Eine hitzige Debatte um Deflationsgefahren ist ausgebrochen. Dabei drohen die gar nicht. Das Thema soll nur die Notenbanken in die nächste Runde der eskalierenden Geldschöpfung treiben
Erst war es ein Lieblingsthema linker Propagandisten, denen der Staat nie genug Geld ausgeben und die Notenbanken nie genug drucken können. Dann entdeckten die Börsen die Chance, mit dem Deflationsgespenst die Gelddruckmaschinen noch heftiger rattern zu lassen. Und nun erreicht die “Sorge vor Deflation” die Wirtschaftsforscher vom DIW bis zum IWF als dankbares Profilierungsobjekt. Es wird nicht mehr lange dauern, dann hat auch die Politik ein neues Rettungsspielzeug.
Die Deflation ist so etwas wie der Rinderwahnsinn der Ökonomen. Sie wird die Menschheit nicht bedrohen, aber die Angst vor ihr nutzt manchen zur Verfolgung ihrer eigenen Interessen. Vor allem die Verfechter der ultralockeren Geldpolitik sind geradezu begeistert vom Deflationswahnsinn. Sie beobachten, dass die Notenbanken ihre gewaltigen Geldschöpfungen langsam reduzieren und das große Finanzponopoly aus Nullzinsen, wilder Staatsverschuldung und allerlei Geldblasen an Finanz- und Immobilienmärkten zu Ende gehen könnte. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin zum Beispiel fordert von der EZB einen massiven Aufkauf von Staatsanleihen nach amerikanischem Vorbild, um die Geldmaschine am laufen zu halten. Das DIW findet, sei es „höchste Zeit für die EZB zu handeln“. Sonst drohe Europa „in einen gefährlichen Abwärtsstrudel aus sinkenden Preisen und sinkender Nachfrage zu geraten“. Damit macht sich das DIW zum Agitator einer eskalierenden Geldmengenschöpfung nach amerikanischen und japanischen Vorbild. Bislang wollten das in Europa nur linke Institutionen aus Südeuropa. Doch nun überholen die Berliner deren kühnste Träume. Es sollten Staatsanleihen und private Anleihen im Umfang von monatlich 60 Milliarden Euro gekauft werden.
Das Argument der Geldmengeneskalierer: die Deflation stehe vor der Tür. Mit diesem Szenario sollen Notenbanken und Politik in die nächste Runde der Gelddruckerei getrieben werden. Dabei kann von einer drohenden Deflation keine Rede sein. Zum einen sollten niedrige Teuerungsraten eher Grund zur Freude als zur Sorge sein. Zum anderen zeigt sich in der nachlassenden Inflation dieser Monate in erster Linie, dass die Lohnkosten in vielen Euro-Krisenländern sinken. Das aber ist wesentlicher Teil der Sanierungsstrategie, um Europas Wettbewerbsfähigkeit zurück zu erobern. Wer diese erfreuliche Anpassung als Deflation denunziert, will Europa in Wahrheit lieber inflationieren als sanieren.
Bei einer echten Deflation mit dauerhaft sinkendem Preisniveau würden auch die Geldmengen schrumpfen. Das tun sie aber nicht. Sie wachsen seit Jahren, zum Teil kräftig. Eine monetäre Kontraktion gibt es einfach nicht. Eine längere Phase stabiler Preise hingegen wäre für die Volkswirtschaften Europas sogar von großem Vorteil für den Sanierungsprozeß.
Die Inflationisten verweisen gerne auf das deflationäre Japan und das vermeintlich so schrecklich „verlorene Jahrzehnt“. Dabei hat es auch in Japan bei genauem Hinsehen keine deflationäre Abwärtsspirale aus sinkenden Preisen und sinkender Nachfrage gegeben. Tatsächlich ist der japanische Konsum in den Jahren der Deflation deutlich gestiegen, die Sparquote hingegen gesunken. Auch einen Gewinneinbruch bei japanischen Unternehmen hat es nicht gegeben. Selbst die realen Pro-Kopf-Einkommen der Japaner stiegen seit dem Jahr 2000 genauso kräftig wie die der Amerikaner und sogar stärker als die der Franzosen. Das Schreckgespenst vom „verlorenen Jahrzehnt“ in Japan taugt den Deflationswarnern für ihr Angstgemälde – es hilft bei einer seriösen Analyse aber nicht weiter.
In Wahrheit geht es bei der Deflationsdebatte um einen ordnungspolitischen Richtungsstreit. Soll der Westen weiter auf Schulden, Geldschöpfung und Inflation setzen – oder sollte er nach der Krisenrettungsphase jetzt wieder eine solidere Geldpolitik verfolgen. Letzteres war bislang die Leitlinie der deutschen Politik, und auch der EZB. Die Inflationisten würden sich freuen, wenn mit dem Fanal einer etwaigen Deflation Deutschland nun umfallen würden. Doch das wäre fatal. Die Risiken der gewaltigen Geldmengenschöpfung und Hyperverschuldung sind groß genug, als dass man nun auch noch Öl ins Feuer gießen sollte. Es häufen sich bereits jetzt Spekulationsblasen insfolge der aggressiven Politik des billigen Geldes. Europa droht ein Boom-Bust-Zyklus mit einer hernach bitter-schweren Wirtschaftskrise. Die künstlich nach unten gedrückten Zinsen richten auf Dauer Schaden an – von Fehlinvestitionen bis zur Sparerenteignung. Und sie bergen das Risiko eines etwaigen Vertrauensschocks in das Geldsystem als Ganzes. Europa ist also gut beraten, den Inflationisten nicht zu folgen, auf Seriösität zu setzen und keine Angst vor einer Deflation zu haben, die ohnehin nicht kommt.