Klaus-Dieter Humpich, Gastautor / 27.08.2018 / 15:30 / Foto: Koetjuh / 13 / Seite ausdrucken

In Deutschland fällt ein Sack Reis um

Von Klaus-Dieter Humpich.

Während in Deutschland weiterhin abgebrannte Brennelemente als „Atommüll“ verteufelt werden, hat China bereits einen weiteren Weg für deren Nutzung eingeschlagen. Zwischen dem Betreiber von zwei Candu 6 Reaktoren in Quinshan TQNPC (China National Nuclear Corporation subsidy Third Quinshan Nuclear Power Company) und der kanadischen SNC-Lavalin wurde ein Vertrag zur Lieferung von Brennelementen aus 37M NUE (Natural Uranium Equivalent) abgeschlossen. Dies ist das Ergebnis einer mehr als zehnjährigen gemeinsamen Forschungs- und Entwicklungsarbeit. Seit 2008 werden im Reaktor QP III immer wieder NUE-Brennelemente als Dauertest eingesetzt. Diese praktischen Versuche dienten der Anpassung einiger Sicherheitsparameter und der Durchführung des Genehmigungsverfahrens. Jetzt sind die Arbeiten abgeschlossen, und der Betrieb mit recyceltem Uran kann beginnen. Um das seriös zu beschreiben, muss ich im folgenden ein wenig fachlich werden.

Bei den Candu Reaktoren in Quinshan handelt es sich um mit schwerem Wasser (D2O) gekühlte und moderierte Reaktoren. Dieser Reaktor hat im Gegensatz zu Leichtwasserreaktoren keinen Druckbehälter, in dem sich die Brennelemente befinden, sondern viele Druckröhren in denen jeweils nur eine Reihe einzelner Brennelemente steckt. Die Druckröhren sind waagerecht und sitzen wiederum in einem mit Schwerwasser gefüllten drucklosen Tank. Vorteil dieser Konstruktion ist, dass man kein dickwandiges Druckgefäß benötigt, sondern lediglich druckfeste Röhren von etwa 10 cm Durchmesser. Druckbehälter können nur eine Handvoll Schmieden weltweit fertigen. Deshalb kann diesen Reaktortyp zum Beispiel Indien selbst herstellen. Als Nachteil erkauft man sich dieses Prinzip mit einem Gewirr von Rohrleitungen: Jede Druckröhre muss mit Vorlauf- und Rücklaufleitung mit den Dampferzeugern verbunden werden. Insgesamt ist die Herstellung aufwendiger und damit teurer.

Durch den Einsatz von Schwerwasser als Kühlmedium und Moderator gehen wesentlich weniger Neutronen verloren als bei Leichtwasserreaktoren. Man kommt deshalb mit Natururan als Brennstoff aus. Eine Anreicherung ist nicht nötig. Darüber hinaus ist das Konzept so flexibel, dass auch andere Brennstoffe wie Thorium oder eben abgebrannte Brennelemente aus Leichtwasserreaktoren eingesetzt werden können. (Siehe hierzu auch diesen Beitrag)

Die Wiederaufbereitung

Wenn Brennelemente „abgebrannt“ sind, müssen sie entnommen werden und durch frische Brennelemente ersetzt werden. Sie sind aber keinesfalls Abfall, sondern können und sollten recycelt werden. Auch in Deutschland war deshalb eine eigene Wiederaufbereitungsanlage nach dem PUREX-Verfahren vorgesehen. Übergangsweise hat man Brennelemente in Frankreich und Großbritannien aufbereiten lassen. Aus bekannten ideologischen Gründen ist man davon abgegangen. Der Kampf gegen das Atom ist der zentrale Gründungsmythos von Bündnis 90 / Die Grünen.

Die Kerntechnik war der erste Industriezweig der nicht einfach Abfall produzieren wollte, sondern war vielmehr der Begründer des industriellen Recyclings. In einem „abgebrannten“ – oder besser abgenutzten und für seinen ursprünglichen Verwendungszweck nicht mehr geeigneten – Brennelement sind lediglich rund 5 Prozent Spaltprodukte. Das ist die „Asche“ der nuklearen Energieherstellung. Aber über 93 Prozent des Urans und zusätzlich rund 1 Prozent Plutonium sind für die Energiegewinnung wiederverwendbar.

