Karim Dabbouz / 21.07.2016 / 06:00 / Foto: Saad Akhtar / 11 / Seite ausdrucken

Ich wünsche mir auch manchmal, ich wäre Chinese

Von Karim Dabbouz.

Wenn alle immer "Feuer" schreien, dann glaubt einem bald keiner mehr. Wenn jemand scheinbar wahllos Menschen erschießt, ersticht, erschlägt oder überfährt und dann alle ständig sagen, das habe mit dem Islam nichts zu tun, dann glaubt das irgendwann auch niemand mehr. Das ist das Problem. Das viel größere Problem aber ist, dass beim Versuch des Verschleierns der Probleme nicht nur die Glaubwürdigkeit der Eliten leidet, sondern die Probleme nicht gelöst werden. Da gibt es ja auch so einen Spruch: Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen. Eigentlich sollten wir alle schlauer sein.

Es ist entlarvend, dass sich die selbsternannten Anwälte der Muslime wie die Geier auf jede Aussage stürzten, die den Attentäter von Nizza scheinbar vom rechten Glauben ausschließt. Da schafft man die Ex-Frau des Täters heran und seinen Nachbarn und bohrt ein wenig nach. Er habe Alkohol getrunken und geraucht, seine Frau geschlagen und andere Drogen genommen, sagen sie. Nun, was die Drogen angeht, darf man den Apologeten recht geben: Islamisch ist das nicht gerade. Was das Schlagen der Frau angeht, sofern sie sich widerspenstig verhielt: Das ist wie so oft Auslegungssache. Wir drehen uns im Kreise und die Appeaser drehen fleißig mit, dass ja keiner innehalten kann und die Dinge im klaren Lichte sieht.

Wann fügt sich die Tat eines Einzelnen in ein System ein?

Was den Täter von Nizza angeht, kommen die Informationen bröckchenweise ans Tageslicht. Es scheint Hinweise auf eine Mittäterschaft zu geben, was der entlastenden Theorie des psychisch kranken Einzeltäters entgegensteht. Auch der junge Afghane, der in einer süddeutschen Regionalbahn vier Menschen schwer verletzte, scheint dem radikalen Islam nahezustehen. In diesem Fall versuchte man ebenfalls, die Tat zu pathologisieren, wobei man mit einem nüchternen Blick auf die Sache eigentlich feststellen müsste, dass jeder, der so etwas tut, nicht ganz gesund sein kann. Aber reicht das, um den Islam aus dieser Sache ganz rauszuhalten?

Die schwierige Frage ist ja: Wann fügt sich die Tat eines Einzelnen in ein System ein und welches System ist es? Genau um die Antwort auf diese Frage drücken sich die Islamapologeten, weil sie wissen, dass es den Islam nicht unbefleckt ließe. Und ja, natürlich kratzt das auch am Ruf aller Menschen mit Wurzeln in einem islamischen Land. Ich wünsche mir auch manchmal, ich wäre Chinese. Die weitaus schlechtere Lösung aber wäre, weiter zu schweigen, zu beschwichtigen und abzuwarten, statt mit aufklärerischer Gründlichkeit das System zu beleuchten, das hinter den Anschlägen steckt: den kollektivistischen und politischen Anspruch des Islam.

Die Einschränkung der Freiheit betrifft alle – auch Muslime

Keiner der Relativierer käme ernsthaft auf die Idee, hinter den Taten von Neonazis keine Ideologie zu sehen, ihre Taten allein mit ihrem Geisteszustand zu erklären und das System, das Attentätern ihr ideologisches Fundament gibt, unter den Tisch zu kehren. Es täte der Debatte gut, würden die Appeaser bei islamischem Terror die gleiche Wehrhaftigkeit an den Tag legen, die sie rechtsextremen Tätern entgegenbringen. Wenn man den Vergleich bemüht und nach Parallelen zwischen Einzeltätern im Namen des Islam und solchen im Namen einer Rassenhygiene sucht, dann findet man derer zahlreiche. Der Terror aus der Hand von Einzeltätern und kleinen Zellen ist eine bewährte Strategie, die auch der NSU bei seinen Morden verfolgte.

Die Turner-Tagebücher, ein Roman über einen fiktiven Rassenkrieg, der in den USA seinen Anfang nimmt, haben diese Taktik der autonom agierenden Einzeltäter und kleinen Zellen in der US-amerikanischen rechten Szene, aber auch in der europäischen populär gemacht. Und nicht zuletzt aus reinem Menschenverstand ist dies ein wirkungsvoller Ansatz: Autonome Einzeltäter lassen sich fast unmöglich überwachen und können jederzeit und überall zuschlagen. Auch Taten mit geringen Opferzahlen zerstören das Sicherheitsempfinden, sofern sie regelmäßig und unvorhersehbar erfolgen. Das hat irgendwann politische Konsequenzen, nämlich mehr Überwachung aller Bürgerinnen und Bürger, steigendes Misstrauen und im schlimmsten Fall institutionalisierten Extremismus. Konkret: Weniger Freiheit für alle, weil man im politischen und medialen Elfenbeinturm nur bemüht ist, einen 1.400 Jahre alten Glauben von allen Zweifeln reinzuwaschen, statt den Reformern bei ihren Bemühungen zur Seite zu stehen.

