Im Juni 2016 schrieb ich in Bezug auf die unkontrollierte Zuwanderung, dass ich gar nichts müsse. Aber ich musste. Genau wie alle anderen Deutschen. Entrechtet von meiner eigenen Regierung, die zwar den Gesellschaftsvertrag einseitig aufkündigte, indem sie willkürlich bis heute hunderttausende Menschen ins Land lässt, von denen wir nichts wissen und von denen Teile ein erhebliches Sicherheitsrisiko darstellen, die mich aber unter Androhung der sozialen Verbannung immer noch zum Gehorsam zwingt.
Alexis de Tocqueville beschrieb die Unterjochung in einer Demokratie, die eigentlich Meinungsfreiheit garantiert durch das, was wir später einmal politcial correctness nennen werden, einmal mit den Worten: „Gehe hin in Frieden, ich lasse dir das Leben, aber es ist schlimmer als der Tod.“ Und allmählich fühle ich mich immer mehr so.
Ich schrieb erst darüber, wie ich mich von den Altparteien politisch heimatlos gemacht fühlte und dann über meine zunehmende kulturelle Heimatlosigkeit in einem Land, in dem jeder seine Kultur und Traditionen ausleben und darauf stolz sein darf, nur der Deutsche nicht. Ich flehte um eine konservativ-liberale Wahlalternative zur AfD und bekam nichts. Ich analysierte vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise die Erosion der Mitte, die sich durch die Polarisierung der Gesellschaft und den Linksdrall der Parteien ergeben würde und sehe heute das Wahlergebnis in Thüringen.
Noch immer muss ich mich von Menschen, die nichts begriffen haben, aber den Zeitgeist auf ihrer Seite wähnen, moralisch abqualifizieren lassen. Noch immer stehe ich mit anderen in der Schmuddelecke, während sich jene, die diesen ganzen Unmut in der Bevölkerung und die Spaltung ausgelöst haben und weiter vorantreiben, in ihrer unreflektierten Selbstgerechtigkeit suhlen. Dummheit – das habe ich immer gesagt – ist ein Segen. Dummheit mit dem Gefühl der moralischen Überlegenheit jedoch gefährlich.
Wir können nicht liberal
Nun sind die, die vor all dem gewarnt haben, wenn es nach Jan Böhmermann und Jakob Augstein geht, auch noch schuld an schrecklichen Taten wie in Hanau. Während bei islamistischen Anschlägen bis heute niemand nach den geistigen Brandstiftern sucht, versucht man hier eine geistige Nähe zu konstruieren, die absurder nicht sein könnte. Das Ziel ist klar: auch noch das letzte bisschen liberal-konservatives Denken in diesem Land unmöglich zu machen. Und während man mit öffentlich-rechtlichem Rückenwind versucht, bürgerliche Existenzen zu vernichten, lachen sich die wahren Neonazis ins Fäustchen. Die erreicht man nämlich genauso wenig wie die Verschwörungstheoretiker. Tobias R. war beides, und ich weiß, wie sehr diese Leute uns verachten.
Ich hätte nie gedacht, dass ich das einmal sage, aber ich habe dieses Land satt. Wir können nicht liberal. Wir können nicht Mitte. „Haltung zeigen“ ist kein Schlachtruf einer bürgerlichen Zivilgesellschaft, die sich den Extremen aller Couleur entgegenstellt. Es ist die Forderung der Extreme, sich als liberale Bürger der Mitte endlich einer Seite zuzuordnen. Folgerichtig bekommt man an Tagen wie dem vergangenen Donnerstag sowohl von Vertretern der AfD als auch von Linken und Muslimen vorgeworfen, man würde nicht genug Haltung in die eine oder andere Richtung zeigen. Letztlich sind es all diese vermeintlichen Haltungsträger und Verfechter der jeweils einzig wahren Moral, die mehr zur Spaltung der Gesellschaft beitragen, als meine Kollegen und ich es je könnten.
