Um diesen Text in Ruhe schreiben zu können, habe ich meinen Laptop samt Zubehör, zusammen mit Hemden, Hosen, Wäsche und einer Medikamentenbox, in einen kleinen Koffer gepackt und bin nach Stade gefahren. Raus aus Berlin ist okay, werden Sie jetzt denken, aber warum ausgerechnet Stade, warum nicht Buxtehude, Glückstadt, Itzehoe oder Cuxhaven?
Nun, ich weiß es auch nicht. Ich war einmal, vor vielen, vielen Jahren, in Stade, habe aber an diesen Besuch nur eine ganz schwache Erinnerung, genau genommen keine. Die Anreise mit der Deutschen Bahn war, trotz zweimaligen Umsteigens, problemlos. Ich quartierte mich in einem 4-Sterne-Hotel ein, bekam eine kleine, im Stil der 70er Jahre eingerichtete Zwei-Zimmer-Suite mit jeweils einem Fernseher im Wohn- und im Schlafzimmer, was ich sehr angenehm fand, weil ich die anschwellende Debatte um Friedrich Merz und das Stadtbild des Kanzlers auf zwei Kanälen zugleich verfolgen konnte, ohne umschalten zu müssen. Sie ahnen, welche Folgen das hatte. Ich kam nicht zum Schreiben, weil ich nichts und niemand verpassen wollte, der zu der Causa „Stadtbild“ etwas zu sagen hatte.
Zeitweise war ich versucht, mich auch zu Wort zu melden, aber alles, was mir zu dem Skandal, den Merz ohne jeden Hintergedanken losgetreten hatte, einfiel, war ein Satz des bayerischen Satirikers und Irrenarztes Oskar Panizza (1853–1921): „Der Wahnsinn, wenn er epidemisch wird, heißt Vernunft.“ – Ich zitiere diesen Satz bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Kürzer und genauer lässt sich die mentale Verfassung der Berliner Republik im Jahre 35 nach ihrer Ausrufung nicht beschreiben. Eine Epidemie der Vernunft jagt die andere, man kommt kaum dazu, zwischendurch Luft zu holen, denn immer ist es eine Katastrophe, ein veritabler Supergau, der abgewendet werden muss. Wenn es nicht Covid ist, dann steht das Dritte Reich wieder vor der Tür, „Nie wieder heißt jetzt!“, oder der Meeresspiegel steigt so bedrohlich an, dass bald kein Leben auf der Erde mehr möglich sein würde – „Wir haben keinen Planeten B!“
Eher ein gefühlter Linker
Sollte es allerdings gelingen, den Eintritt des Vierten Reichs so lange hinauszuzögern, bis die neue Sintflut ausbricht, wäre zumindest die erste Gefahr vorläufig eingedämmt. Verzeihen Sie bitte, wenn ich abschweife. Das Thema „Warum ich kein Linker mehr bin“ ist überaus komplex. Ich könnte es mir sehr einfach machen und sagen: Ich bin älter geworden, aber ich habe mich kaum verändert, ich vertrete immer noch dieselben Ansichten wie vor 20, 40 und 60 Jahren. Die Linke hat Positionen geräumt. Die SPD ist keine Arbeiterpartei mehr, und die Linkspartei ist eine Nachgeburt der SED. Ich könnte so tun, als sei ich stehen geblieben, nur mein Umfeld habe sich geändert. Und das wäre nicht einmal ganz falsch.
Ich schreibe diesen Text auf einem MacBook Pro, als ich mit dem Schreiben anfing, war es eine mechanische Schreibmaschine der Marke Olympia, die ich von meinem Vater geschenkt bekam, später eine elektrische von IBM, die ich mit selbst verdientem Geld kaufte. So gesehen, bin auch ich mit der Zeit gegangen. Früher brachte ich Briefe zur Post, heute verschicke ich E-Mails.
Ich bin mir freilich nicht sicher, ob ich jemals wirklich ein echter Linker war. Eher ein gefühlter Linker. Von Marx kenne ich nur seine Schrift „Zur Judenfrage“; dass der Gottvater der Kapitalismuskritik ein lupenreiner Judenhasser war, wurde mir erst viel später bewusst. Worum es bei der „Diktatur des Proletariats“ geht, habe ich bis heute so wenig verstanden wie die Abseits-Regel beim Fußball. Dafür war ich bei jeder Demo dabei, egal worum es ging, gegen die Einführung der Notstandsgesetze oder die Erhöhung der Fahrpreise bei den Kölner Verkehrsbetrieben.
