Das Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung in Essen hat eine Erklärung dafür gefunden, warum viele "Deutschtürken" für Erdogan gestimmt haben – weil sie sich unter anderem auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt "ausgegrenzt fühlen".
Ich kann das nachvollziehen. Ich fühle mich jedes Mal ausgegrenzt, wenn ich mit meinem alten Daihatsu von einem BMW oder Porsche überholt werde. Oder wenn ich in einem ICE keinen Platz am Fenster bekomme. Oder überhaupt keinen Platz bei Borchardt. Und bei vielen anderen Gelegenheiten. Ich weiß allerdings, dass "ausgegrenzt sein" und sich "ausgegrenzt fühlen" nicht dasselbe ist, nicht einmal das gleiche. Muss ich trotzdem Anton Hofreiter und seine Partei wählen?
Das mit der gefühlten Ausgrenzung ist so wie mit den gefühlten Temperaturen. Es gibt Leute, die sich auch im Hochsommer den Arsch abfrieren und andere, die bei 20 Grad unter Null schwitzen. Deswegen stellt das Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung in Essen das Wahlergebnis vom letzten Sonntag vom Kopf wieder auf die Beine. Die Darstellung, zwei Drittel aller hier lebenden türkischen Wahlberechtigten habe Erdogan gewählt, sei... nicht korrekt. Richtig dagegen sei:
Von den 2,8 Millionen in Deutschland lebenden Türken seien 1,4 Millionen wahlberechtigt gewesen. Von ihnen habe sich lediglich knapp die Hälfte beteiligt. Von diesen rund 660.000 Stimmen bekam die AKP und Erdogan dann rund 65 Prozent, also 430.000 Stimmen.
Alles halb so schlimm. Es haben nicht 65 Prozent der Wahlberechtigten für Erdogan gestimmt, sondern nur 65 Prozent derjenigen, die an der Wahl teilgenommen haben. Auf diese Weise werden auch die Wahlergebnisse in Deutschland, Bayern und Mecklenburg-Vorpommern berechnet. Die Zahl der Wahlberechigten ist nie identisch mit der Zahl der Wahlbeteiligten. Nur bei den Wahlen in der Türkei ist das offenbar anders, und deswegen muss ausdrücklich darauf hingewiesen werden, dass eben nicht zwei Drittel aller hier lebenden türkischen Wahlberechtigten Erdogan gewählt haben.
Man kann natürllch noch einen Schritt weiter gehen. Wenn von den 2,8 Millionen in Deutschland lebenden Türken nur 430.000 für Erdogan gestimmt haben, dann waren das etwa 15 Prozent aller in Deutschland lebenden Türken. Klingt doch gleich viel besser als 65 Prozent. Aber dann fühlen sich auch viel weniger ausgegrenzt, oder?
Beitragsbild: Eva Rinaldi Flickr CC BY-SA 2.0 via Wikimedia Commons

Ich hab mich einmal im Leben wirklich ausgegrenzt gefühlt: Als ich in einem türkischen Restaurant in der Köln-Mülheimer Keupstraße zum Essen ein Bier bestellte und mir vom Kellner einen Blick einhandelte als hätte ich ihn um die Hand seiner neunjährigen Tochter gebeten.
Naja, Herr Broder, sollen die etwa schreiben, daß sich ein stolzer Türke nicht mit der jammerlappigen deutschen Genderkultur anfreunden kann, deren höchstes Glück darin Ausdruck findet, sich alle Nase lang für die Geschichte zu entschuldigen? Das zwar ja der Wahrheit nahe aber die ist ja seit einiger Zeit tabu.
Es geht noch besser: Also wenn 15 % der in Deutschland lebenden Türken für Erdogan gestimmt haben, dann haben 85 % der in Deutschland lebenden Türken gegen Erdogan gestimmt, oder?