indubio / 06.09.2020 / 12:00 / 47 / Seite ausdrucken

Indubio Folge 56 – Kultureller Bürgerkrieg

In unserem Mittagsprogramm für Kopf-Hörer diskutieren heute der Medienwissenschaftler Prof. em. Norbert Bolz, der YouTube-Publizist Gunnar Kaiser und der Schriftsteller Bernhard Lassahn mit Burkhard Müller-Ullrich über den von Gunnar Kaiser mit-lancierten Appell gegen die grassierende Kultur des Mundtotmachens und Existenzvernichtens. Bringt es etwas, zum ideologischen Gegner die Hand auszustrecken? Gehört Cancel Culture nicht zum unveränderlichen Erbgut der Linken? 

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Frances Johnson / 06.09.2020

Der oft gescholtene George Soros - meinte in einem Interview: “Einige sprechen von „Cancel Culture“. Ich halte es für eine vorübergehende Erscheinung. Ich denke, sie wird auch übertrieben. Auch die politische Korrektheit an den Universitäten ist maßlos überzogen. Als Verfechter einer offenen Gesellschaft halte ich Political Correctness für politisch inkorrekt. Wir sollten nie vergessen, dass eine Meinungsvielfalt für offene Gesellschaften unerlässlich ist.” - Es wird zu einer vorübergehenden Erscheinung werden, wenn geügend Menschen dagegen kämpfen. Daher Glückwunsch an die Herren Matuschek und Kaiser für die Idee. Der Auszug von wikipedia über “cancel culture”. Was z.B. die Kolumbusstatue betrifft, würde er sich im Himmel einmal kurz aufsetzen und sagen: “Ich hätte die Finger davon lassen sollen. In Wirklichkeit war es ein Scheißleben.” Nur war er erstens nach der gut belegten Theorie von Salvador de Madariaga evtl ein Jude (es wäre dann im Grunde ein antisemitischer Akt) und verließ das Land am gleichen Tag wie alle anderen Juden. Zweitens hätte sonst ein anderer Mann den Seeweg nach Indien gesucht. Dass dort mehrere Inseln im Weg lagen und eine Mammuthalbinsel, ging vorher keinem auf. Den Seeweg nach Indien fand Maghellan erst gute 30 Jahre später. Dieser wurde irgendwo auf einer Insel in der Wallachei von eingeborenen Einwohnern erschlagen. Das “wie du mir” wird gern unterschlagen. Kolumbus war nie in Südamerka, das bekanntlich nach Amerigo Vespucci benannt ist. Kolumbus war auf Hispaniola. Die von Spanien kolonialisierte Seite (Dom Rep) war fast immer in gutem Zustand. Sklaven gab es vor allem auf der Seite von Haiti. Diese Leute blenden viel aus.

M.Riedl / 06.09.2020

Nicht umsonst laufen den   etablierten Medien   längst die Leser davon , wenn die ÖR nicht zwangsweise von uns finanziert werden müssten , wären sie längst Geschichte.  Bei manchen “Journalisten” könnte man ja glatt den Eindruck gewinnen, sie wären erst vor 5 Min von einer anderen Galaxie   hierher gebeamt worden , so wenig Ahnung scheinen sie selbst von den einfachsten Dingen zu haben und selbst dafür scheinen sie zu dämlich zu sein . Nicht diejenigen die Menschenrechte verletzen,  sind böse, sondern die,  die das kritisieren .  Und diese irren Leute bestimmen , wer gut und böse ist ? Echt jetzt ?

Johann Knapp / 06.09.2020

Ein Paradebeispiel für die Ausgrenzung von Künstlern durch die linke Szene in Medien, ÖR und öffentlichem Kunstbetrieb ist die Absage eines möglichen, aber nie ernstlich zur Debatte gestandenen Auftritts von Andreas Gabalier im Wiener Konzerthaus durch Direktor Naske. In einem Interview im Jahr 2013 verkündete er großspurig “Da habe ich ein anderes kulturpolitisches Verständnis, nämlich die kulturelle Heterogenität wiederzuspielen und Brücken zu bauen zwischen den verschiedenen Gruppen.” Nun, ich bin kein Fan von Gabaliers Musik und meine, dass diese dem für einen Auftritt im Wiener Konzerthaus nötigen künstlerischen Anspruch nicht genügt, auch wenn so manch seichte Musik dort schon zu hören war. Aber nicht das Niveau seiner Musik störte den Direktor Naske. Nein, folgendes gab er in einem Interview mit der “Presse” von sich: Er würde Gabalier, anders als der Musikverein, nicht auftreten lassen, “weil das Signale sind. Man muss wissen, wer Gabalier ist und wofür er steht”, sagte der Konzerthaus-Chef damals. Deutlicher hätte ein Honecker oder Breschnew seine Abneigung gegenüber unliebsamen Künstlern nicht formulieren können. Meine Mitgliedschaft beim Wiener Konzerthaus werde ich erst wieder erneuern, wenn ich mir der Demokratiefähigkeit des Direktors sicher bin. Ein Rückgriff auf die sowjetfaschistische Ideologie bei der Auswahl von Künstlern ist für mich ebenso ein NoGo wie ein solcher auf die NS-Ideologie.

Dietmar Gaedicke / 06.09.2020

Das mit der gigantischen Schweigespirale, über die Norbert Bolz hier verlautet, kann nicht stimmen. Denn wenn das so wäre, dann würden deutlich mehr Menschen die AfD wählen. In der Wahlkabine ist definitiv keine Kamera installiert, die bei der Stimmabgabe zuschaut. Spätestens bei der Wahl kann, darf und sollte jeder seine wahre Denke kommunizieren. Das passiert aber nicht!

