Thomas Rietzschel / 28.02.2017 / 13:28 / 8 / Seite ausdrucken

In die Hose gegangen

Wenn zwei das Gleiche tun, muss es noch lange nicht dasselbe sein, spottet der Volksmund, wenn die Scheinheiligen tun, was sie anderen moralisierend vorhalten. Auch die Narren müssen sich diesen Schuh bisweilen anziehen lassen. Was sich ihre Wortführer während der abgelaufenen Kampagne geleistet haben, mutete an, als wollten sie die Redewendung unter Beweis stellen.

An Geschmacklosigkeit nicht zu toppen waren die Vorträge in der Bütt der öffentlich-rechtlichen Karnevalssitzung "Mainz bleibt Mainz". Von ihrem Präsidenten Andreas Schmitt wurden die Kostümierten im Saal darüber belehrt, "dass es vom Gauland zum Gauleiter gar nicht so weit" wäre, während ein gewisser Lars Reichow die AfD-Mitglieder als "Kleingartenfaschisten" abkanzelte.

Eine weitere Spaßbremse, der nicht weniger humorlose "Guddi Gutenberg", sprach gar von dem  "braunen Gesindel", der "Bremsspur in der Unterhose Deutschlands". Was für ein geistvoller Witz, was für eine Gaudi, würde man nicht in frischer Erinnerung haben, dass sich noch gestern als Neonazi verdächtigt machte, wer den kommunistischen mit dem nationalsozialistischen Totalitarismus zu vergleichen wagte. Damit, hieß es, würde die "Singularität" der NS-Verbrechen in Frage gestellt, relativiert und verharmlost.

Und nun das: die närrische Entlarvung der AfD als Reinkarnation des Nationalsozialismus. Wenn die AfD schon ein Haufen von Neo-Nazis sein soll, dann kann das im Umkehrschluss nur heißen, dass die alten Nazis so schlimm auch nicht gewesen sein können.

Bei Lichte besehen, eine Relativierung der NS-Herrschaft von hinten durch die kalte Küche, auf dem Bildungsniveau politisierender Narren, nicht nur in Mainz. Auch beim Düsseldorfer Rosenmontagsumzug wurden die konservativen Politiker Europas und Amerikas allesamt in die braune Soße getaucht. Ein Motivwagen, auf dem die blonden Köpfe von Donald Trump, Marine Le Pen und Geert Wilders zu sehen waren, trug die Aufschrift: "BLOND IST DAS NEUE BRAUN".

Statt mit Witz und satirischer Heimtücke artikulierten sich die TV-geadelten Narren mit Schaum vorm Mund. Während sie sich einerseits über widerliche Wutausbrüche und Morddrohungen im Internet erregten - "Bei zu viel Wut im Bauch ... ist die Demokratie im Arsch" - führten sie, wiederum in Düsseldorf, einen Wagen mit sich, auf dem der abgeschlagene Kopf des amerikanischen Präsidenten bluttropfend hoch gehalten wurde. Aber wenn zwei das Gleiche tun, dann muss es eben noch lang nicht dasselbe sein. Es kann auch in die Hose gehen. 

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Leserpost

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Günter Schaumburg / 28.02.2017

Was sich die ‘Karnevalisten in Köln, Mainz und Düsseldorf geleistet haben, hat mit Narretei nichts mehr zu tun. Das ist Willfährigkeit mit der Obrigkeit, die ja genügend (Steuer-)Geld für diese Art der Propaganda ausgibt. Es ist sehr traurig, denkt man an den Karneval aus früheren Zeiten, wie sich Redner, Sänger und Bands bei denen da oben einschleimen. Und das Publikum: Lacht sich darüber schief und klatscht in die Händchen wie die CDU-Kinderchen bei ihrem Muttchen. Pfui Teufel, Karneval dieser Art nehme ich nicht mehr zur Kenntnis.

