Im Wein ist Wahrheit, aber auch im Virus. So bedrückend die Einschränkungen der letzten Wochen waren, sie haben uns auch viele Einsichten beschert und einzigartige Erfahrungen. Jetzt können wir darüber nachdenken, da wir allmählich aus der Erstarrung erwachen und uns wieder zu regen beginnen. Die staatstreuen Medien verwenden hier unzutreffend das Wort „dürfen“, als geschähe es auf Weisung der Politiker. („Dürfen wir doch nach Mallorca und Italien?“, fragt in gespielter Unterwürfigkeit die Bild-Zeitung). In Wahrheit hat beides, der „Lockdown“ wie die „allmähliche Lockerung“, nur funktioniert, weil wir mitgemacht haben. Weitgehend freiwillig. In Wahrheit hatte kein Politiker in einem westlichen Land die Macht, uns das Tragen von Masken zu befehlen. Das Erheben von Ordnungsgeldern für Verstöße gegen die Vermummungspflicht war verfassungswidrig. (Ich habe jedenfalls im Gesetz zur Verhütung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten beim Menschen, genannt Infektionsschutzgesetz, IfSG, nichts über eine Maskenpflicht gefunden.) Man hätte dagegen klagen können und wahrscheinlich recht bekommen, so wie einige Unerschrockene ihr Recht auf Versammlungsfreiheit juristisch erstritten haben und ihre Kundgebung abhalten konnten.
Das war die erste erschreckende Wahrheit dieser Wochen: Wie schnell sich Mehrheiten ganzer Nationen behördlichen Maßnahmen unterwerfen, selbst fragwürdigen. Letztlich haben auch die meisten Zweifler – zumindest äußerlich – mitgespielt. Schon, um Denunziationen und unnötige Konfrontationen mit übereifrigen Mitmenschen zu vermeiden. Auch ich trug wochenlang eine Maske in der Tasche, damit ich sie gegebenenfalls beim Einkaufen im Supermarkt oder in der Apotheke aufsetzen konnte, wenn mich die Angestellten dazu aufforderten. Dabei haben die Masken – epidemiologisch gesehen – fast nichts bewirkt. Ihr Tragen war vor allem ein Zeichen der Unterwerfung.
In den beiden Ländern, in denen ich in den fraglichen Wochen zu tun hatte, sind Epidemien im eigentlichen Sinn ausgeblieben. In Israel starben nach amtlichen Angaben bisher 220 Menschen von 9,2 Millionen, eine Todesrate von 25 auf eine Million, mit anderen Worten: von 0,025 Prozent. Die allgemeine Sterberate im Land war in der gleichen Zeit mehr als dreimal höher – lässt sich angesichts dieser Zahlen überhaupt von Epidemie sprechen? Israel war möglicherweise, wie der hiesige Verteidigungsminister Naftali Benett behauptete, das Land „mit der niedrigsten Corona-Sterberate weltweit“, zumindest unter den Staaten, die öffentlich Zahlen vorlegen. Ein wichtiger Grund dafür ist Israels demographische Situation mit nur 10 Prozent der Bevölkerung älter als 65 Jahre (zum Vergleich: Italien 24 Prozent, Deutschland 22 Prozent), doch ebenso wichtig war die sofortige Schließung der Grenzen, ein Schritt, der sich im bekennend grenzenlosen Deutschland nur mühsam umsetzen ließ. Deutschland gehört dennoch zu den Ländern mit vergleichsweise niedriger Corona-Todesrate, insgesamt blieb sie auch hier unterhalb der sonst im gleichen Zeitraum üblichen Sterberate. Auch für dieses Land erweisen sich Vergleiche mit der Pest des Mittelalters, wie sie etwa der Politologe Herfried Münkler früh ins Spiel brachte, als völlig überzogen.
