In den kommenden zwei Wochen werden die externen Stände der Automesse IAA die Münchner Innenstadt blockieren, sehr skurril in einer grünroten, autofeindlichen Stadt. Aber es ist ja alles elektrisch!
Eigentlich sollte die Bayerische Staatsregierung eine Reisewarnung für die Landeshauptstadt München aussprechen. Denn die Stadt wird sich in den nächsten zwei Wochen im Ausnahmezustand befinden. Nein, es geht nicht um das Oktoberfest, das erst am 20. September beginnt, sondern um die IAA Mobility 2025, die seit drei Jahren in München veranstaltet wird. Davor war die Internationale Automobilausstellung (IAA) das weltweit größte Branchentreffen der Autobauer, in Frankfurt am Main ansässig und zog jedes Jahr Millionen von Besuchern an.
Dass die Messe-Organisatoren München zum neuen Austragungsort erkoren, war vor allem der Tatsache geschuldet, dass die von SPD-Oberbürgermeister Dieter Reiter geführte Stadtregierung die gesamte Altstadt für ein Konzept sogenannter „Open Spaces“ zur Verfügung stellte, ein Netz von Veranstaltungsorten, in denen das Publikum, anders als auf dem abgeschotteten Messegelände, kostenlos und spontan der Lust am Auto und „anderen Mobilitätsformen“ frönen kann.
O-Ton der Veranstalter:
„Über die ganze Münchner Innenstadt verteilt – vom Marienplatz bis hin zum Geschwister-Scholl-Platz – kannst du entdecken, was heute schon möglich ist und wie die Mobilität von morgen aussehen kann. Erlebe nachhaltige Fahrzeuge, clevere Technik und spannende Ideen. Dazu gibt’s für dich Streetfood, Musik, Aktionen für Kinder – und jede Menge Möglichkeiten, E-Autos, E-Bikes, E-Scooter und weitere spannende Mobilitätsangebote selbst auszuprobieren. Freue dich auf ein Erlebnis für die ganze Familie – kostenlos und ohne Ticket!“
Autofahrern das Leben so schwer wie möglich machen
Seit Tagen schon ist die Innenstadt kaum noch begehbar, überall wuchten haushohe Kräne Stahlträger, Holzelemente und anderes Baumaterial auf Straßen und Plätze, auf denen sonst Einheimische und Touristen flanieren, um „fliegende Bauten“ zu erstellen, die wie für die Ewigkeit gemacht scheinen. Heerscharen von Bauarbeitern kurven wild mit Gabelstaplern herum, schrauben im Akkord Pavillons und Funparcours zusammen, ehrwürdige Denkmäler, wie das von König Max I. Joseph vor dem Nationaltheater oder das Reiterdenkmal König Ludwig I. am Odeonsplatz, werden regelrecht eingemauert.
Selbst die Innenhöfe der Münchner Residenz, jahrhundertelang Sitz bayerischer Herrscher, werden mit Beschlag belegt – kaum vorstellbar, dass man in Frankreich auf die Idee käme, Schloss Versailles zum Eventareal umzufunktionieren. Die Stadt München hat den öffentlichen Raum schlichtweg verkauft und rechnet dafür auch dieses Jahr wieder mit einer zusätzlichen Kaufkraft von rund 170 Millionen Euro. Mit all den Auf- und Abbauten – die eigentliche IAA dauert vom 9. bis 14. September – ist die City für Normalbürger, die mit dem Rummel ums Auto nichts am Hut haben, praktisch eine No-Go-Area. 2023 kamen jeden Tag fast 10.000 Besucher allein zu den „Open Spaces“.
All das ausgerechnet in einer grünrot regierten Stadt, die nichts unversucht lässt, Autofahrern das Leben so schwer wie möglich zu machen. Überfallartig wurden während der Coronakrise superbreite Fahrradspuren abmarkiert und später zum Dauerzustand erklärt, tausende von Parkplätzen wegsaniert oder mit sogenannten „Schanigärten“ belegt, auf der Münchner Stadtautobahn „Mittlerer Ring“ an einem besonders stark befahrenen Abschnitt angeblich aus Gründen der Luftreinhaltung Schrittgeschwindigkeit verordnet.
