Hansjörg Müller / 25.07.2014 / 21:19 / 5 / Seite ausdrucken

In bester Beuysscher Tradition

Joseph Beuys war ein geübter Lügner, das schien ihm wohl sein Beruf zu erfordern: Nachdem er am 16. März 1944 als Angehöriger der deutschen Luftwaffe über der Krim abgeschossen worden sei, hätten Tataren ihn aus dem Wrack gezogen und 12 Tage lang hingebungsvoll gepflegt, behauptete der berühmteste deutsche Nachkriegskünstler: Sie «rieben meinen Körper mit Fett ein, damit die Wärme zurückkehrte, und wickelten mich in Filz ein, weil Filz die Wärme hält.» Wahr war daran wenig: Sowjet-Diktator Josef Stalin hatte die Krimtataren bereits Ende 1943 nach Zentralasien deportieren lassen.

Ein Kunstwerk, das mit der Filz-und-Fett-Legende korrespondierte, war die Fettecke, fünf Kilogramm Butter, die Beuys 1982 in einer Ecke seines Ateliers in der Düsseldorfer Kunstakademie zwei Meter unterhalb der Decke anbrachte. Das weitere Schicksal des Artefakts ist angemessen absurd: 1986, kurz nach Beuys’ Tod, kratzte ein Hausmeister das Fett von der Wand. Nachdem er sie in einem Müllkübel entdeckt hatte, nahm Beuys-Schüler Johannes Stüttgen die Überreste in Besitz.

Nun behaupten die Künstler Markus Löffler, Andree Korpys und Dieter Schmal, aus der über 30 Jahre alten Butter zunächst 80-prozentigen Alkohol gebrannt und diesen zu 50-prozentigem Schnaps verdünnt zu haben. Nach Parmesan habe das Destillat geschmeckt, das im Düsseldorfer Kunstpalast ausgeschenkt worden sei.

Seither schäumt Beuys-Witwe Eva. Vor allem zürnt sie Stüttgen. Dieser habe die Fettecke unbedingt haben wollen und sich von ihr noch in einem Schriftstück bestätigen lassen, dass es sich um «ein Original und ein Kunstwerk» handle – und dies, um das Fett schliesslich «dummen, unfein empfindenden Menschen» zu überlassen: «Eine Farce, gegen die sich mein Mann nicht mehr wehren kann.»

Dass Eva Beuys «hartnäckig versucht, ihre Deutungshoheit zu verteidigen», konstatierte Beuys-Biograph Hans Peter Riegel schon vor Jahren. Dumm nur, dass die Schnapsbrenner Joseph Beuys und sein Werk wesentlich besser verstanden haben dürften als dessen keifende Witwe. Beuys war ja insofern ein grosser Künstler, als er die Kunst, die Welt zum Narren zu halten, beherrschte wie kaum ein anderer. So gesehen stehen die vermeintlichen Vandalen in bester Beuysscher Tradition. Was der Meister dazu gesagt hätte, bleibt naturgemäss reine Spekulation, doch ist nicht auszuschliessen, dass er vor Löffler, Korpys, Schmal und Stüttgen seinen Filzhut gezogen hätte.

Erschienen in der „Basler Zeitung“: http://bazonline.ch/kultur/kunst/In-bester-Beuysscher-Tradition/story/30324247

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Leserpost

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Franz Roth / 28.07.2014

@Ralf Schmode: Jeder halbwegs aufgeweckte Schüler kennt Fettalkohole. Gewinnung durch Hydrierung von Fettsäuren.

Christoph Andreas / 26.07.2014

Ralf Schmode hat völlig recht. So einfach brennt man aus Fett keinen Schnaps. Ein netter PR Gag. Nach ein paar Wochen kochgeistiger Interpretationsergüssen der Fachwelt über diese Schnapsidee, nach dem Motto, ist es Kunst und im Sinne Beuys, holt man die Katze in diesem Fall das Fett wieder aus dem Sack. Auf die Frage, ob er sein Publikum verarschen wolle, hatte Beuys mal mit einem klaren ja geantwortet. Die Aktion dürfte also in seinem Sinne sein. Da es auch auf dem Kunstmarkt um Beuys eher ruhig geworden ist, könnte es sich bei der Schnapsidee auch um eine marktstützende Solidaraktion für die armen Artconsulter handeln. Bei deren Rückkaufsgarantien mit Wertsteigerung wäre das hilfreich. Manus manum lavat oder dann mal prost.

Waldemar Undig / 26.07.2014

Die Beuys’sche Lüge war reiner Selbstschutz, denn er wollte nicht jedem daher gelaufenen Journalisten in epischer Breite darlegen, warum er für seine Kunst vornehmlich die Materialien Fett und Filz verwendet. Also erfand er ein Märchen, das niemand vergisst, der es gehört hat, und das dennoch das wesentliche der Frage nach Fett und Filz beantwortet. Dass Johannes Stüttgen über die Entfernung der Düsseldorfer Fettecke zürnte, wird sofort verständlich, wenn man darauf hinweist, dass er bei ihrer Anbringung live zugegen war, wie in seinem Buch Zeitstau belegt ist. Und was den Schnaps (den ja bekanntlich der Teufel gemacht hat) angeht, hat sich mein Vorkommentator schon ausführlichst ausgelassen.

Horst Oswald / 26.07.2014

Schön, hier immer Informationen zu finden, die man sonst vergeblich sucht.

Ralf Schmode / 25.07.2014

Dass “Intellelle” es mit den Naturwissenschaften nicht so haben (und damit ideale Opfer sind für esoterischen Schwachsinn wie Chemtrails, Homöopathie und Energiewende) ist ja hinlänglich bekannt. Deshalb hätten die Protagonisten dieser Story um Fett, Ruhm und Geld sich vielleicht mal bei jemandem erkundigen sollen, der sich mit sowas auskennt. Dann hätten sie erfahren, dass man aus Fett keinen Schnaps brennen kann, weil vom Fett zum Ethylalkohol, ohne den es keinen Schnaps gibt, kein Weg führt, jedenfalls nicht ohne aggressive Chemie. Früher wäre so etwas jedem halbwegs aufgeweckten Schüler aufgefallen, und in den Redaktionen gab es Wissenschaftsredakteure, durch die derart grober Unfug ausgesiebt wurde. Aber in einer Zeit, in der man in den Schulen seinen Namen tanzt, sich “gegen Rechts” positioniert und Wissenschaftsredakteure durch Greenpeace-Merchandiser ersetzt wurden, darf man wohl selbst ein Minimum an Recherchetätigkeit nicht mehr erwarten.

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