Erster Selbstmord eines in Konkurs getriebenen Händlers
Die Verfechter der drastischen Maßnahmen behaupten natürlich, die vergleichsweise niedrige Todesrate sei eben diesen Maßnahmen zu verdanken. Ebenso wahr ist die reziproke Behauptung: Die letale Wirkung des Virus blieb auf relativ kleine Risikogruppen beschränkt, daher war die allgemeine Blockade des gesellschaftlichen Lebens übertrieben und der immense wirtschaftliche Schaden nicht zu rechtfertigen. In Israel meldeten die Medien am 29.04. den ersten Selbstmord eines in Konkurs getriebenen Händlers auf dem Mahane-Jehuda-Markt in Jerusalem – unbegreiflich bleibt, warum die Bekanntgabe erst zehn Tage nach dem Tod des Mannes erfolgte. Ähnliches lässt sich von anderen Ländern annehmen: Die tödliche Wirkung des Lockdown, wo sie sich andeutungsweise zeigte, wurde aus der Medien-Berichterstattung ausgespart. Wir werden, fürchte ich, in den nächsten Wochen und Monaten, umso mehr davon hören.
Die zweite Erfahrung, die mich beschäftigt: Allmacht der Angst und ihre sozialen Wirkungen. Die führenden Panikmacher waren die Mainstream-Medien. Deren Mitarbeiter nicht selten selbst durch Autosuggestion in Panik gerieten. Und unfreiwillig den Mechanismus bloßlegten, wie Angst in Aggression und Denunziantentum umschlägt. So beobachtete Spiegel-Kolumnistin Christina Pohl an sich selbst: „Seit Tagen frage ich mich, warum ich plötzlich den Wunsch hege, Menschen zu denunzieren oder sie zur Ordnung zu rufen. Ist das die Angst vor Corona, oder ist es das Alter, das mich zum Blockwart macht?“ Frau Pohl ist Anfang fünfzig, es gäbe also wenig Grund, ihr Blockwart-Syndrom dem „Alter“ anzulasten. Sie kann die Frage selbst nicht beantworten, etwas regt sich in ihr und drängt zum Ausbruch... Gibt es – womöglich bei Spiegel-Journalisten überdurchschnittlich ausgeprägt – ein Denunzianten-Gen?
Drittens: Die Überschätzung der Fachwissenschaftler. Sie wurden von den Medien zu „Päpsten“ (Bild-Zeitung über einen Professor, der Ratschläge zum Tragen von Masken erteilte) und geheimen Regenten erhoben. Doch der Fluch der Fachwissenschaften ist ihre Beschränktheit: Immer tiefer bohren sich fleißige Forscher auf immer engeren Parzellen in die betreffende Materie, immer detaillierter werden ihre Kenntnisse, doch mit der immer feineren Spezialisierung geht zugleich der Überblick verloren, der Kontext, der sinnvolle Zusammenhang. Und damit die Anwendbarkeit der gehorteten Teilkenntnisse auf das menschliche Leben. Professor Drosten ist sicher ein tüchtiger Fachgelehrter, doch auf einem sehr engen, eher abgelegenen Gebiet. Er hat sich sein Leben lang mit den Geheimnissen der Viren beschäftigt und nicht mit denen der Menschen, folglich versteht er wenig von den Gesetzen der Gesellschaft, der Wirtschaft und des geistigen Lebens. War es vernünftig, ihm wie einem Orakel zu folgen?
Viertens: Die Politiker haben allen Grund, sich bei den Bürgern ihrer Staaten für ihre Geduld zu bedanken. Sie wissen das sehr gut, Angela Merkel beispielsweise bedankt sich unentwegt, in jedem ihrer Statements von neuem. Dennoch haben sie Blut geleckt. Sie haben erlebt, wie leicht sich eine angeblich freie Gesellschaft unterwerfen lässt, wenn man die Bevölkerung erfolgreich in Angst und Schrecken versetzt. Noch nie zuvor ist es in demokratischen Staatswesen gelungen, Notstands-Regelungen von diesem Ausmaß einfach anzuwenden – das Wort „durchzusetzen“ ginge am Wesen der Sache vorbei, denn es gab fast keinen Widerstand. Angesicht des allgemeinen Gehorsams, der aus Furcht genährten Gefolgschaft verstummten auch sonst unerschrockene Kritiker.
