Jennifer Nathalie Pyka (Archiv) / 20.07.2016 / 07:30 / 11 / Seite ausdrucken

Im Reich der Mutmaßung glaubt man auch an Trauma-Therapien gegen den Dschihad

Es ist gut möglich, dass Historiker in einigen Jahrzehnten der Frage nachgehen werden, warum nicht wenige Deutsche mitsamt des SWRs auf das Attentat von Würzburg mit dem pseudo-humorvollen Hashtag #ISbekenntsich reagierten. Alternativ könnten sie sich allerdings auch die dazugehörige Pressekonferenz von Polizei und Staatsanwaltschaft ansehen, die zur selben Zeit stattfand. Nachdem dabei zunächst einige blutige Details - etwa der Umstand, dass der Attentäter auf der Flucht einer Spaziergängerin zweimal mit der Axt ins Gesicht schlug - geklärt wurden, ging es ans Eingemachte.

Der anwesende Oberstaatsanwalt rechtfertigte sich lange und ausführlich dafür, dass die Polizei den Attentäter kaltblütig erschoss. Denn wenn es nach politischen Fachkräften wie Renate Künast geht, hätte aus geringer Distanz auch Pfefferspray gereicht, um den Täter am Weitermetzeln zu hindern. Dieser ganz speziellen Realitätswahrnehmung folgend ging es im weiteren Verlauf der Pressekonferenz auch nicht um einen Terroristen. Angesprochen wurde „Mögliches“, „Mutmaßliches“ sowie die "sogenannte IS-Symbolik" auf dem T-Shirt des Täters. Schließlich lässt sich nicht ausschließen, dass der unbegleitete minderjährige Flüchtling mit seinem Abschiedsbrief und der IS-Logo-Zeichnung womöglich nur seiner künstlerischen Ader Ausdruck verleihen wollte.

Nun liegt es erstmal nahe, den ermittelnden Behörden den gleichen Geisteszustand zu unterstellen, den man nicht nur unter Grünen hegt und pflegt. Wesentlich wahrscheinlicher ist allerdings, dass ein Beamter sich trotz besseren Wissens der Interpretation anschließt, die auch einige Ebenen über ihm kursiert. Wenn Vertreter aller Parteien jetzt ihren Kaffeesatz befragen, wie es zu einer solchen Tat kommen konnte, obwohl der junge Mann doch sogar eine Bäcker-Lehre antreten wollte und keinen IS-Mitgliedsausweis besaß, dann kann auch die durchaus fähige bayerische Polizei nicht mehr viel ausrichten. Dann schiebt man sicherheitshalber noch das Wörtchen "sogenannt" ein, um das T-Shirt mit der IS-Symbolik nicht unnötig zu kränken und Ärger mit dem Dienstherrn zu vermeiden. Die Wörtchen „Islam“ und „Terrorist“ lässt man besser nach Feierabend fallen.

Es existiert ein roter Faden von Köln nach Würzburg

Damit existiert auch ein roter Faden, der von Köln direkt nach Würzburg verläuft. "Wir schaffen das" lautete vor allem in Berlin die Devise. Also funkte man von Köln aus "Wir haben es geschafft: die Silvesternacht verlief weitestgehend friedlich" zurück, wenn gleich das exakte Gegenteil der Fall war. Und nach Würzburg wird fleißig orakelt, was „wir“ dem Terroristen angetan haben könnten, dass er keinen anderen Weg sah, als zur Axt zu greifen. Folglich begeben sich auch die Ermittler lieber in das Reich des Möglichen und Mutmaßlichen, obwohl sie es vielleicht besser wissen.

Wenn dieselben Politiker der Bevölkerung nun nahelegen, auch weiterhin Zug zu fahren und die Angst vor dem Terror nicht Überhand gewinnen zu lassen, dann haben sie sogar recht  - allerdings unfreiwillig. Die Furcht vor der Begegnung mit einem Dschihadisten ist zwar nicht mehr allzu exotisch. Aber noch ausgeprägter dürfte die Sorge angesichts einer politischen Landschaft sein, deren Bewohner ein Problem wahlweise nicht erkennen können oder wollen - und damit auch die ihr unterstellten Behörden effektiv an ihrer Arbeit hindern. Es stimmt zwar, dass man "Märtyrer“, die nur innerhalb weniger Wochen den gewaltbereiten Herrenmenschen in sich entdecken, schwer bekämpfen kann. Es wäre aber trotzdem ein erster Schritt zur Besserung, wenigstens die Wurzel des Problems zu benennen, um anschließend auf allen Ebenen damit umgehen zu können.