Einen wichtigen Unterschied zwischen rechtsextremem und islamischem Terrorismus gibt es aber: Rechtsextremer Terror zielt in der Regel auf bestimmte Opfer, während der islamische Terror wahllos auf jeden Menschen abzielt. Wahrscheinlich fürchten Muslime den islamischen Terrorismus deshalb sogar mehr als Nicht-Muslime, weil sie ihm erstens selbst zum Opfer fallen könnten und zweitens mit jedem Anschlag in größere Rechtfertigungsnot geraten. Ich persönlich mache mir da keine Illusionen: Mein Ruf als Mensch mit arabischem Migrationshintergrund in Europa ist auf Lebzeiten zerstört. Und das verdanke ich nicht dem latenten Rassismus des Europäers, sondern den schlechten Vorbildern aus meinen Reihen, die sich in den Vordergrund drängen, sowie den vornehmlich linken Islamapologeten, die die Täter und ihre religiös verklärten Herrschaftsansprüche decken.

Für zukünftige Anschläge: Wo Ideologie ist, da ist auch Terror

Für die nächsten Anschläge deshalb folgender Vorschlag: Es ist unbestreitbar, dass ein Einzeltäter, der sich auf eine politische Ideologie beruft, nicht einfach nur psychisch krank ist, sondern eine ideologische Motivation hat. Das ist der Unterschied zwischen einem Amoklauf und einem Terrorakt: Ein Amoklauf ist häufig Ausdruck von Todessehnsucht des Täters. Dies reicht ihm zur Rechtfertigung seiner Tat. Ein Terrorakt hat ein politisches Ziel, nämlich die Destabilisierung der Gesellschaft durch Angst und Freiheitsberaubung. Und um das zu wollen, muss man nicht fünfmal täglich beten, auf Schweinefleisch verzichten oder vorher mit dem Führer Rücksprache halten.

Karim Dabbouz (29) lebt im Ruhrgebiet.

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Anna-Sophie / 21.07.2016

Werter Herr Dabbouz, Ihre Worte finde ich sehr mutig, sehr differenziert und schlau. Ich wünschte, viel mehr Menschen besäßen eine solch klare Sicht. Die meisten opfern die Chance des konstruktiven Gesprächs ihrem Strampeln nach moralischer Überlegenheit und dem Pauschalurteil. Es tut eben noch nicht genug weh, als dass die Gewohnheitspolemiker sich für einen Diskurs nach Regeln an einen Tisch setzen würden. Weil, sich aufregen macht (vor allem hier in meinem sonst so hübschen Dresden) immer noch viel zu viel Spaß. Eine entsetzliche Atmosphäre der abgeschnittenen Zungen, voller Misstrauen. Solche Inhalte, wie Sie sie hier niederschreiben, könnte man hier nicht ohne Weiteres aufs Tableau bringen - im Mindesten sähte man Verwirrung. Für Sie, werter Herr Dabbouz, tut es mir sehr leid. Andererseits sehe ich in Ihrer Person eine starke Figur gegen jede Form der platten Schwarzweiß-Malerei. Wer wirklich bereit ist, kann das meiner Meinung nach sehr leicht erkennen. Herzliche Grüße

Jaques Fetarge / 21.07.2016

Einfacher Vergleich: Der Mörder von Jo Cox warein weißer Brite, der sich wirklich in psychiatrischer Behandlung befunden hatte. Die gleichen weißen Gutmenschen, die für islamische und schwarze Täter stets Verständnis haben und “die Gesellschaft” oder sonstige Umstände für die Tat verantwortlich machen, hätten im Fall Cox am liebsten die Todesstrafe gefordert - aber nicht nur für den Täter, sondern auch für Nigel Farage und andere Brexit-Befürworter, wegen Anstiftung zum Mord.

Hermes Conrad / 21.07.2016

Chinesen haben es aber auch nicht leicht. Schließlich waren die vier schwerverletzten Opfer des Zug-Attentäters aus Hongkong. War das eigentlich Zufall oder beabsichtigt, d.h. wurde eventuell doch nicht völlig wahllos auf die Menschen im Zug eingeschlagen?

Tim Heiser / 21.07.2016

Vielen Dank für diesen fantastischen Artikel!

Klaus Klinner / 21.07.2016

Lieber Herr Dabbouz, ich will und muss Ihnen am frühen Morgen widersprechen: Nein, ihr Ruf als Mensch mit arabischem Migrationshintergrund ist nicht zerstört, genauso wenig wie der vieler, vieler anderer Menschen mit orientalischem Hintergrund.  Im Gegenteil, ich wünschte, dass es mehr sachlich-streitbare Geister wie Sie gäbe. Ich spüre, dass sich der Riss in der Gesellschaft auch nicht zwischen Einheimischen und Zugezogenen gebildet hat, sondern zwischen den Vertretern einer sachlichen und einer rein empathiegetragenen Migrationspolitik. Ich wünsche ihnen auch unbekannterweise alles erdenklich Gute und sie können auch weiterhin in Ruhe ihr Frühstück genießen.

Jürgen Seeger / 21.07.2016

Was ich schon seit Jahren nicht verstehe: Wie kann man weiterhin einem Glauben anhängen, in dessen Namen allwöchentlich ein Blutbad angerichtet wird? Solch einer Religion sollte doch jeder vernünftige Mensch besser heute als morgen den Rücken kehren.

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