Und fünftens: Ich werde das Gefühl nicht los, man verschweigt uns etwas, über Herkunft und das wahre Wesen des Virus. Die Panik der Politiker, die ganzer Staaten Wohlstand und Volkswirtschaft riskierten, ist nur damit zu erklären, dass in Insiderkreisen etwas bekannt war, was man aus politischer Korrektheit verschwieg. Trump hat es ausgesprochen: Das Virus kommt aus einem Labor. Doch die „Mehrheit der Spezialisten“, las ich in den Zeitungen, geht nach wie vor davon aus, es stamme von Fledermäusen oder Schuppentieren.
Beitragsbild: Freud CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

@W. Giebler: welche Quelle verwenden Sie? Die im Internet auffindbare Fassung lautet: „ Gesetz zur Verhütung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten beim Menschen (Infektionsschutzgesetz - IfSG) § 1 Zweck des Gesetzes (1) Zweck des Gesetzes ist es, übertragbaren Krankheiten beim Menschen vorzubeugen, Infektionen frühzeitig zu erkennen und ihre Weiterverbreitung zu verhindern.“ (Quelle: gesetze-im-internet.de) Von Maskenpflicht steht nichts in diesem Paragraphen.
„...der Fluch der Fachwissenschaften ist ihre Beschränktheit.... Dazu paßt das Bonmot: „Generalisten wissen von immer mehr immer weniger, bis sie von allem nichts wissen. Spezialisten wissen von immer weniger immer mehr, bis von nichts alles wissen.“
Bei den derzeitigen Maßnahmen sehe ich keinen zwingenden Zusammenhang mit der Frage, ob die Bevölkerung sich mal eben leicht unterwerfen lässt. Der Mehrheit der Bevölkerung dürfte klar sein, dass Maßnahmen gegen eine Pandemie nur wirken, wenn sich möglichst viele daran halten. Es ist eben nicht so, dass jeder nur seine eigene Gesundheit schützt, sondern er schützt auch die der anderen. Außerdem gilt: auch wenn der eingeschlagene Weg vielleicht nicht der optimale ist, wäre es höchst kontraproduktiv, ihn nur halbherzig zu gehen oder gar ständig die Richtung zu wechseln.
Nachdem die erste Welle ausläuft fürchte ich, dass die Impfung dringender denn je wird. Das mit dem Impfstoff geht diesmal vermutlich besonders schnell, die ersten die weltweit geimpft werden könnten vielleicht die Deutschen sein . Ich vermute mal die erste Runde wo man noch nicht weiß wie es ausgeht kommt billiger und geht daher vielleicht an uns. Hoffe nur, dass die Achgut Autoren und Foristen noch genügend Zeit haben das Weite zu suchen. Denn die Ersten der Ersten sind in der Regel in totalitären Regimen die Kritiker und Unliebsamen, vor allem und erst recht bei unfreiwilligen Maßnahmen wie Impfungen und so. Ich will jetzt natürlich nicht damit sagen dass Deutschland ein totalitäres Regime hat. Zum Glück haben wir die Demokratie Abgabe die uns davor schützt.