Diese Wurzel hat nichts mit Kollektiven wie "alle Muslime" und "alle Flüchtlinge" zu tun. Genauso wenig hängt sie mit dem zusammen, was ein Flüchtling auf der Balkanroute, im Irak oder im BAMF ertragen musste. Auch liegt die Wurzel in Frankreich nicht in den Banlieues, rund um Hebron nicht im Siedlungsbau. Ausschlaggebend ist einzig eine Ideologie, die den Krieg gegen "Ungläubige" zum Ziel, und selbst den größten Loser kraft seiner Zugehörigkeit zum Islam zum Herrenmenschen erklärt.

Man kann es natürlich trotzdem mit Deluxe-Traumtherapie versuchen

Man kann es natürlich trotzdem mit 5*- Integrationskursen und Deluxe-Traumatherapie versuchen. Aber solange jemand aus einer Religion einen Herrschaftsanspruch über andere ableitet, wird selbst die Ausbildung zum Investment-Banker nicht helfen. Ob jemand nun „nur“ seine Frau unter eine Burka, oder eben Ungläubige mit Waffengewalt in die Knie zwingen will, ist dahingehend zwar ein qualitativer, aber kein systemischer Unterschied.

Dabei lässt es sich durchaus miteinander vereinbaren, gläubig zu sein, ohne herrschen zu wollen. In Israel und in den USA klappt das bei der Mehrheit der Muslime zum Beispiel relativ gut. Aber man sollte sich auch nicht wundern, wenn sich der politische Islam vor allem dort pudelwohl fühlt, wo man ihn nicht nur übersieht, sondern vielmehr mit Steuergeld, Gebetsräumen und Kopftuchurteilen fördert. An Orten also, an denen man lieber über die Neutralisierung eines Attentäters als über das Attentat selbst klagt.

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Leserpost

netiquette:

André Siepmann / 20.07.2016

Ich hätte erwartet, dass Claus Kleber oder Frau Miosga mit der Frage eröffnet hätten: “Was läuft falsch in unserem Land, dass junge Menschen keinen anderen Ausweg sehen als den der Gewalt?”

Dr. med. Jesko Matthes / 20.07.2016

Aber, Frau Pyka, wie können Sie nur…! Wollen wir wirklich, dass Bahnfahrer, Bäckerlehrlinge und Beilbesitzer pauschal verdächtigt werden? War der Täter nicht nur ein mutmaßlicher Bäckerlehrling? Und falls er schwarz gefahren sein sollte, auch nur ein mutmaßlicher Bahnfahrer? Und wer sagt überhaupt, dass es sein Beil gewesen ist???? Fragen!

Udo Stauber / 20.07.2016

Absolut hervorragende Analyse. Dem ist nichts hinzuzufügen.Bravo. Hoffentlich lesen die realitätsfern agierenden Politiker in Berlin oder auch den einzelnen Bundesländern diese Analyse . Der Text gehõrt in jede seriöse Tageszeitung oder auch Sendung.

Frank Hilse / 20.07.2016

  Sehr geehrte Frau Pyka. Ihr Text ist das Beste, was ich seit langer Zeit zu dieser Problematik gelesen habe. Scharfsichtig und konsequent logisch, halten Sie allen Realitätsverweigern den Spiegel vor das Gesicht. Der Artikel ist ein nobles Beispiel, für intellektuellen Journalismus und dem Logos verpflichtetem aufgeklärtem Geist. Es bleibt zu hoffen, dass wir auch in Zukunft, von Ihnen hören und lesen dürfen.

