Ulrich Schödlbauer, Gastautor / 26.07.2018 / 18:00 / Foto: Duch.seb / 4 / Seite ausdrucken

In der Zeit-Schleife

Gut gehüpft gleich dumm gelaufen.

Hier geht es um einen Geistesblitz, als Kommentar nachzulesen unter dem ZEIT-Beitrag mit dem Titel "Was es mit uns macht, was wir mit ihnen machen" von Mitte Juli dieses Jahres (es könnte auch ein anderes Jahr sein, diese Debatten verlaufen zäh und setzen auf das siebhafte Gedächtnis von Lesern, die ihre tägliche Portion Aufgeregtheit benötigen wie das an erster Stelle kommende Müsli):

"Die Frage der Humanität sollte immer an erster Stelle stehen, vor allem, wenn wir hier das Privileg der wohlhabenden Geburt genießen." 

Wie lebenswahr: Humanität muss man sich leisten können. So dachte und sprach schon der Alte Fritz, wenigstens dem Verstande nach, als er sein Hunde, wollt ihr ewig leben in die Geschichtsbücher einschleuste, und blickte dabei auf eine illustre Kette von Vordenkern und -lenkern zurück. Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral, dichtete Brecht und erntete Zuspruch, der sich nicht immer, aber doch oft genug in „Fressen“ verwandeln ließ, jedenfalls spricht die stolze Kette von Aufführungen der Dreigroschenoper eine deutliche Sprache. "Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral" – so argumentiert auch der um die Renten bangende Teil der AfD, während ihre ideologisch versierteren Köpfe die politische Rendite der Moral in Frage stellen, mit der die opponierende Mehrheit sie bedrängt.

Zweifellos gehört der Autor des bemühten Artikels, Bernd Ulrich, zu den Respektierten im Lande, welche die moralisierende Sprache so gut beherrschen, dass sie als gegnerische Argumente nur die der AfD an sich heranlassen – ein Reinheitsgebot besonderer Güte, um nicht zu sagen Vollständigkeit, weil es eine moralisch vollständig getrennte Gesellschaft voraussetzt.

Wie jeder Medienbeflissene weiß – oder nach ein paar Diskursjahren verstanden haben sollte –, trägt der gute Deutsche den bösen Deutschen (et vice versa) mit sich herum, und zwar im Herzen, dort, wo es wehtut: Ob er den Schalter umlegt, wie er ihn umlegt und wann er ihn umlegt – das weiß niemand außer ihm selbst, und er weiß es auch nicht. Jedenfalls sind beide Seiten in erstaunlicher Vollzähligkeit in ihm versammelt, so dass er keinerlei Mühe aufwenden muss, die jeweils andere … nein, nicht zu verstehen, zu reproduzieren, wann immer es sein muss – als Schmähung oder als Einsicht, wer weiß das schon?

Mit dem neuen Innenminister der ewigen Koalition, dem weniger neuen Horst Seehofer, und seinen umstrittenen Einsichten kann daher nur die verhasste Partei der Menschheitsverächter die Macht im Lande ergriffen haben. Sie ist jetzt "Mainstream" und diktiert die Regeln der Flüchtlingspolitik, das heißt der vollendeten Inhumanität, von höchster Warte aus. Allerdings ist Seehofer weder die Regierung noch das "Land" noch Europa noch die Welt der klugen Köpfe, die auf eine verständige Einwanderungspolitik drängen – schade, schade, denn anders hätte man sie alle bequem in einem Sack.

So kann es passieren, dass selbst dem fleißigen Moralisten hier und da die Puste ausgeht. Wie vermag – um ein Beispiel herauszugreifen – die fortgesetzte Aufnahme von Flüchtlingen aus einem Land, das einen verheerenden Bürgerkrieg (beinahe) hinter sich hat und seine für den Aufbau benötigten Bürger aus den diversen Aufnahmeländern, darunter Deutschland, zurückruft, wie vermag der an Nötigung grenzende Versuch der finalen Aufnahme post eventum fliehender Syrer (von Landsleuten anderer Herkunft zu schweigen) wohl Nöte des südlichen Afrika zu lindern?