An ein Event kann ich mich noch besonders gut erinnern, auch wenn ich nicht mehr weiß, was der Auslöser war. Eines Tages fuhr ich mit zwei Freunden in einem Fiat 500 von Köln nach Frankfurt am Main, zu einer Gastvorlesung von Carlo Schmid an der Goethe-Universität. Schmid gehörte zu den Vätern des Grundgesetzes und des Godesberger Reformprogramms der SPD. Er war Jurist, ein anerkannter Staatsrechtler, der sich für ein liberales Asylrecht einsetzte. Für die antiautoritären Linken verkörperte er „das System“, in dem auch die SPD eine tragende Rolle spielte, warum auch immer.
Diese Verräter hatten kein Recht auf Meinungsfreiheit, man musste sie stellen und demaskieren. Schmid wurde so lange ausgebuht und ausgepfiffen, bis er entnervt aufgab und die Vorlesung abbrach. Wir, die Guten, hatten gewonnen. Beglückt rollten wir nach Köln zurück, neuen Schlachten und Siegen entgegen.
Mein Beitrag zur Revolution
Franz-Josef Degenhardt, der so schöne Lieder wie „Deutscher Sonntag“ und „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ geschrieben hatte, gehörte wie Hannes Wader und später Konstantin Wecker zu den „Kulturarbeitern“, die dem Zeitgeist eine laute Stimme gaben. Ein Song, mit dem Degenhardt seine Fans zur Raserei brachte, hieß: „Zwischentöne sind bloß Krampf – im Klassenkampf“; das war auch der Refrain am Ende jeder Strophe und eine Punktlandung für den Künstler, der nicht unterhalten, sondern mobilisieren wollte.
Mein Beitrag zur Revolution bestand im Wesentlichen darin, dass ich Versammlungen besuchte, bei denen zur Solidarität mit den Revolutionären in Nicaragua, Kuba, Angola, Mozambique und der ganzen „Dritten Welt“ aufgerufen wurde, so wie heute zur Solidarität mit den Völkern im „globalen Süden“ aufgerufen wird, die immer noch unter den Folgen der Kolonialherrschaft leiden, trotz der Milliarden an „Entwicklungshilfe“, die ihnen von den reichen Ländern des globalen Nordens gewährt wurden.
Ich gebe zu, ich war ein Mitläufer. Ich hatte noch kein Abitur, durfte aber bei Treffen des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) neben „Genossen“ sitzen, die wesentlich älter waren, zwei bis vier Jahre, und viel weiter als ich. Sie lasen sich gegenseitig Passagen aus Lenins 1902 verlegter Streitschrift „Was tun?“ vor und diskutierten dann darüber, welche Lehren man aus dem Konstrukt der „Avantgarde des Proletariats“ für die aktuelle Lage in Deutschland ziehen könnte. Oder ob man den Genossen in der ehemaligen deutschen Kolonie Kamerun eine Grußbotschaft zum Jahrestag der Unabhängigkeit schicken sollte.
Wenn man mich damals gefragt hätte, ob ich mich als Linker verstehen würde, wäre die Antwort wohl ein klares Ja! gewesen. Obwohl ich kein Bewunderer von Ernesto Cardenal war, keine Zeile von Frantz Fanon gelesen hatte und mich, wie schon gesagt, mit der „Diktatur des Proletariats“ nicht anfreunden konnte.
Ich hatte auch kein Bedürfnis, zur Zuckerrohrernte nach Kuba zu reisen oder eine Genossin, die im Sumpf ihrer bürgerlichen Herkunft zu versinken drohte, auf den Pfad der revolutionären Ungeduld zu führen. Ich wollte einfach bei etwas dabei sein, das mir mehr Abwechslung und Aufregung bot als der alltägliche Schulbetrieb.
Ich vermute, die jungen Leute, die heute für den Klimaschutz auf die Straße gehen, Kreuzungen besetzen und sich auf dem Asphalt festkleben, handeln aus ähnlichen Motiven. So wie es Roberto Blanco besungen hat: „Ein bisschenSpaß muss sein, dann kommt das Glück von ganz allein …“
Eine „flagrante Verletzung der Souveränität Ugandas“
Meine links-revolutionäre Phase endete abrupt, buchstäblich von jetzt auf gleich. Am 27. Juni 1976 wurde eine Air France Maschine auf dem Flug von Tel Aviv nach Paris nach einer Zwischenlandung in Athen entführt und „umgeleitet“, zuerst nach Bengasi in Libyen und von dort nach Entebbe, den Flughafen der ugandischen Hauptstadt Kampala. Die Aktion war ein deutsch-palästinensisches Joint-Venture, ausgeführt von zwei Angehörigen der Volksfront zur Befreiung Palästinas und zwei Mitbegründern der Revolutionären Zellen, einer Nachfolgeorganisation der RAF.