Wolf / 20.07.2016

Grandiose Beschreibung eines ideologischen Wurzelschadens unserer Gesellschaft

Matthias Bart / 20.07.2016

Sehr geehrte Frau Pyka, ich lese zum wiederholten Male ihre Statements und darf Ihnen sagen, dass ich die meisten davon ob der darin Ausdruck findenden scharfen Beobachtungsgabe, des Bezugs einer klaren Meinung und der unbestechlichen Benennung der Problemstellung sehr schätze. Mit diesem hier haben Sie nun in meiner Wahrnehmung in positiver Hinsicht den Vogel abgeschossen. Chapeau!!!  Wir brauchen so unendlich viele intelligente und mutige Stimmen; lassen Sie die Ihre auch weiterhin kraftvoll und häufig hören! P.S.: Ein Hinweis, eine Bitte, eine Anregung vielleicht: Ich stelle als Nichtjude zunehmend irritiert fest, dass das einstmals verankerte Bekenntnis zu Israel, zum Anerkenntnis des historisch bedeutsamen und unverzichtbaren Beitrags jüdischen Wirkens hierzulande, vielleicht ganz bescheiden nur ein selbstverständlicher, respektvoller Umgang im modernen Deutschland einem klammheimlichen, teils aus Unachtsamkeit resultierenden Antisemitismus weicht. So Sie das genau so oder ähnlich sehen und als bedrohlich empfinden, wünschte ich mir mehr Beiträge aus Ihrer Feder auch hierzu.

Goran B. / 20.07.2016

Typisch DEUTSCH. Nach diesem offensichtlichem Terroranschlag erst mal das tun, was die Deutschen auch am aller besten können: erst mal bei sich selber die Schuld suchen. Ich wette, hätte der Attentäter überlebt, dann würde man mit allen Mitteln veruchen, diesen wieder so schnell wie möglich zu “resozialisieren”.

Klaus / 20.07.2016

BP Gauck hat die Bevölkerung, nicht die Migranten, zur mehr Anstrengung bei der Integration aufgerufen, um Verbrechen wie in Nordbayern geschehen zu verhindern. Vielleicht hat aber nur sagen wollen: Findet Euch damit ab, dass der Islam Eure Lebensweise jetzt bestimmt. Letzteres jedenfalls wäre ehrlicher gewesen.

Hans Schlekermann / 20.07.2016

Würde ich mich als Migrant in Deutschland integrieren wollen? Deutschland bietet den Zuwanderern zwar materielle Leistungen im Überfluss, ohne dass sie je etwas dafür tun müssten. Wer das nicht in Anspruch nimmt, handelt nicht rational. Aber es bietet keine positive Idee des Deutschseins, der Gruppenzugehörigkeit. Unser Nationalbewusstsein ist krankhaft beschädigt und besteht entweder in pathologischem Bußetun für das Dritte Reich oder im schlichten Verleugnen der Existenz einer Nation. Deutschland hat kein positives, konstruktives Identitätsangebot an Zugewanderte zu machen. Wer wundert sich da, dass junge Türken in zweiter und dritter Generation sich nicht “deutsch fühlen”, deutsch fühlen wollen? Wir sagen denen im Prinzip: “Werde deutsch, fühl Dich deutsch. Aber wenn Du es dann bist/fühlst, musst Du Dich gefälligst dafür schämen und darfst - um Himmels Willen - nicht stolz auf Dein (neues) Land sein!” Wer da mitmacht, hat selbst nicht alle Latten am Zaun. Deutschland ist im Prinzip das dicke, schüchterne Kind reicher Eltern auf dem Schulhof, dass sich seine “Freunde” kauft, das man nur zuhause besucht, weil es die neueste Konsole, den dicksten Fernseher und einen Swimmingpool hat. Aber dieses Kind hat kein Selbstbewusstsein, kann niemals zum Orientierungspunkt werden und man wird nicht damit prahlen, dass man mit ihm befreundet ist. Und spätestens wenn es keine Konsole, keine Glotze und keinen Swimmingpool mehr gibt, kommt die Wahrheit ans Licht.

Waldemar Undig / 20.07.2016

Die Ideologie des Islamismus braucht zur Ausbreitung einen geeigneten Nährboden. “Wir” sind dieser Nährboden. Weil auch wir durch unseren Ökowahn den Menschen ablehnen.

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