Rainer Bonhorst / 03.04.2020 / 17:00 / Foto: Pixabay / 14 / Seite ausdrucken

Das normale Leben – ein Traum.

Ja, I have a dream, allerdings keinen so großen, wie Martin Luther King ihn geträumt hat, und dessen Erfüllung noch nicht vollendet ist. Mein Träumchen ist viel bescheidener, auch weil ich als alter weißer Mann nicht die Probleme habe, die den mittelalten schwarzen King umgetrieben haben. Ich träume zum Beispiel vom Fußballplatz.

Ich träume, es ist Samstag, und alles strömt wieder zu meinem Bundesliga-Verein. Und ich ströme mit. Mein befreundeter Sitznachbar auf der Tribüne ist ruhiger als ich. Er regt sich nur innerlich auf, wenn die Verteidigung mal wieder schläft. Oder wenn ein Stürmer-Star zum Chancen-Tod wird. Nach dem mühsamen Unentschieden gehen wir noch auf ein halbes Stündchen ins überfüllte Stadion-Lokal und besprechen, was wir alles besser gemacht hätten. Was für ein Gedränge. Lang ist's her. Wie lang eigentlich?

Ich träume, die Sonne scheint und ich sitze mit einem Freund in meiner Straßen-Bar und begutachte die Leute, die auf der Max-Straße vorüber schlendern. Die Bar hat den griechischen Namen Pantheon, aber wir trinken trotzdem einen italienischen Espresso und dazu einen Sambuco ohne Kaffeebohnen. Nicht nur die vorüber Bummelnden sind interessant anzuschauen, sondern auch gegenüber die schöne alte Architektur meiner historischen, bayerisch-schwäbischen Stadt. Ja, überall in den Cafés sitzen sie und genießen das Leben einer Stadt, die sie gerne mal übermütig als die nördlichste Italiens nennen. Schön war's.

Oder die Sonne scheint nicht und ich treffe mich mit Freunden im Bistro des Hotels mit dem wunderbar unkorrekten Namen „Drei Mohren“. Wir nennen es „Drei Möhren“, nicht aus politischer Empfindsamkeit, sondern um das feine Haus ein bisschen ins weniger Feine runterzuziehen. Das Bistro samt Bar ist gut gefüllt, überall angeregte Gespräche. Wir reden bei Tee oder bei Bier und Weißwürstchen darüber, wie Deutschland im Klimawandel untergeht und die Nachbarländer verwundert unserem Untergang zuschauen. Ach, das waren noch prima, weil langfristige Untergangs-Gedanken.

Der Brexit hätte uns nicht behindert

Oder abends bei Enzo, wo wir an einem langen Tisch sitzen und über Angela Merkels ruhige Hand und Zitter-Krise reden und über die Wochenend-Reise, die ein Ehepaar der Runde gerade in ein wunderschönes, aber wenig besuchtes Tal in Südtirol unternommen hat. Die Filmchen im Smartphone, das reihum geht, liefern den Beweis. Ja, die abendlichen Gespräche in gemütlicher Runde.

Oder, egal ob die Sonne scheint oder nicht: Wir fahren ins benachbarte München, genehmigen uns ein Stück Leberkäs mit Kartoffel-Gurkensalat und überlegen, ob wir noch, wie geplant, in die Kunstausstellung im Lenbachhaus gehen. Scheint die Sonne nicht, tun wir's. Scheint sie, gehen wir mit schlechtem Gewissen, aber fröhlich in ein Café am Hofgarten. Bei mir könnte es auf eine große Portion Eis mit Sahne hinauslaufen. Ja, so war das mal.

Und all die Veranstaltungen, mit und ohne Musik, bei vollem Haus und gelegentlich mit anschließendem Plauder-Imbiss. Und die ganzen Leute, die nicht zwei Meter Abstand voneinander halten. Und jede Woche der Club, der auch keine strenge Abstandsregel kennt. Das war doch ziemlich gemütlich.