Mathias Rudek / 06.09.2020

Danke für diesen intellektuellen und sehr beweglichen Podcast. Ich denke auch, daß die anfänglichen Wurzeln dieser inzwischen ausgereiften, strategischen Bewegung eine feministische war. Diese brutalen Jakobiner des Feuilletons sind eine kleine Minderheit, die aber an den richtigen Schaltstellen sitzen und da müssen wir alle einfach gegen an und zwar gewaltig. Inhaltlich sind sie razzfazz zu entkleiden.

Uwe Obst / 06.09.2020

Vielen Dank an Herrn Müller-Ullrich und die Diskutanten sowie die Achseredaktion für diesen wieder sehr anregenden Podcast! Dazu noch eine Anmerkung: Es gab sehr wohl auch in den Achtzigern, als sich die Diskussionsteilnehmer als Linksintellektuelle ihren Mitbürgern an Geisteskraft weit überlegen wähnten, sehr kluge und engagierte konservative und nach heutigen Maßstäben rechte Intellektuelle, z.B. in Dresden im von Uwe Tellkamp beschriebenen Milieu des Villenviertels Weißer Hirsch. Diese waren allerdings keine Politologen oder Soziologen, sondern meist Naturwissenschaftler, Musiker, Techniker oder Mathematiker. Jenen Leuten muss die Haltung der Linken in der alten Bundesrepublik wie Verrat vorgekommen sein, die, finanziert von der Stasi, alle Vorteile der freien Gesellschaft genoss, aber ihre eigene Freiheit verachtete. Diese BRD-Linken huldigten einer Gesellschaftsordnung, die die Landsleute im Osten ganz massiv jeden Tag erleiden mussten und vor der diese in Scharen nach dem Westen davonliefen und in der die Linken selber in Wirklichkeit lieber nicht leben wollen. Was für eine feige Scheinheiligkeit! Menschen ändern sich und lernen im Laufe ihres Lebens dazu, aber ein wenig mehr Demut ob ihrer Vita hätte ihren Gästen heute gut gestanden, lieber Herr Müller-Ullrich.

Immo Sennewald / 06.09.2020

Ein Vergnügen, klugen Leuten zuzuhören, wenn sie über ein kluges Stück Papier - nämlich den Appell gegen CancelCulture - diskutieren, dem ich mich gern angeschlossen habe. Ob und inwieweit die unsäglichen Denunziationen, das “De-Platforming”, Kontaktschuld, Erpressungen von Veranstaltern, Austrocknen von Erwerbsquellen Selbständiger, wie wir es gerade erleben, durch “Appeasement” abzuwenden wäre, weiß ich nicht. Sicher ist, dass totalitäre Strebungen sich dadurch nicht aufhalten lassen. Der DDR-Erfahrene lässt es aber darauf ankommen: Im Gespräch wurde ja auch deutlich, wie einfallslos und in der Wahrnehmung und Selbstwahrnehmung beschränkt der grün-esotherisch-sozialistische “Mainstream” ist, nicht nur weil viele seiner Protagonisten naturwissenschaftliche Analphabeten und anthropologische Ignoranten sind. Bedauerlicherweise - für uns alle, aber langsam auch für die dagegen abgeschirmte Politbürokratie - werden die katastrophalen Folgen ihrer Ermächtigung offenbar: Es geht wirtschaftlich und kulturell bergab. In dieser Situation wurden selbst hartgesottene Apparatschiks von SED und Stasi weich und wollten “reden”, natürlich um das eigene Überleben zu sichern. Womöglich erleben wir noch die “Runden Tische” mit Sarrazin, politisch weniger abgehalfterten Parteiführern, Wissenschaftlern, Leuten von der Basis, aus den Medien - Intendanten der ÖRR werden es eher nicht sein -, die nach Wegen aus dem Kladderadatsch suchen. Ich fände das gut, vermute aber, dass es vor meinem 80sten Geburtstag nicht passiert. Obwohl: Von meinem 39sten bis zum Fall der Mauer waren es auch nur vier Wochen…

Hans-Peter Dollhopf / 06.09.2020

Cancel Culture und Deplatforming sind hausgemachte Bürgerkriegswaffen, evolutionär entworfen für den Einsatz gegen die eigene Interessen störenden Zielobjekte innerhalb moderner Informationsgesellschaften des Kommunikationszeitalters, selbst, ethisch vollkommen kostenneutral in ihrem Einsatz gegen eigene [wessen denn sonst?] Opposition, im Gegensatz zu etwa ... Nowitschok, praktisch zum Nulltarif verfügbar.

Sabine Lotus / 06.09.2020

Juhu @ B. Oelsnitz, ich bin beides und wundere mich dieses Jahr eher über nicht reifende Paprika als über Unkraut. Allerdings scheinen Sie ein bißchen zu viel Nachsicht in mich hinein zu interpretieren. Die hätte ich gerne.

Frances Johnson / 06.09.2020

Vorwort von “Brave New World”:    (Utopien erscheinen realisierbarer, als man früher glaubte. Wir finden uns mit einer neuartigen, besorgniserregenden Frage konfrontiert: Wie sollen wir ihre endgültige Verwirklichung verhindern? Utopien sind verwirklichbar. Das Leben marschiert ihnen entgegen. Und vielleicht beginnt eine neue Ära, in der Intellektuelle und die Bildungsschicht darüber nachdenken werden, wie man Utopien verhindern und zu einer nicht-utopischen Gesellschaft zurückkehren kann, weniger perfekt und dafür freier.)“– Nikolai Alexandrowitsch Berdjajew - Vielen Dank für den hochinteressanten fundierten Poscast.

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