Insofern hat der für pointierte Äußerungen bekannte Münchner SPD-Stadtrat Alexander Reissl recht, wenn er sagt, die Grünen bekämpften „das Auto, wo sie nur können“. Doch wirklich Front gegen die IAA haben die Münchner Grünen, die mit einem Jungpolitiker namens Dominik Krause den Zweiten Bürgermeister stellen, nicht gemacht, denn in diesem Fall hätten sie die Machtfrage stellen müssen. Dafür gab es ein wenig IAA-kritischen Theaterdonner, stets in dem Bewusstsein, dass sich im Münchner Stadtrat immer eine Mehrheit für die Autoschau und ihr invasives Öffentlichkeitskonzept finden würde.
„Utopien einer demokratischeren und gerechteren Welt“
Oberbürgermeister Reiter warf seinem Koalitionspartner in diesem Streit öffentlichkeitswirksam vor, die von den Grünen ins Feld geführte Belastung des öffentlichen Raumes tauge nicht als Gegenargument für die IAA. „Das Oktoberfest belegt jedes Jahr drei Monate den öffentlichen Raum, wollen die Grünen das auch verbieten?“ Ein, mit Verlaub, hinkender Vergleich, spielt sich die „Wiesn“ doch auf der Theresienwiese weit außerhalb der Innenstadt ab.
Die Verlogenheit in allen politischen Lagern und auch auf Seiten der Automobilindustrie stinkt zum Himmel. Einerseits wird, nicht zuletzt mit Hilfe von SPD und Union, die deutsche Automobilindustrie in den Abgrund getrieben, indem man Mobilitätsangebote fördert, die niemand will, andererseits bläst man eine Messe zum Nachhaltigkeitsevent auf, die selbst mit Nachhaltigkeit rein gar nichts zu tun hat. Und wo viele, vor allem fernöstliche Autobauer ihre elektromobilen Neuheiten präsentieren, von denen man bisher nicht einmal den Namen kennt, die aber, wenn die Politik nicht das Ruder in letzter Minuten herumreißt, die deutschen Autobauer endgültig in den Ruin treiben könnten.
Gar nicht erst gestellt wird die Frage, was hier mit einer der immer noch einer der schönsten Altstädte Deutschlands geschieht. Die Kommerzialisierung und Privatisierung öffentlichen Raums ist Symptom einer tiefgreifenden Krise europäischer Stadtkultur. Ihrer Funktionen als Wohn- und Arbeitsorte weitgehend beraubt, soll den städtischen Zentren mit einer unablässigen Folge von sogenannten Events neues Leben eingehaucht werden. Längst finden sich kaum noch Plätze, die nicht regelmäßig mit Buden und Pavillons vollgerümpelt sind, ganz abgesehen von Großveranstaltungen wie der Münchner IAA oder der inflationären Stadtmarathons. Menetekel sind jene Outlet-Citys wie Metzingen, oder Bad Münstereifel, deren Fassaden, Straßen und Plätze nur noch Kulisse sind für austauschbaren Kommerz.
Wer München im Normalzustand erleben will, sollte sich auf die Zeitspanne zwischen dem Ende des Oktoberfestes und dem Beginn der mittlerweile ebenfalls die gesamte Innenstadt dominierenden Weihnachtsmärkte konzentrieren, also jene „staden“ sieben Wochen vom 5. Oktober bis zum 24. November. Einheimischen sei empfohlen, zumindest in den kommenden zwei Wochen das Haus nur in Notfällen zu verlassen, weil selbst abgelegene Parks im Banne der IAA stehen werden, wie der Luitpoldpark im Norden Schwabings. Dort findet ein Protestcamp statt, mit Zelten für bis zu 1.500 Menschen, die sich in Workshops, Vorträgen und Diskussionen mit „Utopien einer demokratischeren und gerechteren Welt“ beschäftigen.
Georg Etscheit schreibt auch für www.aufgegessen.info, den von ihm mit gegründeten gastrosophischen Blog für freien Genuss.

