interessen Großbritanniens und der USA. Die Bundesrepublik hingegen bezieht ihre Identität vor allem aus der Westbindung (Unterordnung gegenüber US-Interessen) und der Distanzierung vom NS. Letztere wird vor allem als Distanzierung des Deutschen von sich selbst, seiner Kultur und seiner Geschichte betrieben, an dessen Ende durch “Entdeutschung” die Erlösung von historischer Schuld stehen soll. Da wirkt eine Identifikation mit dem Kaiserreich, welches deutsche Interessen mit Machtpolitik vertreten hatte, nur kontraproduktiv. Die Bundesrepublik hütet sich davor, so etwas wie deutsche Interessen überhaupt nur zu formulieren. Das einzig legitime deutsche Interesse der Bundesrepublik ist es, als Werkzeug zu dienen, um mit anderen Staaten ein großes Ganzes zu bilden und dieses auch unter Inkaufnahme von Selbstausbeutung und Selbstzerstörung aufrecht zu halten. Eine andere Vorstellung von Deutschland ist für die Bundesrepublik nicht mehr denkbar bzw. darf nicht gedacht werden. Entweder Multilateralismus oder Tod.

Rudi Knoth / 17.01.2021

Danke für die anregende Diskussion. Zum Thema “Deutsches Reich in der Schule” kann ich sagen, daß dies in meinem hessischen Gymnasium in den 1970ern durchgenommen wurde. Ebenso natürlich das Mittelalter, der 30-Jährige Krieg und Friedrich der Große. Zum Thema WIKIPEDIA ist anzumerken, daß im Breich Naturwissenschaft und Technik schon ganz gute Beiträger vorhanden sind.

Richard Loewe / 17.01.2021

viel Interessantes von klugen Koepfen in dieser Folge. In einem Punkt moechte ich aber widersprechen: Krieg in Europa ist unwahrscheinlich? Erdogan sagt taeglich, dass er ein neues Kalifat haben moechte und natuerlich ist ein islamisches Europa sein Ziel. Da ihm der Geburtenjihad nicht schnell genug geht, muss er bald groebere Mittel benutzen. Und Kamala die Hyaene Harris (Biden ist Ostern weg, vermute ich) wird ihm sicherlich nicht im Weg stehen.

Friedrich Richter / 17.01.2021

Hervorragender Podcast. Allerdings bin ich nicht ganz einverstanden mit der Schuldzuweisung für den WK1 durch Frau Stephan. Natürlich gab es das russisch-französische Bündnis, bereits seit 1894, aber es ist Aufgabe der Diplomatie, die internationale Lage korrekt einzuschätzen und die Folgen zu bedenken, bevor man sich in etwas hineinstürzt. Dieses Bündnis war den Deutschen und den Österreichern sehr wohl bekannt. Hier hat die gesamte europäische Diplomatie versagt. Was die Wertschätzung des 150ten Jahrestags der Reichsgründung angeht: Wir haben in meiner Schulzeit in den 70er und frühen 80er Jahren in der DDR die jüngere deutsche Geschichte und die Protagonisten wie Bismarck und die führenden Sozialdemokraten durchaus so betrachtet, wie sie es verdienen: Ambivalent, mit großen Verdiensten, aber auch mit negativen Seiten. Auf jeden Fall folgte der Reichsgründung die bis dahin längste Friedensperiode, verbunden mit unerhörten sozialen Errungenschaften wie der Rentenversicherung und menschlichen Arbeitsbedingungen. Vergleichbare Leistungen hat die aktuelle Politikergeneration nicht zu bieten. Noch ein Wort zu den Zerocovid-“Aktivisten”: Die sehen sich als Linke, aber es ist ein Irrtum anzunehmen, dass links gleich antiautoritär sei. Die führenden Köpfe wollen nur an die Fleischtöpfe. Dafür bedienen sie sich ihrer Fusstruppen, den höheren Primaten, die im Hambacher Forst auf den Bäumen leben, den Hausbesetzern usw. Denen macht das alles im Moment Spass, zumal die Forderungen ja immer nur die Anderen betreffen. Sobald die Drahtzieher an den Fleischtöpfen sitzen, ist es damit vorbei. Es gibt nichts Autoritäreres, Muffigeres, Intoleranteres, Kleinbürgerlicheres als einen sozialistischen Staat.

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