Kühn könnte auch die Verknüpfung afrikanischer Geburtenraten mit europäischen Handelsbarrieren in dem einen oder anderen Ökonomen-Ohr klingen (sie sind Schlimmeres gewöhnt). Was solls? Gehüpft wie gesprungen, mag sich der Autor gedacht haben, das eine gibt’s und das andre ist eben auch da. Das sind so Ungenauigkeiten der höchsten Stufe, denn, wie gesagt, die Frage der Humanität sollte immer an erster Stelle stehen – vor allem dann, wenn da nichts weiter steht als ein von Wichtigkeit und Gemeinplätzen triefender Zeitungsartikel mehr, in dem die Halbwahrheiten aneinanderschlagen wie die schäumenden Wellchen im Kielwasser einer Hamburger Hafenbarkasse.

Der kommentierende Leser hat es auf seine Weise begriffen: Diese Art Journalismus funktioniert gerade so lange, wie ihn die Zeitung sich leisten kann – "vor allem, wenn wir hier das Privileg der wohlhabenden Geburt genießen". Es muss ja nicht die Geburt sein, glückliche Umstände, ein günstig erworbener Partner oder die rechtzeitig von finanziellem und gesellschaftlichem Erfolg gekrönte Leistung vermögen es auch. Denn eines gilt, solange die Medienwelt der Saturierten sich dreht: Nur wer dazugehört, gehört dazu.

Dieser Beitrag erschien auch auf Globkult.

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Leserpost

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Claudia Mack / 26.07.2018

“Diese Art Journalismus funktioniert gerade so lange, wie ihn die Zeitung sich leisten kann” - besser kann man es nicht sagen. Und die Hunderttausende von Migranten, die von den besagten Medien so heftig umworben und verbalpaternalistisch betreut werden, haben sich meines Wissens noch nicht wie wild auf die günstigen Online-Abos gestürzt, geschweige denn in nennenswerter Zahl Print-Ausgaben erworben.  Für wen schreibt man also? Für eine alternde und in den 70 er Jahren stecken gebliebene Klientel, die irgendwann zusammen mit dem Zeitungsverlag die Tür hinter sich zu macht? Das kann doch nicht der Preis für die Hochmoral sein. Seit wann haben Verlage die Pflicht zur Selbstvernichtung?

Robert Hagen / 26.07.2018

Die goldene Zitrone Früher gab es einen Preis für das schlechteste Auto der Saison. Nein, Dieselfahrzeuge wurden damals damit nicht ausgezeichnet, wurden sie doch von den GRÜNEN als grüne Alternative zum vielschluckenden Benziner propagiert. Dieser Preis also wurde, wenn ich mich recht entsinne, die Goldene Zitrone genannt. Bernd Ulrich hat ihn sich mit dem kommentierten Artikel in der Kategorie “Journalistik” wahrlich verdient.

Helmut Driesel / 26.07.2018

Seitdem sonnenklar ist, dass Zeitreisen unmöglich sind und auch bei größtem technischen Fortschritt bleiben werden - andernfalls nämlich dauernd Klugscheißer aus der Zukunft hier auftauchen würden, die jedem und allen, aber ganz besonders der Regierung erklären wollen, was gerade falsch gemacht wird - seitdem fühle ich mich um meine schönste Hoffnung betrogen. Nämlich die, eines baldigen Tages einen grossen Zettel mit Anweisungen für ein besseres Leben in meine Vergangenheit schmuggeln zu können. Am besten dazu noch ein paar Schlagzeilen von Gegenwartspresse, mit denen man die Hoffnungsträger in der Vergangenheit hätte beeindrucken können. Ja, ich könnte die Frau Lengsfeld von 1990 aufsuchen, ihr den Stuss zeigen, den sie heute geschrieben hat , oder den Wolf Biermann von 1976, dem würde ich seine Lebensbeichte mitbringen. Was wäre ich für ein großartiger Prophet geworden. Nur die Sache mit der “wohlhabenden Geburt”, das hätte ich vermutlich nicht zurechtbiegen können. Und da sehen Sie,  es ist gut, dass Zeitreisen ihre strengen Grenzen haben - sogar dann, wenn sie praktisch unmöglich sind.

Volker Kleinophorst / 26.07.2018

Du “privilegierte S.., denk doch mal an die Armen dieser Welt.” ruft der Privilegierte dem Hilfsarbeiter zu und fährt in sein Besserviertel auf seine Terracotta-Terrasse. “Ganz günstig, unter Hand und der Ali hat mir die zu nem Superpreis verlegt. Schwarz…”  Motto: Jeder hat ein Recht zu leben wie du (auf deine Kosten). So leben wie ich? Nun mal schön auf dem Teppich bleiben.

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