Für Putins Russland wird der Überfall auf die Ukraine nicht gut ausgehen, und Millionen Russen werden sich viele Jahrzehnte lang fragen müssen, wie es geschehen konnte, dass sich das Land in eine kleptokratische Diktatur verwandelte und dem Aggressionskurs gegen die souveräne Ukraine mehr oder weniger willenlos folgte.
Die Weltwoche, die ich wegen ihres breiten inhaltlichen Spektrums und ihrer Widerständigkeit zu den Moden des Zeitgeistes grundsätzlich sehr schätze, hat sich seit Russlands Überfall auf die Ukraine am 24. Februar 2022 alle Mühe gegeben, in ihrer Berichterstattung und in den wertenden Kommentaren, denen sie Raum gab, eine „neutrale“ Einerseits-Andererseits-Position einzunehmen. Dabei hat die Redaktion offenbar aus dem Auge verloren, dass es in moralischen Kernfragen ein Einerseits-Andererseits nicht geben kann und auch nicht geben darf.
Selbstverständlich wird durch einen gewalttätigen Überfall das Opfer nicht in allen Aspekten seines Wesens zum Heiligen, und der Gewalttäter muss trotz seiner Gewalttat nicht in allen Aspekten seiner Person ein Erzbösewicht sein. Das gilt analog auch für Völker und Staaten.
Die Ukraine ist nicht nur bewohnt von Heiligen und lupenreinen Demokraten, und die Misswirtschaft jahrzehntelanger Korruption darf auch nicht unerwähnt bleiben. Umgekehrt besteht Russland nicht nur aus kleptokratischen Oligarchen und einem aggressiven Diktator mit faschistischen Zügen.
Das russische Volk unter Putin befindet sich in einer ähnlichen Lage wie vor achtzig Jahren das deutsche Volk unter Hitler: Hin- und hergerissen zwischen Vaterlandsliebe, Opportunismus und persönlichem Überlebenswillen, vertraut die Mehrheit der politischen Führung, macht alles mit und hofft vage, dass es gut ausgeht. Im Falle der Nazi-Diktatur ging es nicht gut aus, und Millionen Deutsche mussten sich seit 1945 fragen, welche Schuld sie persönlich auf sich geladen hatten. Die späten Folgen merken wir in Deutschland bis heute.
Wie konnte es geschehen?
Für Putins Russland wird der Überfall auf die Ukraine auch nicht gut ausgehen, und Millionen Russen werden sich viele Jahrzehnte lang fragen müssen, wie es geschehen konnte, dass sich das Land nur wenige Jahre nach der Befreiung vom Kommunismus in Wladimir Putins kleptokratische Diktatur verstrickte und dem Aggressionskurs gegen die souveräne Ukraine mehr oder weniger willenlos folgte.
Die Sowjetunion wurde durch den Unionsvertrag von Ende 1991 wirksam aufgelöst, alle Unionsstaaten erkannten ihre Grenzen gegenseitig an und wurden souveräne Objekte des Völkerrechts. Die territoriale Integrität und Souveränität der Ukraine wurde von Russland erneut 1994 garantiert, als die Ukraine alle ihre Atomwaffen an Russland abgab.
Die Stabilität der europäischen Friedensordnung steht und fällt damit, dass alle Staaten ihre Grenzen gegenseitig als unverletzlich anerkennen. Nach dem blutigen Zerfall Jugoslawiens ist jetzt in dieser Hinsicht allein Russland der Störenfried, und ein besonders gewalttätiger dazu. Im Ukraine-Krieg gibt es jetzt auch nur noch einen denkbaren „Kompromiss“, nämlich dass Russland sich im Verhältnis zur Ukraine vollständig auf die Grenzen des Unionsvertrags von 1991 zurückzieht. Bis das erreicht ist, wird die Ukraine weiterkämpfen und dabei mit westlichen Waffenlieferungen unterstützt werden.
Selbstverständlich stellt niemand im Westen das Existenzrecht Russlands in den Grenzen von 1991 infrage. Aber wahrscheinlich werden sich die Russen eine neue Führung suchen müssen, wenn sie bald Frieden wollen. Sobald die Russen Putin und seine kleptokratische Verbrecherbande von den Schalthebeln der Macht entfernt haben, können sie sich endlich darauf konzentrieren, das Wohlstandspotenzial ihres Landes zu entfesseln.
Neubeginn nur nach der Niederlage
Wirtschaftlich brach die große Zeit Deutschlands und Japans erst nach 1945 an, als sie aufgrund ihres militärischen und moralischen Zusammenbruchs gezwungen waren, von ihren imperialen Träumen auf immer Abschied zu nehmen und sich auf ihre inneren Stärken zu besinnen. Die notwendige vollständige Niederlage Russlands im Ukrainekrieg wird nicht das Ende der russischen Geschichte sein, sondern ihr verheißungsvoller Neubeginn als friedlicher Vielvölkerstaat und Brücke zwischen Asien und Europa.