Dabei kam es zu einer Aufteilung der 258 Passagiere, der ersten dieser Art in der Geschichte der Luftfahrt: in Juden und Nichtjuden, wobei die deutschen Terroristen bei der Zuordnung der Namen ihren palästinensischen Freunden behilflich waren. Die Nichtjuden durften mit einer Ersatzmaschine weiterfliegen, während die Juden als Geiseln in Entebbe bleiben mussten. Die Entführung endete nach einer Woche, in der Nacht vom 4. zum 5. Juli, mit einer spektakulären Intervention israelischer Armee-Einheiten, die in Entebbe landeten und fast alle israelischen und jüdischen Geiseln lebend befreien und ausfliegen konnten.
Dass der damalige ugandische Präsident Idi Amin über ein solches Finale der Geschichte nicht glücklich war, konnte man ihm nicht verübeln. Ein wenig erstaunlich fand ich es aber, dass die gesamte linksradikale Szene der Bonner Republik – bestehend aus Kommunisten, Maoisten, Trotzkisten, Revisionisten und freien Radikalen bis hin zu einigen Juso-Ortsverbänden – dunkelrot anlief und sich mit Idi Amin solidarisierte. Plötzlich waren sich alle einig. Die israelische Aktion sei eine „flagrante Verletzung der Souveränität Ugandas“ gewesen und müsse entsprechend geahndet werden. Die Begriffe „Schuldumkehr“ und „Täter-Opfer-Umkehr“ waren damals noch nicht ausgebrütet, kamen aber bereits als stille Botschaften zum Einsatz. Die Entführung der Air-France-Maschine, die Selektion der Passagiere, waren Mittel legitimen Widerstands, die Befreiungsaktion der Israelis dagegen Staatsterrorismus.
Zugegeben, es waren damals kleine und kleinste Gruppen, die laut aufstampften, um wahrgenommen zu werden. Jeder Pitbull Terrier hat mal als niedlicher Welpe angefangen. Doch was in den 70er Jahren noch in den Hinterhöfen vor sich hin schmorte, das bespielt heute große Bühnen, auf der Kasseler documenta und im Berliner Haus der Kulturen der Welt. Falls ich jemals „links“ war, seit „Entebbe“ bin ich es nicht mehr. Stade hat mir gut getan. Nächstes Mal fahre ich dann nach Buxtehude.
Dies ist ein Auszug aus: „Wenn das Denken die Richtung ändert. Warum wir nicht mehr links sind“ herausgegeben von Ulli Kulke und Reinhard Mohr.
Sich als links Lesende haben eine Hauptbeschäftigung: Sie definieren, wer „rechts“ ist. Die so produzierte Geografie ist in den Köpfen zur Mentalität geworden. Einige deutsche Intellektuelle wie Henryk M. Broder, Reinhard Mohr, Monika Maron, Peter Schneider erzählen in diesem Band, warum es ihnen nicht mehr sinnvoll erscheint, sich „links“ zu verorten. Wir ändern uns - auch im Denken. Wolf Biermann hat dafür die knappste Formel gefunden: „Ich bin immer häufiger nicht mehr meiner Meinung.“ Dieses Staunen über sich selbst ist der Ausgangspunkt dieses Buches.
2026, W. Kohlhammer Verlag: Stuttgart. 260 Seiten, 24,00 Euro. Hier bestellbar.

Ja Herr Broder, wir sind ein ähnlicher Jahrgang und was waren wir links! Na sowas von! Vor kurzem sagte mir ein Diskussionsgegenüber: Na, Sie verorte ich aber rechts.
Ich war empört. Doch- nach einigem Nachdenken: Ich bin jetzt rechts der Mitte.
Danke für den Text, vielleicht gehe ich auch einmal nach Stade.