Bei dem PUREX-Verfahren werden die Brennstäbe aufgelöst und anschließend durch eine mehrstufige flüssig-flüssig-Extraktion in möglichst reines Uran und Plutonium zerlegt. Alles andere ist bei diesem Verfahren Abfall, wird in Glas eingeschmolzen und ist zur Endlagerung vorgesehen. Das Plutonium wird seit Jahrzehnten – auch in Deutschland – zusammen mit abgereichertem Uran zu sogenannten Mischoxid-Brennelementen verarbeitet und erneut in Leichtwasserreaktoren zur Energiegewinnung eingesetzt. Das zurückgewonnene Uran wird bisher fast ausschließlich eingelagert. Man kann es als „Ersatz“ für Natururan in Anreicherungsanlagen einsetzen. Es muss dazu aber in Uranhexafluorid umgewandelt werden. Ein bei den heutigen Preisen für Natururan nicht wirtschaftlicher Weg.

Der NUE-Weg

Das Uran für Leichtwasserreaktoren hat eine ursprüngliche Anreicherung von 3 Prozent bis 5 Prozent U235. Im Reaktor wird sowohl U235 als auch Pu239 gespalten. Das Plutonium bildet sich kontinuierlich aus dem U238 durch das (parasitäre) Einfangen von Neutronen. Ein Teil davon wird sofort wieder im Reaktor gespalten. Deshalb kann nicht alles U235 aufgebraucht werden, bevor die zulässige Betriebsdauer des Brennelements erreicht ist. Oft hat das recycelte Uran noch einen höheren Anteil davon als das Natururan (0,7 Prozent U235). Es kann daher noch in Schwerwasserreaktoren eingesetzt werden.

Allerdings ist die Natur immer etwas komplizierter als die Theorie. Nicht jeder U235-Kern wird auch gespalten, wenn er von einem Neutron getroffen wird. Es bilden sich auch U236 und sogar Spuren von U234. Alle diese Isotope haben ihre charakteristischen neutronenphysikalischen Eigenschaften. Es wird deshalb durch Verschneiden mit abgereichertem Uran ein dem „Natururan entsprechendes Äquivalent“ (NUE) hergestellt. Dies ist aber eine reine Frage der Analyse (welche Isotopenzusammensetzung?), der Rechnung (neutronenphysikalische Bestimmung) und der Mischung. Ein vergleichbar geringer Aufwand, verglichen z.B. mit einer Anreicherung.

Man kann etwa mit dem recycelten Uran aus vier Leichtwasserreaktoren einen zusätzlichen Schwerwasserreaktor betreiben. Die zusätzliche Energie wird ohne zusätzlichen Verbrauch von Natururan erzeugt – Energie aus „Atommüll“. China betrachtet ihr kerntechnisches Programm offensichtlich von Anfang an als System. Im Zentrum stehen die Leichtwasserreaktoren und eine Wiederaufbereitung des „Atommülls“.

Nach dem Vorbild von Frankreich wird dadurch der endgültig zu lagernde Abfall beträchtlich entschärft und verringert. Das anfallende Plutonium wird über Mischoxid wieder den Leichtwasserreaktoren zugeführt. Das zurückgewonnene Uran den Schwerwasserreaktoren. Mittelfristig soll eine weitere Nutzung über natriumgekühlte Reaktoren mit schnellem Neutronenspektrum erfolgen. Beachtenswert ist die Vorgehensweise: Zwar in voller Breite aller am Weltmarkt erhältlichen Reaktortypen, aber stets in kleinen Schritten in enger Kooperation mit internationalen Partnern. Ganz nebenbei ist dadurch eine der bedeutendsten kerntechnischen Industrien der Welt aufgebaut worden. Ein nicht zu unterschätzender und bewusst angestrebter Nebeneffekt.