Lieber Herr Noll, ehe ich meine Kritik anbringe: ich liebe ihre Artikel auf der Achse und genieße sie in ihrer sprachlichen Meisterschaft als hervorragende deutsche Literatur. Was mich an der Kommunikation über Corona am meisten stört, ist die Festlegung auf absolute Wahrheiten. Dabei geht es hier doch um eine "Der eine sagt so, der andere sagt so " - Krankheit. Keiner der Experten weiß genaueres. Man ändert seine Meinung um 180° innerhalb weniger Stunden, beharrt aber mit demonstrativster Sicherheit auf der jeweils aktuellen Wahrheit, wie wir mehrfach beobachten durften. Selbst mit besserem Wissen wären viele Fragen nicht durch absolute Aussagen zu beantworten. Eine ehrliche Diskussion zu diesen Standpunkten ist nur in einer "Abwägungsorgie" unterschiedlicher Aspekte in der öffentlichen Diskussion zwischen Fachexperten und Betroffenen möglich. Politik und Medien setzen jedoch darauf, eine nicht vorhandene Klarheit vorzutäuschen, um niemand zu beunruhigen. Sie, Herr Noll, scheinen mir von dieser Tendenz nicht unbeeinflusst zu sein. Ihre Behauptung, Masken hätten epidemiologisch fast nichts gebracht, ist ebenso apodiktisch (in der alltagssprachlichen, nicht der aristotelischen Bedeutung des Wortes), wie wir es von den Regierungsvirologen kennen. Verschiedene experimentelle Bewertungen beweisen, dass schon einfache Masken die Reichweite des Husten-Aerosols unter 1m reduzieren, so dass rücksichtsvolles Abstand halten erst Sinn macht. Ich stimme Herrn Giebler zu und trage sie nicht als Zeichen der Unterwerfung, sondern als rationale Teilmaßnahme, die zusammen mit anderen die Infeltionswahrscheinlichkeit und damit R reduziert. Und mit Verlaub, meine Schwester, die einen Hausmeister rügt, der sich samt dreier Helfer ohne Mundschutz zu meiner 96 - jährigen Mutter in den Fahrstuhl drängelt, ist keineswegs ein Blockwart, sondern jemand, der Rücksichtslosigkeit und Gedankenlosigkeit nicht einfach so hin nehmen will.
Lieber Herr Noll, gerne lese ich ihre Beiträge und ich bin in weitgehender Übereinstimmung mit Ihnen was die Beurteilung unserer Bundeskanzlerin angeht. Ich würde aber unter viertens nicht von Gehorsam sprechen, so gerne man auch das Stereotyp „Obrigkeitshörig“ hierzulanden zieht. Ich glaube man hat es in weiten Teilen der Bevölkerung mit „Einsicht“ zu tun - die jetzt aber aufgrund der wesentlich positiveren Entwicklung als prognostiziert und der Dauer der Einschränkungen an ihre Grenzen stößt. Die Frage, ob des einheitlichen Regierungshandelns dass dem Volk Kenntnisse verheimlicht würden, wurde von unserem ehemaligen Verfassungsschutzpräsidenten H.G. Maaßen abschlägig beantwortet mit der Begründung zu viele unabhängige Virologen hätten ihre Kenntnisse öffentlich mitgeteilt. Das ist natürlich nur ein Indiz. Vielleicht unterliegen Regierungen auch massenpsychologischen Phänomenen, zumindest ist man in der Masse falls etwas schief geht besser vor Kritik geschützt.
Eine Inanspruchnahme uns zustehender Grundrechte - warum heißen die Grund-Rechte - wurde von einem zum anderen Tag zu einem Straftatbestand. Versammlungsfreiheit, Religionsausübung etc. dem entgegenzutreten würde ich nicht auf unsere Gerichte vertrauen. Diesbezügliche Anträge leiden dann unter Formfehlern, es kann in die geschlossene Anstalt führen. Alles wegen einer Grippe, wie man liest. Wir sind einfach Menschen, denen Eigenständigkeit nichts bedeutet, dergleichen hat man uns ausgeredet, abtrainiert. Dafür verantwortlich ist weltweit die Politik, sind die Parteien. Daher liegt es bei ihnen, an Stelle einer uns übergestülpten Lähmung die Verantwortung und das Handeln zu übernehmen, einer KPCH nicht unähnlich. Also, macht was. Bringt Essen auf den Tisch. Wir warten.