Volker Seitz / 23.08.2021 / 16:00 / Foto: Bayo Omoboriowo / 9 / Seite ausdrucken

Hochzeit in Nigeria

Trotz seines Ölreichtums kommt Nigeria nicht in die Gänge. Arbeitslosigkeit plagt, die Stromversorgung ist ein Desaster. Aber der Präsidentensohn feiert Hochzeit wie ein Märchenkönig. 

Nigeria ist bei uns für Ölreichtum, Korruption und Terrorismus bekannt. Die Unterschiede zwischen arm und reich sind in Nigeria extrem. Das Land gehört wegen seiner Ölvorkommen zu den reichsten Staaten Afrikas. Nigeria ist der achtgrößte Ölexporteur der Welt. Es sind die Pfründe der Politiker und Militärs, die zu Lasten des Wohlergehens des Staates und der geringgeschätzten Bevölkerung einen geradezu grotesken Reichtum angehäuft haben. Die meisten Nigerianer leben ohne Strom und ohne fließendes Wasser. Die Stromversorgung im Land ist ein Desaster. 

Das Bildungsniveau ist heute niedriger als in den 1950er Jahren, als Nigeria britische Kolonie war – vor allem im islamischen Norden des Landes. In Nigeria, das – gemessen an den Rohstoffen – eine der reichsten Nationen der Welt sein könnte, sind fast drei Viertel der jungen Menschen ohne ein festes Einkommen. Die allgegenwärtige Korruption hat jedes Vertrauen der Bürger in die Institutionen zerstört. Diese Kluft birgt das Risiko, Stabilität und damit auch Wachstum zu gefährden. Nigeria verfügt nicht einmal über genügend Raffinerien, um den Rohstoff in Benzin zu verwandeln, und ist auf Benzinimporte angewiesen.

Mit diesem Hintergrundwissen sollte man die Meldung lesen, dass Präsident Muhammadu Buharis Sohn die Tochter eines religiösen Führers geheiratet hat. Wegen der Pandemie und der Armut ist das Fest „bescheiden" ausgefallen. Die Flotte der Gäste war dennoch ansehnlich. Religiöse Führer haben in der Regel ein einträgliches Geschäftsmodell und 92 Milliarden Naira, das geschätzte Vermoegen des Brautvaters, Bischof David Oyedepo, sind ca. 200 Millionen Euro...

Ian Khama, ehemaliger Präsident von Botswana (2008–2018), und einer der wenigen selbstkritischen Politiker Afrikas:

„Once you are there, and you’re in power, all the attention you get, all the benefits and everything – human reaction is you get used to it. And you cannot start to imagine yourself out of office and just being a normal citizen like everyone else, when you’ve been fussed over for several years. And that has been the problem for this continent.” Angela Merkel, I’ve always had a lot of respect for her, but when she stood the last time, I just said to myself, ‚But isn’t it too much?'” („Wenn man einmal da ist und an der Macht ist, die ganze Aufmerksamkeit, die man bekommt, alle Vorteile und alles – die menschliche Reaktion ist, dass man sich daran gewöhnt. Und man kann nicht anfangen, sich vorzustellen, dass man aus dem Amt ausscheidet und einfach ein normaler Bürger wie alle anderen ist, wenn man mehrere Jahre lang so viel Aufhebens um sich gemacht hat. Und das ist das Problem für diesen Kontinent gewesen“... (Südafrikanische Wochenzeitung „The Continent“, 24.8.2020)

Afrikanischen Präsidenten wie Buhari sollte nicht weiter ein Sonderstatus eingeräumt werden, der jegliche Kritik verbietet. Die Frage, ob das viele Entwicklungsgeld in Nigeria sinnvoll verwendet wird, darf nicht weiter verpönt sein. Ich kenne kaum eine afrikanische Regierung, die für ihre Probleme eigene Lösungen erarbeitet. Warum auch? Die Geber stehen doch Schlange, um helfen zu dürfen. 

 

Volker Seitz war von 1965 bis 2008 in verschiedenen Funktionen für das deutsche Auswärtige Amt tätig, zuletzt als Botschafter in Kamerun, der Zentralafrikanischen Republik und Äquatorialguinea mit Sitz in Jaunde. Er gehört zum Initiativ-Kreis des Bonner Aufrufs zur Reform der Entwicklungshilfe und ist Autor des Bestsellers „Afrika wird armregiert“. Die aktualisierte und erweiterte 11. Auflage erschien am 18. März 2021. Volker Seitz publiziert regelmäßig zu afrikanischen Themen und hält Vorträge (z.B. „Was sagen eigentlich die Afrikaner“, ein Afrika-ABC in Zitaten).