„Von Marx kenne ich nur seine Schrift ‚Zur Judenfrage’; dass der Gottvater der Kapitalismuskritik ein lupenreiner Judenhasser war, wurde mir erst viel später bewusst.„ Bei Marx findet sich allerdings alles Mögliche zum Thema Juden: Der “jüdische Nigger Lassalle„ (O-Ton Marx) hatte es ihm besonders angetan. An Engels schrieb er: “Es ist mir jetzt völlig klar, daß er, wie auch seine Kopfbildung und sein Haarwuchs beweist, von den Negern abstammt, die sich dem Zug des Moses aus Ägypten anschlossen (wenn nicht seine Mutter oder Großmutter von väterlicher Seite sich mit einem Nigger kreuzten).„ Ohne Zweifel findet sich bei Marx auch das Argument der Verbindung von Judentum und Geldwirtschaft. Im Aufsatz “Zur Judenfrage„ werden die “wirklichen Juden„ zu Vertretern von “Eigennutz„ und “Schacher„ gemacht und ihre Vergötterung des Geldes zum “Ausdruck der menschlichen Selbstentfremdung„ erklärt. Man muss das allerdings nicht zwingend antisemitisch verstehen. Erich Fromm sah darin einen “brillianten Aufsatz„, in dem Marx lediglich “polemisch einige kritische Bemerkungen über die Juden trifft.„ (Erich Fromm, Das Menschenbild bei Marx, S. 11). Marx hat sich darüber hinaus in der konkreten Politik an die Seite der Juden gestellt, unter anderem bei Petitionen von Kölner und Trierer Juden für ihre rechtliche Gleichstellung. Ähnlich hat er sich 1854 für die Juden in Jerusalem ausgesprochen. Und: Sein Freund Engels wandte sich deutlich gegen Judenhass -unter anderem in der mit Marx zusammen konzipierten Schrift “Anti-Dühring„.
@Wolf Hagen. Klartext. Danke. Ich sehe es in meinem fortgeschrittenen Alter aus der Sicht der Frau, die mit Alice Schwarzer begann und keiner sie so richtig fortentwickelt hat. Alice ist zwar noch da, aber sie braucht dringend Nachfolger. Damals wie heute ist es wichtig. Das alles fand in den wilden 1970ern statt. Genau wie linke RAF Gräueltaten, die aus der linken Szene hervorgingen. Wir brauchen heute ein starkes Land, keine Spinner, die uns ideologisch um hundert Jahre zurück beamen wollen. Es gibt keine Gleichheit. Sie wären ja auch die Funktionäre, die Linken Demagogen. Brauchen wir nicht.
@Klara Altmann – Sie schrieben: „…sondern weil sie üblicherweise den Horizont eines durchschnittlichen Borkenkäfers haben.“ :-) Gute Zusammenfassung. Ich habe neulich mal wieder den Versuch unternommen, mit zwei dieser Exemplare ein Gespräch zu führen. Es ist aussichtslos. Bringt man Argumente vor, wird man entsetzt aus großen Augen angeschaut, weil man es gewagt hat, das wohlige Gefühl von Einheitsmeinung, die diese Leute stets automatisch beim Gegenüber vermuten, zu zerstören. Die erste Person warf mir trotzig mit vorwurfsvollem Unterton vor, sie habe zum Thema halt nicht so viel gelesen wie ich, daher könne sie den Sachverhalt nicht im Detail beurteilen, halte aber trotzdem an ihrer Meinung fest. Der zweite war empört, dass ich einem von ihm immer noch hochverehrten ehemaligen Bundeswirtschaftsminister die wirschaftliche Fachkompetenz absprach, offenbar ein Frevel, nachdem dieser sich doch so für erneuerbare Energien ins Zeug gelegt hatte. Özdemir hat übrigens die Wahl in BW gewonnen mit Wahlplakaten wie „Aus reiner Vernunft fürs Klima“. Ich hatte kurzzeitig überlegt, ob jemand das als Satire hergestellt hatte, um sich über die Grünen lustig zu machen. Aber nein, es stellte sich als echt heraus.
Wenn ein Spieler in der gegnerischen Hälfte den Ball annimmt und zum Zeitpunkt des Zuspiel der Grundlinie näher war, als jeder gegnerische Feldspieler, ist es „Abseits“.
The fate of all mankind is in the hands of fools …
maciste grüßt euch. man muß schon einen historisch-politischen unterschied machen zwischen der einstigen proletarisch-kommunistischen linken und ihren intellektuellen und der heutigen parasitären anarcholinxgrünwoken „linken“, die alles unter sich subsumiert, was marx und engels als „lumpenproletariat“ definierten. ich bin rechts. battle on.