Und noch etwas trägt mehr zur Spaltung im Land bei: die ungleiche Auseinandersetzung von Medien und Politik mit Taten. Als Bürger beobachten zu können, wie laut und entschlossen sich dieses Land dem rechtsextremen Terror entgegensetzen kann und wie beschämend leise es ist, wenn sich die Täter/Opfer-Konstellation nicht für gratismutiges Haltung-Zeigen eignet. Dabei ist es natürlich nicht die Tatsache, dass man sich dem Rechtsextremismus entgegenstellt, die stört, sondern die Verlogenheit mit der so getan wird, als würde sich jeder politisch vollkommen desinteressierte Dulli plötzlich im Widerstand zu jenen Kräften befinden, die diese liberale Demokratie bedrohen. Dann würde er ja schließlich auch im gleichen Maße Demos gegen islamistischen Terrorismus besuchen.
Aber der Deutsche geht nicht gegen jene Extreme auf die Straße, vor denen er sich wahrhaftig fürchtet. Dafür ist er viel zu feige. Zum einen, weil er Schiss vor der Vergeltung der Angegriffenen hat und zum anderen, weil ihm nichts wichtiger erscheint, als endlich von allen gemocht zu werden. Auch von jenen, die ihn und seine Art zu Leben eigentlich verachten. Und so zieht er stets nur in den „Widerstand“, wenn er weder Gegenwehr noch soziale Ächtung durch die Inquisitoren der political correctness zu befürchten hat. Also nur gegen Rechts und nicht gegen Links und schon gar nicht gegen religiösen Extremismus. Das ist nicht die Mitte, die sich sämtlichen radikalen Rändern gleichermaßen entgegenstellt. DAS ist die Definition von Gratismut und hat so wenig mit wirklicher Haltung zu tun wie nur irgendwas.
Irgendwann kommen die Fragen
Aber weil Schein-Haltung und Schein-Widerstand in diesen Zeiten wichtiger sind als Verstand, der am Ende vielleicht noch in politisch inkorrekten Problemlösungen enden könnte, ist es nicht erlaubt, darauf hinzuweisen, dass Hanau – bei aller abstoßenden Schrecklichkeit – die Tat eines wirren Einzeltäters war und es daher einem Akt von unausgegorenem Aktivismus gleicht, sämtliche Moscheen in diesem Land unter Polizeischutz stellen zu wollen, wie von Horst Seehofer angekündigt.
Das Gefühl des Entsetzens über die Tat wird, wie bei allen schrecklichen Vorkommnissen der letzten Jahre, in dieser schnelllebigen Zeit schwächer werden. Dann kommen die Fragen. Nach den Ressourcen einer unterbesetzten Polizei zum Beispiel. Warum Personal für den Schutz von Moscheen da ist, aber kein ausreichendes Personal für den Schutz der Menschen auf der Straße. Warum man sich hier im blinden Aktivismus ergießt, wo für die anderen nicht einmal Symbolpolitik übrig bleibt.
Rassismus und Verschwörungstheorien bekämpft man nicht durch Polizeischutz. Das ist allenfalls Symptombekämpfung. Man bekämpft ihn dadurch, dass man sich fragt, woher die Wut und die zunehmende Spaltung kommt, um dann anschließend an einer Politik zu arbeiten, die diese Wut und Spaltung nicht noch vorantreibt. Täter wie Tobias R. wird das nicht verhindern können. Menschen wie er standen schon vorher ganz im Abseits der Gesellschaft. Er ist kein Symbol für einen wachsenden Rassismus im Land. Niemand, der nicht der Neonazi-Szene angehört, sympathisiert ernsthaft mit diesem Typen und seinen Ansichten.
Das Problem ist ein anderes, das auf den ersten Blick paradox erscheint. Denn je lauter sich die Gratismutigen in Politik, Medien und vermeintlicher Zivilgesellschaft dem Kampf gegen Rechts hingeben, desto gleichgültiger wird zum selben Zeitpunkt jener Teil der Gesellschaft, der auf dieses Schauspiel blickt und sich einmal mehr die Frage stellt: Warum nicht auch bei Amri?
Das Messen mit zweierlei Maß
Dieser Teil tut das nicht, weil er mit dem Rechtsextremismus auch nur annähernd sympathisiert oder weil er die Opfer von Tobias R., die [außer seiner eigenen Mutter – Anm. d. Red.] allesamt Migrationshintergrund hatten, weniger betrauert. Er tut das, weil ihn das Messen mit zweierlei Maß in diesem Land mittlerweile so ankotzt, dass seine Wut darüber sein Mitgefühl verdeckt. Weil er das Gefühl hat, dass Opfer und Kampf gegen Extremismus für diesen Staat und seine Vertreter in Medien und Politik nur dann etwas wert sind, wenn sie sich politisch korrekt instrumentalisieren lassen. Er fühlt sich mit seinen Sorgen und Ängsten schon lange nicht mehr beachtet und versteht deshalb nicht, weshalb er sich dann noch um die Sorgen und Ängste Anderer kümmern soll.