Ja, und natürlich die Ausflüge und Reisen. Ins nahe gelegene Allgäu oder in meine alte Heimat an der Ruhr. Oder zu den Toskana-Deutschen und echten Einheimischen nach Italien. Oder nach England, wo immer wieder London, Europas wahre Weltstadt, lockt; aber auch Cornwall, der wilde und milde Südwesten der Insel. Und eigentlich wollten wir auch mal wieder nach Schottland, das schöne Edinburgh besuchen und an einem Loch eine Whisky-Probe wagen. Der Brexit hätte uns nicht daran gehindert.

Jetzt hindert uns was anderes. Das normale Leben – ein Traum.

Foto: Pixabay

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Leserpost

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Claudius Pappe / 03.04.2020

Nichts wird mehr so sein, wie es mal war. Und wenn es so wird wie es mal war, dann machen wir wieder in Klima.

toni Keller / 03.04.2020

Ich fürchte das Leben wird so schnell nicht mehr normal werden! Nehmen wir die neuste Meldung aus dem Irrenhaus BRD: Also die Erntehelfer werden nun eingeflogen! Bei denen reicht ein einfacher Test, und dann dürfen die dicht an dicht auf den Feldern arbeiten und in Sammelunterkünften übernachten, Und was ist wenn der Test eben falsch war und einer auf den Spargel niest? Immerhin soll das Virus bis zu 72 Stunden auf Oberflächen, also auch auf dem Spargel sich halten und Spargel muss schnell in den Handel! Hier wird also keine Panik geschoben, aber der schonlängerhierlebende , und nochnichtsolangehierlebende muss weiterhin mindestens 2 Meter Abstand halten und bei Zuwiederhandlung hat er mit Bußgeldern zu rechnen! Ich habe von Fällen gehört,. wo Freund und Freundin, da nicht zusammen wohnend, wegen des Verstoßes gegen die Ausgangssperre, wegen gemeinsamen Spaziergehens zu Bußgeldern verdonnert wurden. Ich halte die Panik auch aus solchen Gründen wie eben die Regelung für die Erntehelfer für absolut übertrieben, Was bitte geht hier eigentlich ab?

Johannes Schuster / 03.04.2020

Ich bin heute mit Vollmaske einkaufen gegangen. Bartertown - Mad Max.  Es ist wie so ein dystopischer 80er Streifen und ich bin Statist. Es ist so grotesk, die Kassen mit Bauzäunen und Frischhaltefolie getrennt, wie so ein Bühnenbild zu einem Musikvideo von Laura Branigan, Leute ziehen sich den versifften Mundschutz runter, auf dem Parkplatz sind Handschuhe verteilt, die Griffe der Wägen mit Chlor behandelt, daß man vom hinsehen schon Akne kriegt. Wenn man morgens im Neonlicht in ein Reaktorgebäude der Chemie kommt könnte es einem nicht abstruser den Rücken runterlaufen. Aber die Leute brauchen das, diese Lokalhengste, die als RA nur noch durch Korruption und Schmierigkeit die Welt auf ihre Weise kontaminieren - diese ganzen geldsabberigen alten Säcke. Ich glaube, daß eine Gesellschaft, die an jedem spirituellen Gehalt des Lebens mit der blanken Existenz frevelt immer die Dinge anzieht, die das falsche Leben im falschen beenden. Es geht nicht anders, als daß die Abkehr von jeder Metalogik über den Dingen ihr Baby bekommt, was sie selber selber zeugte. Die Inzucht der weltlichen Gottheiten. In der Torah gibt es genug solche Schilderungen über das, was passiert, wenn man anfängt das Leben und den menschlichen Inhalt zur Götze zu machen und daß sich diese Welle brechen muß und wenn sie sich selber dazu macht, daß sie bricht um ein Leben neben sich zu beenden und zu terminieren, was die Seele entstellt. Es ist nicht so sehr eine Frage des Glaubens, sondern des Erkennens, es geht ja nicht um Religion, sondern diese eine gewisse andere Logik, diese Digitalität Gottes, die sich so schön dem Denken erschließen und entziehen kann. Man sieht nur mit dem Herzen gut…....

