Die große Enttäuschung gleich zu Beginn: Ich habe als Antwort auch keinen Einzeiler, der so klar ist, dass der Text hier aufhören könnte. Ich erspare Ihnen (und mir) auch das Wälzen von Definitionen. Hier nun John Locke zu zitieren, John Stuart Mill oder ältere FDP-Parteiprogramme, und zu fragen, ob das alles heute noch relevant ist? Bringt uns nicht weiter. Ich will aber einen anderen Autor erwähnen: Gilles Deleuze. Der wird eigentlich, grob gesprochen, als Dekonstruktivist gesehen. Er selbst verstand sich als Marxist. Sein Denken kreiste immer um Konzepte von Wandel und der Dekonstruktion von allem – auch des Individuums als rational handelndem, mit eindeutiger Identität behaftetem Wesen. Genau das macht Deleuze zur Gegenfigur des klassischen liberalistischen Denkens. Es gibt aber eben auch Versuche, seine Grundgedanken in einen liberalen Kontext anders zu interpretieren. Lesen Sie dazu, wenn Sie Lust haben, mal Paul Patton.
Warum schreibe ich das hier auf? Weil ich glaube, dass Deleuze, wenn er vielleicht auch kein „Liberaler“ im institutionellen Sinne ist, doch eine Grundhaltung repräsentiert, die für mich liberalem Denken und auch Empfinden entspricht. Deleuze hält jegliche feste Struktur für temporär. Er sieht Fliehkräfte, die neue Formen oder kulturelle Erzeugnisse schaffen. Die destruktiv und konstruktiv zugleich sind. Deleuze geht mutig, neugierig, fasziniert an vermeintlich Verstörendes heran. Er sucht den Tabubruch. Eindeutige Geschlechterzuschreibungen nerven ihn, strukturalistische Determinationen auch. Und Selbstgerechtigkeit.
Genau das ist, für mich, auch Teil des liberalen Projektes. Dieses Projekt ist weder nationalliberal noch im gängigen Sinn linksliberal. Es ist, sozusagen, liberalliberal. Weder am rührseligen multikulturellen Lagerfeuer fühlt es sich so richtig wohl noch im Hinterzimmer machtbesoffener Klientelvertreter.
Und auch auf den hysterischen Pegida-Versammlungen ist es fremd. Nicht aus unreflektierter Political Correctness. Nicht weil es den apodiktischen „Islamismus hat nichts mit Islam zu tun“-Singsang für konstruktiv hielte. Solche Politikerphrasen sind allenfalls der Beginn der politpsychologischen Reflexion.
Aber es (ich kann natürlich auch sagen: ich) kann mit der Grundhaltung der ganzen Bewegung nichts viel anfangen. „Die Menschen haben halt Angst, und bei Pegida artikulieren sie ihre Angst“ schreiben Verteidiger gern. Das mag ja sein. Aber: Eine Angst-Artikulations-Demo ist nach meinem Verständnis nicht liberal. Angst gebiert Ressentiments und starre Denkraster. Mit Angst wachsen stereotype Feindbilder. Angst freut sich, wenn sie (endlich mal) homogene Personengruppen ausmachen kann. Weil sie sich diesen entweder hinzugesellen kann oder auf sie draufhauen. Das ist alles nicht liberal. Und es ist langweilig.
Ängstliche feixen. Liberale lachen.
Tja, dann bin wohl nicht besonders liberal. Denn Geschlechtszuweisungen und Angst sind für mich ganz natürliche Dinge und Nerven mich auch nicht. Für mein Verständnis muss es in einer Gemeinschaft auch gewisse feste Regeln/ Zuweisungen geben. Ich wüsste gar nicht wie ich ohne Zuordnungen und Verständnis meine Kinder erziehen sollte. Was Pegida betrifft; wie sollen sich Menschen denn sonst Gehör verschaffen? Ich bin mir auch nicht sicher ob die Bewegung aus Angst oder aus Wut über die momentan doch sehr verlogenen Aussagen der Politik herrührt. Wahrscheinlich ein bisschen von beiden. Auch hier habe ich für Verständnis für. Vielleicht ist aber auch eher liberal für andere Menschen Verständnis aufzubringen? Ich weiß es nicht.
"Liberal" wäre demnach dann einfach liberal im Sinne eines Radikal-Liberalismus? Keine Struktur? Keine Normen? Nur ausgerichtet auf das Individuum, welches sich seiner eigenen Freiheit erfreut und möglichst nicht nach rechts oder links schaut, damit nichts Ängstigendes seine Ressentiments schürt? Hm... das wäre aber ziemlich einsam und leer, das Individuum, oder? Mag aber auch sein, dass ich das falsch verstanden habe. In dem Fall bäte ich um Aufklärung.
Wenn es Ihnen gelänge, mit Ihren Ansichten Extremisten zu beeindrucken, wäre die Welt ein Stück sicherer. Mir fehlt allerdings der Glaube daran.