Das ist weder seine Schuld, noch die Schuld der hier lebenden Menschen mit Migrationshintergrund, die nun diese Anerkennung ihrer Sorgen und Ängste erfahren. Es ist die Schuld einer Politik und ihrer willfährigen Medienvertreter, die deutsche, nicht politisch vermarktbare Opfer im Stich lässt. Die sich bei Amri & Co. nicht nach den geistigen Brandstiftern gefragt hat. Die Schuld einer Kanzlerin, die ein Jahr brauchte, um sich mit den Opfern und Angehörigen vom Breitscheidplatz zu treffen. Die nichts in den Schutz der allgemeinen Bevölkerung investiert und stattdessen Milliarden von Steuergeldern in eine gescheiterte Asylpolitik pumpt.
Das mag Whataboutism sein, aber es ist das, was in vielen Menschen mittlerweile vorgeht. Was sie gleichgültig werden lässt. So ekelhaft einem diese Gleichgültigkeit mancher auch erscheinen mag. Mitgefühl kann man nun einmal nicht erzwingen. Es ist Resultat eines gesellschaftlichen Zusammenhaltes, der in einer multikulturellen Gesellschaft ohnehin schwerer zu erzeugen ist als in anderen Gesellschaften und der seit spätestens 2015 durch Politik und Medien systematisch torpediert wird.
Es gibt nicht mehr irre, rechtsextreme Arschlöcher als früher. Es gibt nur mehr Leute, denen sie egal sind, weil man das Gefühl hat, Regierung und Medien kümmern sich in ihrer einseitigen Extremismus-Bekämpfung schon genug darum, weshalb man sich selbst eher jenen extremistischen Tendenzen zuwendet, für deren Bekämpfung es in diesem Land keinen Applaus gibt. Die Ursachen hierfür werden seit Jahren unter anderem von meinen „Brandstifter-Kollegen“ und mir beschrieben. So lange man sich aber immer noch im Kampf gegen die Benenner dieser Ursachen ergießt und nicht in der Ursachenbekämpfung selbst, wird sich daran nichts ändern.

Satt ist noch human ausgedrückt...danke für diesen Artikel und Ihren Mut! Ich bin 64iger...arbeitete schon immer hart und viel...jetzt habe ich mich für Teilzeit entschieden da tw kaputtgeackert....Lebenszeit ist wichtiger...und wenn ich an das Schicksal der Generation meines Sohnes denke (Jahrgang 1986) bekomme ich noch mehr Gänsehaut...bei dieser aktuellen politischen Situation möchte ich keine Enkel mehr obwohl ich mir diese sehnlichst wünsche...Denk ich an Deutschland in der Nacht...Sollten wir wirklich 1989 umsonst friedlich auf die Straße gegangen sein??? Meine Thüringer Heimat jedenfalls ist entsetzt wie mal wieder aufs Neue der Wählerwille ignoriert wurde...
