Meinen Leserinnen und Lesern ist sicher nicht entgangen, dass ich außerhalb meiner Biel-Bienne-Kolumnen auch ab und zu von anderen schweizerischen Medien zu Bildungsfragen konsultiert werde. Dabei kommt es auch vor, dass ich als Bildungsexperte bezeichnet werde. Das ist mir sehr unangenehm und ich dränge die Befragerin nicht selten, auf diese „Ehrenmeldung“ zu verzichten. Das tue ich übrigens nicht, weil in den Lehrerzimmern der flapsige Spruch kursiert: „Ein Experte ist jemand, der 90 Liebesstellungen kennt, aber keine Freundin hat.“ Grundsätzlich ist der Experte kein geschützter Beruf, Experte wird man, wenn man von anderen dazu ernannt wird.
Ich unterstelle all den Sachverständigen nicht, dass sie von der Sache, zu der sie befragt werden, keine Ahnung hätten. Gerade im Bildungswesen findet man nahezu unendlich viele Experten, denn schließlich sind wir alle einmal in die Schule gegangen. Und hier liegt die Krux beim Expertentum: Wir finden zu fast allen Themen unter der Sonne auch verschiedene Meinungen. Deshalb können die Befrager aus dem Heer der Experten das Exemplar heraussuchen, das am ehesten die gewünschte Ansicht vertritt.
Schmunzeln muss ich immer, wenn einleitend zu einer These folgender Satz verkündet wird: „Die Experten sagen …“ Getoppt wird dieser Satz nur noch durch die verbale Allzweckwaffe: „Die Wissenschaft sagt …“ Damit soll dem Medienkonsumenten eine Expertise vorgegaukelt werden, die möglichst neutral und faktenbasiert wirkt, in Wirklichkeit aber eine Meinung portiert.
Einer Meinung eine Art Beglaubigung geben
Wenn es nicht gerade um allgemein akzeptierte Binsenwahrheiten geht, wie zum Beispiel, dass das Wasser nicht aufwärts fließt, so haben wir es doch in politischen Themen vor allem mit unterschiedlichen Ansichten zu tun. In einer demokratischen Gesellschaft mit einer freien Presse sollten solche Meinungen ausgetauscht werden, am besten in Form von Argumenten. Will man einer Meinung einen hochwissenschaftlichen Anstrich geben, versucht man sie dem Diskurs zu entziehen. Das geht sehr oft schief. Der Virenexperte Christian Drosten sagte noch zu Coronazeiten, dass der Ursprung des Virus von einem chinesischen Tiermarkt in Wuhan stamme und die Labortheorie unwahrscheinlich sei. Heute gilt die Labortheorie als die wahrscheinlichste.
Überhaupt erinnert mich der Anspruch, eine Meinung als wissenschaftlich bewiesen darzustellen, an die marxistische-leninistische Theorie, die an den Universitäten der kommunistischen Staaten Dutzende von Lehrstühlen innehatte. Nichts gegen Marx, er war ein kluger Wirtschaftsexperte, passabler Soziologe und miserabler Prognostiker. Aber seine Theorien als Wissenschaft zu verklären, hatte dann doch etwas Sektiererisches.
Ganz so toll treibt es unsere Expertokratie denn doch nicht. Unsere Experten wirken eher als Notare, die einer Meinung eine Art Beglaubigung geben. So richtig auf Touren kommen die Redaktionen und ihre auserwählten Experten allerdings, wenn es um die Apokalypse geht, also um das bevorstehende Grauen auf dem Planeten. Dann mutieren auch besonnene Experten zu Priestern. Jeder Konflikt wird dann sofort zur Gefahr eines baldigen 3. Weltkriegs erklärt, jeder ausbleibende Regen führt unweigerlich zum Austrocknen des Gardasees.
