Trotz fundierter Kritik von Historikern hält das renommierte Londoner Museum an seiner falschen Darstellung der berüchtigten Nürnberger Gesetze fest, trotz deren brutaler Klarheit.
Nur seriösen Quellen zu trauen, ist ein guter Ratschlag, umso mehr, wenn es um die Geschichte des Holocausts geht. Was aber, wenn eine vermeintlich seriöse Quelle Falschinformationen verbreitet? Ein solcher Fall ist eine Schautafel im Londoner Imperial War Museum (IMW) über die Verfolgung der Juden, genauer, die Nürnberger Rassegesetze, die 1935 in Deutschland beschlossen wurden und die juristische Basis für die Diskriminierung, den Ausschluss und schließlich die Deportation und Ermordung aller Juden bildeten.
Jeder Mensch mit drei oder vier jüdischen Großeltern, die bei der Geburt in einer jüdischen Gemeinde als Juden eingetragen worden waren, galt als „Volljude“; jeder mit einem oder zwei jüdischen Großelternteilen als „Mischling“ (ersten oder zweiten Grades). Auf einer Informationstafel des IWM aber heißt es, dass gemäß den gesetzlichen Bestimmungen „eine Person basierend auf der Anzahl ihrer praktizierenden jüdischen Großeltern“ als jüdisch definiert wurde („a person was defined as Jewish based on how many observant Jewish grandparents they had“).
Das ist falsch, die Nürnberger Gesetze waren in diesem Punkt sehr klar. In Paragraf 2, Absatz 5 hieß es:
„Maßgebend für die Beurteilung, ob jemand Jude ist oder nicht, ist grundsätzlich nicht die Zugehörigkeit zu der jüdischen Religionsgemeinschaft, sondern zum jüdischen Blute (Hervorhebung im Original). … Da die Frage der Zugehörigkeit zur jüdischen Religionsgemeinschaft lediglich nach objektiven Gesichtspunkten zu entscheiden ist, kommt es auf die innere Einstellung zur jüdischen Religion nicht an. Es ist somit beim Vorliegen der oben aufgeführten äußeren Merkmale eine gleichwohl bestehende innere Zuneigung zur christlichen Religion oder eine Nichtteilnahme an den jüdischen Kulthandlungen oder eine Interesselosigkeit an den jüdischen Kulthandlungen überhaupt ohne jeden Belang.“
Das Imperial War Museum in London gilt als eines der bedeutendsten Kriegsmuseen weltweit. Während des Ersten Weltkriegs 1917 gegründet, soll es Kriegserfahrungen von Zivilisten und Soldaten sammeln und dokumentieren. Neben den beiden Weltkriegen beschäftigt es sich mit allen militärischen Konflikten, an denen Soldaten Großbritanniens oder des Commonwealth beteiligt waren.
Kritische Besucherin
Wie die britische Tageszeitung The Guardian zuerst berichtete, wurde eine Touristin aus New York, die letztes Jahr die Holocaust-Ausstellung des Museums besucht hatte, auf den Begriff „praktizierend“ aufmerksam. In einem Schreiben an das IWM forderte sie, dass die „Formulierung, die sich auf praktizierende jüdische Großeltern bezieht, aufgrund ihrer mangelnden historischen Genauigkeit“ geändert werden müsse.
Die ehemalige Wissenschaftlerin, die anonym bleiben will, erklärte gegenüber der britischen Zeitung, von den ausgestellten Materialien „außerordentlich beeindruckt“ gewesen zu sein. „Doch dann kam ich zu den Rassegesetzen und wusste, dass 'praktizierende' jüdische Großeltern einfach keinen Sinn ergibt. Das ignoriert die große Mehrheit der jüdischen Bevölkerung, die nicht praktizierend ist.“ Die Nationalsozialisten hätten die Ausrottung aller Juden angestrebt, unabhängig davon, ob sie gläubig beziehungsweise praktizierend waren oder nicht. „Das vermittelt einen so irreführenden Eindruck von der nationalsozialistischen Weltanschauung, dass ich es verwerflich finde, dass dieser Eindruck in der Öffentlichkeit bleibt.“
Caro Howell, die Generaldirektorin des IWM, teilte der Besucherin mit, die von ihr angesprochenen Punkte seien „vollständig und ernsthaft geprüftt“ worden, „aber wir stehen zu den kuratorischen Entscheidungen, die wir getroffen und die unsere Expertenberater überprüft haben“. In einer Mail, die dem Guardian vorliegt, rechtfertigte sich Howell, es würde die Integrität des Museums untergraben, würde es bei jeder „Frage interpretativer Nuancen“ Änderungen vornehmen.
