Cora Stephan / 12.01.2020 / 06:00 / Foto: me_maya / 29 / Seite ausdrucken

Hinreißende Verarsche der „Internationals“

Es ist das Jahr 2019. Der Diplomat Dr. Christian Zoet, einst Chef der größten (und teuersten) Mission der OSZE im Kosovo, ist Gast in der Sendung „Wolffsohns Historische Leckerbissen“. Im Hintergrund räkelt sich ein Bikinimädchen, im Vordergrund grillt der satt lächelnde Zoet Fisch und Gambas. Der Moderator Professor Michael Wolffsohn schmeichelt seinem Gast mit den Worten: „Im Gegensatz zu vielen anderen Diplomaten, die an der Champagnerfront ihren Mann stehen, kennen Sie menschliches Leid aus erster Hand.“ Darauf Zoet: „Und wir können gleich schon mal einen ersten Happen probieren.“

So geht Diplomatie, wie sie im Buche steht. Und das ist noch steigerungsfähig! Als der Moderator sich nach Zoets Zeit im Kosovo erkundigt und nach Verbindungen zu dessen Präsidenten, der seinen Weg zur Macht mit Drogen- und Waffenschmuggel, Frauen- und Organhandel finanzierte, antwortet der große Diplomat: „Mir ging es immer nur um die Menschen und darum, einen Raum für Vertrauen zu schaffen. Zum Fisch Chablis oder Pinot Noir?“ So kennt man es, das folgenlose Menscheln.

Natürlich ist die Szene fiktiv, auch wenn die Protagonisten vertraut sind. Im Film „Kill me today, tomorrow I’m sick“ spielt der Anwalt Joachim Steinhöfel den aasigen Chefdiplomaten. Michael Wolffsohn hat in real life leider noch keine eigene Talkshow. Die Szene steht am Schluss eines Films, der einen lachen und weinen lässt, meistens zugleich.

Er spielt in einer Region, die heute aus dem Blickfeld verschwunden zu sein scheint: im Kosovo, für das die Bundesregierung mit ihrem grünen Außenminister im Frühjahr 1999 den deutschen Pazifismus verabschiedete, um die Serben als eine Art neue Nazis am Massakrieren und Vertreiben der Kosovo-Albaner zu hindern. Seither sind die Fronten klar: Serben sind böse, alle anderen arme Opfer. Doch so einfach ist das in keinem Krieg. Die anderen sind auch nicht ohne. Das ahnt die junge Journalistin noch nicht einmal, die im Sommer 1999 am Flughafen Priština eintrifft, um ein „Netz freier Medien“ aufzubauen und dabei zu helfen, das Kosovo zu einer multiethnischen Vorzeigedemokratie zu machen.

Als „Serbenfotze“ beinahe gelyncht

Zur Freude des Zuschauers wird sie von einem bosniakischen Schlitzohr namens Plaka abgeholt („Ich bin intelligent, sehe gut aus und habe Humor“), der, nachdem er sein eigenes Auto den albanischen Paramilitärs von der UÇK hat spenden müssen, als Chauffeur bei der OSZE angeheuert hat. Anna trifft im Hauptquartier der OSZE auf eine skurrile Versammlung von Glücksrittern, verlorenen Seelen, versoffenen Zynikern und naiven Weltverbesserern. Sie registriert mit Erstaunen, dass nicht nur die Serben andere Ethnien hassen. In der Stadt sind alle serbischsprachigen Schilder durchgestrichen oder übermalt, und in Annas von Serben verlassener Wohnung wurden die Bilder aus den Rahmen geschnitten.

(Später stellt sich heraus, dass es die serbische Familie mitnichten bis nach Belgrad geschafft hat.) Alltäglich auch die Autobombe, quittiert mit dem Spruch „SFOR, KFOR, what for“. Als Anna beim Kauf einer Kerze in einem Tante-Emma-Laden drei Finger hochhält, um zu signalisieren, dass sie 3 Dollar zahlen möchte, wird sie von den anwesenden Frauen als „Serbenfotze“ beinahe gelyncht. Sie hat unwissentlich das serbische Siegeszeichen gemacht. So unschuldig reist man also in ein Krisengebiet!

Während Anna staunt, ist Plaka, ihr Chauffeur und erfindungsreicher Übersetzer, Realist, mithin im Eigeninteresse tätig. Mit seinem einst bei Mercedes in Deutschland angestellten albanischen Kumpel aus alten Zeiten organisiert er einen florierenden Schwarzhandel mit Waren, die er, via Müllabfuhr, aus dem englischen PX stehlen lässt.

Plaka und Burim sind wie die Rabenvögel, die seit je den Heeren hinterherziehen und vom Irrsinn des Krieges profitieren, Kriegsgewinnler, hier in ihrer sympathischsten Form. Ein prima Leben, wäre da nicht der Oberschurke der UÇK, Gazmend, rechte Hand (und Gehirn) des „Commanders“ Rhaci, der die beiden erpresst. Bei der OSZE aber legt man Wert auf gute Beziehungen zu dem dubiosen Commander, man braucht ihn, der Stabilität wegen: „unbedachte Maßnahmen“ zerstören Vertrauen, salbadert Zoet – da drückt man schon ein Auge zu, wenn Rhaci und seine Leute sich mit Drogen-, Waffen- und Organhandel finanzieren.