Natürlich tue ich den Journalisten in den hiesigen Redaktionen etwas unrecht. Die armen Kerle müssen ständig neue Untergangsszenarien toppen und dabei die ganze Landschaft nach entsprechenden Experten absuchen. Und wenn dann ein Experte einmal etwas Differenziertes von sich gibt, muss man es journalistisch auf den Punkt bringen. Das durfte auch ich als „Bildungsexperte“ erfahren: Eine Journalistin vom Blick fragte mich einst, ob Muslime die Schweizer in der Klasse behindern. Ich antwortete: „Sie schaden sich vor allem selber, wenn sie die Chancen unseres Bildungssystems nicht ergreifen. Die meisten aber packen es.“ Die Journalistin: „Aber Sarrazin schreibt, Deutschland schaffe sich ab.“ Ich: „Das ist eben der Unterschied zwischen Sarrazin und mir. Ihm geht es um sein Land, mir geht es um den Lernerfolg der Migrantenkinder.“ Die anschließend fabrizierte Schlagzeile im Blick lautete: „Schweizer Sarrazin schlägt Alarm. Muslime bremsen Schweizer aus!“ Das brachte mir denn auch gleich den Expertentitel für Islamophobie ein. Immerhin hat mich dieser Beitrag in ein weiteres vielversprechendes Expertengefilde katapultiert. Man darf mich ab sofort als Experte für das Expertentum interviewen.
Dieser Beitrag erschien zuerst auf dem Blog Concordet.

Wunderbarer Artikel. Es gibt echte Experten und es gibt Berufsexperten. Echte Experten ruft man üblicherweise im Hintergrund hinzu, wenn ihre ganz besondere Fachexpertise aus langer Berufspraxis in einem ganz bestimmten Bereich gefordert ist. Man will durch deren Unterstützung ein ganz bestimmtes Problem lösen. Berufsexperten sind dann die, die mit ihrer Expertise öffentlich ihren Lohn verdienen. Woraus dauerhaft vielleicht die ungesunde Situation entsteht, dass der Experte zum „Experten“ wird, weil er sich zuvorderst nicht mehr praktisch mit seinem Fachbereich beschäftigt, sondern mit dem Absolvieren von öffentlichen Auftritten. Und damit verschiebt sich dann früher oder später die Expertise vom ursprünglichen Fachbereich weg, hin zum Showbiz. Worauf man die Fachexpertise der Berufsexperten dann irgendwann vergessen kann, weil diese nicht mehr auf dem laufenden sind. Ganz schlimm wird es, wenn die „Experten“ in TV/Internet gar keine sind sondern Influencer, die nicht ihrer Fachexpertise zum besten geben, sondern Schleichwerbung betreiben um ihr Gehalt aufzubessern. Dann ist der Experte gar kein Experte, sondern nur noch ein als Experte getarnter schnöder Verkäufer im Auftrag seines Sponsors. Also ein Aufschneider. Und das kann in bestimmten Fachbereichen (Stichworte: Sicherheit, Gesundheit, etc.) hochgefährlich werden. Insbesondere wenn die „Experten“ die echten Experten dann in der öffentlichen Präsenz sogar gänzlich verdrängen und das Bild im Volk falsch prägen. Dann hat das Verkaufsinteresse die Fachexpertise ersetzt, ohne dass der Zuschauer das erkennt. Direkt ausgedrückt: Wenn der Patient einen kaputten Zahn hat, sollte er eigentlich zum Zahnarzt gehen und nicht permanent nur Zahnpastawerbung konsumieren. Aber genau das ist in der Breite der Gesellschaft längst passiert…
„ Grundsätzlich ist der Experte kein geschützter Beruf, Experte wird man, wenn man von anderen dazu ernannt wird.“ -Das linksgrüne Milieu, das sein Handeln auf selbst konstruierte Narrative (= Lügenmärchen) stützt, ernennt selbstverständlich auch seine „Experten“, die diese Lügen in den Medien glaubhaft untermauern sollen, selbst. Es ist ein selbstrefferenzielles Lügensystem.
Ein Praktiker kann was und weiß nichts. Ein Spezialist weiß was und kann nichts. Ein Experte weiß alles und könnte sogar was, aber es nützt nichts. (Wurde in der Klinik gern als Persiflage auf Chirurg, Internist und Pathologen erzählt.)
Schmunzel – leider haben Sie den Begriff ‚Experten-Experte‘ von Herrn Martenstein übernommen ;-) .
Kritiker bemängeln…
Es erhebt sich Widerstand…
Was unterscheidet einen Experten vom Medienexperten? Sein akademischer Grad und Lehrstuhl wird genannt.
Einen Afd’ler kennen und ihm mal die Hand gegeben zu haben – schon ist „Experte für rechtsextreme ‚Normalisierung‘ “.
p.s. für Interessierte: Bei dem Mikrofon handelt es sich um ein Grundig GCM3 Tischmikrofon aus den 1950er Jahren! Aus Bakelit… klasse.