„Zwietracht zwischen Menschen zu säen“
Die pensionierte Wissenschaftlerin ließ nicht locker und holte daraufhin die Meinung zweier Holocaust-Historiker ein. Christopher Browning, Autor zahlreicher Bücher über den Holocaust und Sachverständiger im Prozess des Holocaustleugners David Irving im Jahr 2000, sagte: „Es ging nicht darum, ob der Großelternteil gläubig war, sondern, ob seine Geburt bei der jüdischen Gemeinde registriert war. Der Großelternteil könnte später sogar zum Christentum konvertiert sein, aber wenn der Großelternteil bei der Geburt als jüdisch registriert war, war dies für die Nazis der entscheidende Faktor.“
Auch Timothy Snyder, renommierter Historiker und Holocaustforscher, bestätigte: „Es spielte keine Rolle, ob die Großeltern praktizierend waren. … Niemand wurde vor der Verfolgung bewahrt, wie die Formulierung fälschlicherweise suggeriert, weil seine Großeltern nicht praktizierend waren.“ Mit dieser Darstellung „wird suggeriert, dass 'schlechte Juden', das heißt, solche mit säkularem (oder sogar reformiertem) Hintergrund, von den Verfolgungen verschont geblieben sein könnten, während 'gute Juden', solche mit religiösem (oder orthodoxem) Hintergrund, die Opfer waren. Das ist Unsinn.“
Robin Douglas, Fellow am London Centre for the Study of Contemporary Antisemitism, erklärte gegenüber UK Jewish News, die Beschreibung des Museums interpretiere das Gesetz falsch, „da es bedeute, dass der Großelternteil im Erwachsenenalter ein frommer Jude gewesen sein müsse, während [das Gesetz] eigentlich bedeute, dass der Großelternteil bei seiner Geburt in den jüdischen Religionsregistern eingetragen gewesen sein müsse“. Dass die Nationalsozialisten „letztlich auf ein religiös festgelegtes Kriterium des Jüdischseins zurückgriffen, entlarvt die Leere ihrer angeblich wissenschaftlichen Ideen“.
Wie The Guardian schreibt, haben Browning und Snyder das IWM nicht direkt kontaktiert, aber die ehemalige Wissenschaftlerin hat ihre Kommentare an das Museum weitergeleitet. Direktorin Howell teilte der Amerikanerin daraufhin mit, dass sie „keine weitere Korrespondenz führen“ könne und die Weiterverfolgung des Themas „die Gefahr birgt, Zwietracht zwischen Menschen zu säen, die eigentlich an einem Strang ziehen sollten“.
Museumsleitung uneinsichtig
Ein Sprecher des Museums erklärte, dieses nehme „Kommentare zu unserer Interpretation sehr ernst und wir nehmen die vorgebrachten Punkte und die Sensibilität in Bezug auf diese Bildunterschrift zur Kenntnis. Es ist unvermeidlich, dass in einer so komplexen – und manchmal umstrittenen – Geschichte wie dem Holocaust von Zeit zu Zeit Fragen der Interpretation und Nuancen aufgeworfen werden. Die [Informationstafel] wurde vor dem Druck von den Kuratoren des IWM, einer Reihe führender internationaler Wissenschaftler und Mitglieder jüdischer Gemeinden, sorgfältig geprüft und bearbeitet.“
Jeder kennt Fälle aus aller Welt, wo staatliche Institutionen und Kirchen es abgelehnt haben, Fehler einzuräumen. Die Sorge um den Selbstschutz und das eigene Ansehen, von dem angenommen wird, dass es unter dem Eingestehen eines Fehlers mehr leidet als unter dem Leugnen desselben, überwiegt oft das Interesse an der Wahrheit. Dass dies nun auch den Holocaust betrifft, ist besonders bedauerlich. Bei der Geschichte des Holocaust kommt es auf jedes Detail an, auch, um heutigen und zukünftigen Leugnern entgegenzutreten.
Stellen wichtige Bildungseinrichtungen die elementaren Fakten über den Holocaust falsch dar, ist es für die Leugner umso leichter, so zu tun, als wäre die Geschichte der Vernichtung der Juden noch gar nicht gründlich erforscht: Die einen sagen so, die anderen so, lautet deren Motto. In diesem Zusammenhang ist an die 2006 in Teheran abgehaltene Konferenz zu erinnern, bei der der Holocaust vermeintlich „ergebnisoffen“ diskutiert werden sollte.
Das Imperial War Museum fällt nicht zum ersten Mal mit einer Verfälschung jüdischer Geschichte auf. 2015 wurden auf seiner Website Angehörige der Jüdischen Brigade der britischen Streitkräfte, die im Zweiten Weltkrieg an der Seite britischer Soldaten gegen Hitler kämpften, als „Terroristen“ bezeichnet. Das Museum entschuldigte sich, nachdem ein Mitarbeiter „versehentlich“ ein Foto der jüdischen Soldaten mit der Bildunterschrift „Terroristische Aktivitäten: Männer des Ersten Bataillons der Jüdischen Brigade während eines Defilees“ auf die Website hochgeladen hatte.
Dieser Beitrag erschien zuerst bei Mena-Watch.
Stefan Frank, geboren 1976, ist unabhängiger Publizist und schreibt u.a. für Audiatur online, die Jüdische Rundschau und MENA Watch. Buchveröffentlichungen: Die Weltvernichtungsmaschine. Vom Kreditboom zur Wirtschaftskrise (2009); Kreditinferno. Ewige Schuldenkrise und monetäres Chaos (2012).
Beitragsbild: Launus CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

„…Zwietracht zwischen Menschen zu säen, die eigentlich an einem Strang ziehen sollten“ Klingt genau wie die Begründungen der hiesigen Presse, auf vollständige Berichterstattung bei Angriffen der üblichen Verdächtigen zu verzichten. Hoffentlich sind die Briten klüger und schassen diese Direktorin.