Gastautor / 29.03.2012 / 23:13 / 0 / Seite ausdrucken

Im Zweifel für die Steine

Karsten Dustin Hoffmann

Der Forschungstand über die Autonomen gibt nicht viel her, obwohl sie schon seit über dreißig Jahren buchstäblich das Land unsicher machen. Empirische Studien sind Mangelware; die wenigen vorhandenen Arbeiten stammen zumeist aus der Feder von Autoren, die selbst in irgendeiner Form mit der Szene verstrickt sind oder waren. Trotzdem (oder vielleicht gerade deswegen?) herrscht in weiten Teil der Forschung die Auffassung, die Gewalt der Autonomen richte sich ausschließlich gegen Sachen, Gewalt gegen Menschen sei schlichtweg „nicht vermittelbar“.

Wer einen Blick in Autonome Zeitschriften oder in die Kommentarspalten von Internetportalen wie Indymedia wirft, gewinnt durchaus einen anderen Eindruck. Sie sind voll von Beiträgen, in denen die Autoren ihrer Freude Ausdruck verleihen, dass mal wieder eine Demonstration aus dem Ruder gelaufen ist und Polizisten oder Rechtsextreme verletzt wurden. Aufgrund der Anonymität der Texte sind die Äußerungen jedoch kaum konkreten Gruppen zurechenbar. Diese wie etwa das Autonome Zentrum Rote Flora verhielten sich in der Vergangenheit stets zurückhaltend, wenn es um die Frage der Gewalt ging. Obwohl die Rote Flora zu diversen Themengebieten sehr umfassende Stellungnahmen und Thesenpapiere veröffentlich hat, existierte bisher keines zum Thema Gewalt – vielleicht nicht ohne Grund. Noch anlässlich der Proteste gegen den G8 in Heiligendamm 2007 hatte ein Flora-Sprecher erklärt, zur „Frage der Gewalt“ werde sich die Rote Flora nicht äußern, da dies eine „Entsolidarisierung und einen vorauseilenden Gehorsam“ bedeuten würde.
 
Umso mehr überrascht, dass die Stellungnahmen in den vergangenen Jahren immer deutlicher wurden. Ausgerechnet nach den massiven Ausschreitungen beim Schanzenfest 2009, während derer über hundert Menschen verletzt wurden, erklärte Flora-Sprecher Andreas Blechschmidt: „Gewalt als politisches Mittel schließe ich nicht aus“ . Ein Satz, der immerhin zu einer mäßigen Aufgeregtheit der Öffentlichkeit führte, vor allem weil Blechschmidt offen ließ, gegen was oder wen sich Gewalt aus seiner Sicht richten dürfe. Ganze zwei Jahre später steuerte er nach: Er halte das Anzünden von Autos zwar für richtig, aber die Grenze sei erreicht, „wo die Gesundheit von Menschen gefährdet ist und das Leben von Menschen aufs Spiel gesetzt“ werde.  Den Journalisten, der ihm die Frage nach der Rolle der Gewalt stellte, hatte Blechschmidt damit besänftigt. Aber die Formulierung lässt durchaus unterschiedliche Interpretationen zu. Hätte der Flora-Sprecher gemeint, jegliche Gewalt gegen Menschen wäre aus Sicht der Roten Flora illegitim, hätte er dies sagen können. Er hat es aber nicht. Dafür hat die Rote Flora in einer aktuellen Veröffentlichung ( März 2012) endlich einmal klar gemacht, wie sie zur Gewalt steht.

Anlass der Stellungnahme war der innerlinke Konflikt um die Positionierung zu Israel und dem Nahost-Konflikt. Das Verhältnis zwischen der Roten Flora und dem einige Straßenzüge entfernten antiimperialistischen Zentrum „B5“ hat sich in den vergangenen Jahren erheblich verschlechtert. Umso mehr mag es die Flora-Aktivsten verärgern, dass ausgerechnet die B5 in den vergangenen Monaten erheblichen Zulauf verzeichnen konnte – vor allem von Jugendlichen mit Migrationshintergrund (das berichtet zumindest der Hamburger Verfassungsschutz). Erst 2009 konstituierte sich unter dem Namen „Rote Szene Hamburg (RSH)“ eine B5-Gruppe, die ihren gewaltverherrlichenden Mobilisierungsvideos im Internet augenscheinlich auch Taten folgen lassen will. Ausgerechnet am 24. Dezember 2011 lieferte sich die Gruppe eine körperliche Auseinandersetzung mit drei Autonomen, die sich offenbar in das falsche Viertel verlaufen hatten und sich schließlich nicht anders zu helfen wussten, als Schutz bei der Hamburger Polizei zu suchen.

In der Folge thematisierte das Plenum der Roten Flora den Vorfall und verfasste eine Erklärung, in der sich das Autonome Zentrum erneut von der B5 distanziert und den Umgang mit Konflikten in der linken Szene bemängelt. Darin heißt es: „Es ist weder hilfreich, entsetzt vor „der Gewalt“ zu erstarren, noch sie zu trivialisieren. Stattdessen bedarf es eines genauen Begriffs der herrschenden Verhältnisse sowie einer verantwortungsvollen und inhaltlichen Bestimmung der eigenen Praxis. […] Während es auf dieser Grundlage oftmals richtig ist, Nazis und Bullen die Straße entgegenzusetzen, ist für uns eine Grenze überschritten, wenn Leute in innerlinken politischen Auseinandersetzungen physisch oder psychisch beeinträchtigt werden.“

Es überrascht nicht, dass die Rote Flora Gewalt gegen Linksradikale ablehnt. Aber jeder halbwegs intelligente Leser muss an dieser Stelle erkennen, dass die Rote Flora Gewalt gegen Menschen nur ablehnt, solange es ihr zupass kommt. Polizisten und Rechtsextremisten „die Straße entgegenzusetzen“ kann in diesem Zusammenhang nur als Legitimierung von Stein- und Flaschenwürfen und ähnlichen strafbaren Delikten verstanden werden. Autonome Gewalt soll keine bleibenden körperlichen Schäden hervorrufen oder gar töten, aber sie soll weh tun. In der Praxis – das räumen auch die Aktivisten ein – haben sie keine Kontrolle über Gewaltexzesse. Ist der Geist erst einmal aus der Flasche, lässt er sich kaum noch vorschreiben, was er zu tun und zu lassen hat. Derjenige, der ihn aus der Flasche gelassen hat, darf sich nicht wundern, wenn die Gewalt sich gegen ihn richtet.
___
Karsten Dustin Hoffmann (*1977) wurde 2011 als Politikwissenschaftler mit einer Arbeit über das Autonome Zentrum „Rote Flora“ promoviert. Zurzeit arbeitet er an der Bibliographie zur Linksextremismusforschung BiblioLinX.

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