Alle reden über eine neue Wehrpflicht, aber nur wenige mit den davon Betroffenen. Zum Einstieg einer lockeren Folge berichtet hier zunächst einer, der sich an seine Wehrdienstzeit noch recht lebhaft erinnert.
„Wer von uns hier war eigentlich beim Bund?“, wird in die Redaktionsrunde gefragt, und meine Hand geht nach oben. Ob man nicht etwas berichten könne von damals, was den jungen Leuten von heute hilft, die jetzt einer Wiedereinführung der Wehrpflicht entgegensehen?
Keine Ahnung, ob es jemandem hilft, aber berichten kann ich gern: Als damals nach dem Abi der Berufungsbescheid einfliegt, gehe ich zunächst den ausgetretenen Pfad. In meinem altehrwürdigen katholischen Gymnasium verweigert fast der gesamte Jahrgang den Wehrdienst. Es kursieren Textbausteine mit vorformulierten Gewissensnöten. Ein paar davon sende ich an mein Kreiswehrersatzamt, und die senden prompt eine Bestätigung zurück. Das hätte es gewesen sein können.
Dass ich dann doch eingezogen werde – als einer von insgesamt drei Jungs aus dem Abi-Jahrgang meiner Schule – liegt daran, dass ich meine Verweigerung widerrufe. Denn nach einer ernsthaft durchgeführten Gewissenserforschung komme ich zu dem Schluss, dass die Bundesrepublik Deutschland eigentlich ein ganz anständiges und bewahrenswertes Land ist und dass es jemanden geben muss, der bereit ist, es im Falle eines Angriffes mit der Waffe in der Hand „tapfer zu verteidigen“, wie ich dann auch beim Gelöbnis aufsage.
Ich befasse mich ein wenig mit den Lehren vom „gerechten Krieg“, aber am Ende entscheide ich ganz pragmatisch. Das Land wird in den 90er Jahren von dem Katholiken Helmut Kohl regiert, der gerade [1996] vom Papst persönlich für seine politische Leistung gewürdigt wurde. Auch der Verteidigungsminister Volker Rühe macht einen ganz patenten Eindruck. Unter deren Ägide hat sich kurz zuvor eine brutale Besatzungsmacht endgültig von deutschem Boden zurückgezogen. Mein Eindruck ist, dass die Kinder der Elite, die mit mir auf dem Gymnasium waren, nicht wirklich Gewissensgründe haben können, sondern sich einfach nur die Finger nicht schmutzig machen wollen. Ich will anders sein, denke ich. Und ein bisschen Abenteuerlust ist auch dabei.
„Abbücken“ auf der Stube
Von dem, was uns dann in der Panzergrenadierausbildung vermittelt wird, habe ich nicht den Eindruck, dass es mich optimal auf einen echten Kampfeinsatz vorbereitet. Ich bin allerdings auch von Natur aus kein guter Soldat. Zu verkopft und linkisch. Es reicht nicht mal für einen guten Melder. Als ich einmal in Munster eine Nachricht mündlich nach einem Meldegang durch Nacht und Schlamm übermitteln soll, vergesse ich, endlich am Ziel angekommen, was eigentlich zu melden war. Das Funkgerät im Marder kann ich nie richtig bedienen, und das NATO-Alphabet krieg ich nur mit Ach und Krach hin. Am Ende steht eine Note 3 auf meinem Soldatenzeugnis.
Andere haben bessere Noten, aber auch sie haben den Eindruck, mehr einer Art Beschäftigungstherapie ausgesetzt zu sein als einer ernst gemeinten militärischen Ertüchtigung. Die Grundausbildung hat es hier und da noch in sich, aber danach ebben die Anforderungen merklich ab.
Gerät ist knapp und kaputt. Die Marderpanzer sind ständig reparaturbedürftig und nicht zum Einsatz bereit. Es gibt nur wenige Patronen für Schießübungen. Die Einweisung an der MILAN läuft so, dass ein einziger Übungsschuss abgefeuert wird, bei dem ein ganzer Zug jeweils zuschauen darf. Die ganze Ausbildung ist irgendwie immer noch auf die große Panzerschlacht in der norddeutschen Tiefebene ausgerichtet. In meiner ganzen Grundwehrdienstzeit üben wir ein einziges Mal Grabenkampf und kein einziges Mal modernen Häuserkampf.