Bis zur vollständigen Befreiung der Ukraine aus den Fängen der russischen Aggression ist es die Aufgabe der Medien, möglichst objektiv über den Verlauf des Konflikts zu berichten, aber das schließt die moralische Parteinahme für den Überfallenen und gegen den Aggressor keineswegs aus, sondern erfordert sie geradezu.
Die geheiligte Schweizer Neutralität ist das historisch überkommene Privileg eines kleinen Bergvolks im Windschatten der Weltgeschichte. In den Zeitläuften nach Napoleon war sie für die Schweiz eine kluge Wahl. Aber politische Neutralität sollte nicht unnötig moralisch überhöht werden. Außenpolitisch gesehen ist mein Respekt für die künftigen NATO-Mitglieder Schweden und Finnland deutlich ausgeprägter. Sie haben jedenfalls Neutralität nicht in den Rang einer heiligen Kuh erhoben, sondern verantwortungsethisch richtig gehandelt, indem sie eindeutig Stellung bezogen haben.
Zuerst erschienen in der Zürcher Weltwoche

@W. Renner – 100%ige Zustimmung! Unfassbar dies Putintreue!!
Russland stürmt nach Westen – da wollen sie hin, vor allem die jungen Russ*Innen, weg aus Taiga und Tundra. Die alten reaktionären Säcke im Kreml machen dann das Licht aus und lassen sich einsalzen. Wie Lenin, in Balsam. Lieber die kommen als der Moslem, aber hallo.
Wir brauchen Russland, um uns der islamischen Zumutung zu erwehren. DAS ist unser gemeinsames Interesse. Zusätzlich zu gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen.
Egal wie der Waffengang ausgehen wird, die Russen haben es für lange Zeit mit ihren slawischen Brüdern verschissen, wegen allzu schlechten Benehmens. Ob sie es sich mit dem Westen auch noch verderben wollen? Sie sind auf dem besten Wege.
Herr Sarrazin,
so sehr ich Sie schätze, so scheint es mir als können Sie gar nicht bemerken, wie Sie selbst eine Einerseits-Andererseits Position einnehmen. Die Kriegsverbrechen der Russen (und der Ukrainer) in diesem Krieg sind unerträglich und lassen jeden halbwegs vernünftig denkenden und fühlenden Menschen erschaudern. So scheint es bei Ihnen auch der Fall zu sein. Das ist das Einerseits.
Andererseits haben die vereinigten Staaten von Amerika hunderte von Eingriffen in die Politik souveräner Staaten in den vergangenen Jahrzehnten zu verantworten. Es sei nur an den letzten Irak-Krieg erinnert, bei dem sich Collin Powell erdreistete die Welt und den UN-Sicherheitsrat mit Fake-News über Massenvernichtungswaffen zu belügen. Man müsste diese Liste westlicher Kriege eigentlich eher in Vietnam beginnen…
Aktuell gibt es zahlreiche Berichte, dass der vormalige britische Premier aktiv im April 2022 Friedensverhandlungen zwischen Russland und der Ukraine, vermutlich im Auftrag der USA, unterbunden haben soll. Kein Wort von Ihnen zu diesen Vorgängen.
Dies rechtfertigt nicht die russiche Aggression, aber es zeigt die einerseits-andererseits Haltung der Achse und von Ihnen. Die Welt ist etwas komplexer, als nur auf eine Partei zu zeigen und zu sagen, diese ist böse. Das hätten wir eigentlich aus der Geschichte lernen können.
@Didi Hieronymus Hellbeck – Sie meinen natuerlich die Pro-Putin-Foristen. Deren Ignoranz – milde ausgedrueckt – so fern jedem kritischen und unabhängigen Denken wie möglich, ist wirklich nicht zu ueberbieten!
Sehr geehrte Corinne Henker / 31.10.2022:
„Für die Ukraine ist es ein Angriffskrieg. Für den Donbas ist es ein Befreiungskrieg. Für Russland ist es ein Verteidigungskrieg. Für die USA ist es Big Business. Für Klaus Schwab ist es der Great Reset.“
Ein sehr treffendes Zitat, danke. Ich möchte nur hinzufügen: … und für Deutschland ist es ein Phyrrus-Krieg!
Herr Sarrazin, was soll eigentlich die Phrase „vollständige Niederlage Russlands im Ukrainekrieg“ bedeuten? Kapitulation und Verwaltung unter UN Mandat mit Blauhelm Soldaten?
„In dieser Frage kann es kein Einerseits-Andererseits geben.“
In einem freien Land, kann es zu jeder Frage ein „Einerseits-Andererseits“ geben. Selbst wenn das Einerseits oder Andererseits noch so dumm sein mag. Nennt sich Meinungsfreiheit.