indubio / 06.09.2020 / 12:00 / 47 / Seite ausdrucken

Indubio Folge 56 – Kultureller Bürgerkrieg

In unserem Mittagsprogramm für Kopf-Hörer diskutieren heute der Medienwissenschaftler Prof. em. Norbert Bolz, der YouTube-Publizist Gunnar Kaiser und der Schriftsteller Bernhard Lassahn mit Burkhard Müller-Ullrich über den von Gunnar Kaiser mit-lancierten Appell gegen die grassierende Kultur des Mundtotmachens und Existenzvernichtens. Bringt es etwas, zum ideologischen Gegner die Hand auszustrecken? Gehört Cancel Culture nicht zum unveränderlichen Erbgut der Linken? 

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Andreas Rühl / 06.09.2020

Das Problem ist nicht der “Bürgerkrieg”. Das Problem ist, dass durch das Ausschalten “unerwünschter” Meinungen keine vernünftige Konsensfindung möglich ist. Man kann sich dann den Diskurs auch ersparen. Das Ergebnis steht fest. Das ist das Problem, sonst nix,

Max Wedell / 06.09.2020

2/2 ... denn wenn ich vom Anderen etwas höre, das mir nicht gefällt, reicht die Verschiebung des Anderen ins absolut böse, und ich muß mich nicht mehr mit einer Suche nach Gegenargumenten herumschlagen. Sehr bequem. Es wäre aber unehrlich, nicht auch zu diagnostizieren, daß diese und andere Vorteile der Idee des absolut bösen Menschen auch Konservativen bzw. Rechten bekannt sind. Eine Dekonstruktion der Idee des absolut Bösen stünde dringend an der Tagesordnung, aber es kann doch nicht jemand allen Ernstes glauben, sie könne so erfolgen: “Der absolut Böse existiert, nur ist es kein Rechter, sondern ein Linker.” So schreiben aber leider viele Diskutanten hier. Das ist kontraproduktiv, und ganz besonders, wenn es auf Argumente völlig verzichtet und sich auf reine Affirmationen beschränkt. Beim zehnten Mal wird sowas dann obendrein langweilig. - Der Überwindung der Idee vom absolut bösen Menschen steht leider ihre Wirksamkeit für Gehirnwäsche entgegen. Neulich hatte ich eine denkwürdige Begegnung mit einem interessanten Fall. Beim abendlichen Spazierengehen fiel mir ein schon leicht Angeschickerter von seinem Fahrrad vor die Füße. Ein großes Redebedürfnis war bei ihm vorhanden. Schnell stellte sich heraus, daß er ein klarer Neonazi war, der, von meinen Nachfragen provoziert, nicht müde wurde, die Vorzüge der Hitlerdiktatur anzupreisen. Als das Gespräch dann auf Gegenwartsfragen schwenkte, kam recht bald der altbekannte Satz: “Die Linken sind doch heute die eigentlichen Nazis.” Hier sieht man, daß die Idee vom absolut Bösen so mächtig ist, daß mit ihr sogar Schizophrenie, d.h. Persönlichkeitsspaltung hervorgerufen werden kann. Die Person, die ans Gute im Nazitum glaubt, bekommt gesellschaftlich intensiv die Idee von der Bösartigkeit des Nazitums induziert und glaubt auch an sie, d.h. an beides gleichzeitig! Lustig, aber gleichzeitig auch traurig: Auf ein so wirksames Mittel der Gehirnwäsche wird niemand, egal ob links oder rechts, freiwillig verzichten.

B. Oelsnitz / 06.09.2020

@ Sabine Lotus: Ob Ihres Kommentars der ‘Handreichung’ scheinen Sie mir eine Träumerin und keine Gartenbesitzerin zu sein. Besäßen Sie einen solchen, dann müßten Sie eigentlich wissen, daß man Unkraut nicht durch Pflege, sondern nur durch Herausreißen, so Sie nicht Chemie-Waffen einsetzten, Herr werden kann!

Max Wedell / 06.09.2020

1/2 Sehr interessante Diskussion. Zur Genese des Phänomens würde ich sogar noch vor den Feminismus gehen, zur Vergangenheitsbewältigung der 68er. Die waren konfrontiert und unzufrieden mit dem damaligen Zeitgeist: Apologetik mit einem “Es war nicht alles schlecht bei den Nazis” auf den Lippen. Es hätte die Möglichkeit gegeben, dieser Ansicht mit der Antwort zu begegnen, die sich jedem vernünftigen Menschen geradezu aufdrängt: “Sicher nicht, aber vieles Schlechte bei den Nazis war so derartig schlecht, daß eine Gesamtbilanz niemals auch nur annähernd in den Bereich des Positiven kommt”. Die 68er wählten eine andere Antwort: “Doch, bei den Nazis war alles schlecht”. Der absolut böse Mensch, den es bisher nur in Märchen und in Diskursen in Diktaturen und an Stammtischen, d.h. für Intellektuelle, die sich von Stammtischen fernhielten, nur in Diktaturen existierte, existierte plötzlich auch für Intellektuelle wieder, sogar in einer Demokratie. Die Idee, es könne so etwas wie das absolut Böse in menschlicher Form geben, wurde von Jahr zu Jahr dadurch gestärkt, daß die Sensibilität gegenüber dem “absoluten Bösen” im linken Spektrum beständig anwuchs, es an immer neuen Stellen aufgespürt wurde. Gegenüber dem absolut Bösen gibt es aber keine andere vernünftige Strategie, als es ausmerzen zu wollen. Diskurse erübrigen sich, da sie nur zum Ziel haben könnten, evtl. doch etwas Gutes vom Gegner zu erfahren, aber so etwas ist doch gegenüber dem absolut bösen Menschen eine völlig vergebliche Hoffnung. Deswegen ist Diskurs überflüssig, und absolut böse Menschen müssen unerbittlich “gecancelt” werden. Was die 68er in ihrer “Vergangenheitsbewältigung” einübten, ist inzwischen gängiges Instrument der “Gegenwartsbewältigung” geworden. Dieser Erfolg der Idee des absolut Bösen ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, daß diese Idee die geringsten Ansprüche an die Denkfähigkeit bzw. -willigkeit stellt…