Hinreißende Verarsche der „Internationals“

Ebenso ungerührt lassen die friedensstiftenden Kräfte zu, dass ein junger Mann aus einer serbischen Enklave, der weder albanisch noch englisch spricht, ohne Begleitung in den Herrschaftsbereich der UÇK fährt. Obwohl doch jeder, der slawisch spricht, des Todes ist. Sdrjan weiß, dass er sich in Gefahr begibt, aber was soll’s: „Kill me today, tomorrow I’m sick“. Das ist furchtbar anzuschauen, wie sich dieser Junge ergeben darin fügt, dass er keine Zukunft hat. Im Film, der Tragödie und Komödie vereint, ist das Mitleid nicht nur für eine Seite reserviert. Selbst die absurdesten Szenen sind im Grunde nichts als todtraurig.

Das allerabsurdeste Projekt aber stammt von Anna, ein Projekt, das mitten ins fette Gewölk der hehren Reden und guten Vorsätze sticht. Sie überredet Plaka, ein multiethnisches Radioprogramm zu moderieren – Technik und Sender versteckt hinter den vielen Kisten mit gestohlener Ware. Alle unterdrückten Minderheiten sollen vorkommen: die Frauen und die Tiere, die Roma und die Schwulen. Das Ergebnis ist eine hinreißende Verarsche des Traums der „Internationals“ vom multiethnisch durchgegenderten Paradies unterdrückter Minderheiten. Dardana ruft im Beisein des erschütterten Gatten Burim zur Emanzipation von den Männern auf und empfiehlt Masturbation statt Sex, assistiert von einer schwulen Diva. Dino, der Sohn Plakas, kämpft für Tiere und Veganismus. Im Schlachthaus der UÇK, in dem menschliche Organe entnommen werden, rettet er das Schaf, nicht den Menschen.

Die skurrile Show provoziert natürlich alle, alte militante Serben ebenso wie die UÇK – und vor allem Gazmend, den albanisch-amerikanischen Psychopathen, den Plaka bei aufgezogenem Mikrofon entlarvt hat. So kommt es schließlich zum Showdown mit höchstens einem Achtel Happy End.

Die „richtige“ Seite gibt es nicht

Der Film von Joachim Schröder und Tobias Streck ist extrem unterhaltsam und dazu noch, ja! – pädagogisch wertvoll: Es empfiehlt sich tiefes Misstrauen in alle internationalen Hilfsprojekte. Die wenigsten der „Internationals“ kennen die Gegebenheiten vor Ort, die Sitten und Gebräuche, die Eigenheiten und Idiosynkrasien. Zugleich lehrt der Film Misstrauen in die Moralisierung des Krieges. Die säuberliche Einteilung in Täter und Opfer, Gut und Böse ignoriert die Grauzonen und Randbereiche, von denen es gerade im ehemaligen Jugoslawien reichlich gibt. Selten ist man auf der sicheren, der „richtigen“ Seite, das glaubt nur der Sieger der Geschichte, und oft genug gibt es den noch nicht einmal.

Der Film ist von einer wahren Geschichte inspiriert. Schroeders Schwester Henriette hat in der Abteilung „Media Affairs“ der OSZE im Kosovo erlebt, was hier bis zur Kenntlichkeit karikiert wird. Glaubwürdig sind jedenfalls die Darsteller – multiethnisch, Laien und Profis, Frauen und Tiere. Mein Favorit ist Carlo Lubjek als Schlitzohr mit Herz, auf dem Fuße gefolgt von Karin Hanczewski, bekannt als Tatortkommissarin und sonst nicht mein Typ. Großartig, wie sie als naives Mädel anfängt, bald das Theater der Friedensstifter durchschaut und dann deren gute Absichten auf den Punkt bringt: Leute, so funktioniert das nicht. Eure guten Absichten laufen auf Mord und Totschlag hinaus.

Furchtbar schön ist Tommy Sowards als Gazmend, der durchgeknallte albano-amerikanische Killer, und mit Boris Milivojevic als Commander Rhaci ist den Filmemachern einer der populärsten Schauspieler der Region ins Netz gegangen. Ansehnliche Nebenrollen spielen Sigi und David Zimmerschied, Henryk Broder und Joachim Steinhöfel, Nikola Rakocevic und Eray Egilmez. Bei dieser Produktion jedenfalls scheint der multiethnische Traum funktioniert zu haben. Insgesamt acht Jahre hat es gedauert, bis aus der Idee ein Film wurde, der nun in die deutschen Kinos kommt. Zeit, sich wieder zu erinnern an eine Region, die uns so nah und so fremd ist wie der Balkan. Im Übrigen: Man kann bei Mord und Totschlag echt Spaß haben. Geht bei Tarantino schließlich auch.