Uta-Marie Assmann / 28.02.2017

Es ist einfach widerlich : z. B. wird Marine Le Pen in einer focus-Überschrift als ‘Tochter des Teufels’ verunglimpft, was, auch wenn man sie und ihre Ideen nicht mag, ein Unding und hate speech erster Güte ist : aber offensichtlich beifallfähig, da es ja die “Richtige” trifft. Deutschland entwickelt sich rapide zu einem Land, das man besser meidet.

Werner Grandl / 28.02.2017

Als Österreicher muß ich sagen:  Seid ihr in Deutschland schon in Orwells “1984” angekommen?! Das Wahrheitsministerium gibt nun sogar schon vor, was man im Fasching/Karneval sagen darf. Anstatt die Mächtigen zu kritisieren, wie das im Karneval ja sein sollte, wird die Opposition durch den Dreck gezogen und unliebsame Personen wie Trump, über den man natürlich geteilter Meinung sein kann, auf infame Weise beleidigt. Die zitierten Büttenredner sind eine Schande! Angesichts des Ernstes der Lage, in der sich Europa befindet, sollte man in den nächsten Jahren besser auf derartige (un)lustige Veranstaltungen verzichten und das Geld lieber für die innere Sicherheit ausgeben. Denn sonst wird es für uns alle bald nichts mehr zu lachen geben!

B.Kröger / 28.02.2017

Witz, Satire, Ironie und Humor sind nicht sehr verbreitet in diesem Land. Da wird lieber ein abgeschlagener Kopf im Karnevalswagen vorgeführt. Vor 70 Jahren konnte man auch sehr schnell seinen Kopf verlieren, wenn man politisch nicht auf der Seite der herrschenden Macht stand. Haben das unsere politisch Korrekten von heute vergessen?

Martin Lederer / 28.02.2017

Ich dachte, dieser Lars Reichow sei ZDF Intendant oder so was ähnliches. Ich finde er sieht genauso aus und hat auch diese Haltung, die GEZ-Intendanten so haben.

Frank Stricker / 28.02.2017

Was sich die “Möchtegern-Karnevalisten” bei ” Mainz bleibt Mainz” und dem Düsseldorfer Rosenmontagszug geleistet haben, dürfte selbst bei Tageslicht betrachtet an Volkverhetzung grenzen. Begriffe wie “Kanalratte” und “Missgeburt” findet der Mainstream offensichtlich lustig, zumindest wenn es die “richtigen” trifft. Wie einige Politiker (Le Pen, Wilders, Petry etc. ) sozusagen “entmenschlicht” worden sind erinnerte an die ganz dunklen Zeiten der Republik. Bei einigen Büttenreden der Mainzer Sitzung beschlich mich das ungute Gefühl, so in etwa muß es sich bei der berühmten Sportpalastrede von Göbbels angefühlt haben. Es hätte mich auch nicht mehr gewundert, wenn der Sitzungspräsident, Andreas Schmitt, ausgerufen hätte: “Wollt ihr den totalen Karneval”..........  

Thomas Schade / 28.02.2017

Die Narrenschar steht vor dem Aus, giert auf der Obrigkeit Applaus. Vergessen hat sie, woher sie kommt und was ´nen echten Narren frommt. Kritisch und mutig soll sie sein und kein Regierungsanhängselein. Läuft es so weiter in der Bütt, geht die Fassenacht verschütt. Sie geht unter mit Raudau und ´nem dreifach donnernden Helau.

Bernd Ufen / 28.02.2017

Was in dieser Karnevalssaison vor allem zutage trat, war ein geschmackloser Opportunismus. Jetzt ist auch schon der Karneval politisch korrekt geworden. Bisher war es gerade die Stärke und der Witz dieser Veranstaltungen, aus der sie auch historisch gesehen ihre Kraft nahmen, politisch unkorrekt zu sein. Das ist vorbei. Der Karneval hat sich selbst die Symbolkraft genommen.

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