„Abbücken“ auf der Stube wird für viele zur großzügig geduldeten Lieblingsbeschäftigung. Einige besorgen sich kleine Fernsehgeräte, um die Langeweile zu vertreiben. So verrottet unser schönes, jugendliches Arbeitskräftepotenzial unausgeschöpft vor sich hin. Hätte ich Zivildienst als Altenpfleger gemacht, hätte ich definitiv mehr fürs Arbeitsleben gelernt. Wer ein wenig Restehrgeiz hat, meldet sich für diverse Kurse an, die für Soldaten gratis oder zum Vorzugspreis angeboten werden. Bei mir sind es ein Kurs im Zehn-Finger-Schreibsystem und eine Soldatenwallfahrt nach Lourdes. Ich kann immer noch nicht mit zehn Fingern schreiben, und Lourdes habe ich noch nie gesehen, denn ein Unfall mit Schlüsselbeinbruch kommt mir dazwischen. Den ziehe ich mir allerdings nicht heroisch im Feldeinsatz zu, sondern weil ich besoffen vom Fahrrad falle.
Unsere Ausbilder im Unteroffiziersrang wirken mitunter unsicher und überfordert. Und manchmal so, als ob sie einfach keinen Bock mehr haben. Sie sind fast durchweg von der NVA übernommen und haben die Sitten der DDR-Armee internalisiert. Man merkt ihnen an, dass sie das, was sie jetzt in der Bundeswehr exerzieren müssen, für Pipifax halten. Einer von ihnen, ein aus Kuba stammender Feldwebel, lässt am 7. Oktober den Zug antreten, um zum Geburtstag der längst untergegangenen DDR deren Hymne anzustimmen. Zum Glück gibt es noch kein Social Media und niemand postet einen Mitschnitt davon auf X.
Recht auf Leben temporär eingeschränkt
Es gibt häufig irgendwelche Kurse, in denen wir nach Vorschrift korrekt über unsere unveräußerlichen Menschenrechte informiert werden und auch darüber, dass unser Recht auf Leben im Falle eines Krieges verfassungskonform leider temporär eingeschränkt werden müsse. Brav wird uns die zuständige Wehrbeauftragte des Bundestages, Claire Marienfeld, vorgestellt. Dass sie die erste Frau und die erste ungediente Person, wie man heute wohl sagen würde, in diesem Amt ist, können wir damals noch nicht googeln.
Ich begegne vielen interessanten Gestalten in und außerhalb der Armee. Die Kaserne steht in der ostdeutschen Provinz. Davor eine McDonald’s-Filiale, in der ich an meinem ersten Tag noch einen Burger verdrücke, bevor ich durchs Kasernentor schreite. Ein jugendlicher Türke setzt sich ungefragt zu mir, um mir mitzuteilen, dass sein Volk, nachdem es im Jahr 1683 vor Wien gescheitert sei, nun durch das Gebären von vielen Kindern das Eroberungswerk mit anderen Mitteln fortsetze. Ich lasse mich nicht provozieren und verabschiede mich mit einem kurzen „Viel Glück dabei“. An die Episode muss ich immer denken, wenn ich irgendwo lese, welche unsagbaren Ängste die muslimische Community im rechtsradikalen Osten auszustehen habe.
Es gibt tatsächlich einige Rechtsradikale in der Armee. Ich erinnere mich an einen Unteroffizier, der gern ein T-Shirt trägt mit der Aufschrift „Odin statt Jesus“. Er ist auch dafür bekannt, seine Wodkagläser nach dem Austrinken mit bloßen Zähne zu zerkauen. Bei einem Biwak tritt er ein Feldkreuz um, das christliche Kameraden zuvor errichtet haben. Ich bin im „Team Jesus“, hacke mir aber beim Kreuzschnitzen so ungeschickt in den Finger, dass ich ins Krankenhaus eingeliefert werden muss. Zu meinem Glück bin ich in einer Kompanie gelandet, in der überdurchschnittlich viele Abiturienten dienen, darunter auch ein in der evangelischen Sozialarbeit stark engagierter Kamerad. So ist ein gewisser humanistischer Standard gewährleistet. Ein Stubenkamerad denkt aktiv über eine Unteroffizierslaufbahn nach und schlägt diese am Ende, soweit ich das verfolgen kann, auch tatsächlich ein.
Ansagen von oben, was ein Soldat denken darf
Ich kann also aus meiner Erfahrung den vielbeschriebenen Vorteil der Wehrpflicht bestätigen, Zusammenarbeit und Kameradschaft, ja vielleicht Verständnis und Integration auch über große politische und soziale Unterschiede hinweg zu ermöglichen und den Pool für Nachwuchsrekrutierung um viele sonst schwerer erreichbare gesellschaftliche Gruppen zu erweitern. Das funktioniert aber wohl nur, wenn man dieses Zusammengehörigkeitsgefühl sich auch entwickeln lässt und nicht von vornherein die heute üblichen Mechanismen der gesellschaftlichen Spaltung und Ausgrenzung installiert.
Auch zu meiner Zeit gibt es schon solche rigiden Ansagen von oben, was ein Soldat denken darf und was nicht. Eine Kampagne betrifft etwa die Zeitung „Junge Freiheit“, deren Mitführen und Lektüre im Kasernengelände scharf untersagt wird, obwohl deren nationalkonservative Inhalte sicher nicht radikaler sind als andere damals in der Kaserne vertretene Weltanschauungen wie DDR-Verherrlichung und „Odin-Kult“.