Foto: Bayo Omoboriowo CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

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Wolfgang Kolb / 23.08.2021

Lieber Herr Seitz, Danke für die Arbeit und Mühe, uns Afrika aus der Sicht von Afrikanern näher zu bringen! Entwicklungspolitik um ihrer selbst Willen und Vergabe von Geldern nach dem Gießkannenprinzip muss überdacht werden, auch wenn dies nicht den Vorstellungen woker linker Politiker entspricht.

Horst Jungsbluth / 23.08.2021

In der DR Kongo (Kinshasa) sieht es wohl noch schlimmer aus, obwohl dort ebenfalls Rohstoffe in Hülle und Fülle vorhanden sind, genau wie Nigeria sogar Exportüberschüsse erzielt werden (Stand 2017) und zusätzlich noch Entwicklungshilfe gerne kassiert wird.  Mit der Kolonialzeit kann das alles nichts zu tun haben, denn die ist lange vorbei und ich denke, dass die Verhältnisse in nicht wenigen Staaten in Afrika damals   sogar besser waren. Natürlich gab es Grausamkeiten, aber selbst die wurden in Uganda (einst die Perle Afrikas), DR Kongo, Ruanda und andere Staaten nach der Unabhängigkeit weit übertroffen. Botsuana scheint etwas besser zu funktionieren.

g.schilling / 23.08.2021

Können wir die Familie Buhari nicht für den deutsche Politik adoptieren. Schlechter kann es ja kaum noch kommen. Haben die alles von unseren Schranzen abgeguckt.

Arnauld de Turdupil / 23.08.2021

Schande über Schande, Rassismus! Sie wagen es, gegen die einzig echten Übermenschen auf dem Erdenrund zu wettern? Gegen jene, deren Existenz allein mattert? Nigeria ist Wakanda, nur die doofen weissen Alten kapieren das nicht.  Also: Drei Stunden nachknien!

S. v. Belino / 23.08.2021

Wenn’s nicht kurz darauf weitergehen würde, könnte man fast meinen, dass Ihnen, werter Herr Seitz, nach dem Satz, der mit “...this continent” endet, die Tinte ausgegangen wäre. Mit der vorzeitigen Beendigung Ihrer Übersetzung wurde vielleicht dem einen oder anderen Leser ein echtes Schmankerl unterschlagen - nämlich Kahmas offensichtliches Erstaunen über Angela Merkels 4. Kanzler-Kandidatur! Zum noch besseren Verständnis von Kahmas Aussage hätte es sich echt gelohnt, den in diesem Zusammenhang so außergewöhnlichen wie interessanten Passus mit zu übersetzen. In jedem Falle weisen die von Ihnen zitierten Auslassungen den ehemaligen Präsidenten Botswanas einen als Mann mit erstaunlicher politischer Weitsicht aus.

Ronja Schmidt / 23.08.2021

Alles was dazu gesagt bzw. geschrieben werden muss, gilt heute als Rassismus. Es ändert aber nicht meine Meinung.

Volker Seitz / 23.08.2021

Sehr geehrte Frau Kehr, volle Zustimmung. Darüber habe ich schon häufig geschrieben.

Anneliese Bendit / 23.08.2021

Entwicklungshilfe weltweit abschaffen und die deutschen Beiträge an die UN auf den Prüfstand stellen.

Petra Kehr / 23.08.2021

Hallo Herr Seitz, da fehlt mir von Ihnen - insbesondere ansgesichts Ihrer unzweifelhaften Expertise - ein sehr wichtiger Aspekt. Praktisch alle rohstoffreichen afrikanischen Staaten haben Führer, die nicht im geringsten auf einen Vertrag mit ihren Bürgern angewiesen sind. Denn statt Steuern einzutreiben, genügt es, die im Land vorhandenen Rohstoffe möglichst gewinnbringend auszubeuten und dafür zu sorgen, dass nur die, die einem dabei helfen, etwas vom Kuchen abbekommen. Für die Bedürfnisse der Bevölkerung sind dann gern Staaten wie die Bundesrepublik Deutschland zurständig.

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