 

Zur Website des Films gehts hier und hier können Karten für die Premiere am kommenden Dienstag in Berlin (und alle weiteren bisher bekannten Termine) gebucht werden.

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Rolf Lindner / 12.01.2020

Jugoslawien ist nur ein Beispiel von vielen Diktaturen, die nur so lange Bestand haben, wie die tatsächlichen ethnischen und sonstigen inneren Widerstände mit gewaltiger Macht unterdrückt werden können. Der Vergleich mit einer zusammengepressten Feder, die ihre Energie explosionsartig freisetzt, wenn der Druck entfällt, ist allzu gut bekannt. Wie wird das in Deutschland, wenn das Merkelregime zusammenbricht?

Wolfgang Nirada / 12.01.2020

@Bauer: Wenn Sie sonst keine Fragen haben - die hier ist furchtbar einfach zu beantworten: Damit die abGEZwungene “Demokratieabgabe”  ausnahmsweise auch mal ihrem Namen gerecht wird und damit davon nicht nur linksgrüne Propaganda und Pensionszahlungen für unfähige abgehalfterte Politiker bezahlt wird. Zufrieden?

Karl Krumhardt / 12.01.2020

Bin dabei.

M. Simon / 12.01.2020

Auf ins Kino, sag ich da nur! Und auch noch ins „Babylon Berlin“ - passender geht’s nicht!

Wolfgang Nirada / 12.01.2020

An den “Jugoslawien-Konflikt” kann ich mich noch sehr gut erinnern -  nicht zuletzt weil ich zu der Zeit mit Kosovo-Albanern befreundet war. Damals habe ich auch noch den “Stern” gelesen der immer ganz vorne dabei war Fotos und Geschichten über die (teilweise vom “lieben” Nachbarn) massakrierte und vergewaltigte Zivilbevölkerung zu bringen. Manches davon konnte ich bis heute nicht vergessen weil es so extrem bestialisch und widerwärtig war… Der Balkan ist BIS HEUTE ein Pulverfass da braucht es nur wieder den richtigen Auslöser ... Jedenfalls bin ich vollkommen davon überzeugt dass das was sich damals in nicht mal 1.000 Kilometer Entfernung abgespielt hat auch in Buntland jeden Tag wahrscheinlicher wird… Und hier haben die Meisten noch nicht mal die letzte Patrone für einen “schönen” Tod…

August Klose / 12.01.2020

Ich vermute mal, der Film wird bald auf dem Index stehen.

Hubert Bauer / 12.01.2020

Der Film wurde u. a. auch vom deutschen Staatsfernsehen finanziert. Da stelle ich mir schon die Frage warum die Herren Broder und Steinhöfel auf der einen Seite GEZ-Gelder annehmen und auf der anderen Seite die Achse-Leser zu einer Art GEZ-Boykott aufrufen.

Volker Kleinophorst / 12.01.2020

Ich hatte schon befürchtet, er kommt gar nicht mehr in die Kinos, weil nicht “hilfreich” genug. Dann noch dieser rechtsradikale Jude Broder und sein Winkeladvokat Steinhöfel. Aber: Dies ist ein freies Land. ;) Ich freu mich auf den Film. Wird wohl der erste Kinofilm im meinem schon etwas längerem Leben sein, für den ich eine Anfahrt von 80 km in Kauf nehme, ich alte Umweltsau.

Rudolf Dietze / 12.01.2020

Nach Ihrer Empfehlung werde ich mir den Film anschauen. Dieser europäische Krieg, im ehemaligen Jugoslawien nach 50 Jahren Einigkeit, zeigt wie gut sich Menschen unterschiedlicher Ethnien und Religionen vertragen. Es ging um Dominanz. Aus den Meldungen der Tagesschau brannte sich bei mir ein Bild, von einem serbischen Vater der seinen Sohn(13/14) mit durchschnittener Kehle auf den Armen trug, ein. Viel Später, nach dem Krieg, sah ich am Spätabend “Savior” im Fernsehen. Dieses Video habe ich dann beschafft und verlegt. Als ich auf Youtube suchte, sah ich nur propagandistisch, manipulierte Versionen. Selbst da, wird für die jeweilige Ethnie die andere verteufelt. Für “Savior” braucht man starke Nerven. Der Film zeigt den Krieg in seiner brutalsten Form. Wieviele Kriegsverbrechen wurden begangen und wieviele gesühnt? Auf allen Seiten spielten ausländische Mächte und NGOs, wobei ich zu den NGO die verschiedenen christlichen Kirchen und die Imame des Islam zähle, eine Rolle. Zu den Gutmenschen ala Journalistin und Demokratie aufbauen, in einem Land was ohne ausländisches Militär zu ethnischen Säuberungen und in den Krieg zurückfällt, kann ich nur sagen: Schaun wir mal.

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