Eine Wehrpflicht wäre zu begrüßen, wenn damit eine solide Ausbildung und ein größeres gesellschaftliches Zusammengehörigkeitsgefühl verbunden wäre und wenn man der Führung des Landes und der Armee halbwegs über den Weg trauen könnte. Als ich zur Armee ging, hatte ich das Gefühl, dass alle drei Punkte zumindest ansatzweise zutreffen, auch wenn sich dann manches als enttäuschend herausstellte.
Wenn die Wehrpflicht heute wieder eingeführt wird, müssen junge Männer wahrscheinlich damit rechnen, dass sie erst einmal ein paar Pflichtkurse zu toxischer Männlichkeit und kritischem Weißsein zu absolvieren haben, bevor man ihnen ein CO2-neutrales Spielzeuggewehr in die Hand drückt und sie „Peng Peng“ rufen lässt. Dass vielen Nachwuchskräften eine Nation, die Derartiges mit ihnen veranstaltet, dann möglicherweise nicht mehr besonders verteidigenswert erscheint, kann ich ihnen kaum verübeln.
Christoph Kramer, geb. 1978, studierter Historiker, leitet seit 2017 das Achgut-Büro.

Wir leben in einem Staat der seine eigenen Bürger massivst bekämpft, ihnen an die Existenz will, ihnen immer mehr die Freiheit und Grundrechte nimmt. Und für diesen Staat sollen wir unser Leben und Gesundheit opfern?
@ Karl-Peter Schwarz – „Nun, in jedem Land steht eine schlagkräftige Armee – die eigene oder eine fremde …“ – Hierzulande mit und ohne deutschen Paß inzwischen ca. 39 Millionen der ca. 84 Millionen „Gesamt-hier-Wohnenden“. Die bringen keine „Panzer und Knarren“ mit, es reichen im Falle des Falles Messer und Knüppel (Gabs in den 68ern als „Witz“ zur „Gelben Gefahr“). Und nach Erreichen der Quote 50 % plus 1 hat der Autochtone auch politisch entgültig verspielt.
Mulitreiber, W15. Wenn nach der Unabhängigkeitserklärung unsere ruhmreiche bayerische Armee wieder aufgebaut wird, bin ich dabei. Das völlig verkorkste Preißnland jedoch kann sich über die Häuser haun.
Herr Kramer,ich war von 1980-1983 erst W15 und später Zeitsoldat in Schleswig-Holstein.Zu meiner Militärzeit gab es Politische Information
und keine Propaganda.Die Waffen funktionierten und Munition war genug vorhanden.Die Selbstschussanlagen an den Grenzzäunen der DDR
habe ich mit eigenem Auge gesehen.Aus der Wehrpflichtigenarmee ist eine Berufsarmee geworden und man konnte das an der Verringerung von W15
auf W9 erkennen.Wer Deserteure in so einem großen Umfang aufnimmt wie dieses Land braucht keine Armee mehr.
@ Franz Klar: Russland ist ja im Osten keine „raumfremde Macht“ und wäre da als Befreier von EU- und NATO-Terror bei den Blauen herzlich willkommen. Witzig auch, wie hier manche damit prahlen, als Verweigerer ein viel besseres Leben als die doofen Rekruten gehabt zu haben, aber gleichzeitig auf die Ukrainer schimpfen die vor dem Kriegsdienst nach Deutschland geflohen sind.
Eine Wehrpflicht – Armee ist nur Kanonenfutter und zum Untergang verurteilt. Wer diese befürwortet, macht sich zum Fürsprecher von Massenmord !
Nur eine Berufsarmee mit motivierten Soldaten ist in der Lage ein Land zu verteidigen. Alles andere ist Mumpitz oder Kriegshetze.
@Steve Acker Wer nimmt diesen durchgeknallten Melnyk noch ernst? Der Roderich Kiesewetter ähnlich durchgeknallt wie Melnyk schrieb gestern -->„“Statt einer Osterbotschaft. Taurus kann Menschenleben retten, weil entsprechend russische Logistik zerstört wird, bevor aus Russland tödliche Bomben auf ukrainische Zivilisten gestartet werden. Die Nicht-Lieferung bleibt deshalb unterlassene Hilfeleistung, die zu mehr Opfern in der Ukraine führt. Es braucht dort auch keine deutschen Soldaten dafür, wie bewusst immer wieder prominent falsch behauptet wird.„“<<-- Der Kiesewetter verbreitet auch noch Fake Inhalte und Lügt! Damit ist klar was die CDU und SPD will, endlich ihren Krieg. Der wird sich aber gegen sie selbst richten.