Rupert Drachtmann / 06.09.2020

@ Hr. Bechlenberg, ich teile Ihre Meinung. Jedoch ist heutzutage wohl der zeitgemäße Trend „das Handausstrecken“, „die zweite Wange hinhalten“. Ein Zeichen von Stärke ist es allemal und strategisch klug auch. Wenn die „mediale Linke“ als „intellektuell Obdachlos“ bezeichnet wird ist das einfach gnädig formuliert. Wobei Mitleid auch die Endstufe des Abstieges ist. Ich selbst bin nicht so wortgewandt. Für mich sind derartige Menschen schlicht faul, dumm und arrogant. Fett gefressen im Naturschutzpark öffentlich finanzierter Medien. Lebensunfähig. Angst haben sie, deshalb werden sie zornig. Einfach nur noch hilflos. Mitleid muss man mit solchen Menschen nicht haben. Diese Typen sind die willfährigen Wegbereiter wie sie schon öfter gebraucht wurden.

Markus Kranz / 06.09.2020

In Wirklichkeit befinden wir uns immer noch im kalten Krieg, der mit unverminderter Härte geführt wird. Der Westen soll, 30 Jahre nach dem Untergang der Sowjetunion, endlich kaputt gemacht werden. Und dazu holt man sich IS, Hamas und BDS als Verstärkung, kriminelle Klans und internationale NGOs.

K. Schmidt / 06.09.2020

Ich teile die Meinung von Herrn Bolz nicht. Die Mehrheit stört sich nicht an der Zensur. Die Mehrheit nimmt glaubt der veröffentlichten Meinung. Herr Lassahn liegt richtig. Der polit-mediale Komplex möchte zurück zu Stasi und DDR. Die Mehrheit sieht das gar nicht als Problem.

Richard Loewe / 06.09.2020

toller Podcast, den Vera Lengsfeld haette bereichern koennen. Der Kollege Bolz, der seine Karriere in der Habermas-Unikultur verbracht hat, weiss nicht wie schlimm es um den Nachwuchs steht. Ich bin Mitherausgeber zweier A-Journals (ohne A-Journal-Paper keine Anstellung fuer Professoren) und es ist nicht so, dass die jungen Akademiker sich weiterentwickelt haetten, sondern es ist so, dass die nie ein Buch gelesen haben, weil sie Buchautoren aktiv verachten. Die “Experten”, die zu Theme wie Kritische Theorie publizieren haben mal gehoert, dass das eine marxistische Perspektive ist, aber Marx, Habermas etc. haben sie nie gelesen. Ich habe mal mit einer Rawls-“Expertin” nach ihrem Vortrag auf der wichtigsten Konferenz zusammengesessen und ihr online gezeigt, dass John Rawls genau das Gegenteil von dem was sie vorgetragen hat, geschrieben hat. Die war komplett baff. Da das ihr Paper zerstoerte, hat sie es einfach ignoriert. Das Paper ist ein halbes Jahr spaeter, so wie vorgetragen, beim besten Journal angenommen worden. Denen ist Rawls (gehts linker?) nicht mehr links genug und daher wird auch er umgedichtet. Vielleicht wird es mal besser, aber da sind wir alle schon laengst unter der Erde. Wir koennen lediglich hoffen, dass man uns ungeschoren laesst.

Gudrun Dietzel / 06.09.2020

Noch bevor es Herr Lassahn ausgesprochen hatte, dachte ich beim Punkt Ausgrenzen von Personen sofort an das Leben in der DDR. Er erwähnte zwar explizit die Stasi, aber ausgegrenzt wurden Menschen dort auch ohne Stasi-Hilfe. Wer aus welchen Gründen auch immer (und wenn es eine Scheidung war) zum „Abschuß“ freigegeben worden war, wurde gemieden - und fast alle machten beim „Schneiden“ desjenigen mit. Und was wir heute mit dem Ausgrenzen von Künstlern und Intellektuellen, also derjenigen, die sich gegen den Mainstream wenden, erleben und deretwegen wir Appelle (Kaiser/Matusek) unterzeichnen, haben DDR-Intellektuelle und DDR-Künstler SEIT 1990 alles, alles durch. Wir unterschreiben heute solidarisch,  aber bis in die Gegenwart hinein hat das UMGEKEHRT keinen interessiert.

Peter Ackermann / 06.09.2020

Eine spektakuläre Lagebeschreibung der heutigen Linken von Norbert Bolz und auch generell eine sehr hörenswerte Ausgabe. Danke!

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