Alles halb so schlimm. Zunächst muß der Messebesucher ja erst mal in München ankommen, mit der Deutschen Bahn nicht unbedingt eine sichere Wette, und schon die Ankunft am Hauptbahnhof wird so manchen zur sofortigen Umkehr bewegen, erinnert er doch sehr an die unmittelbare Nachkriegszeit oder Ostberlin 1949. Beim Weg durchs Bahnhofsviertel (Ostberlin 1946) sollte man den Notdurft verrichtenden Obdachlosen oder Gestrandeten aus dem Weg gehen, der Weg durch den alten Botanischen Garten in unmittelbarer Nähe des Hbf sollte man auf alle Fälle vermeiden- Lebensgefahr! Auch bei Benutzung von S-und U-Bahn sowie in der überfüllten Fußgängerzone ist Aufmerksamkeit hinsichtlich verhaltensauffälliger Subjekte ratsam. Womöglich kommen also lange nicht mehr so viele Besucher wie noch vor Jahren. München war früher mal eine attraktive Stadt.- Tempi passati!
Als damals die IAA noch in Frankfurt war, habe ich diese öfter besucht. Wundervolle Autos (Lamborghini Bravo pp.) und immer gute Stimmung. Ah ja, die Bratwurst mit Fritten konnte man sich damals sogar auf der Messe noch leisten… zudem jede Menge Giveaways… immer große Tasche mitgebracht… vorbei!
Die Automobilindustrie in Deutschland möchte ein Bild darstellen, dass sie eine Schwerpunktindustrie ist. Das ist sie aber nicht mehr. Der Unterschied zur alten IAA ist, dort gingen die Leute massenweise hin, um sich Autos anzuschauen, die sie sich kaufen würden, wenn sie sich die schönen Mobile leisten könnten. Daneben aber konnten sie sich viele Autos anschauen, die für einen nächsten Kauf infrage kamen und konnten schon mal Probesitzen. Auf dem Wokistenevent in München werden sicher auch viele Leute herumlaufen, um sich Mobile anzuschauen, die sie kaufen würden und sich sogar leisten könnten, wenn es irgendeinen Sinn ergäbe. Natürlich werden auch die Freaks da sein, die es immer und überall bei jedem Thema gibt und die sich daran begeistern, dass ein PKW mit 2,5 to Masse in 3 s auf 100 geschossen werden kann. Es ist traurig, ohne jede Ratio. Politik und Industrie scheitern daran, die in unserer Gesellschaft unverzichtbare Individualmobilität in eine moderne Form, heißt intelligent, flexibel, umweltschonend, wirtschaftlich, sicher, massentauglich auch für „den kleinen Geldbeutel“, zu transformieren, die auch im globalen Wettbewerb einen Bestandsschutz für die deutschen Arbeitsplätze erwirken kann.
Alexander Reissl trat 2019 aus der SPD aus und ist nun CSU Stadtrat.
@Lars Tragl, dann passt es ja mit dem neuelektrischen BMW-Werk in München, denn wenn nächstes Jahr wieder zumachen müssen sind sie, wie vom Münchner Wahlvolk gewünscht, perfekt klimaneutral.
PS zu meinem vorigen Beitrag: Selbstverständlich gehört auch die vermerkelte CDU/CSU zum linksgrünen Vandalenkartell.
Wenn man Events durchdacht und sparsam durchführt, haben sie durchaus positive Effekte. Als Bonn noch Bundeshauptstadt war, wurde (mit Bundesgeld) regelmäßig der „Bonner Sommer“ veranstaltet: im wesentlichen eine große Bühne auf dem Marktplatz vor dem Rathaus, mit sehr gemischten Veranstaltungen für verschiedenes Publikum. Das hat sehr gut funktioniert. Heute ist spätestens um 7 alles tot. +++ Aber ich denke mal, daß die Münchner Stadtverwaltung hauptsächlich das Motto „pecunia non olet“ verfolgt. Autohasser hin oder her, Hauptsache, die klamme Stadtkasse profitiert.
Die Zeit jeder „ linksgrünen Schikeria “ wo auch immer dürfte in Kürze zu Ende sein ! //°o°\\