Liebe Frau Schunke - die Klahrheit Ihrer Texte sind immer eine Wohltat und Labsal für meine Seele, gerade weil ich einigermaßen verzweifelt bin und mich die sukzessive Entheimatung und steppenbrandartige Zerstörung der Restvernunft fertig macht. Immer, wenn ich denke, schlimmer kann die kulturelle Demenz eigentlich nicht werden, wird es schlimmer. Über Hanau weiß ich zu wenig, um abzuschätzen, ob das kompletter Fake war oder sich einfach nur trefflich fügte, um die nationale Front in Thüringen einzutüten und Scylla wie Charybdis an der Elbe nach rasch etwas Drive zu verpassen. Klar ist jedenfalls, dass die Verteufelung ALLEN kritischen Denkens jetzt echte Formen annimmt und der Rechtsstaat par ordre du mufti zur finalen Demontage freigegeben ist. Vor knapp zwei Jahren sagte ich einem Freund, der exilerprobt ist und mich zuvor darum bat, jetzt werde es langsam Zeit wieder die Koffer zu packen. Wäre ich nicht im Ü-60 Programm, hätte ich mich vermutlich längst selbst daran gehalten, aber ich liebe mein Land, meine Sprache und einige der Menschen hier, was ein ziemlich langer Weg war, weil mein Vater nachts noch schrie und der Krieg sehr präsent war. Dann wurde es milder, sogar die Wiedervereinigung ging ohne allzu viel chauvinistischen Zauber über die Bühne. Danach dachte ich, das Land würde die Kurve vielleicht doch noch kriegen. Dann kam Mielkes Rache, aber bis zu ihrer dritten Amtszeit blieb ich verträumt und schnallte es nicht. Sie sind 30 ungefähr Jahre jünger als ich, hell, können praktisch denken und sehen nicht völlig abstoßend aus. Noch steht die Welt Ihnen offen. Australien und Neuseeland sind fein. Kanada auch. Europa halte ich für riskant. England kann charmant sein. Island ist sehr speziell und die Visigrad-Staaten sind zu nah an Deutschland dran. So in etwa. Das fällt mir ein. Schreiben können Sie auch von dort aus. Und haben Sie herzlichen Dank. Ihre Texte tun mir wirklich gut.
Das Grundübel in unserem Land ist die Landesliste. Jene Liste, auf die eitle Parteispitzenfunktionäre ihre Gefolgschaft plazieren können und damit in die wichtigen Schlüsselstellungen des Staates gehievt werden. Müsste jeder zukünftige Mandatsträger sich der Wahl durch den Souverän stellen, kämen solch charakterlose Leute gar nicht in diese Ämter. Eine Lösung wäre, die Landeslistenplätze an die Erststimmenanzahl eines jeden Wahlkreiskandidaten zu binden.
Danke. Der für mich bisher beste von meist überragenden Texten von Anabel Schunke.
Es gibt leider von solchen klarsichtigen Journallisten und treffenden Artikeln in Deutschland viel zu wenige. Vielen Dank, Frau Schunke! Der politisch-mediale Komplex hat auch den Amoklauf von Hanau wieder zum Anlass genommen, eine Hetzkampagne gegen den politischen Gegner vom Zaun zu brechen. Sogar der offizielle Karneval macht geschlossen mit. Ein Gutes aber hat dieser ganze böse Zirkus: Man kann wieder und wie immer deutlich erkennen, mit was und wem man es zu tun hat. Niemand wird mehr sagen können, er hätte das alles nicht wissen können, ohne sich damit zum Vollidioten zu machen.
Ich schließe mich an "an das Satthaben". Die Gründe brauche ich gar nicht groß auszuführen, wurden sie doch in diesem Kommentarbereich zig-fach benannt. Anscheinend habe ich (und andere) wohl lange Zeit in einer Blase gelebt und die ist nun geplatzt und offenbart, das die soziale Umgebung auch sehr subtil feindlich, arrogant, überheblich und hinterhältig gesinnt sein kann. Ich habe es nur nicht bemerkt, oder wollte nicht, oder konnte nicht. Wie dem auch sei, ich sehe keine großen Gemeinsamkeiten mehr mit meinen Landsleuten und der politischen Vertretung, fühle mich (mental) nicht mehr dazu gehörig, als Steuerzahler und nützliches Mitglied im Arbeitsleben bin ich jedoch mittendrin, also alles andere als abgehängt. Es gibt erfreulicherweise Kommentare (nicht nur hier), die mich echt zum Lachen bringen und so sehe ich manchmal doch noch ein kleines Licht im Dunkeln.
Wir haben es alle satt, die wir uns hier treffen. Die anderen vielleicht auch, sie haben aber ihre Sprache verloren zugunsten der Angst. Was für ein Land, mein Land? Diese Verachtung seitens der Politik dem Volk gegenüber ist kaum zu ertragen. Unter der Kanzlerschaft einer strammen, angepassten Ex-DDR Bürgerin hat sich dieses Land verwandelt. Gesichtslosigkeit ist gewünscht, Klappe halten als Sahnehäubchen oben drauf. Ich habe mein Land satt. Frau Schunke, Sie haben alles gesagt.