Kerntechnik ist eine Schlüsseltechnologie, die weit in die industrielle Welt ausstrahlt. So war es einst auch in Deutschland, aber hier wird dieser Vorteil zusehends aufgebraucht. Manch ein Grüner wird sich noch die Augen reiben, wie schnell der „Exportweltmeister“ zu einem mittelmäßigen Industriestandort werden wird.

Dr. Klaus-Dieter Humpich studierte Maschinenbau und Energie- und Verfahrenstechnik mit Schwerpunkt Kerntechnik, bevor er zehn Jahre am Institut für Kerntechnik in der Technischen Universität Berlin arbeitete. Seit 20 Jahren ist er freiberuflich im Bereich Energietechnik tätig. Er hat eine eigene Webseite mit interessanten Themen, die Sie hier finden.

Foto: Koetjuh via Wikimedia

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Engelbert Gartner / 27.08.2018

@ Hans Bethe:  Der Reaktor in Tschernobyl war ein mit Grafit moderierter Reaktor, dessen Ziel es war, Plutonium zu erzeugen, welches für dir Herstellung von Atombomben ( militärische Anwendung ) benötigt wird. Dieser Reaktortyp wurde in Deutschland nicht verwendet. In Deutschland wurden mit Wasser moderierte Reaktoren eingesetzt.  ( Siedewasser z.B. Gundremmingen und Druckwasser Reaktoren z.B. Grafenrheinfeld )  Diesen Sachverhalt im einzelnen zu erklären, würde den Rahmen dieses Kommentars sprengen.

W.Schneider / 27.08.2018

Ich weiß gar nicht, was Sie haben. Frau Baerbock hat doch mehrfach, auch unwidersprochen in Talkshows, verkündet, dass man Strom in den Leitungen speichern kann. Wir haben doch die alternativen Energierzeugungen. Wenn es mal eng wird, weil es mehrere Tage geregnet hat und kein Wind wehte, bittet man das umliegende EU-Gebiet um den Atomstrom. Was soll’s?

Jens Breitenbach / 27.08.2018

Wenn man ehrlich sein möchte, wird man zugeben müssen, dass nicht nur der Ausstieg aus der Kernenergie ideologisch motiviert war, sondern auch der EINSTIEG. Mit Regeln der Marktwirtschaft hatte das nämlich nichts zu tun, sondern eher mit dem Traum Adenauers und Strauß’, die Bundesrepublik nuklear zu bewaffnen. Dazu brauchten sie kerntechnische Anlagen wie Bedienerpersonal, und das bekamen sie nicht über militärische Forschungsstätten (so blöd waren die ehemaligen Kriegsgegner und in der Zwischenzeit Verbündeten nun auch wieder nicht), sondern über die zivile Nutzung der Kernenergie. Nützliches Nebenprodukt dieser Politik waren Arbeitsplätze in der Hochtechnologie. Die gleichen Ziele verfolgen heuer mehr oder weniger offen Iran oder Saudi-Arabien.

Robert Bauer / 27.08.2018

Im Haussender der SED (DLF) heute vormittag eine ernstgemeinte Sendung über einen Lieferanten veganen Stroms und veganen Gases. Damit sticht die BRD jeden chinesischen KKW-Betreiber aus.

Hans-Peter Klein / 27.08.2018

Kosten und Risiken, wie wär’s wenn Sie mal was dazu sagen, eventuell auch wie lange es dauert um z.B. 1 GW ans Netz zu bringen. Bei den EE: Kein Problem, in weniger als < 1/2 Jahr, Zahlen und Fakten liegen genügend vor. Und wo kommt das Natur-Uran für den Yellowcake her, unter welchen Bedingungen wird es wo abgebaut, z.B. in Mali, ehemals franz. Kolonie, wo jetzt deutsche Soldaten stehen, die Franzosen jedenfalls wissen wo sie den Nachschub für ihre >60% Kernenergie zur Not mit ein wenig Nachhilfe her bekommen, Demokratie und Menschenrechte können da schon mal ein wenig auf der Strecke bleiben. Und schließlich: Das Endprodukt ist elektrischer Wechselstrom mit einer bestimmten Spannung und Frequenz. Warum über ‘zig Umwandlungsketten aus Uran aufwendig erzeugen wenns direkt z.B. mit PV geht? MfG,  HPK    

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