Sabine Heinrich / 03.04.2020

@Bernd Ackermann und @ Gabriele Schulze: Da es mir schwerfällt, über die wirklich schlimmen Dinge, die viele von uns auch nach der Krise erleiden müssen, zu schreiben, bleibe ich unverfänglich und oberflächlich beim Frisörthema. Keine Regierung der Welt - nicht einmal die deutsche - kann es sich erlauben, monatelang Frauen (und auch manche Männer) einfach dadurch ungepflegt erscheinen und altern zu lassen, indem sie ihnen Haarschnitte und vor allem Tönungen und Färbungen verwehrt! Wenn das geschehen würde - ich glaube, spätestens dann würden auch brave Merkelbeklatscherinnen unserer Kanzlerin das Vertrauen entziehen. Drum meine Folgerung: Frisöre dürfen nach Ostern wieder öffnen. Ich hoffe es zumindest! Ich habe keine Lust, mit einer HHF = Halbe-Halbe Frisur - rumzulaufen (Bis Ohrläppchen oben grau, darunter “irgendwie” mittelblond). Frau v.d.L., die mir besonders wegen ihrer orkanböenresistenten Frisur imponiert, ist ja schließlich - wie all unsere Politiker und “Medienschaffenden” - in frisörlicher Behandlung. Wie will man dann dem normalen, in der Freiheit drastisch eingeschränkten Wählervolk klar machen, dass es sich nicht in Figaros verschönernde Hände begeben darf?

Gerd Heinzelmann / 03.04.2020

Maßbier oder Faust auf’s Auge. Letzteres schließe ich bei Ihnen aus. Herrlich!

Hans-Peter Dollhopf / 03.04.2020

Herr Bonhorst, Sie sind mit Abstand der wirklich waschechte Awm hier. Wenn schon, denn schon. Wir knapp Gott sei Dank immer noch not yet Sexties sind im Vergleich zu Ihnen nur Möchtegerns mit Aufholambition. Doch habe ich bereits Sexer-Träume im Lotto. Mein E-Mail-Anbieter “x&y”=2 spendiert einmal im Monat einen Lotto-Tipp. Um beim Nachschauen nicht lange fackeln zu müssen, tippe ich nur Primzahlen, also ab der 2, und erkenne so sogleich, wann ich näher nachgucken sollte. Neulich hatte ich die Teilnahme um fünf Minuten verpasst. Die Ziehung beinhaltete dann - natürlich - fünf Primzahlen, sogar die Superzahl war prime. Verdammt. Obwohl ein mehr oder weniger durchschnittlicher Intellekt wie meiner den Zufall einfach nicht nachbilden kann, beschloss ich trotzig: Wenn es diesmal so viele Primzahlen waren, dann werde ich meinen Freitipp wenige Ziehungen später, weil der “Zufall” sich bis dahin doch hoffentlich “ausgeglichen” hat, halt mal nur mit Nichtprimzahlen machen. Natürlich habe ich die folgenden Abgabetermine versäumt. Und in diesem Zeitraum waren die sex Zahlen bei einer Ziehung dann tatsächlich alle keine primes! Egal, ein Indianer kennt keinen Schmerz.

Stefan Riedel / 03.04.2020

Nostalgie! Wunderschön ( ich BVB), aber…

Gabriele Kremmel / 03.04.2020

Ich träume davon, keine 50 km entfernt von der Maxstraße meinen kleinen Enkel mal wieder in den Arm nehmen zu dürfen und mit ihm zusammen bei einem Waldspaziergang den Frühling und die Entdeckungen eines Dreijährigen zu erleben. Ein Geschäftspartner hat seine heutigen E-Mails mit einem Spruch versehen: Optimismus ist die Fähigkeit, hinter den Wolken den blauen Himmel zu erahnen.

Wilfried Cremer / 03.04.2020

Diese Krise braucht wie ihr Erreger zur Vermehrung Futter. Im Kleinen sorgt dafür das Material von Zellen, im Großen ist der Angstschweiß einer kranken Menschheit das Gericht.

Frances Johnson / 03.04.2020

Nicht trauern. Fest glauben, dass Sie das alles im August machen. Ich fliege zuerst zu Uncle Sam. Endlich ein Glauben.

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